Märkte / Rohstoffe 19:24 - 16.04.13

«Der Goldmarkt ist nun gesünder»

Philippe Béguelin und Gregor Mast
Der Investmentstratege Dylan Grice weiss nicht, weshalb der Goldpreis eingebrochen ist, und empfiehlt Anlegern im Gespräch mit FuW das Edelmetall wegen seiner Beständigkeit.
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zum Stichwort
Aktie
Wertpapier , das einen Anteil am Kapital einer Aktiengesellschaft verkörpert. Es sichert dem Eigentümer Mitgliedschaftsrechte (Stimm- und Wahlrecht an der Generalversammlung) und Vermögensrechte (Recht auf Anteil am Gewinn, Beteiligungsquote bei Kapitalerhöhungen oder am Liquidationsergebnis) zu.
Anleihe
Fremdmittelaufnahme am Kapitalmarkt . Anleihen können fix oder variabel verzinst werden. Die als Wertpapier ausgestalteten und somit handelbaren Bruchteile einer Anleihe werden Obligationen oder Bonds genannt.
Börse
Regelmässig stattfindender, nach feststehenden Usanzen organisierter Markt. Je nach den gehandelten Gütern spricht man z. B. von Wertpapier-, Effekten-, Devisen-, Warenbörsen oder Börsen für derivative Instrumente (Terminbörsen ).
Eurozone
Von elf Staaten der Europäischen Union per 1. Januar 1999 realisierter Zusammenschluss (seit 2001 auch Griechenland, seit 2007 Slowenien, seit 2008 Malta und Zypern). Die Teilnehmer haben die geldpolitische Kompetenz der EZB übertragen. Die nationalen Währungen wurden gegeneinander (Wechselkursverhältnisse) und gegenüber der Einheitswährung Euro fixiert.
Hausse
Längere Zeit anhaltende Kurssteigerungen an der Börse, auch Bull Market genannt. Gegenteil: Baisse .
Haussier
Anleger, der eine Hausse erwartet (Stier). Gegenteil: Baissier (Bär, Bear).
Inflation
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Korrelation
Statistisches Mass, das den linearen Zusammenhang zwischen zwei Zahlenreihen (beispielsweise der Performance einer Aktie und des Marktes) misst. Definitionsgemäss bewegt sich die Korrelation zwischen +1 und –1. Ein Wert von +1 (–1) bedeutet, dass sich Index und Aktie gleichgerichtet (entgegengesetzt) bewegen. Hedge Funds versuchen, zu Aktien und Obligationen wenig korrelierte Renditen zu erzielen. Kann auch als Basiswert für Korrelationsprodukte verwendet werden.
Kurs
Börsen- oder Marktpreis von Wertpapieren , Devisen , Münzen oder Waren. Der Kurs schwankt je nach Angebot und Nachfrage.
Notenbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .
Obligation
Als Wertpapier ausgestalteter und somit handelbarer Bruchteil (Stückelung ) einer Anleihe .
Real
1. Gibt den inflationsbereinigten Wert an. Gegenteil: nominal. 2. Name der brasilianischen Währung.
Realzins
Nominalzins abzüglich der Inflationserwartung . Der Realzins drückt somit den um den Kaufkraftverlust adjustierten Zinsertrag beziehungsweise die adjustierte Zinsschuld aus.
Unze
Handelsübliche Masseinheit für Edelmetalle. Sie entspricht 31,1035 Gramm.
 

Gold (Gold 1275.84 -1.11%) ist in den letzten Tagen viel günstiger geworden, der Preis ist kollabiert. Ein solcher Einbruch sei unerfreulich, aber kein Grund zur Besorgnis, sagt der Investmentstratege Dylan Grice. Er empfiehlt Anlegern, weiterhin Gold zu halten.

