Unternehmen / Rohstoffe 02:24 - 17.02.2016

«Credit Suisse braucht nicht mehr Kapital»

Christoph Gisiger, New York
David Herro, Investmentchef für internationale Aktien bei Harris Associates, nutzt den Kurssturz von CS und LafargeHolcim für zusätzliche Engagements. Beim Airline-Caterer Gategroup sieht er keinen Änderungsbedarf im VR.
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Aktie
Wertpapier , das einen Anteil am Kapital einer Aktiengesellschaft verkörpert. Es sichert dem Eigentümer Mitgliedschaftsrechte (Stimm- und Wahlrecht an der Generalversammlung) und Vermögensrechte (Recht auf Anteil am Gewinn, Beteiligungsquote bei Kapitalerhöhungen oder am Liquidationsergebnis) zu.
Aktionär
Teilhaber einer AG bzw. Inhaber einer Aktie oder einer Mehrzahl von Aktien.
Beteiligung
Langfristige, kapitalmässige Interessennahme an anderen Unternehmen, bei der die wirtschaftliche Einflussnahme oder ähnliche Zielsetzungen im Vordergrund stehen. Die Beteiligungen werden höchstens zum Einstandspreis bewertet.
Börse
Regelmässig stattfindender, nach feststehenden Usanzen organisierter Markt. Je nach den gehandelten Gütern spricht man z. B. von Wertpapier-, Effekten-, Devisen-, Warenbörsen oder Börsen für derivative Instrumente (Terminbörsen ).
CEO
Angelsächsische Kürzel für Unternehmenschef (Chief Executive Officer), Leiter der Finanzabteilung (Chief Financial Officer), Leiter Anlagestrategie (Chief Investment Officer) sowie Leiter operatives Geschäft (Chief Operating Officer), die gemeinsam die Geschäftsleitung bilden.
CFO
Angelsächsische Kürzel für Unternehmenschef (Chief Executive Officer), Leiter der Finanzabteilung (Chief Financial Officer), Leiter Anlagestrategie (Chief Investment Officer) sowie Leiter operatives Geschäft (Chief Operating Officer), die gemeinsam die Geschäftsleitung bilden.
CIO
Angelsächsische Kürzel für Unternehmenschef (Chief Executive Officer), Leiter der Finanzabteilung (Chief Financial Officer), Leiter Anlagestrategie (Chief Investment Officer) sowie Leiter operatives Geschäft (Chief Operating Officer), die gemeinsam die Geschäftsleitung bilden.
Cap
Kurs eines Basiswerts oder ein Zins, den zu erreichen oft darüber entscheidet, ob der Basiswert geliefert oder ein Barbetrag gezahlt wird.
Cashflow
Ordentlich erwirtschafteter Mittelzufluss aus der betrieblichen Tätigkeit eines Unternehmens. Ausserordentliche Aufwendungen und Erträge sollten aus der Berechnung des Cashflows ausgeklammert werden, ebenso extreme Veränderungen bei der Bildung oder der Auflösung stiller Reserven .
Hedge Funds
Anlagevehikel, die in der Regel ihr Domizil in Offshore-Finanzplätzen ohne strenge Aufsicht wie auf den Bahamas oder den Cayman Islands haben. Dies erlaubt ihnen, mit Fremdkapital (vgl. Leverage ) und Derivaten zu arbeiten. Damit können sie sowohl auf steigende als auch auf fallende Wertpapierkurse setzen. Der Hedge-Fund-Manager hat typischerweise einen Grossteil seines privaten Vermögens im Fonds plaziert und lässt sich vor allem über eine Performance Fee entschädigen.
