Märkte / Aktien 11:26 - 09.09.2014

«Der Zyklus in Aktien und im Dollar dreht abwärts»

Charles Nenner analysiert Zeitreihen: An den Aktienmärkten in den USA und Europa dreht ein Zyklus nach dem anderen nach unten, und im Dollar deutet sich ab 2015 ein Kollaps an.
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zum Stichwort
Aktie
Wertpapier , das einen Anteil am Kapital einer Aktiengesellschaft verkörpert. Es sichert dem Eigentümer Mitgliedschaftsrechte (Stimm- und Wahlrecht an der Generalversammlung) und Vermögensrechte (Recht auf Anteil am Gewinn, Beteiligungsquote bei Kapitalerhöhungen oder am Liquidationsergebnis) zu.
Anleihe
Fremdmittelaufnahme am Kapitalmarkt . Anleihen können fix oder variabel verzinst werden. Die als Wertpapier ausgestalteten und somit handelbaren Bruchteile einer Anleihe werden Obligationen oder Bonds genannt.
Baisse
Längere Zeit anhaltender Kurszerfall an der Börse (auch Bear Market genannt). Oft auch dahingehend definiert, dass die Korrektur mindestens 20% betragen und sich im Minimum über zwei Monate erstrecken muss. Gegenteil: Hausse .
Börse
Regelmässig stattfindender, nach feststehenden Usanzen organisierter Markt. Je nach den gehandelten Gütern spricht man z. B. von Wertpapier-, Effekten-, Devisen-, Warenbörsen oder Börsen für derivative Instrumente (Terminbörsen ).
ETF
ETF sind Anlagefonds, die kotiert sind und an der Börse wie Aktien permanent gehandelt werden. Bei den meisten bisher lancierten ETF handelt es sich um Indexfonds, deren Zielsetzung es ist, einen bestimmten Branchen- oder Länderindex (in der Regel Aktien) nachzubilden.
Greenback
Populärer Ausdruck für den amerikanischen Dollar, wegen der grünen Färbung der Banknote.
Hausse
Längere Zeit anhaltende Kurssteigerungen an der Börse, auch Bull Market genannt. Gegenteil: Baisse .
Inflation
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Inflationsrate
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Konjunktur
Oft synonym verwendet für die Lage der Gesamtwirtschaft. Die Forschung betont den zyklischen Verlauf des Wirtschaftswachstums (Aufschwung , Hochkonjunktur, Abschwung, Rezession , Depression). Im Englischen wird deshalb auch von Business Cycle gesprochen.
Konjunkturzyklus
Oft synonym verwendet für die Lage der Gesamtwirtschaft. Die Forschung betont den zyklischen Verlauf des Wirtschaftswachstums (Aufschwung , Hochkonjunktur, Abschwung, Rezession , Depression). Im Englischen wird deshalb auch von Business Cycle gesprochen.
Kurs
Börsen- oder Marktpreis von Wertpapieren , Devisen , Münzen oder Waren. Der Kurs schwankt je nach Angebot und Nachfrage.
Liquidität
1. Fähigkeit eines Unternehmens zur fristgerechten Erfüllung der Zahlungsverpflichtungen. Als Liquiditätskennzahlen gebräuchlich sind die Cash Ratio, die in Prozenten ausdrückt, wie viel des kurzfristigen Fremdkapitals durch liquide Mittel gedeckt ist, die Quick Ratio, die zeigt, wie viel des kurzfristigen Fremdkapitals durch liquide Mittel und Forderungen gedeckt ist, und die Current Ratio. Letztere setzt alle Aktiven des Umlaufvermögens ins Verhältnis zum kurzfristigen Fremdkapital. 2. Hohe Marktgängigkeit eines Wertpapiers, die auf der Vielzahl der im Umlauf befindlichen Titel und einer engen Geld-Brief-Spanne gründet.
Momentum
Instrument der technischen Analyse . Wird aus der Subtraktion des aktuellen Kurses vom Kurs vor einer bestimmten Anzahl Tage ermittelt. Das Momentum gilt als Vorlaufindikator und gibt ein Signal über die Richtung eines Trends.
Obligation
Als Wertpapier ausgestalteter und somit handelbarer Bruchteil (Stückelung ) einer Anleihe .
Rezession
Phase im Konjunkturzyklus . Rückläufiges Wachstum des BIP während mindestens zwei Quartalen.
Rohstoffe
Werden in der Regel standardisiert und auf Termin (vgl. Futures ) gehandelt. Die Palette reicht von Edelmetallen über Basismetalle , Getreide und Ölsaaten , Soft Commodities und Fleisch sowie Milch bis zu Energie.
Staatsanleihe
Anleihe , die von einem Staat zur Deckung seines Finanzierungsbedarfs im In- oder Ausland emittiert wird. Die Renditen der Staatsanleihen dienen als Benchmark für andere Emittenten desselben Staates. Die Schweiz begibt im Unterschied zu anderen Ländern keine Anleihen der Eidgenossenschaft im Ausland.
Unze
Handelsübliche Masseinheit für Edelmetalle. Sie entspricht 31,1035 Gramm.

