Märkte / Makro 10:38 - 26.08.2014

Der Franken strebt gegen den Mindestkurs

Hält der Abwärtstrend an, muss die Nationalbank bald intervenieren. Hauptursache für den starken Franken sind die Konjunkturschwäche und die geringe Inflation in Europa.
NEU Per E-Mail-Abo Unternehmen folgen*
Aktie
Wertpapier , das einen Anteil am Kapital einer Aktiengesellschaft verkörpert. Es sichert dem Eigentümer Mitgliedschaftsrechte (Stimm- und Wahlrecht an der Generalversammlung) und Vermögensrechte (Recht auf Anteil am Gewinn, Beteiligungsquote bei Kapitalerhöhungen oder am Liquidationsergebnis) zu.
Deflation
Breit angelegter Rückgang des Preisniveaus in einer Volkswirtschaft , nicht nur in einzelnen Branchen (z. B. Informatik). In der Regel geht sie mit einer Rezession einher, weil es sich lohnt, Geld zu horten, statt zu investieren und zu konsumieren, da Güter und Dienstleitungen laufend günstiger werden und der Realzins unattraktiv hoch ist.
Devisen
Auf ausländische Währung lautende und im Ausland zahlbare Geldforderungen, insbesondere Bankguthaben, Checks und Wechsel. Allgemein auch ein Sammelbegriff für ausländische Währungen.
EZB
Zentralbank der EWU-Länder . Sie entscheidet über die Geldpolitik. Die Geld- und Währungspolitik wird zusammen mit den nationalen Zentralbanken (Europäisches System der Zentralbanken ) umgesetzt. Der wichtigste Leitzins der EZB ist der Mindestbietungssatz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte .
Eurozone
Von elf Staaten der Europäischen Union per 1. Januar 1999 realisierter Zusammenschluss (seit 2001 auch Griechenland, seit 2007 Slowenien, seit 2008 Malta und Zypern). Die Teilnehmer haben die geldpolitische Kompetenz der EZB übertragen. Die nationalen Währungen wurden gegeneinander (Wechselkursverhältnisse) und gegenüber der Einheitswährung Euro fixiert.
Geldpolitik
Massnahmen, mit denen die Zentralbanken die Zinsen am Geldmarkt (Leitzinsen ) und damit die Geldversorgung eines Landes oder Währungsraums steuern. Die meisten Zentralbanken, so auch die Schweizerische Nationalbank , sind bestrebt, die Preise stabil zu halten (vgl. Inflation , Deflation ) und der Wirtschaft Wachstum zu ermöglichen (vgl. quantitative Lockerung ).
Inflation
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Inflationserwartung
Entscheidende Grösse für die geldpolitische Lagebeurteilung durch Zentralbanken sowie für die Marktrendite von (Staats-)Anleihen . Nicht die gegenwärtige Inflationsrate beeinflusst das Handeln von Verbrauchern und Investoren, sondern deren Meinung, wie sich die Teuerung in Zukunft entwickeln wird. Inflationserwartungen lassen sich jedoch nur annäherungsweise bestimmen, u. a. anhand von Prognosen und der Renditedifferenz zwischen nominellen und inflationsgeschützten Anleihen gleicher Laufzeit (sogenannte Break-even-Inflationsrate).
Kurs
Börsen- oder Marktpreis von Wertpapieren , Devisen , Münzen oder Waren. Der Kurs schwankt je nach Angebot und Nachfrage.
Liquidität
1. Fähigkeit eines Unternehmens zur fristgerechten Erfüllung der Zahlungsverpflichtungen. Als Liquiditätskennzahlen gebräuchlich sind die Cash Ratio, die in Prozenten ausdrückt, wie viel des kurzfristigen Fremdkapitals durch liquide Mittel gedeckt ist, die Quick Ratio, die zeigt, wie viel des kurzfristigen Fremdkapitals durch liquide Mittel und Forderungen gedeckt ist, und die Current Ratio. Letztere setzt alle Aktiven des Umlaufvermögens ins Verhältnis zum kurzfristigen Fremdkapital. 2. Hohe Marktgängigkeit eines Wertpapiers, die auf der Vielzahl der im Umlauf befindlichen Titel und einer engen Geld-Brief-Spanne gründet.
Notenbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .
Option
Das Recht – nicht aber die Pflicht –, innerhalb einer bestimmten Zeit (Laufzeit ) eine feste Menge eines bestimmten Basiswerts zu einem im Voraus fixierten Ausübungspreis zu kaufen (Call ) oder zu verkaufen (Put ). Für dieses Recht zahlt der Optionär dem Verkäufer der Option eine Optionsprämie . Optionen können individuell zwischen den Parteien (OTC-Option ), in einem Warrant verbrieft oder an Terminbörsen gehandelt werden.
SNB
1907 gegründete Notenbank der Schweiz. Ihr Auftrag gemäss Nationalbankgesetz NBG ist, eine dem Gesamtinteresse des Landes dienliche Geldpolitik zu betreiben und insbesondere die Preisstabilität zu bewahren. Ausserdem hat sie zur Stabilität des Finanzsystems beizutragen. Die SNB versorgt den Geldmarkt und damit das Finanzsystem über Repogeschäfte mit Liquidität, gewährleistet die Bargeldversorgung, verwaltet die Währungsreserven , vertritt die Schweiz zusammen mit dem Bund im IWF sowie in der Weltbank und fungiert als Hausbank der Eidgenossenschaft. Die SNB ist als spezialgesetzliche AG organisiert und an der SIX kotiert. Die Kantone halten die Mehrheit der Aktien , die Rechte der wenigen Privataktionäre werden auch vom NBG stark beschnitten, das z. B. die Höhe der Dividende limitiert. Organe der SNB sind der elfköpfige Bankrat als eine Art VR , das für die Geldpolitik verantwortliche ausführende dreiköpfige Direktorium als Geschäftsleitung , die GV und die Revisionsstelle .
Staatsanleihe
Anleihe , die von einem Staat zur Deckung seines Finanzierungsbedarfs im In- oder Ausland emittiert wird. Die Renditen der Staatsanleihen dienen als Benchmark für andere Emittenten desselben Staates. Die Schweiz begibt im Unterschied zu anderen Ländern keine Anleihen der Eidgenossenschaft im Ausland.
Wechselkurs
Gibt an, in welchem Verhältnis die Währung eines Landes gegen die Währung eines anderen Landes gewechselt werden kann (vgl. effektiver Wechselkurs ).
Zentralbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .

