Märkte / Makro 16:03 - 26.03.2013

«Deutschland muss die Löhne erhöhen»

Philippe Béguelin und Alexander Trentin
Der Ökonom Heiner Flassbeck erklärt im Interview mit «Finanz und Wirtschaft», in einer Währungsunion müsse jedes Land die Löhne nach der Produktivität ausrichten. Staatsschulden dagegen seien nicht wichtig.
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zum Stichwort
Abwertung
Bewirkt einen geringeren Aussenwert der Währung, was Exporte vergünstigt und Importe verteuert.
Aufwertung
Bewirkt einen grösseren Aussenwert der Währung, was Exporte verteuert und Importe vergünstigt.
Aussenhandel
Die Berichterstattung über die Schweizer Warenexporte und -importe bezieht sich in der Regel auf die Definition Total 1, die den Aussenhandel mit Edelmetallen, Edel- und Schmucksteinen sowie Kunstgegenständen und Antiquitäten nicht umfasst. Sie sind dagegen im Total 2 enthalten.
Bilanz
Periodische Gegenüberstellung sämtlicher Aktiven und Passiven an einem Stichtag. Die Aktivseite gibt Aufschluss über die Verwendung der Mittel, während die Passivseite über die Beschaffung der Mittel (Finanzierung) orientiert. Teil des Geschäftsberichts .
Börse
Regelmässig stattfindender, nach feststehenden Usanzen organisierter Markt. Je nach den gehandelten Gütern spricht man z. B. von Wertpapier-, Effekten-, Devisen-, Warenbörsen oder Börsen für derivative Instrumente (Terminbörsen ).
Eurozone
Von elf Staaten der Europäischen Union per 1. Januar 1999 realisierter Zusammenschluss (seit 2001 auch Griechenland, seit 2007 Slowenien, seit 2008 Malta und Zypern). Die Teilnehmer haben die geldpolitische Kompetenz der EZB übertragen. Die nationalen Währungen wurden gegeneinander (Wechselkursverhältnisse) und gegenüber der Einheitswährung Euro fixiert.
G-20
1999 gegründetes und 2008 im Zuge der Weltfinanzkrise politisch aufgewertetes Forum aus neunzehn Industrie- und Schwellenländern sowie der EU.
IWF
Wurde wie die Weltbank 1944 in Bretton Woods (USA) gegründet. Mitglieder sind die Regierungen. Der IWF fördert die internationale währungspolitische Zusammenarbeit und stellt den derzeit 185 Mitgliedern vorübergehend finanzielle Mittel zur Verfügung. Die Schweiz gehört ihm seit 1992 an.
Inflation
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Inflationsrate
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Inflationsziel
Geldpolitisches Konzept der Zentralbanken in Grossbritannien, Schweden etc. Die Aufgabe ist, die monetären Bedingungen so auszurichten, dass die tatsächliche Inflationsrate so nahe wie möglich an das fixierte Inflationsziel (Bank of England: 2%, Riksbank: 2% +/–1 Prozentpunkt) heranreicht. Die Teuerung muss also nicht so tief wie möglich ausfallen. Die EZB orientiert sich ebenfalls an einem versteckten Inflationsziel, «nahe, aber knapp unter 2%».
Lohnstückkosten
Lohnkosten pro Einheit eines Gutes oder einer Dienstleistung. Die Lohnstückkosten berechnen sich aus dem Lohnsatz geteilt durch die Arbeitsproduktivität.
Maastricht-Kriterien
Fünf volkswirtschaftliche Kennzahlen als Voraussetzung für die Teilnahme an der EWU , die im Maastrichter Vertrag 1993 von den EU-Staaten verbindlich beschlossen wurden.
Produktivität
In den meisten Ländervergleichen wird sie mit der Arbeitsproduktivität gleichgesetzt, also der Wirtschaftsleistung pro Arbeitskraft bzw. BIP pro geleistete Arbeitsstunde. Ein breiter gefasstes Konzept, das auch andere Input-Faktoren, wie den Kapitaleinsatz, berücksichtigt, ist die Multi Factor Productivity.
Real
1. Gibt den inflationsbereinigten Wert an. Gegenteil: nominal. 2. Name der brasilianischen Währung.
SIX
1995 aus dem Zusammenschluss der Börsen Genf, Basel und Zürich entstandener Schweizer Markt. Seit August 1996 werden sämtliche Wertpapiere elektronisch gehandelt. Das System zeichnet sich aus durch eine Vollintegration der Börsenprozesse, vom Börsenauftrag bis zur Abwicklung . Anfang 2008 Fusion mit SIS und Telekurs zur SIX Group .
SIX Swiss Exchange
1995 aus dem Zusammenschluss der Börsen Genf, Basel und Zürich entstandener Schweizer Markt. Seit August 1996 werden sämtliche Wertpapiere elektronisch gehandelt. Das System zeichnet sich aus durch eine Vollintegration der Börsenprozesse, vom Börsenauftrag bis zur Abwicklung . Anfang 2008 Fusion mit SIS und Telekurs zur SIX Group .
Scoach
Börse für verbriefte Derivate in Zürich und Frankfurt. Tochter der SIX Swiss Exchange und der Deutschen Börse .
Volkswirtschaft
Von Ökonomen verwendetes Synonym für die Wirtschaft eines Landes beziehungsweise einen Wirtschaftsraum wie die EU .
Wechselkurs
Gibt an, in welchem Verhältnis die Währung eines Landes gegen die Währung eines anderen Landes gewechselt werden kann (vgl. effektiver Wechselkurs ).

