Märkte / Makro 12:21 - 23.12.2016

Brückenbauer zwischen Aufbauhilfe und Rendite

Peter Fanconi: Wenn der frühere Private-Banking-Chef von Vontobel und heutige VR-Präsident von Blue Orchard von Mikrofinanz spricht, blüht er auf. 
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zum Stichwort
Aufpreis
Differenz in Prozenten, um die der Emissionspreis oder der Börsenkurs eines Wertpapiers den Nominalwert oder den inneren Wert überschreitet. Gegenteil: Abschlag .
Ausfallrate
1. Nach Anzahl gewichtet: Anzahl Anleihen mit einem Zahlungsausfall in Prozenten der gesamten Anzahl Anleihen im betrachteten Universum. 2. Nach Kapital gewichtet: Nominalwert der Anleihen mit einem Zahlungsausfall in Prozenten der Summe der Nominalwerte aller Anleihen im betrachteten Universum. Die Ausfallrate lässt sich nach einer Faustregel berechnen: CDS (resp. CDS-Prämie) in Prozenten dividiert durch 1 minus Recovery Rate , für die in der Praxis meist 0,4 angenommen wird.
Bottom up
Anlagestil, der in erster Linie auf die Auswahl der Titel achtet und makroökonomische Prognosen kaum berücksichtigt. Gegenteil: Top down .
CEO
Angelsächsische Kürzel für Unternehmenschef (Chief Executive Officer), Leiter der Finanzabteilung (Chief Financial Officer), Leiter Anlagestrategie (Chief Investment Officer) sowie Leiter operatives Geschäft (Chief Operating Officer), die gemeinsam die Geschäftsleitung bilden.
Finanzintermediär
Nach dem Geldwäschereigesetz fallen darunter Banken, Fonds, Versicherungen, Effektenhändler, Spielbanken sowie andere Personen, die berufsmässig fremde Vermögen verwalten (Kreditgeschäft, Leasing, Treuhänder, Anwälte, Wechselstuben usw.). Sie müssen die Sorgfaltspflichten einhalten und sind zudem, sofern sie nicht schon einer anderen behördlichen Aufsicht unterstehen (beispielsweise der Finma ), der Kontrolle durch SRO unterworfen oder direkt der Kontrollstelle für die Bekämpfung der Geldwäscherei unterstellt.
Fonds
Ein mit öffentlicher Werbung von Investoren zum Zweck gemeinschaftlicher Kapitalanlage aufgebrachtes Vermögen, das von der Fondsleitung in der Regel nach dem Grundsatz der Diversifikation auf Rechnung der Investoren verwaltet wird. Anlagefonds werden direkt bei der Bank und vermehrt auch über Internet-Plattformen gekauft und im Gegensatz zu ETF in der Regel nicht börslich gehandelt.
Industrieländer
An und für sich überholte Bezeichnung für hochentwickelte Staaten, überwiegt dort heute doch der Dienstleistungssektor. Die Industriestaaten sind in der OECD zusammengefasst.
Mikrofinanz
Individualkundengeschäft in Entwicklungsländern. Erbringung von Finanzdienstleistungen für arme, aber wirtschaftlich aktive Menschen, dazu zählen gewerbliche Kredite, Sparlösungen, Versicherungen, Zahlungsverkehr, Versicherungen und Vorsorge sowie Hypotheken. Der Kreditbetrag beläuft sich typischerweise auf 50 bis 1 $.
Private Banking
Umfasst die Anlageberatung und die Vermögensverwaltung für eine internationale Privatkundschaft. Das Private Banking wird ergänzt durch das Geschäft mit institutionellen Anlagekunden.
Staatsfonds
Renditeorientierte Bewirtschaftung eines Teils der Währungsreserven von Zentralbanken , meist übertragen an speziell zu diesem Zweck gegründete Staatsfonds, die wiederum häufig Vermögensverwaltungsaufträge an Finanzgesellschaften vergeben.
VR
Überwacht und lenkt (über die Strategiefestlegung) für die Gesamtheit der Aktionäre die Geschäftsleitung eines Unternehmens. Die VR-Mitglieder einer AG schweizerischen Rechts müssen in der Regel mehrheitlich das Schweizer Bürgerrecht besitzen und in der Schweiz wohnhaft sein. Der VR besteht aus exekutiven (unternehmensinternen) und nicht exekutiven (externen) Mitgliedern. Immer mehr setzt sich im Rahmen einer guten Corporate Governance die Praxis durch, dass ein bedeutender Teil der VR in keiner geschäftlichen Beziehung zum Unternehmen stehen darf. Der VR wird von der GV gewählt.