Kernkapital
Kern der eigenen Mittel einer Bank (vgl. Eigenkapital der Banken , hartes Kernkapital , Tier 1 sowie Basel III ).
Konjunktur
Oft synonym verwendet für die Lage der Gesamtwirtschaft. Die Forschung betont den zyklischen Verlauf des Wirtschaftswachstums (Aufschwung , Hochkonjunktur, Abschwung, Rezession , Depression). Im Englischen wird deshalb auch von Business Cycle gesprochen.
Konsolidierung
Die Bilanzen und die Erfolgsrechnungen der Tochtergesellschaften werden in einer gemeinsamen Konzernrechnung nach einheitlichen Kriterien (IFRS , Swiss Gaap Fer , US-Gaap ) zusammengefasst.
Kurs
Börsen- oder Marktpreis von Wertpapieren , Devisen , Münzen oder Waren. Der Kurs schwankt je nach Angebot und Nachfrage.
Private Banking
Umfasst die Anlageberatung und die Vermögensverwaltung für eine internationale Privatkundschaft. Das Private Banking wird ergänzt durch das Geschäft mit institutionellen Anlagekunden.
Reit
Beteiligungsgesellschaft mit Steuerprivilegien, die Immobilien besitzt oder deren Betriebsergebnis aus Immobiliendienstleistungen (Verwaltung, Finanzierung etc.) stammt. Erstmals 1960 in den USA eingeführt. Der Reit-Status verlangt je nach nationaler Gesetzgebung, dass die Beteiligungsgesellschaft kotiert ist und der grösste Teil des Betriebsgewinns an die Aktionäre ausgeschüttet wird. Reits wurden in Frankreich 2005 und in Deutschland 2007 zugelassen. Die Schweiz kennt die Gesellschaftsform nicht.
VR
Überwacht und lenkt (über die Strategiefestlegung) für die Gesamtheit der Aktionäre die Geschäftsleitung eines Unternehmens. Die VR-Mitglieder einer AG schweizerischen Rechts müssen in der Regel mehrheitlich das Schweizer Bürgerrecht besitzen und in der Schweiz wohnhaft sein. Der VR besteht aus exekutiven (unternehmensinternen) und nicht exekutiven (externen) Mitgliedern. Immer mehr setzt sich im Rahmen einer guten Corporate Governance die Praxis durch, dass ein bedeutender Teil der VR in keiner geschäftlichen Beziehung zum Unternehmen stehen darf. Der VR wird von der GV gewählt.
Verwaltungsrat
Überwacht und lenkt (über die Strategiefestlegung) für die Gesamtheit der Aktionäre die Geschäftsleitung eines Unternehmens. Die VR-Mitglieder einer AG schweizerischen Rechts müssen in der Regel mehrheitlich das Schweizer Bürgerrecht besitzen und in der Schweiz wohnhaft sein. Der VR besteht aus exekutiven (unternehmensinternen) und nicht exekutiven (externen) Mitgliedern. Immer mehr setzt sich im Rahmen einer guten Corporate Governance die Praxis durch, dass ein bedeutender Teil der VR in keiner geschäftlichen Beziehung zum Unternehmen stehen darf. Der VR wird von der GV gewählt.