Zur PersonDylan Grice arbeitet seit Kurzem für die Investmentgesellschaft Edelweiss Holdings in Zürich. Zuvor waren Dylan Grice und sein Kollege Albert Edwards «alternative» Chefstrategen der Société Générale – alternativ, weil ihre Meinung sich nicht mit der offiziellen Strategie der französischen Grossbank decken musste. Grice stiess im Herbst 2009 von Dresdner Kleinwort zu Société Générale. Er belegt regelmässig erste Plätze der Extel Surveys, die die besten Analysten und Analystenteams auszeichnen. Grice schrieb wöchentlich die viel beachteten «Popular Delusions», nun publiziert er Analysen im «Edelweiss Journal». Seine Thesen werden weltweit von den renommiertesten Wirtschaftszeitschriften aufgegriffen und zitiert. (BEG)Herr Grice, weshalb ist der Goldpreis plötzlich so schnell gefallen?
Dazu gibt es viele Meinungen, sie reichen von Verschwörungstheorien bis zu zyk­lischen oder charttechnischen Ursachen. Ich habe keine Ahnung. Und ich kenne niemanden, der das wirklich weiss. Viele Leute glauben zwar, den Grund zu kennen, aber das ist nicht das gleiche.

Haben Sie zumindest eine Vermutung?
Wir wissen immer noch nicht, was den Crash am Aktienmarkt im Jahr 1987 ver­ursacht hat, und wir werden es wohl nie ­herausfinden. Das gleiche gilt für den ­Einbruch am Goldmarkt in den vergan­genen Tagen. Die Ursache zu kennen, wäre schön, ist jedoch nicht so wichtig.

Was sagt uns der fallende Goldpreis?
Jede Hausse, und besonders eine grosse, hat Korrekturen, und oft sind diese heftig. Im Goldmarkt gab es Mitte der Siebzigerjahre einen Einbruch, der Preis fiel mehr als 40%. Das war schmerzhaft, und viele Leute schrieben damals Gold ab – es fühlte sich wohl an wie das Ende der Hausse. Doch sie ging weiter, der Einbruch war eine gesunde Korrektur. 1987 fielen Aktien in einem Tag 25%, auch das bedeutete nicht das Ende der Hausse. 1994 brach der Anleihenmarkt ein und 1997 die asiatischen Märkte, doch in beiden Fällen setzte sich die Hausse fort.

Lässt sich das direkt auf den Goldmarkt übertragen?
Der Kollaps muss nicht bedeuten, dass die Hausse vorbei ist. Sie könnte zwar zu Ende sein, aber ich denke nicht. Und in Anbetracht des grossen Ganzen hat ein solcher Einbruch keine Bedeutung, auch wenn er heftig und natürlich unerfreulich ist. Es gibt gute Gründe, Gold zu besitzen. Und um Gold zu kaufen, gibt es jetzt einen Grund mehr als vor einer Woche: Es ist 13% günstiger.

Ist das also eine gute Kaufgelegenheit, oder kommen nicht doch Zweifel auf an der Hausse?
Ich habe keine Ahnung, ob der Goldpreis in den kommenden Monaten steigt oder fällt. Aber Gold hat Bestand. Der Marktstratege Marc Faber argumentiert, der Aktienkurs von Apple (AAPL 100.5975 0.03%) sei viel mehr gefallen als Gold. Aber was wird mit Apple sein in zehn oder hundert Jahren? Das weiss ­niemand, und das gilt für alle Unternehmen und für die meisten Währungen. Wir wissen nur: Ein Barren Gold ist auch in hundert Jahren noch ein Barren Gold. Zur Zeit der Römer liess sich mit einer Unze Gold eine anständige Toga und eine Mahlzeit bezahlen, das gilt auch heute noch.

Der Goldpreis schwankt aber heftig.
Ja, wir haben gerade eine spektakuläre Fluktuation gesehen. Aber der Besitz von Gold bringt Dauerhaftigkeit mit sich. Das macht Gold als Investment sehr attraktiv.

Unstetigkeit passt nicht zu einem beständigen Investment.
Gold ist zwölf Jahre lang in einer geraden Linie gestiegen, das ist äusserst ungewöhnlich. Da braucht es ein Gesundschrumpfen, eine gewisse Liquidation. Das ist nicht unnatürlich. Zwar ist dieser grösste Preiseinbruch der vergangenen dreissig Jahre ungewöhnlich, anderseits gibt es solche ungewöhnlichen Vorkommnisse recht häufig. Eine Korrektur war überfällig. Nun ist der Goldmarkt gesünder geworden.

