Der Balassa-Samuelson-Effekt

Wie grundsätzliche Zweifel an der Berechnung von Über- oder Unterbewertungen zu einer neuen Beurteilung von Produktivitätsfortschritten führten.
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zum Stichwort
Abwertung
Bewirkt einen geringeren Aussenwert der Währung, was Exporte vergünstigt und Importe verteuert.
Aufwertung
Bewirkt einen grösseren Aussenwert der Währung, was Exporte verteuert und Importe vergünstigt.
Deflation
Breit angelegter Rückgang des Preisniveaus in einer Volkswirtschaft , nicht nur in einzelnen Branchen (z. B. Informatik). In der Regel geht sie mit einer Rezession einher, weil es sich lohnt, Geld zu horten, statt zu investieren und zu konsumieren, da Güter und Dienstleitungen laufend günstiger werden und der Realzins unattraktiv hoch ist.
EU
Supranationale Organisation (früher Europäische Gemeinschaft), in der 27 europäische Staaten zusammengeschlossen sind. Pfeiler ist die wirtschaftliche Integration. Die wichtigsten Errungenschaften sind der Binnenmarkt und der Euro .
Eurozone
Von elf Staaten der Europäischen Union per 1. Januar 1999 realisierter Zusammenschluss (seit 2001 auch Griechenland, seit 2007 Slowenien, seit 2008 Malta und Zypern). Die Teilnehmer haben die geldpolitische Kompetenz der EZB übertragen. Die nationalen Währungen wurden gegeneinander (Wechselkursverhältnisse) und gegenüber der Einheitswährung Euro fixiert.
Inflation
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Kurs
Börsen- oder Marktpreis von Wertpapieren , Devisen , Münzen oder Waren. Der Kurs schwankt je nach Angebot und Nachfrage.
Lohnstückkosten
Lohnkosten pro Einheit eines Gutes oder einer Dienstleistung. Die Lohnstückkosten berechnen sich aus dem Lohnsatz geteilt durch die Arbeitsproduktivität.
Notenbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .
Pari
Börsenkurs oder Emissionspreis , der dem Nennwert eines Wertpapiers entspricht. Ist ein Kurs über pari (d. h. über 100%), weist er ein Aufgeld auf.
Preisstabilität
Strategisches Ziel jeder Notenbank , wobei stabile Preise nicht mit 0% Inflation gleichgesetzt werden. Die SNB definiert Preisstabilität als eine Jahresteuerung der Konsumentenpreise von 0 bis 2%.
Produktivität
In den meisten Ländervergleichen wird sie mit der Arbeitsproduktivität gleichgesetzt, also der Wirtschaftsleistung pro Arbeitskraft bzw. BIP pro geleistete Arbeitsstunde. Ein breiter gefasstes Konzept, das auch andere Input-Faktoren, wie den Kapitaleinsatz, berücksichtigt, ist die Multi Factor Productivity.
Wechselkurs
Gibt an, in welchem Verhältnis die Währung eines Landes gegen die Währung eines anderen Landes gewechselt werden kann (vgl. effektiver Wechselkurs ).

Es gab Zeiten, da fürchteten sich Wirtschaftsexperten vor zu viel Inflation in der Eurozone. Heute ist das kaum mehr vorstellbar, prägt doch die Angst vor Deflation jede Analyse zur Europäischen Währungsunion. Aber vor anderthalb Jahrzehnten war das ganz anders. Beiträge zum Balassa-Samuelson-EffektErklärung des Effekts
Béla Balassa
Paul Samuelson
Realer Wechselkurs

Lesen Sie hier die letzten Theoreme:
Das Say’sche Theorem
Cobb-Douglas-Produktionsfunktion
Die Random-Walk-Hypothese
Das Modigliani-Miller-Theorem
Die Laffer-Kurve
Die Währungsunion hatte einen erfolgreichen Start hingelegt. Und weil die Erfahrung so positiv ausfiel, machte sich die Politik daran, die Teilnehmerzahl auszubauen. Der Blick richtete sich nach Osten: Zehn Staaten traten 2004 der EU bei, um die Region wirtschaftlich und geopolitisch dauerhaft zu stabilisieren. Möglichst viele von ihnen sollten umgehend auch zur Eurozone stossen.

