Kommentare 16:25 - 25.07.2013

Der Goldpreis wird volatil bleiben

Kenneth Rogoff
«Es ist Unsinn zu behaupten, der Anstieg des Goldpreises sei lediglich eine spekulative Blase gewesen.»
Weder der markante Einbruch des Goldpreises noch die jüngste zeitweilige Erholung ändern etwas an seinen langfristigen Bestimmungsfaktoren. Ein Kommentar von Kenneth Rogoff.
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zum Stichwort
Aktie
Wertpapier , das einen Anteil am Kapital einer Aktiengesellschaft verkörpert. Es sichert dem Eigentümer Mitgliedschaftsrechte (Stimm- und Wahlrecht an der Generalversammlung) und Vermögensrechte (Recht auf Anteil am Gewinn, Beteiligungsquote bei Kapitalerhöhungen oder am Liquidationsergebnis) zu.
Basispunkt
Entspricht 0,01 Prozentpunkten oder einem Tick. Messgrösse für die Veränderung von Obligationenkursen und -renditen.
Devisen
Auf ausländische Währung lautende und im Ausland zahlbare Geldforderungen, insbesondere Bankguthaben, Checks und Wechsel. Allgemein auch ein Sammelbegriff für ausländische Währungen.
Fed
US-Zentralbanksystem, dem die zwölf Federal Reserve Banks angeschlossen sind. An der Spitze steht das Direktorium (Board) in Washington, das auch die Mehrheit im Offenmarktausschuss stellt, in dem über die Geldpolitik entschieden wird.
Finanzanlagen
In dieser Position werden Wertpapierbestände bilanziert, die weder mit der Absicht des Handels noch mit der Absicht der dauernden Anlage gehalten werden. Die Anlagen werden nach dem Niederstwertprinzip bewertet. Eigene Aktien, die nicht dem Handel dienen, sind in den Finanzanlagen bilanziert.
Inflation
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Marktpreis
Börsen- oder Marktpreis von Wertpapieren , Devisen , Münzen oder Waren. Der Kurs schwankt je nach Angebot und Nachfrage.
Spekulation
Tätigkeit, die darauf ausgerichtet ist, aus einer erwarteten Marktveränderung Nutzen zu ziehen. Im engeren Sinne umfasst die Spekulation Geschäfte, bei denen hohe Gewinn- und Verlustrisiken eingegangen werden.
Staatsfonds
Renditeorientierte Bewirtschaftung eines Teils der Währungsreserven von Zentralbanken , meist übertragen an speziell zu diesem Zweck gegründete Staatsfonds, die wiederum häufig Vermögensverwaltungsaufträge an Finanzgesellschaften vergeben.
Unze
Handelsübliche Masseinheit für Edelmetalle. Sie entspricht 31,1035 Gramm.
Zentralbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .

Zur PersonKenneth Rogoff ist Professor für Ökonomie und Public Policy an der Universität ¬Harvard und ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. Der Besitz von Gold (Gold 1243.13 -0.19%) ist eine Form der Versicherung gegen Krieg, den Zusammenbruch des Finanzsystems und eine allumfassende Währungsentwertung. Seit Beginn der globalen Finanzkrise wird der Goldpreis oft auch als Barometer der weltweiten wirtschaftlichen Unsicherheiten bezeichnet. Ist der Einbruch des Goldpreises – von einem Spitzenwert von 1900 $ pro Unze im August 2011 auf weniger als 1250 $ Anfang Juli 2013 – deshalb als Vertrauensbeweis ge­genüber der Weltwirtschaft zu werten?

Die Feststellung, der Goldmarkt weise alle klassischen Anzeichen einer geplatzten Blase auf, ist eine übermässige Vereinfachung. Zweifellos liess der berauschende Goldpreisanstieg, ausgehend von etwa 350 $ pro Unze im Juli 2003, die Anleger in Verzückung geraten. Der Preis stieg jeden Tag, weil alle überzeugt waren, dass er am nächsten Tag noch höher steigen würde. Ärzte und Zahnärzte begannen, Aktien abzustossen und Goldmünzen zu kaufen. In Indien und China stieg die Nachfrage nach Goldschmuck rasant. Die Zentralbanken in den Schwellenländern diversifizierten ihre Portefeuilles, indem sie Dollar verkauften und in Gold investierten.

Steigende Nachfrage

Es gab mehrere starke Argumente für den Goldkauf. Vor zehn Jahren lag der Goldpreis um einiges unter dem langfristigen inflationsbereinigten Durchschnitt, und die Integration von drei Milliarden Bürgern der Schwellenländer in die Weltwirtschaft konnte nur zu einem gigan­tischen langfristigen Anstieg der Goldnachfrage führen.

Dieser Teil der Geschichte gilt im Übrigen immer noch. Die globale Finanzkrise verlieh dem Gold zusätzlichen Reiz, weil man Angst vor einer zweiten Grossen Depression hatte. Danach fürchteten manche Anleger, dass die Regierungen die Inflation steigen lassen würden, um die Last der nach oben schnellenden Staatsschulden loszuwerden und das Problem der ­anhaltenden Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen. Als die Zentralbanken die Zinsen auf null senkten, interessierte es niemanden mehr, dass Gold keine Zinsen abwirft. Es ist daher Unsinn zu behaupten, der Anstieg des Goldpreises sei lediglich eine Blase gewesen. Allerdings trifft es schon auch zu, dass mit dem Anstieg des Goldpreises eine wachsende Zahl naiver Investoren ebenfalls einsteigen wollte.

