Märkte / Makro 18:13 - 14.03.2017

Der Countdown für den Brexit läuft

Bis in zwei Wochen will Grossbritannien offiziell den Austritt aus der Europäischen Union erklären. Derweil sorgt Schottland für ein Störfeuer.
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zum Stichwort
Basispunkt
Entspricht 0,01 Prozentpunkten oder einem Tick. Messgrösse für die Veränderung von Obligationenkursen und -renditen.
Budget
Geplante künftige Einnahmen und Ausgaben während eines bestimmten Zeitraums (Finanzbudget). Bei einem Erfolgsbudget werden die geplanten künftigen Kosten und Erlöse bzw. der geplante Aufwand und Ertrag einander gegenübergestellt.
EU
Supranationale Organisation (früher Europäische Gemeinschaft), in der 27 europäische Staaten zusammengeschlossen sind. Pfeiler ist die wirtschaftliche Integration. Die wichtigsten Errungenschaften sind der Binnenmarkt und der Euro .
Inflation
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Inflationsrate
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Kurs
Börsen- oder Marktpreis von Wertpapieren , Devisen , Münzen oder Waren. Der Kurs schwankt je nach Angebot und Nachfrage.
Renditedifferenz
1. Differenz zwischen lang- und kurzfristigen Zinsen. Die Renditedifferenz ist die vereinfachte Form der Zinskurve . 2. Risikoaufschlag, den die Obligationen einer bestimmten Schuldnerkategorie oder eines einzelnen Schuldners im Vergleich zu einer Benchmark , z. B. der Rendite von Staatsanleihen oder dem Swapsatz, aufweisen (vgl. Risikoprämie ).
Research
Systematische Wertpapierbeurteilung als Grundlage für die Anlagepolitik. Sie gliedert sich in die Fundamentalanalyse und die technische Analyse .
Staatsanleihe
Anleihe , die von einem Staat zur Deckung seines Finanzierungsbedarfs im In- oder Ausland emittiert wird. Die Renditen der Staatsanleihen dienen als Benchmark für andere Emittenten desselben Staates. Die Schweiz begibt im Unterschied zu anderen Ländern keine Anleihen der Eidgenossenschaft im Ausland.
Valuta
1. Datum, an dem der Kunde für den Wertpapierkauf zahlen muss bzw. für einen Verkauf den Erlös erhält (vgl. Liberierung ). 2. Allgemein für Fremdwährung.

Noch zögert Theresa May, den Startknopf für den Brexit-Prozess zu drücken. Noch am Wochenende war spekuliert worden, dass die britische Premierministerin am Dienstag das offizielle Scheidungsschreiben nach Brüssel schicken könnte. Doch May beschränkte sich bei ihrem Auftritt vor dem Parlament darauf, die Abgeordneten wie vorgesehen über das kürzliche Gipfeltreffen der Europäischen Union (EU) zu informieren. Sie liess nur durchblicken, dass die Regierung weiterhin am Fahrplan festhalte, den europäischen Abschied bis Ende dieses Monats bekanntzugeben.

Dabei hatten zu Wochenbeginn sowohl das Unter- wie das Oberhaus das Brexit-Gesetz trotz anfänglicher Gegenwehr in einem Kraftakt durchgeboxt, am Dienstagmorgen gab auch Königin Elizabeth II. ihre formale Zustimmung. Erst wenn der Brief bei der EU eintrifft, beginnt die zweijährige Frist, innerhalb der die Austrittsverhandlungen erledigt sein müssen.

Indyref2 als Gefahr

Möglicherweise hielt sich May auch deshalb zurück, weil sie innenpolitisch seit dieser Woche stärker denn je unter Druck steht. Vor allem Schottland zeigt sich mit dem bisherigen Verlauf der Brexit-Gespräche unzufrieden, es fühlt sich gar übergangen. Die schottische Erste Ministerin Nicola Sturgeon hat deshalb expliziter denn je ein zweites Unabhängigkeitsreferendum gefordert. Eine Abspaltung von Grossbritannien würde Schottland ermöglichen, Teil der EU zu bleiben.

Dieses Indyref2, wie es genannt wird, soll nach Ansicht von Sturgeon noch vor dem Abschluss der Brexit-Verhandlungen im Frühling 2019 über die Bühne gehen. Die Schotten hatten bereits 2014 die Gelegenheit, über die Unabhängigkeitsfrage abzustimmen. Damals lehnten 55% der Stimmenden dieses Ansinnen ab. «Sorgen über den ökonomischen Zustand Schottlands hatten damals zum Nein geführt. Diese sind auch heute nicht aus der Welt geräumt», kommentiert UBS-Ökonom Dean Turner.

Zudem müsste May ihre Zustimmung geben, um eine Neuauflage des Unabhängigkeitsreferendums durchzuführen. «Theresa May wird sich hüten, inmitten einer Scheidung eine mögliche weitere Trennung in Kauf zu nehmen», schreiben die Analysten von ING (INGA 14.03 0.79%) Research.

Dennoch: Die schottische Offensive dürfte vor allem die ohnehin nicht einfache Verhandlungsposition von May gegenüber der EU zusätzlich schwächen.

Pfund mit Abwärtspotenzial

zoomAls Reaktion auf die wachsenden Unsicherheiten in Grossbritannien hat sich das Pfund Sterling in den vergangenen Tagen wieder deutlich abgeschwächt. Erstmals seit Januar notiert die britische Valuta gegenüber dem Dollar unter der Marke von 1.22 $. Immer mehr schwindet die Erwartung der Marktexperten, dass sich das Pfund wieder aufwerten könnte, sobald die Austrittsverhandlungen starten. «Die Währung kann gut und gerne nochmals 5 bis 10% fallen», sagt Alberto Gallo, Makrostrategie-Experte bei Algebris.

zoomDies würde zu einem weiteren Preisschub führen. Denn Grossbritannien importiert rund die Hälfte der Güter des täglichen Bedarfs. In den vergangenen Monaten hat die Inflation wegen der Pfundschwäche bereits deutlich angezogen. Für dieses Jahr wird eine Inflationsrate von bis zu 4% erwartet. Möglicherweise dürfte diese gar noch höher klettern. «In den Köpfen der Leute ist die Inflation noch nicht angekommen», sagt Gallo. Tatsächlich sind in den britischen Pubs weder der bevorstehende Brexit noch Inflation ein grosses Thema. Zuletzt erhitzte vielmehr das vor Wochenfrist von Schatzkanzler Phillip Hammond vorgestellte Budget die Gemüter. Vor allem die erneut steigende Grundsteuer für Geschäfte dürfte das Pub-Sterben fortsetzen lassen. Allein seit der Finanzkrise ist die Zahl der Pubs landesweit 15% gesunken.

Differenz weitet sich aus

zoomDas Spring Budget hat nicht nur auf die Stimmung der Bevölkerung, sondern auch auf die Kurse der zehnjährigen Gilts, wie die Staatsanleihen genannt werden, gedrückt. Trotzdem befinden sich die Renditen nahe des Rekordtiefs, während sich jene von amerikanischen und deutschen Staatsanleihen von ihren Tiefpunkten deutlich entfernt haben.

Trotz der Ankündigung von Hammond, mehr neue Staatsanleihen auszugeben, als vom Markt erwartet worden war, ist die Renditedifferenz zwischen britischen und amerikanischen Staatsanleihen auf 130 Basispunkte (1,3 Prozentpunkte), die grösste Differenz seit 25 Jahren gestiegen. Unterstützt wurde der Renditeanstieg von den weiterhin stabilen Wachstumsraten der britischen Wirtschaft.