An den Weltbörsen herrscht ein raues Klima. Das bekommen auch Schweizer Unternehmen wie LafargeHolcim (LHN 54.3 -0.18%) und Credit Suisse (CSGN 15.85 3.12%) empfindlich zu spüren, deren Aktienkurs tief eingebrochen ist. David Herro macht das jedoch nicht nervös. Im Gegenteil: Der erfolgreiche Value-Investor aus Chicago nutzt die Panikschübe sogar, um die Beteiligung an den beiden Unternehmen auszubauen. Der CIO für internationale Aktien beim Vermögensverwalter Harris Associates ist überzeugt, dass die zwei Gesellschaften trotz den jüngsten Turbulenzen auf dem richtigen Weg sind, Mehrwert für die Aktionäre zu schaffen.

Herr Herro, die Börsen haben in den vergangenen Wochen stark korrigiert. Wie erleben Sie diese Erschütterungen als Value-Investor?
Es ist natürlich, auf aktuelle Entwicklungen in der Wirtschaft und an den Märkten instinktiv zu reagieren. Ich glaube aber, dass es ein Fehler ist, sich davon beim Investieren beeinflussen zu lassen, denn solche Ereignisse haben mit dem langfristigen Wert eines Unternehmens wenig zu tun. Unsere Investmentphilosophie ist klar: Wir berechnen den inneren Wert eines Unternehmens, und wenn der Aktienkurs bedeutend darunter fällt, dann schlagen wir zu. Umgekehrt trimmen wir eine Position, wenn der Kurs einer Gesellschaft steigt und sich damit immer mehr dem inneren Wert nähert. Nach diesem Value-Ansatz investieren wir inzwischen seit mehr als zwanzig Jahren – «Buy low, sell high» sozusagen.

In Ihrem Portfolio befinden sich viele Schweizer Unternehmen. Eine bedeutende Position halten Sie mitunter am Zementriesen LafargeHolcim. Haben Sie den Rückschlag im Aktienkurs demnach für Zukäufe genutzt?
Wir haben unser Engagement ausgebaut und halten heute ungefähr 6,4% an LafargeHolcim. Die Idee dahinter ist recht simpel: Das schwierige Konjunkturumfeld belastet derzeit zwar den Kurs. Der Konzern konzentriert sich jedoch stark darauf, den Ertrag zu steigern. Zudem verhält sich die gesamte Zementbranche inzwischen viel klüger und hört damit auf, die Kapazitäten immer mehr auszuweiten. Wer also beim Zeithorizont wie ein Investor denkt und nicht wie ein kurzfristig orientierter Trader, dem eröffnet sich ein idealer Einstiegspunkt.

An den Börsen wachsen jedoch die Sorgen, dass sich die Weltwirtschaft weiter abkühlt. Das wird auch die Zementindustrie spüren.
Klar kämpft LafargeHolcim hier mit Gegenwind. Was in den letzten sechs Monaten mit dem Aktien passiert ist, steht jedoch in keinem Verhältnis dazu. Die Titel sind deshalb sehr attraktiv bewertet. Auch ist der Konzern solid aufgestellt. In den USA zum Beispiel läuft das Zementgeschäft gut, und in den aufstrebenden Märkten hat es jetzt hoffentlich den Tiefpunkt erreicht. Selbst aus Europa sollten wir in ein bis zwei Jahren wieder bessere Nachrichten hören.

Seit dem Schulterschluss von Holcim und dem französischen Konkurrenten Lafarge ist bald ein Jahr vergangen. Wie verläuft die Integration der beiden Unternehmen aus Ihrer Sicht?
Seit die Transaktion abgeschlossen wurde, hat das Management wiederholt betont, die Rendite auf dem eingesetzten Kapital signifikant zu verbessern. Das, indem es den Fokus auf die Bereiche mit robustem Ertrag legt. Ich erwarte deshalb, dass Geschäfte, die nicht zur Gruppe passen, verkauft werden. Das Unternehmen sollte dafür einen guten Preis erzielen, zumal die globale Zementbranche von wenigen Spielern dominiert wird und sich die Marktstruktur über Konsolidierungen verbessern lässt. Auf dem aktuellen Kursniveau rechne ich damit, dass HolcimLafarge die freigesetzten Mittel aus den anstehenden Devestitionen dann für den Rückkauf eigener Aktien nutzt.

Und wie beurteilen Sie die Situation im Verwaltungsrat? Präsident Wolfgang Reitzle hat vor wenigen Tagen überraschend den Rücktritt erklärt, um künftig das Aufsichtsgremium von Linde (LIN 161.9 1.16%) zu leiten.
Bei einem Zusammenschluss von zwei Unternehmen sind Veränderungen im Management und im Verwaltungsrat vollkommen natürlich. Solange diese Abgänge mit kompetenten Personen ersetzt werden, ist das aus unserer Sicht kein Problem. Beat Hess ist als künftiger VR-Präsident eine sehr gute Wahl. Ausserdem haben die Aktionäre mit Nassef Sawiris und den Vertretern von Groupe Bruxelles Lambert eine kräftige Stimme im Verwaltungsrat. Die Interessen der Eigentümer und der Konzernleitung gehen damit in die gleiche Richtung, was uns sehr gefällt.