Alle schienen sich einig zu sein, bis zwei Wissenschaftler vor den wirtschaftlichen Folgen einer überstürzten Einbindung in die Währungsunion warnten. Charles Wyplosz und László Halpern argumentierten, wegen der strukturellen Einkommens- und Produktivitätsunterschiede zwischen den Euromitgliedern und den Kandidaten aus Mittel- und Osteuropa  würde die Währungsunion selbst ihre Stabilität aufs Spiel setzen. Der Aufholprozess fordere einen «schwerwiegenden Konflikt zwischen den Maastrichter Kriterien stabiler Wechselkurs und Preisstabilität» heraus, schrieben sie in einer vom UN-Wirtschaftsausschuss für Europa in Auftrag gegebenen Studie.

Wyplosz und László Halpern argumentierten mit dem Balassa-Samuelson-Effekt. Genau genommen verhalfen sie dem vor 50 Jahren aufgestellten Theorem zu einer späten Popularität. Denn es war im Laufe der Jahrzehnte weitgehend in Vergessenheit geraten.

Ein überbewerteter Dollar

Berühmte TheoremeDies ist die elfte Folge einer Serie, in der «Finanz und Wirtschaft» populäre ökonomische Gesetze und Formeln vorstellt – in welchem Kontext sie entstanden sind, welche Bedeutung ihnen heute noch zukommt und welche Köpfe dahinterstecken. Hier finden Sie das vollständige Dossier.Wie viele ökonomische Gesetze ist auch das Balassa-Samuelson-Theorem ein Kind seiner Zeit. Es entstand Anfang der Sechzigerjahre in den USA, in einer Epoche also, die von der wirtschaftlichen Dominanz der Vereinigten Staaten geprägt war. Amerika war reicher, fortschrittlicher, innovativer als der Rest der Welt. Aber der Vorsprung hatte seinen Preis: ein überbewerteter Dollar. Béla Balassa, Professor in Yale, und Paul Samuelson vom MIT befassten sich unabhängig voneinander mit diesem herausragenden Phänomen der US-Vorherrschaft.

Samuelson ging 1964 in einer Grundsatzrede an einem von der Universität Harvard organisierten Symposium darauf ein. Im Mittelpunkt stehe die Verringerung der technologischen Lücke zwischen Amerika und den weniger reichen Nationen, argumentierte er. «Deren Arbeitskräfte haben nun Zugang zu den besten Produktionstechniken. Unsere hatten einen quasi-monopolistischen Zugang zu wissenschaftlichen Managementmethoden und zu unserem Kapital. Aber Kapital und Wissen zirkulieren inzwischen frei.»

Samuelson kam zum Schluss, dass die komparativen Vorteile der US-Exporteure durch Kräfte, deren Ursprung im Ausland lägen, geschmälert würden. Die Terms of Trade, also das Verhältnis zwischen Export- und Importpreisen, verschlechtere sich. «Der Effekt mag gering ausfallen oder durch andere Faktoren kompensiert werden, so dass der Lebensstandard in den USA trotzdem steigt», argumentierte er. Aber für sich genommen verringere er den aktuell hohen Wohlstand in Amerika.

Balassa schlug in dieselbe Kerbe. In ­einem im selben Jahr veröffentlichten Aufsatz deckte er zahlreiche Schwachstellen sowohl in der Berechnung von Kaufkraftparitäten als auch bei deren Interpretation auf. Ökonomen, die herausgefunden hatten, dass die D-Mark gegenüber dem Dollarfixkurs von 4 DM/$ rund 20% unterbewertet war, und nun eine Aufwertung forderten, stellte er die Entwicklungsländer gegenüber. Afrikas Kaufkraft entspräche nur einem Bruchteil der amerikanischen Parität. Man könne daraus doch nicht ernsthaft schliessen, dass diese Länder ihre Währung entsprechend aufwerten sollten.