Eine Währungsunion könne durchaus funktionieren, erklärt Heiner Flassbeck, ehemaliger Chefökonom der Uno-Organisation für Handel und Entwicklung (Unctad). Er glaubt aber nicht, dass Europas Politiker die richtigen Schritte unternehmen werden. Flassbeck weilte auf Einladung der Bild: Frank Augstein/KeystoneBörsen SIX Swiss Exchange und Scoach in Zürich.

Herr Flassbeck, wie steht es nach dem ­Debakel in Zypern um die Eurozone?
Ich war immer ein Anhänger der Währungsunion, doch ich sehe nicht, wie sie gerettet wer­den kann. Die Vorgehensweise der Politik hat von Anfang an nicht funktioniert, und das ist wohl nicht mehr hinzubekommen. Insofern wäre die einzige vernünftige Lösung, den Euroraum in zwei Teile zu spalten.

Wie soll die Aufspaltung vor sich gehen?
Eine grosse Gruppe südeuropäischer Länder – inklusive Frankreichs – steigt aus, ­dadurch wäre der Schmerz wesentlich geringer. Zwar würden wegen der Abwertung viele Importe sehr teuer, doch die Südeuropäer könnten weiterhin italienische oder französische Autos aus dem­selben Währungsraum kaufen. Zur PersonHeiner Flassbeck amtierte bis Ende 2012 als Chefökonom der Uno-Organisation für Handel und Entwicklung (Unctad). Er wurde 1998 mit dem Antritt Oskar Lafontaines als deutscher Finanzminister dessen Staatssekretär, zuständig für die internationale Koordinierung der Wirtschafts- und Finanzpolitik. Nach sechs Monaten endete Flassbecks Amtszeit mit dem Rücktritt Lafontaines. Zuvor arbeitete der Ökonom im Wirtschaftsministerium und beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Er tritt für eine Stärkung der privaten Nachfrage ein, sieht sich aber nicht als Keynesianer. Auf seinem Blog www.flassbeck-economics.de kommentiert er aktuelle wirtschaftspolitische Fragen.Autos aus Deutsch­land wären erheblich teurer – dort wäre der Schmerz viel heftiger, weil ein grosser Teil des Exportmarktes über Nacht wegbräche. Aber diese Logik wird in Deutschland meist nicht verstanden.

Das Land ist immerhin der ­Wirtschaftsmotor der Eurozone.
Deutschland hat sich mit Beginn der Währungsunion vorgenommen, seine Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Das kann man versuchen, es wird aber unter normalen Bedingungen scheitern, weil die eigene Währung sich aufwertet. Im Euroraum hatte Deutschland die einmalige historische Gelegenheit, die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, ohne durch eine Aufwertung sanktioniert zu werden. Davor hatte ich 1997 gewarnt, aber es gab unter den Politikern kein Bewusstsein dafür. Mit der Finanzkrise ist diese Politik gegen die Wand gefahren, sie ist jedoch nicht die Ursache. Die Eurokrise war schon 1999 angelegt.