Apropos Eigentümer: Der russische Grossaktionär Filaret Galchew musste seine Beteiligung Anfang Monat zwangsverkaufen. Was hat das für Konsequenzen?
Am fundamentalen Wert von HolcimLafarge ändert das nichts. Wie ich es verstehe, hat Galchew versucht, massgeblich Einfluss auf den Konzern zu nehmen. Das, obschon sein Anteil nicht dermassen gross war. Wenn überhaupt, ist das insgesamt also sogar eine leicht positive Entwicklung.

Erheblich an Terrain verloren haben auch die Aktien von Credit Suisse, eine weitere Grossposition in Ihrem Portfolio. Wie schätzen Sie die Aussichten der Grossbank ein?
Credit Suisse schlägt unter dem neuen CEO Tidjane Thiam einen aggressiveren Transformationskurs ein, als das unter seinem Vorgänger Brady Dougan der Fall war. Auch hier ist das Hauptziel, die Rendite auf dem Kapital zu steigern. Dazu sollen unrentable Bereiche im Investment Banking verkauft und daraus gewonnene Einnahmen im Private Banking eingesetzt werden. Dass dieser Umbau nicht ganz reibungsfrei verläuft, ist klar. Gleichzeitig ist im europäischen Bankensektor viel Angst vor negativen Zinsen aufgekommen. Das hat die Aktien von Credit Suisse besonders hart getroffen, was völlig ungerechtfertigt ist. Ich sehe keinen Grund, warum das Unternehmen plötzlich 40 oder 50% weniger wert sein sollte als vor einem halben Jahr.

Was erwarten Sie denn von der Neuausrichtung der Bank?
Nach der Transformation wird Credit Suisse über ein viel stärkeres Profil verfügen, was das Wachstum des Cashflows und des Gewinns betrifft. Auch ist die Bank dann viel sicherer kapitalisiert. Dieser Prozess wird aber nicht zwei, drei oder fünf Jahre in Anspruch nehmen. Schon nächstes Jahr wird Credit Suisse so aufgestellt sein, wie das angestrebt ist. Im ersten Halbjahr 2016 könnte es damit zwar etwas ruppig bleiben. Wenn das Unternehmen jedoch aus dieser Phase kommt, wird es viel robuster sein. Entsprechend freundlich wird das die Börse aufnehmen.

Gerade Fragen zur Eigenmitteldecke kommen jetzt aber erneut auf. Was ist Ihre Ansicht zu diesem Dauerthema?
Credit Suisse braucht nicht mehr Kapital. Wie der Abschluss zum vierten Quartal gezeigt hat, liegt die Bank nur noch einen Viertelprozentpunkt unter dem Wert für das harte Kernkapital, mit dem wir gerechnet hatten. Sie macht Fortschritte, schafft Kapital und muss keine frischen Mittel am Markt aufnehmen. Hinzu kommt die Möglichkeit, einen Teil des Schweizer Geschäfts als separate Gesellschaft an die Börse zu bringen. Kapitalmässig ist Credit Suisse damit sehr stark aufgestellt.

Zum Schluss noch eine Frage zur Beteiligung am Airline-Caterer Gategroup (GATE 51.5 -1.72%). Dort versuchen die Hedge Funds RBR Capital und Cologny Advisors erneut, Änderungen im Verwaltungsrat zu erzwingen. Unterstützen Sie diese Bestrebungen?
Ich habe noch nie so viel Lärm um eine relativ kleine Firma wie Gategroup erlebt. Im Verwaltungsrat hat es bereits erhebliche positive Veränderungen gegeben. Deshalb sind wir gegen die Forderung dieser beiden Hedge Funds. Auch sind der CEO und der CFO verhältnismässig neu in ihrem Amt und liefern gute Arbeit. Diesen personellen Wechsel hat der amtierende VR-Präsident eingeleitet, auch wenn er sich zunächst dagegen sperrte. Ich sehe also keine Grund, warum er jetzt abtreten sollte. Gategroup muss sich stabilisieren und braucht momentan keine weiteren Veränderungen.