Märkte Dossier Bankenserie Schweizerische Nationalbank 14:55 - 19.10.2012

«Das Too-big-to-fail-Problem ist alles andere als gelöst»

Jan Baumann und Mark Dittli
Der Vizepräsident der SNB, Jean-Pierre Danthine, spricht mit «Finanz und Wirtschaft» über die Too-big-to-fail-Problematik, den Schweizer Immobilienmarkt und die Euro-Untergrenze.
lesen sie mehr
zum Stichwort
Bank für Internationalen Zahlungsausgleich
1930 mit Sitz in Basel gegründete Organisation. Die BIZ fördert die Zusammenarbeit der Zentralbanken (darunter SNB ), die auch die Aktionäre der BIZ sind. In ihrem Rahmen wurde Basel II erarbeitet.
Basel II
Basler Eigenkapitalvereinbarung der BIZ , die 2007 den Vorgänger-Akkord von 1988 abgelöst hat. Basel II basiert erstens auf einer detaillierteren und risikogerechteren Ermittlung der Mindestanforderungen an die Eigenkapitalunterlegung. Ausser Markt- und Kreditrisiken, die neu nach verschiedenen Verfahren je nach Komplexität der Geschäfte und der Qualität des Risikomanagements der jeweiligen Bank ermittelt und gewichtet werden, müssen auch operationelle Risiken unterlegt werden. Zweitens verlangt Basel II ein verstärktes Überprüfungsverfahren, mit dem die Aufsichtsinstanzen die Solidität der bankinternen Eigenmittelbeurteilung sicherstellen sollen. Drittens zielen verschärfte Offenlegungsvorschriften auf eine bessere Marktdisziplin in Bezug auf Risikoprofil und Eigenkapitalausstattung ab. Wegen der Finanzkrise wurde Basel II im Jahr 2010 um Basel III ergänzt.
Basel III
Ergänzung zu Basel II . Das neue Regelwerk umfasst die Themen Eigenkapital, Liquidität, Marktdisziplin sowie Risikomanagement und Aufsicht. Basel III gilt ab 1. Januar 2013, allerdings müssen erst ab 1. Januar 2019 sämtliche Anforderungen in vollem Umfang erfüllt sein. Die harte Kernkapitalquote nach Basel III muss am Ende 7% der Risikoaktiva erreichen (4,5% plus Puffer von 2,5%). Zudem sollen in Basel III neu eine Höchstverschuldungsquote (Leverage Ratio ), eine Mindestliquiditätsquote (Liquidity Coverage Ratio, LCR) und eine strukturelle Liquiditätsquote (Net Stable Funding Ratio, NSFR) festgelegt werden.
Bilanz
Periodische Gegenüberstellung sämtlicher Aktiven und Passiven an einem Stichtag. Die Aktivseite gibt Aufschluss über die Verwendung der Mittel, während die Passivseite über die Beschaffung der Mittel (Finanzierung) orientiert. Teil des Geschäftsberichts .
Devisen
Auf ausländische Währung lautende und im Ausland zahlbare Geldforderungen, insbesondere Bankguthaben, Checks und Wechsel. Allgemein auch ein Sammelbegriff für ausländische Währungen.
Diversifikation
Verteilung der Anlagesumme auf mehrere Anlagekategorien. Innerhalb eines Aktienmarktes führt die Diversifikation dazu, dass man titelspezifische Risiken verringert und bei genügend breiter Diversifikation schliesslich nur noch das systematische Risiko trägt.
EZB
Zentralbank der EWU-Länder . Sie entscheidet über die Geldpolitik. Die Geld- und Währungspolitik wird zusammen mit den nationalen Zentralbanken (Europäisches System der Zentralbanken ) umgesetzt. Der wichtigste Leitzins der EZB ist der Mindestbietungssatz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte .
Eigenkapital der Banken
Objektiv messbare Grösse für die Solidität einer Bank. Dem Eigenkapital der Banken kommt primär die Funktion einer Absicherung gegen unternehmerische Risiken zu (vgl. Eigenmittelanforderungen und Basel III ).
Eigenkapitalquote
Prozentualer Anteil des Eigenkapitals an der Bilanzsumme. Solange die Risiken nicht zu gross werden, bevorzugen Aktionäre in der Regel eine tiefe Eigenkapitalquote, da damit die Eigenkapitalrendite steigt (vgl. Hebelwirkung ).
Eigenkapitalrendite
Gewinn, ausgedrückt in Prozenten des Eigenkapitals . Der RoE ist eine häufig verwendete, aber wenig aussagekräftige Kennziffer, da er stark von buchhalterischen Einflüssen wie der Methode für die Abschreibung von Goodwill abhängt.
Eurozone
Von elf Staaten der Europäischen Union per 1. Januar 1999 realisierter Zusammenschluss (seit 2001 auch Griechenland, seit 2007 Slowenien, seit 2008 Malta und Zypern). Die Teilnehmer haben die geldpolitische Kompetenz der EZB übertragen. Die nationalen Währungen wurden gegeneinander (Wechselkursverhältnisse) und gegenüber der Einheitswährung Euro fixiert.