Erklärung des EffektsWas geschieht, wenn sich unterschiedlich entwickelte Länder wirtschaftlich anpassen? Der nach den beiden Ökonomen Béla Balassa und Paul Samuelson benannte Effekt besagt, dass im Zuge eines wirtschaftlichen Aufholprozesses zwischen armen und reichen Volkswirtschaften die wirtschaftlich weniger entwickelten Länder eine höhere Inflationsrate aufweisen. Oder anders ausgedrückt: Die Währungen von Ländern, die reicher werden und deren Produktivität steigt, werten sich real auf.

Die Grundüberlegungen zu dem Theorem wurden bereits von dem britischen Ökonomen Roy Harrod im Jahr 1933 aufgestellt. Manchmal ist deshalb vom Harrod-Balassa-Samuelson-Effekt die Rede.
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Wer handelt Flitterwochen?

Dreh- und Angelpunkt der Theorie der beiden Ökonomen ist die Unterscheidung zwischen sogenannten handelbaren und nicht-handelbaren Gütern. Eine Sache ist es, den Preis von Kaffee (Kaffee 131.705 0.04%), Stahl oder von Personenwagen international miteinander zu vergleichen und dann das günstigste Produkt zu erwerben. Sie stehen international in Konkurrenz zueinander und werden über die Grenzen hinweg ver- und gekauft. Etwas ganz anderes sind nicht-handelbare Güter. «Ich kann weder günstige italienische Coiffeur-Dienste importieren, noch lassen sich Flitterwochen an den Niagara-Fällen ins Ausland exportieren», formulierte Samuelson pointiert.

Normalerweise – so sieht es die Theorie der Kaufkraftparitäten vor – sollten sich die unterschiedlichen Preisniveaus international angleichen. Aber dieser Anpassungsprozess findet in der Praxis nur zwischen Gütern statt, die international auch gehandelt werden. Nicht jedoch für nicht-handelbare Güter und Dienstleistungen. Ihre Preise bleiben in den weniger entwickelten Ländern tiefer, da die Löhne niedriger sind und weil sie von ausländischer Konkurrenz geschützt sind. Deshalb seien die Währungen von Entwicklungsländern auch real dauerhaft unterbewertet, argumentierte Balassa. Die Lehre spricht hier vom sogenannten Balassa-Effekt.

Was geschieht jedoch, wenn sich Länder technologisch einander angleichen, wie es Samuelson in seinem Vortrag den USA in Aussicht stellte? Dann steigt in einem Land mit Produktivitätsrückstand die Produktivität. Die Ertragslage verbessert sich. Bei handelbaren Gütern, also vor allem in der Industrie, sollten daraufhin die Preise sinken. Aber das passiert nicht, weil sie sich am Weltmarktniveau ausrichten. So entsteht Spielraum, um höhere Löhne zu zahlen. Da die Produktivität ebenfalls steigt, bleiben die Lohnstückkosten allerdings stabil. Soweit der Effekt bei den handelbaren Güter.

Ende gut alles gut

Die steigenden Löhne wecken aber auch Lohnforderungen im Sektor der nicht-handelbaren Waren und Dienstleistungen. Dort übersteigen die Lohnerhöhungen allerdings die nur sehr geringen Produktivitätsverbesserungen. Die Lohnstückkosten in diesen Branchen schiessen in die Höhe und folglich nimmt die Inflation in dem entsprechenden Land zu.

Genau das sagten Wyplosz und Halpern auch für die Erweiterung Eurolands voraus. Die Analyse traf auf grosse Resonanz. Die öffentliche Debatte schlug um. Experten forderten, das Maastrichter Inflationskriterium vorübergehend zu lockern, andernfalls drohe das Schlimmste. Die Deutsche Bundesbank und andere lehnten dies ab. Sie  fürchteten eine Aufweichung der Euro-Stabilitätskriterien durch die Hintertür. Am Ende vollzog sich die «Ost»-Erweiterung der Währungs­union nur tröpfchenweise. zoomSlowenien trat 2005 bei, Malta und Zypern 2007. Die grossen Staaten blieben ihr bis heute fern. Und der gefürchtete Inflationsschub im Euroraum? Er stellte sich nicht ein.