In letzter Zeit haben sich die Fundamentaldaten natürlich etwas verändert, und der Spekulationsrausch ist noch stärker abgeflaut. Chinas Wirtschaft schwächt sich weiter ab, und Indiens Wachstumsrate hat in den letzten Jahren einen drastischen Rückgang erlebt. Im Gegensatz dazu scheint die US-Wirtschaft trotz der unklugen automatischen Ausgabenkürzungen schrittweise wieder auf die Beine zu kommen. Die weltweiten Zinsen sind um 100 Basispunkte gestiegen, seit das US Federal Reserve (Fed) – ziemlich verfrüht, wie mir scheint – angekündigt hat, dass man die Politik der quantitativen Lockerung auslaufen lassen werde.

Nun, da das Fed seiner Antiinflationshaltung Nachdruck verleiht, ist es schwieriger zu argumentieren, dass Anleger Gold als Absicherung gegen hohe Inflation brauchen. Und nachdem die Ärzte und die Zahnärzte, die vor zwei Jahren Goldmünzen kauften, sie nun verkaufen, ist noch nicht klar, ob die Abwärtsspirale des Goldpreises wirklich ihr Ende ge­funden hat.

Absicherung

Tatsächlich haben sich die Argumente für oder gegen Gold seit 2010 nicht allzu sehr geändert. Im Oktober desselben Jahres befand sich der Preis für Gold – dieser auf Glauben basierenden spekulativen Anlage – auf dem Weg nach oben und hatte gerade erst die Marke von 1300 $ erreicht. Doch das wahre Argument für den Besitz von Gold war damals wie heute nicht spekulativer Natur. Gold ist vielmehr eine ­Absicherung. Wenn Sie ein hochsolventer Anleger oder ein Staatsfonds sind, ist es durchaus sinnvoll, einen kleinen Prozentsatz Ihrer Anlagen zur Absicherung gegen extreme Ereignisse in Gold zu halten.

Sinnvoll kann der Besitz von Gold auch für Menschen der Mittelschicht und arme Haushalte in denjenigen Ländern – beispielsweise in China oder Indien – sein, die den Zugang zu alternativen Finanz­investitionen streng begrenzen. Für die meisten anderen ist Gold ein Glücksspiel unter vielen, dem man sich hingeben kann. Und wie alle Glücksspiele ist auch dieses nicht unbedingt gewinnträchtig.

Der Goldmarkt wird zwangsläufig riskant und volatil bleiben, ausser, die Re­gierungen setzen den Goldpreis fest, wie sie das vor dem Ersten Weltkrieg getan ­haben. In einer im Januar veröffentlichten Studie untersuchen die Ökonomen Claude Erb und Campbell Harvey mehrere mögliche Modelle eines Grundpreises für Gold  und kommen zum Schluss, dass Gold mit diesen Modellen bestenfalls lose in Verbindung steht.

Vielmehr scheint der Goldpreis über ausgedehnte Zeiträume weit über oder weit unter seinem langfristigen Fundamentalwert zu fluktuieren. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich nicht von vielen anderen Finanzanlagen, wie etwa von Devisen oder Aktien, obwohl die Veränderungen des Goldpreises möglicherweise extremere Formen annehmen.

Um zu belegen, dass der langfristige Wert des Goldes über Jahrtausende stabil geblieben ist, zitieren Verfechter dieser Theorie manchmal isolierte historische Daten. So verweist etwa Stephen Harmston in seiner oft zitierten Studie aus dem Jahr 1998 auf überlieferte Beweise, dass man zu Zeiten König Nebukadnezars von Babylon, der im Jahr 562 v. Chr. starb, mit einer Unze Gold 350 Brotlaibe kaufen konnte. Abgesehen davon, dass Brot in Babylon wahrscheinlich gesünder war als die heutigen hoch raffinierten Erzeugnisse, unterscheidet sich der heutige Goldpreis gar nicht so sehr von damals. Heute bekommt man vielleicht 600 Brotlaibe für eine Unze Gold.

Natürlich verfügen wir nicht über jährliche Daten zur Entwicklung des babylonischen Goldpreises. Wir können, unter ­Annahme von Kriegen und anderen Ungewissheiten, nur davon ausgehen, dass der wahre Marktpreis damals – wie auch heute – ziemlichen Schwankungen unterworfen war. Der jüngste Zusammenbruch des Goldpreises hat also die Argumente für Investitionen in Gold in der einen oder anderen Form nicht wirklich verändert. Die Preise könnten gar leicht unter 1000 $ fallen, aber anschliessend auch wieder steigen. Allerdings sollten die Politiker vorsichtig sein, den Einbruch des Goldpreises als Vertrauensbeweis für ihre Arbeit zu deuten.

Copyright: Project Syndicate

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