Die bislang steigenden Aktienkurse deuten auf eine Beschleunigung der Wirtschaft hin, doch Obligationen signalisieren mit fallenden Renditen eine konjunkturelle Abkühlung. Wer hat recht? Die Konjunktur werde schwächer, die Aktienbörsen drehten in eine Baisse, und bei den Anleihen kündigten sich nichtsdestotrotz höhere Marktzinsen an; das prognostiziert der Finanzmarktanalyst Charles Nenner (charlesnenner.com). Er verfügt über ein ausgeklügeltes System zur Analyse von Zyklen.

Zur PersonCharles Nenner ist CEO des auf Zyklusanalysen spezialisierten Charles Nenner Research Center, das er 2001 zusammen mit seinem Geschäftspartner David Gurwitz gegründet hat. Die weltweite Kundschaft umfasst private und institutionelle Anleger wie Family Offices, Hedge Funds oder Staatsfonds. Nenner arbeitete fünfzehn Jahre lang für die Investmentbank Goldman Sachs, wo sein Zyklusmodell für die bankeigene Handelsaktivität angewendet wurde – im Jargon Proprietary Trading, kurz Prop Trading. Davor leitete er das Trading Research bei der Rabobank International sowie das Market Timing Team bei Ofek Securities in Tel Aviv. Nenner studierte an der Universität Amsterdam Medizin und schloss mit dem Doktortitel ab. GMHerr Nenner, wie definieren Sie Zyklen?
Der Begriff Zyklus stammt vom griechischen Wort für Kreis ab und misst die Zeitspanne zwischen den oberen respektive den unteren Wendepunkten irgendeiner Zeitreihe. Wenn Sie beim Arzt ein EKG erstellen lassen, wird Ihr Herzschlag als Sinuskurve dargestellt: Die Distanz zwischen den Höhe- oder den Tiefpunkten entspricht einem Zyklus. Solches lässt sich auch an den Finanzmärkten beobachten – sei es bei Aktien, Anleihen, Währungen oder Rohstoffen. Die Wirtschaft bewegt sich ebenfalls in Zyklen.

Was nützt diese Erkenntnis dem Investor?
Weil die Zeitspanne zwischen den Wendepunkten konstant bleibt, lassen sich die Finanzmärkte prognostizieren. Bildet sich alle fünf Wochen ein Top, ist klar, in welche Richtung sich die Börse bewegen wird.

Die Finanzmärkte werden von unzähligen, unterschiedlich langen Zyklen getrieben.
Jede Anlageklasse weist ihre eigenen Zyklen auf. Wir betrachten Zyklen, die auf Tages-, Wochen-, Monats- und längerfristigen Schlusskursen basieren. Wir haben rund hundert Zyklen identifiziert, die teilweise Jahrhunderte zurückreichen – zum Beispiel bei Agrargütern. Die Kunst ist das Zusammenführen all dieser Zyklen. Dies geschieht mit der Vektorkombination. Gemäss unserer Analyse sind lange Zyklen wichtiger als kürzere und erhalten deshalb ein höheres Gewicht. Ein starkes Signal erhalten wir, wenn mehrere Zyklen gleichzeitig drehen.

Warum sind Zyklen wiederkehrend?
Zyklen repetieren sich, das ist ein Naturgesetz. Finanzmärkte würden sich nur dann zufällig bewegen, wenn die Akteure freie Wahl hätten. Da sich an den Börsen aber Millionen von Akteuren tummeln, deren freie Wahl sich gegenseitig aufhebt, bewegen sich die Finanzmärkte nicht zufällig, sondern in Zyklen. Je mehr Teilnehmer involviert sind, desto geringer wird die freie Wahl des Einzelnen. Das gilt ebenso für die Berechnung der Kursziele.