Wird Gold nun weniger gefragt sein?
Die Stimmung an den Finanzmärkten hat sich verändert. Investoren sind zuversichtlicher geworden, dass das Schlimmste vorüber ist und alles in Ordnung kommt: Europa habe seine Probleme grundsätzlich gelöst, die USA seien auf Kurs, und China schlage sich gut. Ich hatte prognostiziert, China werde ein schwieriges Jahr 2012 haben, doch hat sich das nicht materialisiert. Das alles sorgt für Optimismus. Wer Gold gekauft hatte aus Furcht, höhere Inflation stehe unmittelbar bevor, sieht jetzt womöglich keine Teuerungsgefahr mehr und ein Ende des Goldpreissteigerung. Weshalb sollte er Gold behalten?

Ist die Inflationsgefahr gebannt?
Ich war für Gold nie deshalb ein Haussier, weil ich annahm, höhere Inflation stehe unmittelbar bevor. Inflation bildet sich langsam und ist ein langfristiges Problem. Sie nimmt nicht plötzlich zu – solche ­Befürchtungen habe ich nie verstanden. Doch wer sie hegte und somit Gold aus einem falschen Grund erwarb, verkauft es nun womöglich. Wer es behält, gehört zu einem stabileren Investorenkreis.

Hat sich die Stimmung an den Börsen nicht zu Recht aufgehellt?
Schauen Sie sich um: Staaten und Finanzsysteme sind tief verschuldet, die Zinsen können nicht mehr weiter fallen, die Realzinsen sind negativ, wir leben in einer Welt der finanziellen Repression. Der bestmögliche Ausgang wäre ein sanfter Anstieg der Zinsen in den kommenden Jahren. Dies würde mit negativen Realzinsen einher­gehen, denn das ist der einzige Weg für die Regierungen, ihre Schuldenlast allmählich abzubauen. Im diesem besten Szenario bleiben die Zinsen also längerfristig tief und demzufolge Obligationen und ­Aktien überbewertet. Das ist kein schlechtes Umfeld für Gold.

Wie sehen schlechtere Szenarien aus?
Die Gefahr liegt darin, dass die Notenbanken die Kontrolle verlieren über die Inflation und die Zinsen. Das ist eine tödliche Kombination für den Obligationenmarkt, und auch für Aktien, das zeigte sich in den Siebzigerjahren. Dazu kommen weitere Gefahren: Europa ist eine Zeitbombe. Der Euro sollte Frieden und Wohlstand ­bringen und hat stattdessen eine Spaltung ver­ursacht. China dereguliert das Finanz­system, und die Schulden sind markant gewachsen. Das Land steht heute dort, wo sich die USA vor der Finanzkrise ­befanden. Das ist ein gefährliches Spiel. Auf eine Kreditausweitung folgt früher oder später ein Schuldenabbau. Die Folgen davon ­zeigen sich in den USA, in Spanien, Irland, in der Eurozone – auch politisch und sozial. Das wird in China nicht anders sein.

Gold stieg parallel zur Expansion der Notenbankbilanzen. Gilt das nicht mehr?
Mit solchen Korrelationen bin ich sehr vorsichtig – ich hatte mich als Student ausgiebig mit Ökonometrie befasst. Es lässt sich in der Tat auch eine Korrelation herstellen zwischen dem Regenfall in Schottland und dem Geldangebot in Grossbritannien. Korrelationen bedeuten nicht viel, auch wenn der Zusammenhang zwischen Notenbankbilanz, Furcht vor ­Inflation und Goldpreis einleuchtend ist. Die Furcht kann abflauen, dann bricht die Korrelation auf.

Kaufen Notenbanken in Schwellen­ländern jetzt mehr Gold?
Das weiss ich nicht. Wäre ich Noten­banker, würde ich das sicherlich tun.

Ist Gold kein sicherer Hafen mehr?
Gold schützt nicht gegen einen Crash an den Finanzmärkten, das zeigte sich 2008 deutlich. Wenn viele Investoren gleich­zeitig dringend Bargeld benötigen, verkaufen sie alles, was sie haben, auch Gold. Gold ist dann ein sicherer Hafen, wenn das Vertrauen in eine Währung verloren geht, oder in den Anleihenmarkt. Das geschah ansatzweise in den Siebzigerjahren. Gold war vor dem neusten Crash die richtige Wahl und ist es jetzt erst recht. Ich weiss zwar nicht, wie ich Beständigkeit ­bewerten soll, aber sie ist mir viel wert.

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