Kommentare 07:20 - 17.03.2015

Warum Deflation gut ist für Europa

Daniel Gros, BrüsselEnglish Version »
«Für die Fähigkeit zur Schuldenrückzahlung ist nicht das allgemeine Preisniveau entscheidend, sondern das Einkommen des Schuldners.»
Die Europäische Zentralbank hat es wegen der niedrigeren Ölpreise zwar schwerer, ihr Inflationsziel zu erreichen, doch das aktuelle Ölpreisniveau ist für Europa ein Segen. Ein Kommentar von Daniel Gros.
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zum Stichwort
BIP
Wertschöpfung einer Volkswirtschaft . Die Entwicklung des BIP ist eine wichtige Einflussgrösse für die Gewinne der Unternehmen sowie das Zinsniveau und dadurch indirekt für Aktien und Obligationen .
Deflation
Breit angelegter Rückgang des Preisniveaus in einer Volkswirtschaft , nicht nur in einzelnen Branchen (z. B. Informatik). In der Regel geht sie mit einer Rezession einher, weil es sich lohnt, Geld zu horten, statt zu investieren und zu konsumieren, da Güter und Dienstleitungen laufend günstiger werden und der Realzins unattraktiv hoch ist.
Deflator
Quotient, mit dem eine nominale Grösse um die Inflation bereinigt wird und damit zu einer realen Grösse wird. Er entspricht der Inflationsrate , wobei es sich bei dieser je nach Bedarf um die Konsumteuerung, die Exportteuerung, einen Durchschnitt sämtlicher gängiger Inflationskennzahlen etc. handeln kann.
Europäische Union
Supranationale Organisation (früher Europäische Gemeinschaft), in der 27 europäische Staaten zusammengeschlossen sind. Pfeiler ist die wirtschaftliche Integration. Die wichtigsten Errungenschaften sind der Binnenmarkt und der Euro .
Europäische Zentralbank
Zentralbank der EWU-Länder . Sie entscheidet über die Geldpolitik. Die Geld- und Währungspolitik wird zusammen mit den nationalen Zentralbanken (Europäisches System der Zentralbanken ) umgesetzt. Der wichtigste Leitzins der EZB ist der Mindestbietungssatz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte .
Eurozone
Von elf Staaten der Europäischen Union per 1. Januar 1999 realisierter Zusammenschluss (seit 2001 auch Griechenland, seit 2007 Slowenien, seit 2008 Malta und Zypern). Die Teilnehmer haben die geldpolitische Kompetenz der EZB übertragen. Die nationalen Währungen wurden gegeneinander (Wechselkursverhältnisse) und gegenüber der Einheitswährung Euro fixiert.
Fed
US-Zentralbanksystem, dem die zwölf Federal Reserve Banks angeschlossen sind. An der Spitze steht das Direktorium (Board) in Washington, das auch die Mehrheit im Offenmarktausschuss stellt, in dem über die Geldpolitik entschieden wird.
Inflation
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Inflationsrate
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Inflationsziel
Geldpolitisches Konzept der Zentralbanken in Grossbritannien, Schweden etc. Die Aufgabe ist, die monetären Bedingungen so auszurichten, dass die tatsächliche Inflationsrate so nahe wie möglich an das fixierte Inflationsziel (Bank of England: 2%, Riksbank: 2% +/–1 Prozentpunkt) heranreicht. Die Teuerung muss also nicht so tief wie möglich ausfallen. Die EZB orientiert sich ebenfalls an einem versteckten Inflationsziel, «nahe, aber knapp unter 2%».
Konsumentenpreise
Entwicklung der Preise der für den Alltag der Privathaushalte wichtigsten Waren und Dienstleistungen, von Benzin über Wohnungsmieten bis zum Kinoticket (aber ohne Krankenversicherungsprämien), monatlich erfasst im Landesindex der Konsumentenpreise. Zielgrösse der Definition von Preisstabilität der SNB .
Preisstabilität
Strategisches Ziel jeder Notenbank , wobei stabile Preise nicht mit 0% Inflation gleichgesetzt werden. Die SNB definiert Preisstabilität als eine Jahresteuerung der Konsumentenpreise von 0 bis 2%.
Real
1. Gibt den inflationsbereinigten Wert an. Gegenteil: nominal. 2. Name der brasilianischen Währung.
Volkswirtschaft
Von Ökonomen verwendetes Synonym für die Wirtschaft eines Landes beziehungsweise einen Wirtschaftsraum wie die EU .
Zentralbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .

In der heutigen Weltwirtschaft ist kein anderer Preis so wichtig wie derjenige von Rohöl. Jeden Tag werden mehr als 80 Mio. Fass davon gefördert (und konsumiert), und ein grosser Teil dieser Menge wird international gehandelt. Demnach führt der scharfe Preiseinbruch bei Rohöl – von etwa 110 $ im letzten Jahr auf etwa 60 $ heute – zu Ersparnissen für Ölimportländer in Höhe von Hunderten von Milliarden Dollar. Für die Europäische Union und die Vereinigten Staaten entspricht der Gewinn aus diesem Einbruch etwa 2 bis 3% ihres BIP.