Kann eine Währungsunion überhaupt funktionieren?
Ja, wenn das Wichtigste beachtet wird: Die Inflationsraten müssen sich einander annähern. In der Eurozone ist das gemeinsame Inflationsziel 2%. Dagegen hat Deutschland nach unten verstossen und Südeuropa nach oben. Einzig in Frankreich hat die Teuerung 2% betragen. Im Durchschnitt wurde das Ziel gut erreicht. Aber der Durchschnitt ist irrelevant, wenn es so grosse Divergenzen gibt.

Wie lässt sich die Teuerung steuern?
Um das Inflationsziel einzuhalten, müssen die Löhne zusammen mit der Produktivität steigen. Jedes Land muss die Lohnstückkosten an seine Produktivität anpassen, unter Beachtung des Inflationsziels. Dadurch ergibt sich eine Konvergenz der Wettbewerbsfähigkeit. Es kann also jeder nach seiner Façon selig werden, denn es kommt nur darauf an, sich an seine Produktivität anzupassen.

In der Eurozone wird nicht jeder selig.
Deutschland hat unter seinen Verhältnissen gelebt, Südeuropa darüber. Genau das darf man nicht tun. Sonst darf man ganz viel, etwa eine hohe oder eine geringe Produktivität haben, effizient oder schlampig sein – das ist völlig egal. Man muss sich nur anpassen an seine Produktivität.

Darf man sich auch verschulden?
Die Politik konzentriert sich auf das staatliche Defizit und den Schuldenstand, aber die sind für die Währungsunion unwichtig. Die Maastricht-Kriterien sind völlig daneben. Wichtig ist, wer Schuldner sein soll und die Schulden bedienen kann.

Früher haben Schwellenländer die Schuldnerrolle gespielt.
Dafür sind sie vom Internationalen Währungsfonds bestraft worden. Lateinamerikas Länder beispielsweise haben gesagt: Nie wieder! Sie wollen nicht mehr in diese sklavische Abhängigkeit der Gläubiger ­geraten und den IWF im Haus haben, der ihnen die Politik diktiert.

In Deutschland sind die Privathaushalte und auch die Unternehmen Sparer und damit Gläubiger. Wer soll Schuldner sein?
Der Staat hat sich eine Schuldenbremse in die Verfassung geschrieben, er darf jetzt nicht mehr. Somit ist implizit eindeutig, dass das Ausland Schulden machen muss. Offiziell sagt Deutschland aber, die Schuldnerländer dürften keine Schulden mehr machen. Das ist inkonsistente Politik, und Inkonsistenz kann nicht funktionieren.

In den USA sagt der Ökonom Paul Krugman, der Staat müsse sich weiter verschulden, um die Wirtschaft anzukurbeln.
Mir wäre es lieber, wenn sich die Unternehmen verschulden würden. Sie sind die Einzigen, die die Schulden immer wieder bedienen können – wenn sie investieren. Der Staat ist eine feststehende Institution. Unternehmen sind eine revolvierende Masse, sie bringen Innovationen hervor, und es sind nicht stets dieselben Schuldner, sondern immer wieder neue. Wir brauchen neue Unternehmen mit Investitionen in der Realwirtschaft.

Die Unternehmen investieren aber wenig.
Deutschlands Binnenwirtschaft liegt am Boden. Der Konsum stagniert seit mehr als zehn Jahren. Der Einzelhandel ist seit 1994 real kein bisschen gewachsen. Das ist ein Witz für eine so grosse Volkswirtschaft. Und niemand redet darüber, es wird unter den Teppich gekehrt, weil die deutschen Medien regierungstreu sind.

Woher könnten Impulse kommen?
Europa ist in der schlimmsten Stagnation seit den Dreissigerjahren und kommt nicht hinaus. Da muss doch etwas Fundamentales schief sein. Der Ökonom Richard Koo ortet eine Bilanzrezession, in der sich Staat, Unternehmen und Privathaushalte gleichzeitig entschulden. Das war am Anfang der Krise sicherlich der Fall, inzwischen sitzen die Unternehmen – auch weltweit – auf so viel Geld, dass sie keine Schulden abbauen müssen. Sie wissen aber nicht, wohin mit dem Geld. Deshalb muss man es ihnen wegnehmen – über höhere Steuern oder besser über höhere Löhne – und es wieder in den Kreislauf bringen. Es geht darum, dass sich neue Unternehmen entwickeln können.

