Märkte / Makro Dossier Berühmte Theoreme 11:45 - 23.06.2014

Die Phillips-Kurve

Wie sich eine statistische Beobachtung zur Relation von Arbeitslosigkeit und Nominallöhnen zu einer Handlungsanleitung für die Wirtschaftspolitik entwickelte.
lesen sie mehr
zum Stichwort
Arbeitslosenquote
Prozentualer Anteil der arbeitswilligen Personen ohne Stelle, gemessen als Verhältnis zwischen den Arbeitslosen und der Erwerbsbevölkerung.
Besta
Seit 1925 quartalsweise per Stichprobe in 66 Schweizer Betrieben durchgeführte Beschäftigungsstatistik (vgl. Beschäftigte und Erwerbstätigenstatistik ).
Fed
US-Zentralbanksystem, dem die zwölf Federal Reserve Banks angeschlossen sind. An der Spitze steht das Direktorium (Board) in Washington, das auch die Mehrheit im Offenmarktausschuss stellt, in dem über die Geldpolitik entschieden wird.
Geldpolitik
Massnahmen, mit denen die Zentralbanken die Zinsen am Geldmarkt (Leitzinsen ) und damit die Geldversorgung eines Landes oder Währungsraums steuern. Die meisten Zentralbanken, so auch die Schweizerische Nationalbank , sind bestrebt, die Preise stabil zu halten (vgl. Inflation , Deflation ) und der Wirtschaft Wachstum zu ermöglichen (vgl. quantitative Lockerung ).
Inflation
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Inflationsrate
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Notenbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .
Preisstabilität
Strategisches Ziel jeder Notenbank , wobei stabile Preise nicht mit 0% Inflation gleichgesetzt werden. Die SNB definiert Preisstabilität als eine Jahresteuerung der Konsumentenpreise von 0 bis 2%.
Real
1. Gibt den inflationsbereinigten Wert an. Gegenteil: nominal. 2. Name der brasilianischen Währung.
Stagflation
Situation, in der eine Volkswirtschaft sowohl unter einem schwachen Wachstum des BIP (Stagnation) als auch unter Inflation leidet.
Volkswirtschaft
Von Ökonomen verwendetes Synonym für die Wirtschaft eines Landes beziehungsweise einen Wirtschaftsraum wie die EU .

Eines der einflussreichsten Theoreme in der Geschichte der Ökonomie findet Platz auf lediglich siebzehn Seiten. Berühmte TheoremeDies ist die fünfte Folge einer neuen FuW-Serie: «Finanz und Wirtschaft» stellt populäre ökonomische Gesetze und Formeln vor – in welchem Kontext sie entstanden sind, welche Bedeutung ihnen heute noch zukommt und welche Köpfe dahinterstecken. Bereits erschienen sind «Die Quantitätstheorie des Geldes», «Die Kaufkraftparität (PPP), «Die Taylor-Regel» und «Das Okunsche Gesetz». Kommende Woche wird die Laffer-Kurve präsentiert. Teil 1: Das Okunsche GesetzTeil 2: Die Taylor-RegelTeil 3: Die KaufkraftparitätTeil 4: Die Quantitätstheorie des Geldes Sein Verfasser Alban William Housego (Bill) Phillips war bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zwar ein angesehener Ökonom in Grossbritannien, über die Landesgrenze hinaus aber weitgehend unbekannt.

Phillips selbst bezeichnete das nach ihm benannte Theorem als «schlampigen Versuch», den er an einem Wochenende geschrieben hätte. Er starb 61-jährig, bevor die Kontroverse um seinen bekanntesten ökonomischen Beitrag den Höhepunkt erreichte.

Eine triviale Beobachtung?

Publiziert wurde die Phillips-Kurve 1958 im Fachmagazin «Economica» der London School of Economics (LSE) unter dem Titel «The Relation between Unemployment and the Rate of Change of Money Rates in the United Kingdom, 1861–1957». Phillips hatte kurz zuvor den Lehrstuhl für Ökonomie an der Universität übernommen.