Finma
Integrierte Finanzmarktaufsicht in der Schweiz. Die Aufsichtsbehörde vereint seit 2009 die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) , das Bundesamt für Privatversicherungen (BPV) und die Kontrollstelle zur Bekämpfung der Geldwäscherei . Zur Durchsetzung ihres Auftrags bedient sich die Finma unterschiedlicher Massnahmen, darunter sind Verfügungen (z. B. Bewilligung zur Aufnahme der Geschäftstätigkeit), Empfehlungen (Behebung kleinerer Gesetzesabweichungen) und Rundschreiben (Konkretisierung des Gesetzes).
Fremdkapital
Auf der Passivseite der Bilanz aufgeführte Forderungen Dritter.
IWF
Wurde wie die Weltbank 1944 in Bretton Woods (USA) gegründet. Mitglieder sind die Regierungen. Der IWF fördert die internationale währungspolitische Zusammenarbeit und stellt den derzeit 185 Mitgliedern vorübergehend finanzielle Mittel zur Verfügung. Die Schweiz gehört ihm seit 1992 an.
Leitzinsen
Zinsen der Zentralbanken zur Geldmengensteuerung mit Signalwirkung für die Geldpolitik, in den USA Federal Funds Target Rate genannt. Die Schweizerische Nationalbank verwendet ein Zielband für den Dreimonatssatz Libor .
Leverage
Mit vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz lässt sich mit derivativen Instrumenten eine grössere Rendite erzielen, als es mit einer Investition in den eigentlichen Basiswert möglich ist. Dieser Effekt wird als Hebelwirkung bezeichnet. Der Leverage von Derivaten berechnet sich aus dem Hebelfaktor multipliziert mit dem Delta . Leverage kann auch mit Einsatz von Fremdkapital erreicht werden (vgl. Hebelwirkung ).
Leverage Ratio
Mindestanforderung der Finma punkto Eigenkapital im Verhältnis zu den Aktiven für die Schweizer Grossbanken .
Notenbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .
Return on Equity
Gewinn, ausgedrückt in Prozenten des Eigenkapitals . Der RoE ist eine häufig verwendete, aber wenig aussagekräftige Kennziffer, da er stark von buchhalterischen Einflüssen wie der Methode für die Abschreibung von Goodwill abhängt.
Risiko
In der Finanzmarkttheorie wird das Risiko einer Anlage an den Ertragsschwankungen gemessen. Risiko und Ertrag stehen theoretisch in einem direkten Zusammenhang: Je höher das eingegangene Risiko ist, desto grösser sollte längerfristig der Ertrag der entsprechenden Anlage ausfallen (vgl. Risikomanagement ).
RoE
Gewinn, ausgedrückt in Prozenten des Eigenkapitals . Der RoE ist eine häufig verwendete, aber wenig aussagekräftige Kennziffer, da er stark von buchhalterischen Einflüssen wie der Methode für die Abschreibung von Goodwill abhängt.
SNB
1907 gegründete Notenbank der Schweiz. Ihr Auftrag gemäss Nationalbankgesetz NBG ist, eine dem Gesamtinteresse des Landes dienliche Geldpolitik zu betreiben und insbesondere die Preisstabilität zu bewahren. Ausserdem hat sie zur Stabilität des Finanzsystems beizutragen. Die SNB versorgt den Geldmarkt und damit das Finanzsystem über Repogeschäfte mit Liquidität, gewährleistet die Bargeldversorgung, verwaltet die Währungsreserven , vertritt die Schweiz zusammen mit dem Bund im IWF sowie in der Weltbank und fungiert als Hausbank der Eidgenossenschaft. Die SNB ist als spezialgesetzliche AG organisiert und an der SIX kotiert. Die Kantone halten die Mehrheit der Aktien , die Rechte der wenigen Privataktionäre werden auch vom NBG stark beschnitten, das z. B. die Höhe der Dividende limitiert. Organe der SNB sind der elfköpfige Bankrat als eine Art VR , das für die Geldpolitik verantwortliche ausführende dreiköpfige Direktorium als Geschäftsleitung , die GV und die Revisionsstelle .
Währungsreserven
Das von Notenbanken in Gold, Devisen (Devisenreserven) und Sonderziehungsrechten gehaltene finanzielle Polster zur Finanzierung von Aussenhandelsdefiziten, zur Vermeidung von Zahlungsbilanzproblemen und zur Pflege des Wechselkurses.
Zwangswandelanleihe
Wandelanleihe , die der Inhaber am oder vor dem Fälligkeitsdatum zwingend in die der Emission zugrundeliegenden Aktien umwandeln muss.
 

