Kommentare 09:42 - 05.11.2013

Die Politik von Chinas Umstellung

Michael Pettis, PekingEnglish Version »
«Ein Ausgleichsprozess ist nie nur wirtschaftlich schwierig, sondern vor allem auch politisch.»
Peking hat die Phase von drei Jahrzehnten raschen Wirtschaftswachstums weitsichtig gemeistert. Die neue Führung hat es schwerer: Sie muss die Ungleichgewichte beseitigen. Ein Kommentar von Michael Pettis.
lesen sie mehr
zum Stichwort
Adjustierung
Korrektur der Kennzahlen je Aktie und des Aktienkurses nach Kapitalerhöhungen , Aktiensplits und Kapitalzusammenlegungen. Dadurch wird die Vergleichbarkeit mit den historischen Datenreihen aufrechterhalten.
Bruttoinlandprodukt
Wertschöpfung einer Volkswirtschaft . Die Entwicklung des BIP ist eine wichtige Einflussgrösse für die Gewinne der Unternehmen sowie das Zinsniveau und dadurch indirekt für Aktien und Obligationen .
Handelsbilanz
Auflistung aller wirtschaftlichen Transaktionen eines Landes mit dem Ausland. Der wichtigste Bestandteil ist die Leistungsbilanz (Ertragsbilanz), die im Wesentlichen die Handelsbilanz umfasst. Da die Zahlungsbilanz immer ausgeglichen sein muss, weil ein Land sonst in Zahlungsschwierigkeiten geriete, müssen Leistungsbilanzdefizite beispielsweise durch Nettokapitalimporte (Kapitalbilanzüberschüsse) finanziert werden.

Die höchsten Stufen des politischen Establishments Chinas haben in den vergangenen zwei Jahren ein überraschendes Mass an Unruhe erlebt. Zum AutorMichael Pettis ist Finanzprofessor an der Peking University und Senior Associate, Carnegie Endowment.Die Verhaftung letztes Jahr und die Verurteilung dieses Jahr der Parteigrösse Bo Xilai war bloss die spektakulärste Episode. Es gab eine ganze Reihe von Vorfällen; politische Allianzen wurden neu geordnet, regelmässig wurden Mächtige aus Politik und Wirtschaft verhaftet. Nach zwanzig Jahren des – oberflächlich betrachtet – bemerkenswerten Zusammenhalts in Chinas politischer Elite haben diese Vorkommnisse viele sehr überrascht.

Doch historische Präzedenzfälle legen nahe, dass uns nichts davon hätte verblüffen sollen. China ist nicht das erste Land, das eine lange Periode rasanten Wachstums erlebt hat, doch typischerweise ist der schwierigste Teil des Wachstumswunders nicht dieses selbst, sondern die daran anschliessende Anpassungsphase. Betrachten wir die auffälligsten Beispiele: die USA in den Zwanzigerjahren, die Sowjetunion von den späten Vierzigerjahren bis in die frühen Sechziger, Brasilien von den späten Fünfzigerjahren bis zu den späten Siebzigern sowie Japan in den Achtzigerjahren.

In jedem dieser Fälle wuchs die Wirtschaft erstaunlich rasch, getrieben von Investitionsprogrammen. Sie waren gewöhnlich zentral gesteuert und quasi turbogeladen über institutionelle Verzerrungen: Diese forcierten eine hohe Ersparnisbildung, um die massiven Investitionen zu finanzieren sowie um hohe Handelsbilanzüberschüsse zu erwirtschaften. Auch hier erschien jeweils das Wachstum über lange Jahre schier unaufhaltbar, bis im Fall der Sowjetunion in den frühen Sechzigern und Japans in den späten Achtzigern fast einstimmiger Konsens herrschte, es sei nur ein Frage weniger Jahrzehnte, bis sie die USA als grösste Wirtschafts- und Technikmacht ablösen würden.

Schuldenkrise oder Stagnation

Es gibt also einen grossen historischen Kontext, in den sich Chinas spektakulärer Aufstieg einbetten lässt. Daraus geht hervor, dass der schwierigste Teil des Prozesses immer die folgende Berichtigung ist, in deren Verlauf das Problem der durch das zügige Wachstum entstandenen Ungleichgewichte angegangen wird. Doch die Lösung gelang nicht immer. In manchen Fällen, vielleicht denjenigen der USA oder Brasiliens, war die Adjustierung brutal schwierig, doch die daraus entstandenen Institutionen schufen die Grundlage für viele weitere Jahre des Wachstums und der Stabilität. In anderen Fällen, etwa demjenigen der Sowjetunion, zog sich die Anpassung in die Länge, und weil institutionelle Reformen versäumt wurden, kollabierte das Land. In Japan schien die Anpassung das Land in Stagnation blockiert zu haben.

Natürlich macht die Unterschiedlichkeit der jeweiligen Wachstumsphase bzw. Folgeanpassung Verallgemeinerungen riskant, doch es scheint zulässig, zum Prozess der Neuausrichtung drei Thesen aufzustellen. Erstens: Das investitionsgetriebene Wachstumswunder mündete stets in eine Phase, in der sich rasch untragbar hohe Schulden auftürmten; in jedem Fall endete das Wachstum in einer Schuldenkrise, oder, am offensichtlichsten bei Japan bzw. der Sowjetunion, in einer langen Stagnation.