Der Franken-Euro-Wechselkurs bewegt sich seit Anfang August stetig abwärts, die Untergrenze der Schweizerischen Nationalbank (SNB) kommt in Sichtweite. Am 5. August handelte das Währungspaar auf 1.2177 Fr./€, am Dienstag kostete 1 € bloss noch 1.2077 Fr.

Ein Rappen in einem Monat ist zwar keine riesige Differenz und für Exporteure oder Investoren kaum relevant. Mit Blick auf den Mindestkurs ist die Entwicklung gleichwohl wichtig.

Sicherer Hafen und schwacher Euro

zoomAbwärtsdruck komme von der Schwäche des Euros und von geopolitischen Spannungen, sagt Devisenstratege Constantin Bolz von der UBS. Seit der Krimkrise sei der Franken vermehrt als sicherer Hafen gefragt. Anfang März war der Kurs erstmals seit längerem auf 1.21 Fr./€ gesunken.

Die politischen Anspannungen seien weniger ausschlaggebend, wägt Devisenanalyst Marcus Hettinger von Credit Suisse ab. Der Wechselkurs sei auch in Phasen gefallen, in denen die Aktienmärkte dank einer Entspannung avanciert seien. Hauptgrund sei die lockere Geldpolitik in der Eurozone. Die Abwärtsbewegung des Wechselkurses sei kein Franken-, sondern ein Europhänomen.

Die Wirtschaftserholung gerät aus den Fugen

Die Gemeinschaftswährung sei schwächer geworden wegen Verlautbarungen der Europäischen Zentralbank (EZB) in Kombination mit unerfreulichen Wirtschaftsdaten aus der Währungsunion, erläutert Bolz. So sei die Inflation tiefer gefallen als von der EZB prognostiziert, zudem seien die Inflationserwartungen im Markt gesunken. Aus der Wirtschaft kämen schwächere Umfragewerte von Unternehmen, gemäss Einkaufsmanagerindizes und in Deutschland auch mit dem Ifo-Index. Bolz folgert: «Es gibt einige Punkte, die darauf hinweisen, dass die Wirtschaftserholung in Europa aus den Fugen geraten könnte.»