Zum AutorDaniel Gros ist Direktor des Centre for European Policy Studies. Für Europa könnten die Vorteile günstigen Öls mit der Zeit noch zunehmen, da viele der langfristigen Gasversorgungsverträge an den Ölpreis gekoppelt sind. Dies ist für Europa sehr hilfreich, wo die Erdgaspreise bis vor kurzem um ein Vielfaches höher waren als in den USA, die von günstigerer Schiefergasenergie profitiert haben.

Aber viele Beobachter behaupten, billiges Öl habe auch einen Nachteil, da es in den Industriestaaten, die sich bereits jetzt in einer Falle geringen Wachstums befinden, deflationäre Tendenzen verstärkt. Gemäss dieser Ansicht wird es den Zentralbanken durch sinkende Ölpreise noch mehr erschwert, das Inflationsziel von jährlich 2% zu erreichen, das die meisten von ihnen im Rahmen ihrer Verantwortung für die Preisstabilität festgelegt haben.

Vorteil für Konsumenten…

Besonders die Eurozone scheint gefährdet, da dort erstmalig seit 2009 die Preise fallen. Diese Deflation sei schlecht, heisst es, weil sie Schuldnern, besonders in gefährdeten Volkswirtschaften der europäischen Peripherie (Griechenland, Irland, Italien und Spanien), die Rückzahlung ihrer Schulden erschwere.

Aber diese Sorge ist unberechtigt, da sie auf einem Missverständnis beruht. Für die Fähigkeit zur Schuldenrückzahlung ist nicht das allgemeine Preisniveau entscheidend, sondern das Einkommen des Schuldners.

Bei fallenden Ölpreisen sollte das (inflationsbereinigte) Realeinkommen der Haushalte steigen, da sie nicht so viel für Treibstoff und Brennstoffe ausgeben müssen. Niedrigere Ölpreise machen das Leben der hoch verschuldeten Haushalte in den USA oder der Peripherie der Eurozone nicht schwerer, sondern leichter. Sinkende Verbraucherpreise sollten daher als gutes Zeichen gewertet werden.

…Unternehmen und Staatskassen

Auch die meisten Produktionsunternehmen profitieren von niedrigeren Energiekosten und können so ihre Schulden besser bedienen. Auch dies trifft besonders auf die Peripherie der Eurozone zu, wo der Nichtfinanzsektor während des Kreditbooms vor der weltweiten Finanzkrise von 2008 zu viele Schulden angehäuft hat. Vielleicht nehmen die meisten der Einsparungen durch niedrigere Energiekosten zunächst die Form höherer Profite an, aber mit der Zeit könnte der Wettbewerb die Unternehmen dazu zwingen, einige dieser Mehreinnahmen als niedrigere Preise oder höhere Löhne weiterzugeben.

Dies ist eine weitere wichtige Folge billigen Öls: Bei sinkenden Preisen wird es schwieriger, den Punkt zu finden, an dem Lohndruck zu inflationären Tendenzen führt. Da Löhne stärker steigen können, ohne die Inflation anzutreiben, könnte das Federal Reserve Board der USA dazu neigen, die für diesen Sommer weithin erwarteten Zinserhöhungen aufzuschieben.

Von einer Deflation, die durch niedrigere Ölpreise ausgelöst ist, sollten auch die öffentlichen Finanzen profitieren. Die staatlichen Einnahmen hängen nicht nur vom Konsum ab, sondern auch vom Wert der Inlandproduktion. Niedrigere Ölpreise führen zwar zu sinkenden Konsumentenpreisen, aber auch zu einer Steigerung der Produktion und des gesamten BIP.

Kombination günstiger Faktoren

Ohne die Berücksichtigung grosser Preisschwankungen für Rohmaterialien entwickelt sich der Konsumentenpreisindex parallel zum BIP-Deflator (dem Preisdeflator für die Gesamtwirtschaft). Aber dieses Jahr trifft das nicht zu, da die Konsumentenpreise fallen, der BIP-Deflator (und das nominale BIP) aber immer noch steigt. Dies sollte zu soliden Staatseinnahmen führen, was für die hoch verschuldeten Regierungen der Industriestaaten und besonders für die Peripherie der Eurozone eine gute Nachricht ist.

Die fallenden (Konsumenten-)Preise der Eurozone sollten also für alle Energieimporteure als positive Entwicklung gesehen werden. Besonders die Peripherie der Eurozone kann sich aufgrund des billigen Öls auf eine ideale Kombination von niedrigen Zinsen, einem vorteilhaften Eurowechselkurs und einer Steigerung der Realeinkommen freuen. In einer deflationären Umgebung scheint es die Europäische Zentralbank aufgrund niedrigerer Ölpreise schwerer zu haben, ihr Ziel einer Inflationsrate im Bereich von 2% zu erreichen. In Wirklichkeit aber ist das aktuelle Ölpreisniveau für Europa – und besonders für die Problemländer dort – ein echter Segen.

Copyright: Project Syndicate.

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