Zweitens: In jedem der Fälle unterschätzten selbst diejenigen, die an der Dauerhaftigkeit des Wirtschaftswunders am meisten Skepsis geäussert hatten, die Schwierigkeiten der Umstellungsphase bei weitem. Hätte man den grössten Zweiflern am japanischen Wirtschaftswunder 1990 gesagt, Japan stehe vor zwanzig Jahren mit Wachstumsraten von unter 1% – sie hätten es nicht geglaubt. Hätte man einem Ökonomen, der die Nachhaltigkeit des sowjetischen Wachstums hinterfragte, 1970 gesagt, die sowjetische Wirtschaft wie auch der Staat würden binnen zwanzig Jahren zusammenbrechen, hätte er das kaum ernst genommen. Sogar die pessimistischsten Amerikaner anno 1929 oder Brasilianer anno 1979 wären in ihren «Bären-Prognosen» nicht von einer Dekade schrumpfender Wirtschaftsleistung ausgegangen.

Drittens war die Adjustierung nie allein wirtschaftlich schwierig, sondern auch geprägt von politischem Zank, manchmal gar von Umwälzung. In der Regel fallen diese Zeiten sogar mehr auf als solche politischen Wandels denn als solche wirtschaftlicher Veränderungen, denn: Ist ein Regierungssystem so aufgebaut, dass die Anreize für die politische Elite denjenigen des Staates insgesamt entsprechen, wird die Wirtschaft wahrscheinlich rasch und auf gesunde Weise wachsen; weichen die Anreize jedoch ab, dann entstehen im politischen System Spannungen.

Was heisst das in Bezug auf China? In den frühen Achtzigern, als die Reformen begannen, war das Land unterinvestiert und musste Infrastruktur, Industrie, Wohnbau und Bildung dringend verbessern. Als die weitsichtige Führung ein massives Investitionsprogramm auslöste, eröffneten sich dem Staat selbst und der politischen bzw. wirtschaftlichen Elite viele Gelegenheiten, direkt vom Aufbau des Kapitalstocks zu profitieren. Eine Folge war, dass – während sich die Lebensverhältnisse der durchschnittlichen Bürger rasch verbesserten – der Staatsanteil und derjenige der politischen Eliten am Bruttoinlandprodukt dreissig Jahre lang zunahmen: Staat und Establishment profitierten überproportional vom Wachstum.

Doch jedes Land, das ein Wirtschaftswunder erlebt, entwickelt Ungleichgewichte, die auszubalancieren sind. China ist da keine Ausnahme. Um Chinas Wirtschaft auszugleichen nach dreissig Jahren, während deren die privaten Haushalte einen immer kleineren Anteil an der rasch wachsenden Wirtschaft hielten und dabei dennoch wohlhabender wurden, muss nun eine Periode folgen, in der die Haushalte einen stetig zunehmenden Anteil an einer langsamer wachsenden Wirtschaft erhalten.

China braucht eine drastische Verringerung der gewohnten Zuwachsraten der Anlagen und der Vermögen des Staates und des Establishments. Zudem braucht das Land erhebliche Änderungen in der Art und Weise, wie das Finanzsystem wirtschaftliche Aktivitäten stützt, eine bedeutendere Rolle kleinerer Unternehmen und des Dienstleistungsbereichs, ein ganz anderes rechtliches Umfeld sowie etliche grundlegende institutionelle Anpassungen.

Chinas gewohntes Wirtschaftsmodell, von dem das Land insgesamt wie auch die politische Elite profitiert haben, muss einem Modell weichen, das wohl weiterhin dem Land nützt – doch nun auf Kosten der Elite. Das war die Herausforderung, die jedes Land zu meistern hatte, das sich nach einer Periode raschen, investitionslastigen Wachstums umstellen musste. Das war stets politisch herausfordernd, ob nun dieser Prozess bittere Konflikte auslöste und die Umverteilung von Vermögenden zu Ärmeren erzwang wie in den USA zur Zeit Präsident Roosevelts in den Dreissigerjahren oder als Brasilien das Militärregime ablöste und unter Mühen eine Demokratie aufbaute.

Anpassung ist stets enorm schmerzhaft

Die Präzedenzfälle sind klar: Jedes Land, das aus einem investitionsgetriebenen Wirtschaftswunder herauskam, musste entweder freiwillig oder gezwungen durch Überschuldung eine solche Umstellung durchmachen, die stets wirtschaftlich viel schmerzhafter war, als irgendwer erwartet hatte. Immer zählte ein fragmentiertes, schwieriges politisches Umfeld zu den grössten Herausforderungen. China beginnt jetzt seinen Ausgleichsprozess, und wir sollten auf schwierigere Bedingungen, sowohl wirtschaftlich wie politischer Art, vorbereitet sein.

Die Geschichte lehrt vieles über solche Phasen und darüber, welche Länder in deren Verlauf Grundlagen für längerfristigen Erfolg schufen. Chinas Führung hat bereits viel Weitsicht und Kompetenz bewiesen, eine Wachstumsperiode erfolgreich zu bewältigen, und wir haben Grund zur Hoffnung, dass sie auch die Umstellung so gut meistern wird. Doch es ist kaum zu bezweifeln, dass die dreissig Jahre erstaunlichen Wachstums der leichtere Teil waren. Präsident Xi Jinping und Premier Li Keqiang stehen vor einer schwereren Aufgabe als ihre Vorgänger. Es ist auch nicht zu bezweifeln, dass die jüngsten politischen Verwerfungen kein Zufall waren. Die Geschichte macht klar, dass die nächsten zehn Jahre für China politisch noch herausfordernder werden als wirtschaftlich.

Mehr zum Thema

01.11.13Emerging Markets

China: Mehr Output, weniger Aufträge

 
30.10.13Makro

Chinas Wirtschaft wächst bloss zyklisch

lock-status
 
28.10.13Kommentare

Chinas Weckruf aus Washington

 
24.10.13Emerging Markets

Flash PMI weist auf Konjunkturerholung Chinas hin

lock-status