Herr Danthine, genau vier Jahre sind seit der staatlichen Rettung der UBS vergangen. Seither ist auf regulatorischer Ebene viel geschehen. Sind Sie zuversichtlich, dass eine derartige Rettungsaktion hier in der Schweiz nie mehr nötig sein wird?
Wir sind auf dem richtigen Weg, aber noch lange nicht am Ziel.

Stellen Sie sich vor, es wäre der 1. Januar 2019, und alle neuen Regeln – einschliesslich sämtlicher Auflagen von Basel III – wären voll umgesetzt. Wäre damit das Too-big-to-fail-Problem gelöst?
Das ist eine grosse Frage, und wir wissen die Antwort darauf nicht. Heute ist lediglich klar, dass wir noch nicht am Ziel sind, sondern in einer Übergangsphase stecken. In der Schweiz haben wir beschlossen, dass die systemrelevanten Grossbanken 19% verlustabsorbierendes Kapital benötigen. Dieses Polster ist noch nicht vorhanden, denn den Banken wurde bis 2019 Zeit dafür eingeräumt.

Und wenn vorher die Eurokrise eskaliert und das Bankensystem in die Tiefe reisst, bekämen UBS oder Credit Suisse erneut eine staatliche Rettung?
Nun, sie sind als systemrelevante Banken von der Too-big-to-fail-Expertenkommission identifiziert worden, das heisst, ihr unkontrollierter Untergang hätte einen massiven negativen Einfluss auf die Bankenserie Teil 4Weitere Artikel zur BankenserieTeil 1 Historischer Rückblick
Teil 2 Neue EU-Regulierung
Teil 3 Bankenregulierung
Teil 5 Megabanken
Teil 6 Finma-Massnahmen
Teil 7 Basel III
schweizerische Volkswirtschaft.

Ist das ein Ja?
Falls das von Ihnen skizzierte Extremszenario wirklich eintreffen sollte und die Finanzstabilität gefährdet würde, müssten wir wohl im Interesse des Landes eingreifen.

Ist das eine reale Gefahr?
Mich stimmen die jüngsten Massnahmen der Europäischen Zentralbank zur Stabilisierung der Situation zuversichtlich. Sie waren dringend nötig. EZB-Chef Mario Draghi hat bekanntlich gesagt, er werde alles Notwendige tun, um das Überleben des Euros sicherzustellen.

Die Banken müssen auch einen Plan vorlegen, wie sie im Notfall abgewickelt werden könnten. Wie bedeutsam ist dieses Element?
Das ist ein wichtiger Punkt. Während der Übergangszeit sind wir in dieser Hinsicht noch nicht bereit und können deshalb weitere Rettungsaktionen nicht ausschliessenGlossarToo big to fail: Systemrelevante Banken sind «zu gross, um unterzugehen» und müssen vom Staat gerettet werden.

Basel III: Das ab 2019 voll geltende Regelwerk zwingt die Banken, deutlich mehr Eigenkapital zu halten als bislang.

Leverage: Der Einsatz von Fremdkapital wirkt wie ein Hebel (Leverage-Effekt) auf die Eigenkapitalrendite einer Bank.

Liikanen-Report: Reformvorschläge einer EU-Expertengruppe (Leitung Erkki Liikanen) von Anfang Oktober.

Weitere Fachbegriffe finden Sie links auf der Seite auf unserem Online-Guide.
. Deshalb müssen wir besonders vorsichtig sein. Es wäre natürlich optimal gewesen, wenn die Weltwirtschaft bis 2019 stetig gewachsen wäre. Das hätte den Banken erlaubt, mit ihren einbehaltenen Gewinnen ihr Kapitalpolster zu füllen. Leider kam es anders. Weltwirtschaft und Finanzsystem sind immer noch in einem enorm fragilen Zustand. Momentan ist das Too-big-to-fail-Problem alles andere als gelöst.

War es rückblickend nicht naiv zu glauben, die Jahre bis 2019 würden ruhig verlaufen und die Banken könnten auf wundersame Weise so viel Gewinn schreiben, dass sich ihr Kapitalproblem von selbst löst?
Es war nicht naiv, aber man hatte vielleicht zu grosse Hoffnungen. Allen war und ist bewusst, dass so ein Übergang nicht reibungslos abläuft.