Deutschlands Unternehmen sind im Export sehr erfolgreich. Genügt das nicht?
Deutschland braucht eine weniger einseitige Produktionsstruktur. Der Exportanteil ist von einem Drittel auf die Hälfte gestiegen, das ist völlig abnormal für eine so grosse Volkswirtschaft. Nötig ist mehr ­Inlandkonsum und weniger Export. Das ist der einzige Weg, um die internationale Verschuldungssituation auszugleichen.

Mehr Konsum und weniger Export – das erinnert an das Rebalancing in China.
Ja, es ist das gleiche Problem, und China hat das hingekriegt. An den Gipfelreffen der G-20 wird nicht mehr China für seine Überschüsse kritisiert, sondern Deutschland, und das vollkommen zu Recht. China begriff, dass eine Änderung notwendig ist, und begann die Löhne zu erhöhen. Lohnsteigerung ist eine reale Aufwertung – der nominale Wechselkurs ist kaum gestiegen. Dadurch hat der Exportüberschuss abgenommen. Das ist ein klassischer Anpassungsprozess, nun ist der Saldo im Aussenhandel mit China kein Problem mehr. Deutschland muss die Löhne erhöhen; die Privathaushalte sparen weiterhin 10% und geben den Rest aus. Dadurch kommen Unternehmen im Inland zum Zug.

Statt der Gläubigerländer könnten sich die Schuldner anpassen.
Ich sehe nicht, dass Frankreich eine Lohnkürzung von 20% akzeptieren würde, um sich den Überschussländern anzupassen.

Wie sollen die Löhne erhöht werden?
Es ist natürlich ungewohnt, in diesen Kategorien zu denken. In den Überschussländern muss der Staat für Druck sorgen. Das kann er durch Lohnkoordinierung. Oder aber durch einen höheren Mindestlohn, mit einer Indexierung an die Produktivität – das drückt auch die übrigen Löhne nach oben. Für Überschussländer gibt es nur zwei Wege: Ausstieg aus der Eurozone und Aufwertung der Währung oder interne Aufwertung durch Lohnsteigerung. Daran geht kein Weg vorbei.

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Ein Kommentar zu ««Deutschland muss die Löhne erhöhen»»

  • Joachim Körner sagt: 17:38 - 29.03.13

    „Wir brauchen mehr Inflation“ FuW 30. Januar 2013
    „Deutschland muss die Löhne erhöhen“ FuW 27. März 2013
    „China rennt die Zeit davon“ FuW 2. März 2013

    Was gibt es doch großartige Ökonomen
    „Wir brauchen mehr Inflation“ titelt Barry Eichengreen. Doch welcher Bürger braucht Inflation? Keiner! Inflation benötigen nur die Politiker, die verschwenderisch Geld ausgeben, um dieses durch Abwertung der Anleihen leichter finanzieren zu können (eine Art Enteignung).
    „Deutschland muss die Löhne erhöhen“ sagt Heiner Flassbeck, als ob Europa geholfen würde, wenn auch noch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft beseitigt wird.
    Michael Pettis stellt zu Recht Ungleichgewichte fest. Dabei tut er so, als sei die Nachfrage eine konstante Größe „…es gibt nur eine bestimmte Menge an globaler Nachfrage“. Er fordert Rebalancing als sei dies durch staat¬bürokratische Maßnahmen anzustreben, statt marktwirtschaftlich: „Beschränken sich die Überschuss- und Defizitländer nicht freiwillig….“ Er beruft sich auf Keynes. „Wachstum hängt letztlich vom Konsum ab“. „Wenn ein Land seine Sparquote in die Höhe drückt, muss sie in einem anderen Land sinken“. Diese Aussagen sind nicht schlüssig. Eine Nation kann jedoch durchaus Werte schaffen, ohne sie zu konsumieren oder zu exportieren. Sonst hätten wir keine Kunstdenkmähler, Schlösser, Kathedralen oder wissenschaftliche Erkenntnisse. Man kann auch sparen, um in seine Alterversor¬gung zu investieren.
    Nebenbei, Keynes kannte entscheidende Erkenntnisse der Österreichischen Schule nicht. Er war also nicht auf dem Stand der Wissenschaft. Er war darüber hinaus nicht redlich. Er schrieb eine ungünstige Rezension über von Mises Buch ‚Theorie des Geldes…’, obgleich er wegen mangelnder Deutschkenntnisse nicht in der Lage, war es zu verstehen.

    Joachim Körner, Hamburg