Zur Person Alban William H. Phillips Bild: ZVGIn ihrer ursprünglichen Form beschreibt die Phillips-Kurve einen statistischen Zusammenhang zwischen der Arbeitslosenrate und der Veränderung der Nominallöhne. Dabei handelt es sich um eine inverse, nichtlineare Relation: Ist die Arbeitslosigkeit niedrig, steigen die Löhne schnell, bei hoher Arbeitslosigkeit steigen die Löhne nur langsam oder sie sinken.

Als Ausgangspunkt stellte Phillips folgende Hypothese auf: Wenn die Nachfrage nach Arbeit hoch und die Arbeitslosigkeit niedrig ist, haben Arbeitnehmer eine grosse Verhandlungsmacht und können daher höhere Löhne durchsetzen. Nimmt die Nachfrage ab, sind sie nicht ohne Weiteres gewillt, ihre Leistung für weniger Geld anzubieten. Die Löhne sinken zwar, aber langsamer, als sie gestiegen sind. «Das Ziel der Studie ist es, zu untersuchen, ob sich diese These statistisch untermauern lässt», schrieb Phillips einleitend.

Basierend auf den Daten für Grossbritannien analysierte er den Zeitraum von 1861 bis 1957, wobei er verschiedene Perioden separat betrachtete. Die in obiger Grafik dargestellten Datenpunkte und die daraus abgeleitete Regressionskurve zeigen die jährliche Arbeitslosenrate und die jährliche Veränderung der Nominallöhne für die Jahre 1861 bis 1913. Die ursprüngliche Phillips-Kurve (1958) stellte einen statistischen Zusammenhang zwischen der Arbeitslosigkeit und der Veränderung der Nominallöhne fest: Ist die Arbeitslosigkeit niedrig, steigen die Löhne schnell, bei hoher Arbeitslosigkeit steigen sie nur langsam oder sinken (vgl. Grafik unten). In der daraus abgeleiteten modifizierten Phillips-Kurve wurden die Nominallöhne durch das allgemeine Preisniveau ersetzt und ein stabiler Trade-off zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation hergeleitet (vgl. Grafik unten links). Das Modell implizierte, dass es für eine Regierung respektive Notenbank möglich sei, sich beliebig auf der Kurve zu bewegen und die Arbeitslosigkeit durch die Inflation zu steuern. zoomSie diente als Basiskurve für die Analyse der übrigen Perioden. Phillips folgerte, dass die Veränderung der Nominallöhne durch das Niveau der Arbeitslosigkeit und die Veränderung der Arbeitslosenrate erklärt werden kann.

Die Erkenntnisse mögen auf den ersten Blick trivial klingen, es war aber das erste Mal, dass der Zusammenhang zwischen Löhnen und Arbeitslosigkeit statistisch untersucht und grafisch dargestellt wurde.

Der Zeitgeist ist günstig

In den späten Fünfzigerjahren beherrschte der Keynesianismus die ökonomische Lehre, andere Überzeugungen fanden daneben kaum Platz – und Phillips traf mit seiner Arbeit den Nerv der Zeit.

Paul A. Samuelson, ein Vertreter des Nachkriegs-Keynesianismus und einer der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, griff die Phillips-Kurve auf und wendete sie auf die US-Wirtschaft an. 1960 publizierte er zusammen mit Robert M. Solow die modifizierte Phillips-Kurve, die heute weitaus bekannter sein dürfte als die ursprüngliche Version. Die Ökonomen setzten die Analyse in einen makroökonomischen Kontext, der bislang gefehlt hatte, und leiteten einen stabilen Trade-off zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation ab: zoomSteigt die Inflation, sinkt die Arbeitslosigkeit, umgekehrt führt eine abnehmende Teuerung zu mehr Arbeitslosen.