Wie meinen Sie das?
Solange die Banken eine implizite oder explizite Staatsgarantie geniessen, sind die Gläubiger gegenüber den Aktionären im Vorteil, und das führt zu Verzerrungen. Die Staatsgarantie senkt tendenziell die Kosten für das Fremdkapital – das ist eine Art versteckte Subvention –, nicht aber für das Eigenkapital.

Ausgerechnet in der schwierigen Übergangsphase mehr Eigenmittel von den Banken zu verlangen, ist daher besonders hart.
Richtig, die Ausgangslage ist während des Übergangs anders als am Schlusspunkt. Es besteht grundsätzlich die Gefahr, dass die Banken zur Stärkung ihrer Eigenkapitalquote in der Kreditvergabe restriktiv werden, was wir im Zeichen der Konjunkturschwäche nicht wollen. Diese Überlegung rechtfertigt die lange Übergangsfrist aus ökonomischer Sicht. So entstehen volkswirtschaftlich gesehen weniger negative externe Effekte.

Investoren sind ungeduldig. Sie betrachten die Banken schon heute durch die Brille von Basel III und setzen den künftigen Massstab ans Eigenkapital an. Alles andere wäre aus Anlegersicht nur Augenwischerei, oder etwa nicht?
Das Investorenverhalten spiegelt die ungünstige Wirtschaftslage. Es bestehen, wie gesagt, erhebliche Risiken. Da wird es zur Notwendigkeit, dass die Banken ein grösseres Kapitalpolster haben. Ganz unabhängig von erhöhten regulatorischen Anforderungen ist klar, dass die Banken nach wie vor unterkapitalisiert sind. Die Analysten beziehen das in ihre Modelle und ihre Erwartungen mit ein. Banken mit mehr Kapital sind deutlich besser dran als Banken, die in dieser Hinsicht weniger unternommen haben.

Der frühere Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand hat unlängst gefordert, die europäischen Banken sollten zur beschleunigten Umsetzung von Basel III bis Ende 2013 gezwungen werden. Würden Sie dem zustimmen?
Klar wäre es besser, sofort in den sauren Apfel zu beissen, statt lange zu warten. Zweifellos brauchen die Banken mehr Kapital. Je früher sie das Kapital aufnehmen, desto früher können sie ihre volkswirtschaftliche Funktion wieder voll erfüllen. Könnten wir das tatsächlich weltweit synchron durchsetzen, wäre das ausgezeichnet.

Ist es mit Basel III wirklich getan? Braucht es nicht noch härtere Auflagen?
Ein zentrales Element, das noch fehlt, sind übernationale Standards für die Abwicklung grenzüberschreitend tätiger Banken. Hier besteht noch grosser Handlungsbedarf. Im Kern geht es darum, die richtigen Anreizstrukturen zu schaffen: Banken müssen untergehen können, und sowohl Bankmanager wie auch Gläubiger müssen das wissen. Das ist erst der Fall, wenn wir ein überzeugendes Abwicklungsregime etablieren können. Dann ist der Zwang, systemrelevante Banken staatlich zu stützen, so gut wie vom Tisch.

Wie steht es mit der Umsetzung in der Schweiz?
Wir sind hinsichtlich Notfallplanung und Abwicklungsregime gut vorangekommen und sind weiter als manch andere Länder.

Basel III und übernationale Abwicklungsstandards sollen also das Too-big-to-fail-Problem lösen. Woher nehmen Sie die Zuversicht, dass das tatsächlich gelingt?
Aus liberaler Sicht ist es wünschenswert, möglichst wenig harte Eingriffe in die unternehmerische Gestaltungsfreiheit der Banken vorzunehmen. Es muss uns bloss gelingen, schädliche Anreize zu eliminieren. Garantieren, dass wir das tatsächlich schaffen, kann ich aber nicht. Falls nicht, wären wohl tatsächlich massiv härtere Vorschriften nötig.

Und wie werden wir wissen, ob das bereits Beschlossene reicht? Ist als Praxistest eine weitere Bankenkrise nötig?
Nicht unbedingt. Es genügt, dass sich die relativen Kosten für Fremd- und Eigenkapital der Banken verschieben.

Heisst das, die Fremdkapitalkosten für die systemrelevanten Grossbanken werden zunehmen?
Das kommt drauf an. Mit der Regulierung schaffen wir die richtigen Anreize. Wie sich eine Bank dann ans neue Umfeld anpasst, ist ihre Entscheidung. Nehmen wir an, eine der Schweizer Grossbanken entwickle sich zu einem reinen Vermögensverwalter mit deutlich verbessertem Risikoprofil. Geringeres Risiko würde mit geringeren Kapitalkosten belohnt.