Auch das Kursziel lässt sich kalkulieren?
Der Zyklus zeigt nur die Richtung an, nicht aber das Kursziel. Doch auch die Kursziele ergeben sich nicht zufällig, sondern können berechnet werden. Wenn Sie einen Ball in die Luft werfen, können Sie anhand der Ausgangsgeschwindigkeit errechnen, wie hoch er steigen wird. Das gilt auch für Aktien, wobei die Ausgangsgeschwindigkeit dem Momentum entspricht. Dank der Kombination von Zyklusmodell und Kursziel wissen wir also, wann und zu welchen Kursen der Trend drehen wird.

Die bedeutendsten Wirtschafts- und BörsenzyklenVon den sieben mageren Jahren über den Schweinezyklus und die langen Wellen des Kondratieff bis zur Börsenweisheit «Sell in May and go away». Lesen Sie hier den Bericht von FuW-Redaktor Gregor Mast.Was ist wichtiger: Zyklus oder Kursziel?
Wir handeln nie gegen den Zyklus. Wir verzichten lieber auf ein paar Dollar Gewinn, als gegen den Zyklus zu wetten. Die Kunst besteht darin, die Algorithmen für Zyklus und Kursziel zu kombinieren.

Wenden wir dies auf den Aktienmarkt an: In welchem Stadium befinden sich die Börsen nach über fünf Jahren Hausse?
Die US-Börse ist daran, ein langfristiges Top auszubilden. Die europäischen Aktienmärkte sehen noch schlechter aus als die US-Indizes. Die Schwellenländerbörsen erholen sich, doch auch diese Bewegung dürfte bald vorbei sein. Mein Kursziel für den Dow Jones (Dow Jones 19170.42 -0.11%) Industrial liegt bei 5000 Punkten und dürfte 2020 erreicht werden. Heute steht der Index bei 17 000. Die grössten Kursverluste erwarten wir zwischen 2018 und 2020.

Wann steht das Top an?
Dieser Prozess ist in vollem Gang, ein Zyklus nach dem anderen dreht nach unten. Deshalb halten wir – bis auf einige Namen der Bereiche Energie, Nahrungsmittel sowie Gold- und Silberminen – keine Aktien mehr. Für den Beginn der Baisse braucht es einen Auslöser. Darum kümmern wir uns aber nicht, denn der Grund folgt immer erst, nachdem der Zyklus gedreht hat. Erst im Rückblick weiss man, was die Wende ausgelöst hat. Das war etwa beim Preis für Erdgas (Erdgas 3.436 -1.97%) so, wo die Zyklen lange vor dem Aufkommen der Fracking-Technologie den Einbruch angezeigt haben.

Raten Sie derzeit, Aktien leer zu verkaufen?
Nein. Das technische Signal, Aktien leer zu verkaufen, steht noch aus.

Auch Schwellenländer mögen Sie nicht?
Wir erwarten ein Wiederaufflackern der deflationären Kräfte – das spricht gegen Schwellenländer. Auch ihre Währungen mögen wir nicht. Investoren verhalten sich, als gäbe es keinen Konjunkturzyklus.

Das heisst, Sie setzen auf Anleihen?
Anleihen mögen wir nur in Europa, wo die Zinsen weiter sinken werden. Europa scheint nichts von Japan gelernt zu haben. Die deflationären Kräfte werden bald überhandnehmen, denn die Inflationsraten sind niedrig, während sich die Konjunktur abschwächt. Was immer die Behörden in Europa jetzt noch versuchen, es wird zu spät sein. Allerdings ist das Aufwärtspotenzial bei den Anleihen beschränkt, weil die Renditen schon so niedrig sind. Dazu kommt, dass der langfristige Zinszyklus, der rund sechzig Jahre dauert, höhere Zinsen ankündigt.

Wie steht es um die Konjunktur und die Zinsen in den USA?
Dort präsentiert sich die Konjunktur in einer etwas besseren Verfassung. Allerdings haben mit dem Kitchin- und dem Juglar-Zyklus zwei bedeutende Konjunkturzyklen abwärts gedreht. Eine schwächere Konjunktur heisst aber nicht zwingend, dass die Zinsen sinken. In Griechenland oder Italien sind die Renditen auf Staatsanleihen trotz Rezession angesprungen. Wenn Liquiditätsprobleme auftreten, können die Zinsen unabhängig von der Wirtschaftslage steigen. Und das könnte auch in den USA der Fall sein: Wegen der hohen Verschuldung und des grossen Ausmasses an kurzfristigen Krediten sind Liquiditätsprobleme möglich.