Der Zinsvorteil des Euros sei fast völlig erodiert, führt Hettinger aus. Deshalb komme er gegenüber allen Währungen unter Druck. Besonders gut sichtbar ist das gemäss Bolz anhand fünfjähriger Staatsanleihen aus der Schweiz und Deutschland. Anfang Jahr rentierte der fünfjährige «Eidgenosse» 0,21% und die deutsche Bundesanleihe 0,94%, die Differenz betrug somit 0,73 Prozentpunkte. Jetzt belaufen sich die Renditen der beiden Papiere auf 0,11 respektive 0,18%, der Unterschied ist bloss noch 0,07 Prozentpunkte. Dadurch hat der Euro gegenüber dem Franken an Attraktivität verloren, das drückt den Wechselkurs nach unten.

Muss die EZB die erwartete Inflation anheben?

Nun habe EZB-Präsident Mario Draghi an der Notenbankkonferenz in Jackson Hole am Wochenende erstmals öffentlich anerkannt, dass die Inflationserwartungen deutlich gefallen sind, sagt Bolz. Davor hatte Draghi jeweils erklärt, die Erwartungen seien im Markt «fest verankert». Die EZB will bislang Liquidität in den Markt bringen, um die Wirtschaft anzukurbeln, aber nicht Deflationserwartungen parieren. Am Wochenende betonte Draghi, die EZB sei bereit, falls nötig mehr zu tun. Eine noch expansivere Geldpolitik würde den Euro schwächen.

«Jetzt rechnen die Finanzmärkte mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine quantitative Lockerung», erklärt Bolz. UBS erwartet im Hauptszenario allerdings nicht, dass die EZB Staatsanleihen ankaufen wird. Credit Suisse geht davon aus, dass die EZB abwarten wird, wie sich die im kommenden September aktivierte Liquiditätsspritze TLTRO auswirkt. Als nächster Anhaltspunkt zur Inflation bietet sich am kommenden Freitag der Konsumentenpreisindex für Euroland. Einen Zinsentscheid fällt die EZB am 4. September.

Kein spekulativer Angriff

Stark unter Druck kam der Wechselkurs im Sommer 2012, als Investoren befürchteten, die Eurozone könnte kollabieren. Damals wetteten spekulative Anleger mit Optionen auf einen Bruch der SNB-Untergrenze. Diese hielt stand, und die Spekulanten verloren den Wetteinsatz. Wie sieht das derzeit aus? Bolz: «Spekulative Investoren, die vor zwei Jahren gegen die SNB wetteten und sich die Finger verbrannten, werden das wohl nicht gleich nochmals versuchen wollen.»

Hettinger ortet eine seit mehreren Monaten bestehende, schleichende Euroschwäche. Ab Juni mit der weiteren Lockerung der Geldpolitik der EZB sei der Wechselkurs dann graduell gefallen. Hauptursache sei die abnehmende Zinsdifferenz.

Trotz der scheinbar zielstrebigen Abwärtsbewegung des Wechselkurses resümiert Bolz: «Wir machen uns keine Sorgen». Der Franken-Euro stehe wegen geopolitischer Spannungen und der schwierigen Wirtschaftslage in Europa unter Druck, doch falls nötig «verhindert die SNB, dass der Mindestkurs unterschritten wird. Wir haben vollstes Vertrauen in die Nationalbank, dass sie dies auch schaffen wird.»

Mehr zum Thema

15.08.14Makro

SNB-Chef Jordan setzt auf China

31.07.14Kommentare

Den Devisenberg diversifizieren

30.05.14Devisen

EZB und SNB im Währungs-Clinch

lock-status
22.05.14Devisen

Druck auf den Franken

lock-status

Meistgelesene Artikel

02.12.16Makro

Zwanzig Jahre irrationaler Überschwang

lock-status
02.12.16Kommentare

Nichts gelernt

02.12.16Schweiz

Meyer Burger erhält eine dritte Chance

lock-status
02.12.16Gesundheit

J&J wäre ein guter Käufer von Actelion

lock-status
02.12.16Praktikus

Der Praktikus vom 3. Dezember

lock-status