Heute dient das Theorem vor allem dazu, um langfristige Abweichungen des Wechselkurses eines Landes von seinem gemäss Kaufkraftparität korrekten Kurs zu erklären. Die Überlegungen, die sich hinter dem Effekt verbergen, sind plausibel. Gleichwohl erklärt das Theorem nur einen Aspekt unter mehreren, der zu Auf- und Abwertungen führen kann. Man denke nur an internationale Kapitalbewegungen oder an die Politik von Notenbanken.

Realer WechselkursDie Grafik zeigt, wie der Balassa-Samuelson-Effekt in der Praxis wirkt. Die Währungen der mittel-und osteuropäischen Staaten werteten sich auf ihrem Weg in die EU, der mit ungleichen Produktivitätsverbesserungen in den einzelnen Branchen verbunden war, real massiv auf. Ganz so, wie das Theorem es voraussagt.

Aber wie soll man sich einen realen Wechselkurs vorstellen? Anders als der nominale, mit dem wir es täglich zu tun haben und der einfach den relativen Preis zweier Währungen ausdrückt, enthält der reale Wechselkurs auch die Inflationsunterschiede. Es handelt sich um den relativen Preis zwischen den Währungskörben in zwei Währungsräumen. Steigen z. B. die Preise in Polen mehr als im Euroraum, entspricht das einer realen Aufwertung des Zlotys zum Euro. Sie verschlechtert Polens Wettbewerbsfähigkeit. Tatsächlich ist die abgebildete reale Aufwertung in den mittel- und osteuropäischen Ländern der hohen Inflation zuzuschreiben. Nominal werteten sich damals alle Währungen ab.
Béla Balassa
(*6. April 1928 in Budapest, †10. Mai 1991 in Washington D.C.)
Béla Balassa wuchs in Ungarn auf und studierte an der Universität Budapest. Aber die Folgen des Kalten Kriegs sorgten dafür, dass er seinen Lebensschwerpunkt in den USA fand. Wie Tausende andere Landsleute flüchtete er 1956, als die Sowjetunion den ungarischen Aufstand niederschlug und das Land besetzte. 1957 wurde er Privatdozent an der angesehenen Rockefeller Foundation. Später promovierte er an der Yale-Universität, wo er bis 1966 auch als Assistenzprofessor tätig war. Im Jahr darauf stiess er zur Wirtschaftsfakultät der Johns Hopkins-Universität, der er als ordentlicher Professor bis zu seiner Emeritierung angehörte.

Balassas Kerngebiet war die Entwicklungsökonomie. Er beriet die Weltbank wie auch den Internationalen Währungsfonds und galt als einer ihrer profundesten Kenner. Seine Forschung zur Kaufkraftparität beeinflusste massgeblich die Methodik, mit der die Behörden ihre international vergleichenden Datenreihen bis heute berechnen. Der nach ihm benannte Balassa-Index, mit dem die komparativen Kostenvorteile von Ländern kalkuliert werden, findet noch heute Anwendung. Balassa fiel im Alter von 63 Jahren einer Krebserkrankung zum Opfer.
Paul Samuelson
(*15. Mai 1915 in Gary, IN, †13. Dezember 2009 in Belmont, Mass.)
Paul Anthony Samuelson gilt für viele als der Vater der amerikanischen Nationalökonomie. Das hängt zum einen damit zusammen, dass sein erstmals 1948 publiziertes Lehrbuch «Einführung in die Volkswirtschaftslehre» ununterbrochen neu aufgelegt wurde und mit inzwischen mehr als 1000 Seiten zum obligatorischen Standardwälzer für jeden Ökonomiestudenten wurde.

Zum anderen, weil seine Arbeit den Bogen über die wichtigsten ökonomischen Schulen spannte, die im 20. Jahrhundert gelehrt wurden: Neoklassik und Keynesianismus. Sein Verdienst, «eine statische und dynamische ökonomische Theorie entwickelt» zu haben, wurde 1970 mit dem kurz zuvor ins Leben gerufenen Ökonomie-Nobelpreis belohnt – den er als erster Amerikaner erhalten hatte. Samuelsons Laufbahn ist eng mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) verbunden, wo er seit seinem 25. Lebensjahr als Professor lehrte. Samuelson beriet mehrere Präsidenten.

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