Samuelson nahm die modifizierte Phillips-Kurve 1961 in seinem Lehrbuch «Economics» auf, das die Volkswirtschaftslehre zu beiden Seiten des Atlantiks während Jahren dominierte. Innerhalb kürzester Zeit gehörte die Kurve zu den Eckpfeilen der Makroökonomie. Die Politik tat ein Übriges: Regierungen weltweit verstanden das Modell als Rezept, um sich mit höherer Inflation eine niedrigere Arbeitslosigkeit zu erkaufen. Die Phillips-Kurve wurde zum Steuerungsinstrument für die Wirtschaftspolitik.

Ein «schlampiger Versuch»

Während dieses Prozesses ging viel von Phillips’ ursprünglicher Arbeit verloren. Er vertrat nie die Auffassung, dass es möglich oder wünschenswert sei, die Arbeitslosenrate mit Hilfe von Lohn- oder Preiswachstum zu steuern. Im Gegenteil: Im Zentrum stand für ihn die Frage, wie stabile Löhne und Preise sichergestellt werden können.

Es gibt verschiedene Hinweise, dass Phillips mit der Studie, die seinen Ruhm begründete, nicht zufrieden war. Gegenüber Freunden und Kollegen bezeichnete er die Arbeit als «groben, schlampigen Versuch» und «hastige Arbeit», die er während eines Wochenendes geschrieben hätte. Er weigerte sich, weitere Kommentare oder Artikel dazu zu verfassen und schaltete sich auch nicht in die öffentliche Diskussion ein. Wegbegleiter vermuten, dass ihm sehr wohl bewusst war, dass die Phillips-Kurve Mängel aufwies. Dazu zählte, dass die Daten im untersuchten Zeitraum oft nur schwach mit der zugrundeliegenden Kurve von 1861 bis 1913 übereinstimmten.

Phillips hatte nie viel Wert darauf gelegt, seine Forschungspapiere zu veröffentlichen, und er hat während seiner akademischen Karriere in der Tat sehr wenig publiziert. In dieser Hinsicht war er ein Perfektionist: Bestand die kleinste Möglichkeit eines Mangels, zog er es vor, die Analyse in die Schublade zu verbannen. Dass die Phillips-Kurve überhaupt an die Öffentlichkeit gelangte, ist wahrscheinlich seinem Mentor und späteren Nobelpreisträger James Meade zu verdanken. Als sich abzeichnete, dass Phillips die Professur an der LSE erhalten sollte, drängte Meade auf die Fertigstellung der Arbeit, um damit den Anspruch auf den Posten, falls erforderlich, zu untermauern.

Ende einer Ära

Als die Phillips-Kurve Ende der Sechzigerjahre den Popularitätshöhepunkt erreichte, wurde Kritik aus prominenter Ecke laut. Die Ökonomen Milton Friedman, ein Monetarist, und Edmund Phelps zweifelten unabhängig voneinander die Gültigkeit der Theorie an. Sie argumentierten, dass gut informierte Arbeitnehmer den Nominallöhnen keine Bedeutung beimessen, sondern die um die Inflation bereinigten Reallöhne als Entscheidungsgrundlage nutzen. Sie kalkulieren die erwartete Teuerung in die Lohnverhandlungen ein und fordern entsprechend eine noch höhere Entschädigung. Zwar kann die Arbeitslosenrate unter dem Einfluss höherer Inflation kurzfristig sinken, doch langfristig wird sie wieder auf das Ausgangsniveau klettern. Lediglich die  Teuerung erhöht sich.

Die Siebzigerjahre lieferten den Beweis für die Kritiker: Sowohl die Inflation als auch die Arbeitslosigkeit schnellten nach oben. zoomDie Teuerung in den USA stieg 1974 um über 12%, die Arbeitslosenquote kletterte auf über 8% im Jahr 1975. Die Kombination von Stagnation und Inflation – die sogenannte Stagflation – hätte gemäss Phillips-Kurve und Keynesianismus gar nicht auftreten dürfen. Sie beendete die rund dreissigjährige Vorherrschaft des Keynesianismus, der für das beobachtete Phänomen keine Lösungsansätze liefern konnte.