Die USA verfügen aber über ihre eigene Notenpresse.
Geht das Vertrauen in den Dollar verloren und wird die Kreditvergabe eingeschränkt, ist es schwierig, an liquide Mittel zu kommen. Kredite werden nur noch zu höheren Zinsen vergeben. Dies steht im Einklang mit dem langfristigen Zinszyklus, der in den Fünfzigerjahre nach oben und Anfang der Achtzigerjahre nach unten gedreht hat. Dieser langfristige Zyklus bildet derzeit einen Boden.

Ein beunruhigendes Szenario.
Wir werden in den nächsten dreissig Jahren mit steigenden Zinsen zu kämpfen haben. Einzig in Europa werden die Renditen zuerst noch auf ein neues Tief fallen.

Wie soll sich der Anleger verhalten?

In deflationären Zeiten bieten nur Bargeld und Gold (Gold 1176.51 0.27%) realen Kapitalerhalt. Was viele Investoren nicht wissen: Die meisten Haussen beim Gold fanden in einem deflationären Umfeld und nicht in Zeiten hoher Inflation statt, weil es schlicht keine Anlagealternativen gibt.

Sie kaufen Gold?
Im Gold hat der auf Quartalsdaten basierende Zyklus im Juli nach oben gedreht. Der wöchentliche Zyklus fluktuiert. Damit wir Gold kaufen, muss er ebenfalls aufwärts drehen. Wir sind aber positiv für das Edelmetall: Mein Preisziel liegt bei 2100 $ je Unze, sobald das Momentum in Gold anzieht. Wenn dieses Niveau durchbrochen wird, geht die Reise auf 3500 $.

Was heisst das für den Dollar?
Der Zyklus deutet auf einen Kollaps des Dollars ab dem nächsten Jahr hin. Das Haushaltsdefizit wird wegen der hohen, auch kurzfristig finanzierten Schuldenlast und der steigenden Zinsen aus dem Ruder laufen. Der Kollaps des Greenbacks könnte der Grund sein, weshalb es ab 2020 am US-Aktienmarkt zu einer gewaltigen Hausse kommen dürfte, die etwa bis 2030 dauert.

Sie betrachten auch den Kriegszyklus – gegenwärtig brodelt es ja vielerorts.
Wenn Sie die letzten 2000 Jahre betrachten, dann kam es immer in der zweiten Dekade eines neuen Jahrhunderts zu einem grossen Krieg. Wir wissen aber nicht, welcher der gegenwärtigen Krisenherde sich zum grossen Krieg ausweiten wird.

Kriege führen zu Versorgungsengpässen. Was heisst das für Agrargüter?
Die Zyklen für Mais (Mais 362.008 0.28%) oder Weizen (Weizen 136.95 -0.22%) werden bald nach oben drehen. Nur ist es schwierig, auf steigende Agrargüterpreise zu setzen. An der US-Börse sind einzig zwei ETF mit den Tickern Corn und Weat kotiert.

Die bedeutendsten Wirtschafts- und BörsenzyklenVon den sieben mageren Jahren über den Schweinezyklus und die langen Wellen des Kondratieff bis zur Börsenweisheit «Sell in May and go away». Lesen Sie hier den Bericht von FuW-Redaktor Gregor Mast.

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2 Kommentare zu ««Der Zyklus in Aktien und im Dollar dreht abwärts»»

  • Bruno Hollnagel sagt: 18:40 - 09.09.14

    Aktienkurse können nicht berechnet werden – von niemanden! Warum? Weil das Verhalten der Menschen nicht berechenbar ist – bestenfalls kann man es abschätzen.
    Zu Berechnungen bedarf es rationale Operatoren. Der Mensch handelt nicht (ausnahmslos) reational. Quelle: Relativitätsökonomie, Wiley Verlag

  • Michael Boller sagt: 12:00 - 09.09.14

    Na ja, das hört sich eher wie moderne Wahrsagerei und „Data Mining“ an. Zyklen kann man schon evaluieren, allenfalls sind diese aber rein zufällig entstanden und es besteht überhaupt kein System dahinter. Ich empfehle die Webseite: http://www.tylervigen.com/

    Es ist auch ein Widerspruch gegenüber vielen Experten, die von Market Timing komplett abraten. Fragwürdig finde ich auch die Prognosen für 2019-2020. Es wäre interessant zu erfahren, inwiefern die Prognosen von Charles Nenner in der Vergangenheit tatsächlich eingetreten sind.

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