Wie steht es um die Eigenkapitalkosten, könnten die auch sinken?
Ja, ein weniger riskantes Geschäftsmodell würde im Prinzip die Eigenmittelbeschaffung erleichtern. Wenn die Risiken abnehmen und der Aktienkurs weniger volatil ist, nehmen die Eigenkapitalkosten ab.

Kritiker von Basel III wie Andrew Haldane von der Bank of England monieren, das Regelwerk sei viel zu komplex und biete zu grosse Schlupflöcher. Was denken Sie?
Ich verstehe die Bedenken durchaus. Die Skeptiker befürchten, dass es uns misslingt, schädliche Anreize für die Banken zu eliminieren. Wenn man davon ausgeht, die Banken würden stets versuchen, mit möglichst wenig Kapital möglichst hohe Risiken einzugehen, sind komplexe Risikomodelle natürlich ein Problem. Doch mit den richtigen Anreizstrukturen können wir einen Kampf zwischen den Regulierern und den Regulierten verhindern. Was soll denn Ihrer Meinung nach die Forderung nach Einfachheit konkret bedeuten?

Zum Beispiel eine simple, nicht risikogewichtete Leverage Ratio.
Als Finanzwissenschafter finde ich das absurd. Ohne Risikogewichtung werfen Sie die geringen und die hohen Risiken einer Bank in den gleichen Topf. Das kommt einer Kapitulation vor dem Problem gleich. Es ist aber klug, eine ungewichtete Leverage Ratio als zusätzliches Sicherheitsnetz zu haben, wie in Basel III vorgesehen.

Die Grossbanken könnten versucht sein, mit ihren internen Modellen die Risiken zu verharmlosen.
Grundsätzlich sind interne Modelle sinnvoll. Die Banken wissen nämlich über ihr Geschäft besser Bescheid als Aussenstehende. Noch einmal: Stimmen von der Regulierung her die Anreizstrukturen, sind interne Modelle unproblematisch.

Gehört zu den richtigen Anreizen auch das richtige Entlohnungssystem?
Ja, sicher.

Das ist aber nicht Teil von Basel III.
Als Ergänzung gibt es beispielsweise im kürzlich erschienenen Liikanen-Report der EU interessante Ansätze zur Lösung des Problems. Eine Möglichkeit wäre, den Bonus teilweise in Form von bedingten Zwangswandelanleihen zu zahlen.  Sinnvoll finde ich auch lange Fristen für aufgeschobene Entlohnungskomponenten. Der Bonus wird so ans eingegangene Risiko gekoppelt.

Apropos Anreize: Was halten Sie davon, dass die Konzernchefs der Schweizer Grossbanken nach wie vor Eigenkapitalrenditeziele verkünden?
Die Eigenkapitalrendite als explizites Ziel macht überhaupt keinen Sinn. Eine sinnvolle Zielvorgabe muss risikoadjustiert sein. Jeder kann 15% oder mehr Return on Equity versprechen. Um das zu realisieren, muss man lediglich genug hohe Risiken eingehen respektive den Fremdkapitalanteil in der Bilanz hochschrauben. Ein hoher Leverage ist das Doping der Banken. Ich denke aber, die Banker haben diese Lektion gelernt. Leverage und Eigenkapitalrenditeziele sind im Sektor bereits deutlich nach unten korrigiert worden.

Statt 25% RoE sind es nun 15%. Ist das wirklich ein Fortschritt?
Die Erkenntnis, dass ein RoE-Ziel der falsche Massstab ist, setzt sich immer mehr durch.

Der Liikanen-Report sieht die Abtrennung des Handels- vom Kreditgeschäft vor. Wäre das auch etwas für die Schweizer Grossbanken?
Einen so schweren Eingriff in die Gestaltungsfreiheit würde ich erst erwägen, sollte unsere liberale Regulierung ins Leere laufen. Ich bin überzeugt, dass die Entscheidungsträger in der Bank besser als der Regulator wissen, wie sie riskante und weniger riskante Aktivitäten ausbalancieren können. Im Übrigen läuft eine Universalbank, die das Kreditgeschäft und das Trading unter einem Dach vereint, nicht zwingend ein höheres Gesamtrisiko. Die Diversifikation der Aktivitäten bringt auch Vorteile im Sinne der Finanzstabilität.

