Kommentare 08:27 - 15.12.2016

Die Politik der Beschäftigungspolarisierung

Simon Johnson, WashingtonEnglish Version »
«Trumps Politik und auch das allgemeinere Programm der Republikaner werden nichts tun, um dem grundlegenden Problem des technologischen Wandels zu begegnen.»
Weil die Technologie Arbeitsplätze verdrängt, wird Trumps Protektionismus keine hoch bezahlten Stellen in der Industrie zurückbringen. Ein Kommentar von Simon Johnson.
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zum Stichwort
Aktie
Wertpapier , das einen Anteil am Kapital einer Aktiengesellschaft verkörpert. Es sichert dem Eigentümer Mitgliedschaftsrechte (Stimm- und Wahlrecht an der Generalversammlung) und Vermögensrechte (Recht auf Anteil am Gewinn, Beteiligungsquote bei Kapitalerhöhungen oder am Liquidationsergebnis) zu.
Deregulierung
Abbau wettbewerbshemmender staatlicher Vorschriften, speziell an den Finanzmärkten (Liberalisierung).
Grossbanken
In der Schweiz UBS und Credit Suisse. Sie sind mit einem Anteil von 50% an der Bilanzsumme und 75% an der Börsenkapitalisierung aller Schweizer Bankaktien die bedeutendste Bankengruppe. Auch international gehören sie zu den grössten Banken.
Inflation
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Konjunktur
Oft synonym verwendet für die Lage der Gesamtwirtschaft. Die Forschung betont den zyklischen Verlauf des Wirtschaftswachstums (Aufschwung , Hochkonjunktur, Abschwung, Rezession , Depression). Im Englischen wird deshalb auch von Business Cycle gesprochen.
Risiko
In der Finanzmarkttheorie wird das Risiko einer Anlage an den Ertragsschwankungen gemessen. Risiko und Ertrag stehen theoretisch in einem direkten Zusammenhang: Je höher das eingegangene Risiko ist, desto grösser sollte längerfristig der Ertrag der entsprechenden Anlage ausfallen (vgl. Risikomanagement ).
Volkswirtschaft
Von Ökonomen verwendetes Synonym für die Wirtschaft eines Landes beziehungsweise einen Wirtschaftsraum wie die EU .
Wall Street
Im übertragenen Sinne Bezeichnung für die an der Strasse Wall Street gelegene Nyse , aber auch allgemein für New York als Finanzplatz .

Ein zentrales Problem in den USA, das sich im Sieg von Donald Trump in der Präsidentschaftswahl spiegelt, ist heute, dass sich zu viele Amerikaner angesichts der durch die Globalisierung und neue Technologien bedingten Polarisierung bei der Beschäftigung hilflos und unsicher fühlen. Den gut Ausgebildeten an der Spitze der Einkommenspyramide geht es besser denn je; wer jedoch nur die Highschool besucht hat, sieht sich und seine Kinder Verschlechterungen bei Einkommen, Lebensstandard und Zukunftsaussichten ausgesetzt. Die Mittelschicht ist dabei, zu zerreissen.

Zum AutorSimon Johnson ist Professor an der Sloan School of Management des MIT.Trump hat vor allem deshalb gewonnen, weil er die Wähler in Pennsylvania, Michigan, Wisconsin und anderswo überzeugt hat, dass seine Politik in Gemeinwesen, in denen die Industrie im Niedergang begriffen ist, bessere Ergebnisse zeitigen wird. Tatsächlich wird seine Regierung, die durch republikanische Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses gestützt wird, die Lage für die schwer unter Druck stehenden Amerikaner nur noch verschlimmern.

Das grundlegende Problem sind die neuen Technologien, besonders die Informationstechnologie, sowie die Art und Weise, wie sie das Wesen der Arbeit verändert haben. Wie David Autor und David Dorn gezeigt haben, sind viele Arbeitsplätze der Mittelschicht, die mittlere Fähigkeiten erfordern und ihren Inhabern ein mittleres Einkommen bescherten, inzwischen verschwunden. Die neu entstandenen Arbeitsplätze sind entweder hoch bezahlt (für hoch gebildete Arbeitnehmer) oder schlecht bezahlt (für Leute, die nur die Highschool besucht haben). Ein wichtiges Symptom – aber nur ein Symptom – ist das Verschwinden gut bezahlter Fabrikarbeitsplätze. Die Beschäftigung in der produzierenden Industrie ist zwischen 2004 und 2014 um mehr als 2 Mio. gesunken und macht heute nur noch 8% der Gesamtbeschäftigung aus. Ihr langer Niedergang seit den Fünfzigerjahren setzt sich damit fort.