Yellen am Steuer

Die Phillips-Kurve nach Vorbild der Sechzigerjahre wird heute nicht mehr angewendet. Für die US-Wirtschaft etwa lässt sich in den vergangenen Jahrzehnten kein stabiler Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation feststellen.

Allerdings hat die Idee, die Arbeitslosigkeit über die Geldpolitik zu steuern, alles andere als ausgedient. US-Notenbankchefin Janet Yellen erklärte im Frühling, die expansive Geldpolitik so lange weiterzuführen, bis sich die Lage am US-Arbeitsmarkt verbessert hätte. Damit kommt sie ihrem Auftrag nach: Seit 1977 muss das Fed mit der Wahrung der Preisstabilität und dem Ziel der Vollbeschäftigung ein duales Mandat erfüllen. Die US-Inflationsrate ist im Mai unerwartet auf 2,1% geklettert. Yellen wird sich womöglich bald zwischen den beiden Zielgrössen Preisstabilität und Arbeitslosigkeit entscheiden müssen.

Alban William H. Phillips (* 18. November 1918 in Te Rehunga, Neuseeland, † 4. März 1975 in Auckland, Australien)Der Werdegang von Alban William Housego (Bill) Phillips liess kaum vermuten, dass er einmal zu den bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts zählen würde. Phillips wuchs als Sohn eines Milchbauern auf einer Farm in Neuseeland auf. 1929 bestand er die Zulassungsprüfung für die Universität, doch die Grosse Depression setzte seiner akademischen Ausbildung ein Ende: Wegen der schwierigen Wirtschaftslage konnten die Eltern ihn nicht unterstützen. Stattdessen machte Phillips eine Lehre als Elektriker. Auf der Suche nach Arbeit begab er sich 1935 nach Australien, wo er sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs – darunter Krokodiljäger und Goldgräber – über Wasser hielt. Er reiste weiter nach Südostasien, China und Japan, bevor er mit der transsibirischen Eisenbahn Russland durchquerte und 1937 schliesslich in London ankam. Phillips hatte sich während seiner Reisen per Fernstudium weitergebildet und erlangte so nur ein Jahr später den Abschluss in Ingenieurswesen. 1940 meldete er sich für die Reservetruppe der Royal Air Force. Im Zuge des Zweiten Weltkriegs wurde er eingezogen und in Singapur und Burma stationiert. 1942, mittlerweile auf Java, geriet er in japanische Gefangenschaft und verbrachte drei Jahre in einem Kriegsgefangenenlager. Phillips machte sich sein technisches Geschick zunutze und baute ein Radio, das so klein war, dass es in den Absatz eines Schuhs passte – es war die einzige Verbindung der Gefangenen zur Aussenwelt. Für seine Dienste im Krieg erhielt er 1946 den britischen Verdienstorden. Nach Kriegsende blieb Phillips in London und begann Soziologie zu studieren. Bald gelangweilt, wechselte er zu den Wirtschaftswissenschaften. Er erkannte Parallelen zum Ingenieurstudium und forschte nach Mechanismen, die zu wirtschaftlicher Stabilität führen. 1958, kurz bevor seine Arbeit zur Phillips-Kurve publiziert wurde, erhielt er eine Professur an der London School of Economics. Phillips war seit seiner Gefangenschaft gesundheitlich angeschlagen. Er starb 1975 an einem Schlaganfall.

 

Mehr zum Thema

13.06.14Makro

Die Quantitätstheorie des Geldes

 
06.06.14Makro

Die Kaufkraftparität (PPP)

 
26.05.14Makro

Die Taylor-Regel

 
19.05.14Makro

Das Okunsche Gesetz

 
04.11.13Makro

Der intime Kenner der Grossen Depression