Und wie wollen Sie wissen, dass Ihr Ansatz greift?
Wir beobachten die Grossbanken und kontrollieren, ob die Entwicklung in die richtige Richtung geht. Meine Hoffnung ist, dass die Banken dereinst sogar mehr Eigenkapital halten, als der Regulator verlangt. Die Krise von 2008 sollte ihnen eine Lehre gewesen sein.

Wir haben nicht den Eindruck. UBS und Credit Suisse beklagen sich über die im internationalen Vergleich strengen Schweizer Auflagen.
Ich habe dafür ein gewisses Verständnis, solange im Ausland viel weniger strenge Regeln gelten.

Wie beurteilen Sie denn die Entwicklung in den USA und in Europa; ziehen alle am gleichen Strick?
Dies- und jenseits des Atlantiks geht die Entwicklung zumindest in die gleiche Richtung, auch wenn die Massnahmen nicht identisch sind.

In den USA hat Notenbankgouverneur Daniel Tarullo vorgeschlagen, der Entwicklung zu immer grösseren Finanzkolossen mit fixen Grössenbeschränkungen entgegenzuwirken.
Ich hoffe, wir kommen ohne solche von aussen verfügte Grössenbeschränkungen aus. Die Banken sollten selbst abschätzen, wie weit Skaleneffekte Vorteile bringen und ab welcher Grösse die Nachteile zu überwiegen beginnen. In der Krise ist es überdies gut, wenn schwache Banken von grösseren, stabilen Häusern übernommen werden können. Nach dem Platzen unserer Immobilienblase Anfang der Neunzigerjahre hat sich das als Vorteil erwiesen. Damals verschwanden in der Schweiz mehr als 200 Institute von der Bildfläche; sie wurden alle übernommen. Das entlastete den Steuerzahler von kostspieligen staatlichen Rettungsaktionen.

Sie setzen auf eine freiheitliche Ordnung und das gesunde Eigeninteresse der Banker. Das klingt gut, doch in der Praxis könnte Ihnen so die Kontrolle rasch entgleiten. UBS und CS haben auf die Forderung der SNB nach mehr Transparenz abschlägig reagiert und die dahingehenden Empfehlungen im SNB-Finanzstabilitätsbericht vom 14. Juni ignoriert.
Kurzfristig ist Transparenz mit Mehrkosten verbunden, langfristig stärkt sie das Vertrauen in die Grossbanken und ihre Glaubwürdigkeit. Wir werden darum den Druck auf die zwei Grossbanken aufrechterhalten.

Im Sommer reagierte CS-Chef Brady Dougan verärgert und sagte in einem Interview, die Finma sei der Regulator der Bank, nicht die Nationalbank. Was halten Sie davon?
Bei den systemrelevanten Grossbanken überschneiden sich die Kompetenzen von Finma und SNB. Wir erteilen den Banken keine Befehle, sondern geben lediglich unsere Empfehlungen ab und sind der Lender of Last Resort im Notfall. Das Tagesgeschäft der Aufsicht ist Sache der Finma. Die beiden Instanzen gegeneinander ausspielen zu wollen, ist völlig zwecklos.

Die SNB hat die CS im Juni in ungewohnt scharfem Ton aufgefordert, noch dieses Jahr das Eigenkapital kräftig zu erhöhen, worauf der Aktienkurs um 10% einbrach. War das im Rückblick nicht etwas zu harsch?
Wir waren über das gemächliche Tempo des Kapitalaufbaus besorgt. Die Bank hat seither mit umfassenden Kapitalmassnahmen reagiert. Ich überlasse es den Historikern, dereinst zu beurteilen, ob unser Vorgehen richtig war oder nicht. Wir sind auf jeden Fall mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

Auf dem internationalen Parkett hat die Intervention zu Irritation geführt. Eine einzelne Bank namentlich zu rügen, kam schlecht an.
Die Schweiz ist ein kleines Land mit genau zwei Grossbanken. Wenn wir Aussagen machen über einen Durchschnitt von nur zwei Instituten, ohne zu sagen, welche Bank besser ist als der Schnitt und welche schlechter, ist das ungerecht. Man nennt in diesem besonderen Fall die Dinge besser gleich beim Namen.

Steht nun mit der Kapitalausstattung von UBS und CS alles zum Besten?
Die CS hat aufgeholt. Beide Grossbanken ermutigen wir, mit dem Kapitalaufbau fortzufahren. Bis wir das Ziel erreicht haben, kann ich mich nicht zufriedengeben.

Nehmen wir an, die UBS würde sich für die Beschränkung auf die Vermögensverwaltung entscheiden und das Investment Banking abspalten. Würde Ihnen das gefallen?
Das würde uns als Hüter der Finanzstabilität die Arbeit einfacher machen, insofern wäre ich erfreut. Diese Entscheidung muss die Bank aber für sich allein treffen.