«Sie müssen mich unterbrechen», sagt er «das Thema ist so faszinierend, ich könnte stundenlang darüber sprechen.» Dann erzählt Peter A. Fanconi von der Frau in Kambodscha, die Brot verkaufen will und einen Backofen braucht. Vom Bauern in Vietnam, der ohne Kredit weder genug Saatgut noch Dünger bekäme und seine Ernte gegen einen kleinen Aufpreis auch gleich noch versichert.

Von den 4000 Schülern in einem Internat in Afrika, deren Disziplin und Lerneifer, anders als manchmal an unseren Schulen, mustergültig sind – jeder Schüler weiss, das ist seine einzige Chance, sich selbst, seine Eltern und Geschwister weiterzubringen.

Rund 30 Mio. Kleinstkredite zwischen 50 und 5000 $ hat das Schweizer Finanzunternehmen Blue Orchard über seine lokalen Büros weltweit vergeben. Vor sechzehn Jahren gegründet, hat der helvetische und globale Pionier knapp 4 Mrd. $ in nachhaltige Anlagen zur Armutsbekämpfung  und Wirtschaftsförderung investiert – «Bottom up, mehrheitlich in Ländern, in denen es keine Finanzintermediäre gibt. Man kann zwar an eine Bank gelangen, aber die gibt kein Geld ohne Sicherheit, und lokale Konsumkreditanbieter heissen nicht ohne Grund Shark Lenders, weil sie überrissene Zinsen verlangen.»

Auch wenn Sicherheiten nach westlichem Muster fehlen, sind die Ausfallraten ungleich niedriger als in den Industrieländern – «bei Blue Orchard in den doch schon vielen Jahren, in denen wir aktiv sind, deutlich weniger als 1%», hält Fanconi fest. Die ersten Gelder kamen von Personen, die philanthropische Motive hatten: von Stiftungen und vermögenden Familien.

Heute ist Mikrofinanz ein Teil, wenngleich noch immer der grösste, des sogenannten Impact Investing: nachhaltige Kapitalanlagen mit erweiterten Leistungen wie Versicherungen, Aus- und Weiterbildung, Wohnungsbau und Energieversorgung. Der Sektor wächst rasant um 20 bis 30% jährlich. Allein die Mikrokredite erreichten Ende 2015 ein Volumen von knapp 12 Mrd. $.

Mittlerweile ist Impact Investing eine eigene Anlageklasse, breit diversifiziert und kaum korrelierend mit klassischen Anlagen. Investoren sind Institutionelle wie Banken, Pensionskassen und Staatsfonds, aber zunehmend auch Private, meist über Fonds, wie auch Blue Orchard sie anbietet und verwaltet, der grösste mit einem Vermögen von rund 700 Mio. $.

Auf Rendite müssen Investoren nicht verzichten, «im Gegenteil», führt Fanconi aus: «Gemessen am Index für unsere Industrie, der zehn Jahre zurückreicht, rentieren Impact Investments 3,6% jährlich. In unseren Fonds sind es seit sechzehn Jahren 4,3% p. a., nach Abzug der Gebühren.» Kein Wunder, dass im Umfeld von Niedrigzinsen und Anlagenot Grossinvestoren und Regierungen den früheren CEO und heutigen VR-Präsidenten reihenweise einladen, über das Thema alternative Investments zu sprechen.

Als Fanconi zu Blue Orchard stiess, blickte er bereits auf eine vielseitige Finanzkarriere zurück. Zwei Mal gründete er ein Unternehmen, das er jeweils nach einiger Zeit erfolgreich verkaufte: die Private-Equity-Firma Map Group, die an PwC Schweiz ging, wo Fanconi dann das Corporate Financing mitverantwortete, und den Hedge-Funds-Anbieter Harcourt, der das Interesse von Vontobel (VONN 56.8 -1.05%) weckte, wo der verheiratete Vater einer Tochter das Private Banking leitete.

2011 folgte der nächste Sprung, «eine Weiterentwicklung», wie er den Wechsel ins Impact Investing nennt. «Hier finden mein  unternehmerisches Denken, meine soziale Verantwortung, meine Bankkenntnisse sowie meine Erfahrungen mit institutionellen und privaten Anlegern wie Puzzle-Teile zusammen.»

Zupackend und mit strategischem Geschick erfüllt er seit 2013 eine weitere anspruchsvolle Aufgabe: das VR-Präsidium der Bündner Kantonalbank. So eine Chance sei für einen Bündner eine besondere Ehre, sagt er, «da kann man nicht Nein sagen».

 

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