Obamas Drängen auf Freihandel war ungeschickt

Dieser technologiebedingte Trend wurde noch verstärkt durch die Auswirkungen des Rückgangs der Transport- und der Kommunikationskosten, der den Warentransport über weite Entfernungen verbilligt. Wachsende Netzwerke hoch entwickelter Lieferanten erleichtern die Verlagerung der Fertigung in Niedriglohnländer. Viele US-Unternehmen haben diese zu einem wichtigen Teil ihrer Unternehmensstrategie gemacht, und der daraus herrührende Niedergang der produzierenden Industrie geht Hand in Hand mit dem Niedergang der Gewerkschaften. Wenn die Leute relativ hoch bezahlte, über die Gewerkschaften ausgehandelte Arbeitsplätze mit hohen Arbeitgeberleistungen verlieren, werden sie häufig zu einem geringeren Gehalt und ohne diese Arbeitgeberleistungen wieder eingestellt.

Die Finanzkrise von 2008 hat die Ungleichheit der Einkommen und die wirtschaftliche Unsicherheit unter anderem dadurch verschärft, dass sie den Verlust von Arbeitsplätzen in der produzierenden Industrie beschleunigt hat. Die Argumente, dass es notwendig oder sogar «optimal» war, die finanzielle Unterstützung der Regierung in Richtung der Banken und ihrer Führungskräfte zu lenken, sind nicht überzeugend (zumindest nicht abseits der Wall Street). Zwar stimmt es, dass die wohlhabenden Amerikaner einen deutlichen Rückgang ihres Vermögens hinnehmen mussten, als die Vermögenspreise abstürzten. Doch inzwischen haben sie von einer robusten Erholung der Aktienkurse und der Preise für teure Immobilien profitiert.

In diesem Umfeld, in dem sich so viele Menschen über ihre wirtschaftlichen Aussichten unsicher waren, war das Drängen der Regierung von Präsident Barack Obama auf die Transpazifische Partnerschaft (TPP) bestenfalls unsensibel. Die Regierung argumentierte, dass die TPP einige gute Arbeitsplätze schaffen würde und dass diejenigen, die ihre Arbeit infolge der TPP verlören, «entschädigt» werden würden. Doch derartige Entschädigungen erweisen sich immer als minimal und werden weithin als bedeutungslos betrachtet. Dies ist der Grund, warum Trump grosse Mehrheiten in so vielen Arbeiterbastionen erringen konnte, die in der Vergangenheit Obama unterstützt hatten.

Steuern senken, Obamacare weg, Banken deregulieren

Leider wird das Leben für diese Wähler jetzt schlechter werden. Nun, da die Republikaner den Präsidenten stellen und zugleich beide Häuser des Kongresses kontrollieren, werden sie vermutlich drei wichtige wirtschaftspolitische Ansätze verfolgen: Von Einkommens- und Körperschaftssteuersenkungen werden in erster Linie die reichen Amerikaner profitieren. Die Abschaffung von Obamas wichtiger Gesundheitsreform wird schwerwiegende Auswirkungen auf viele Menschen mit niedrigerem Einkommen haben, die ihren preiswerten Versicherungsschutz verlieren. Und die Deregulierung des Finanzsektors wird überwiegend den Grossbanken zugutekommen, zu unbekümmertem Risikoverhalten ermutigen und den Boden für eine weitere grosse Krise bereiten. Darüber hinaus wird der vorgeschlagene Konfrontationskurs Trumps in der Handelspolitik die Beschäftigungssituation voraussichtlich verschlechtern.

Gleichzeitig dürfte das Ausmass wirksamer Konjunkturimpulse für die Volkswirtschaft sehr gering sein. Eine zu einem Anstieg der Inflation und höheren Zinsen führende Überhitzung der Volkswirtschaft hilft Menschen mit niedrigem Einkommen in der Regel nicht (man erinnere sich an die Siebzigerjahre).

Trumps wichtigstes substanzielles Versprechen war es, wieder Arbeitsplätze für die Mittelschicht zu schaffen, besonders in der produzierenden Industrie. Doch seine Politik und auch das allgemeinere Programm der Republikaner werden nichts tun, um dem grundlegenden Problem des technologischen Wandels zu begegnen. Und die nächste Welle technologischer Neuerungen, darunter fahrerlose Fahrzeuge, wird negative Auswirkungen auf Einkommen und Chancen all derjenigen haben, die derzeit mit Kraftfahrzeugen Waren ausliefern oder Fahrgäste befördern.

Künstliche Intelligenz, Robotik, Automatisierung

Zudem wird der rapide Fortschritt der künstlichen Intelligenz und der Robotik dafür sorgen, dass selbst bei einer Stabilisierung oder einer leichten Verbesserung der Produktionsleistung in den USA nicht annähernd so viele Arbeitsplätze für die Mittelschicht entstehen wie in der Vergangenheit. Zugleich wird die Automatisierung die Zahl gut bezahlter Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor schrumpfen lassen.

Angesichts der Rolle der Technologie in der Verdrängung von Arbeitsplätzen wird der Protektionismus – die Kündigung von Handelsverträgen und die Verhängung von Zöllen gegen chinesische und mexikanische Waren – die hoch bezahlten Arbeitsplätze in der produzierenden Industrie nicht zurückbringen. Und Trump hat keinen Plan B. Dies bedeutet, dass sich die Polarisierung Amerikas, die Trump an die Macht gebracht hat, nur noch deutlich verschärfen wird.

Copyright: Project Syndicate.

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