Schrecken Sie aus liberaler Zurückhaltung sogar vor einer Empfehlung zurück?
In der Tat halte ich in diesem Fall Zurückhaltung für angebracht. Im Übrigen ist es volkswirtschaftlich gut und wichtig, dass die Banken fähig sind, Risiken einzugehen. Das gehört zur Natur ihres Geschäfts und erzeugt einen wirtschaftlichen Nutzen.

Der Internationale Währungsfonds IWF und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIZ haben in Studien nachgewiesen, dass es in Volkswirtschaften auch ein Übermass an Finanzdienstleistungen geben kann. Hat die Schweiz einen übertrieben grossen Finanzsektor?
Darüber kann man diskutieren. Wieder landen wir bei den Anreizstrukturen: Sind die Anreize falsch gesetzt, fliessen möglicherweise zu viel Ressourcen in den Finanzsektor und werden dort suboptimal eingesetzt. Auf der anderen Seite kann es für die Schweiz sehr von Vorteil sein, als Exporteur von Dienstleistungen in der Vermögensverwaltung aufzutreten. Ich habe vorhin Leverage mit Doping verglichen. Im Wettkampf gewinnt mit Doping der Falsche das Rennen. Doch wenn der Richtige das Rennen gewinnt, weil er im Export von Finanzdienstleistungen Weltklasse ist, dann ist das doch prima.

Seit Jahren warnt die Nationalbank vor einer Überhitzung am Schweizer Immobilienmarkt und den daraus erwachsenden Gefahren für die kreditgebenden Banken. Sehen Sie eine Entspannung?
Nein, wir sind nach wie vor beunruhigt. Zunächst wollen wir aber die Daten aus dem zoomdritten Quartal 2012 abwarten.

Haben wir es mit einer Blase zu tun?
Schwer zu sagen. Das Wort Blase haben wir stets vermieden. Ob es sich um eine Blase gehandelt hat, weiss man immer erst im Nachhinein. Aber klar ist, dass der Markt anfällig für eine Korrektur ist.

Warum haben Sie im August darauf verzichtet, beim Bundesrat um die Aktivierung des antizyklischen Kapitalpuffers zu ersuchen?
Wir streben eine sanfte Landung an, keine harte. Wir möchten vermeiden, mit der Aktivierung des Puffers einen Abschwung im Markt auszulösen. Im Interesse der Finanzstabilität wollten wir zunächst sehen, wie sich die anderen im Sommer vom Bundesrat beschlossenen Massnahmen zur Beruhigung der Lage auswirken.

Kommt der antizyklische Kapitalpuffer nicht einfach zu spät und würde jetzt nur noch kontraproduktiv wirken?
Um das zu sagen, müssten Sie mit Sicherheit wissen, wo wir im Zyklus am Immobilienmarkt stehen. Und das weiss niemand so genau. Es geht uns doch nicht darum, das neue Instrument des Puffers um jeden Preis einzusetzen, sondern die Finanzstabilität zu gewährleisten.

Die Nationalbank weiss also nicht so recht, in welchem Stadium sich der Immobilienmarkt befindet und ob es für die Bekämpfung einer Blasenbildung allenfalls schon zu spät ist?
Sollte der Markt demnächst von allein kehren, ist der Einsatz des Puffers überflüssig. Die Banken sagen uns, sie würden das Wachstum am Hypothekarmarkt von sich aus einschränken. Wir unterstützen die Banken darin, mehr Selbstdisziplin zu üben.

Mit den extrem niedrigen Leitzinsen setzt die Notenbank doch selbst den stärksten Anreiz zur Kreditexpansion. Und wegen der Untergrenze des Euros können Sie die Zinsen nicht erhöhen.
Das ist so weit korrekt.

Genügt es vor diesem Hintergrund, auf die Selbstdisziplin der Banken zu hoffen?
Klar sind die Zinsen zu niedrig. Doch angesichts der kräftigen Nachfrage am Immobilienmarkt würde eine leichte Zinserhöhung ohnedies wirkungslos verpuffen. Die Zinspolitik war noch nie ein gutes Mittel gegen Übertreibungen an den Märkten. Natürlich wäre uns wohler, wenn wir dieses Instrument zur Verfügung hätten. An seiner Stelle ist der antizyklische Puffer aber auch bestens geeignet. Wenn wir im Aufschwung die Kapitalanforderungen erhöhen, verteuert das die Kreditvergabe.

Wann würden Sie zur Aktivierung schreiten?
Wir analysieren alle Faktoren am Immobilienmarkt und achten vor allem auf die Veränderung der Dynamik. Bislang signalisieren die Modelle keine massive Übertreibung. Die Preise für Wohnimmobilien sind lediglich leicht über dem Gleichgewichtsniveau. Die Geschwindigkeit, mit der sie steigen, ist allerdings besorgniserregend. Wir überprüfen die Lage von Quartal zu Quartal.

Was halten Sie davon, den Eigenmietwert und den Steuerabzug auf Hypothekarkrediten für selbst bewohntes Eigentum abzuschaffen?
Aus stabilitätspolitischer Sicht habe ich mit dem bestehenden System kein Problem.

Wäre es nicht besser, die Haushalte würden ihre Hypothekarkredite abzahlen, wie das in den meisten anderen Ländern üblich ist?
Es ist zweifellos vernünftig, die Schulden abzubauen, wenn man sich dem Rentenalter nähert. In der vergleichsweise hohen privaten Verschuldung der Schweiz spiegelt sich allerdings primär der hohe Wert der Immobilien.

Das klingt gefährlich.
Aus der Erfahrung der Immobilienkrise Anfang der Neunzigerjahre haben wir einiges gelernt: Wir wissen, dass Hypotheken nicht mehr als 80% des Werts einer Immobilie ausmachen sollten. Solange das in der Praxis eingehalten wird, ist die Gefahr begrenzt.

Mit der Anbindung des Frankens an den Euro hat die Nationalbank bewusst in Kauf genommen, dass sich ihre Bilanz extrem aufbläht. Ist das nicht ein gewaltiges Risiko?
Stabilitätspolitisch ist das unbedenklich. Die Gefahr besteht allenfalls darin, dass wir eines Tages zoomkeinen Gewinn mehr an die Kantone ausschütten könnten, falls wir einen Verlust auf den Devisenreserven erleiden sollten. Wir würden in diesem Worst-Case-Szenario einfach viel Zeit benötigen, um das Kapital wieder aufzubauen.

Nach rund dreizehn Monaten Eurountergrenze wird die Kritik an der Politik der SNB spürbar lauter. Beunruhigt Sie das?
Nach unserer Wahrnehmung geniessen wir für unseren Mindestkurs immer noch grosse Unterstützung. Hätten wir nichts unternommen, wäre die Schweizer Volkswirtschaft vom Ruin bedroht gewesen. Mit einem noch stärkeren Franken wäre die Schweizer Industrie unmöglich fertiggeworden.

Die Devisenreserven sind auf 60% der jährlichen Wirtschaftsleistung angeschwollen. Kann das so weitergehen?
Ja, das ist zwar möglich. Es kommt dann allerdings irgendwann ein Punkt, an dem das Vertrauen in die Stärke des Frankens schwinden würde. Derzeit ist der Franken zum Euro immer noch ungewöhnlich stark. Die Erfahrung zeigt, dass sich so eine Überbewertung mit der Zeit korrigiert. In der Zwischenzeit legen wir die Währungsreserven zinsbringend an.

Und wenn die Eurozone ganz auseinanderbrechen sollte?
Von diesem Szenario gehen wir nicht aus. Doch im Extremfall würde der Euro verschwinden. Der Mindestkurs gegenüber dem Euro wäre dann bedeutungslos. Wenn dagegen nur die schwächeren Mitgliedländer die Einheitswährung verlassen, wird der Euro tendenziell erstarken. Aber auch das ist nur ein Gedankenspiel. Konkret das grösste Risiko ist, wie gesagt, dass die Kantone für einige Jahre ohne die Gewinnausschüttung der SNB auskommen müssten.

Das wäre lediglich ein fiskalisches Problem für die Kantone.
Ja, aber vergessen Sie nicht, dass der Mindestkurs erheblich zur Stabilisierung der Schweizer Wirtschaft und damit zu den weiterhin soliden Staatsfinanzen beigetragen hat.

Vor der Finanzkrise war zum Beispiel Irland in einer ähnlich komfortablen Position. Heute ist das Land hoch verschuldet.
Eben darum ist es so wichtig, den Immobilienmarkt gut im Auge zu behalten und das Too-big-to-fail-Problem wirksam anzugehen.

Meistgelesene Artikel

30.09.14Finanz

UBS gibt den Aktionären Kapital zurück

 
29.09.14Devisen

Fast alle setzen auf den Dollar

lock-status
 
29.09.14Immobilien

Schweizer Immobilienmarkt bleibt heiss

lock-status
 
30.09.14Finanz

Fürs Alterssparen richtig wählen

lock-status
 
29.09.14Momentum

Der Chart des Tages