Märkte / Makro Dossier Schweizerische Nationalbank 12:56 - 28.09.2012

«Die Schweiz ist Weltmeister in der Währungsmanipulation»

Der Leiter der Brüsseler Denkfabrik Ceps, Daniel Gros, hält im Interview mit «Finanz und Wirtschaft» die Mindestkurspolitik der Schweizerischen Nationalbank für schädlich.
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Abwertung
Bewirkt einen geringeren Aussenwert der Währung, was Exporte vergünstigt und Importe verteuert.
Abwicklung
Ein Börsengeschäft wird in drei Schritten abgewickelt: Nach dem Abschluss des Handelsgeschäfts (Trade) folgen die Datenübereinstimmung zwischen Käufer und Verkäufer (Matching), die Eingabe in das Verrechnungssystem (Clearing) und die Erfüllung (Settlement). Die SIX verbindet Handel und Abwicklung elektronisch miteinander. Normale Börsengeschäfte werden in der Regel Valuta drei Tage abgerechnet, d. h., Lieferung und Zahlung aus einer Börsentransaktion finden gemäss Usanzen am dritten Börsentag nach dem Abschluss statt.
Anleihe
Fremdmittelaufnahme am Kapitalmarkt . Anleihen können fix oder variabel verzinst werden. Die als Wertpapier ausgestalteten und somit handelbaren Bruchteile einer Anleihe werden Obligationen oder Bonds genannt.
Aufwertung
Bewirkt einen grösseren Aussenwert der Währung, was Exporte verteuert und Importe vergünstigt.
Aussenhandel
Die Berichterstattung über die Schweizer Warenexporte und -importe bezieht sich in der Regel auf die Definition Total 1, die den Aussenhandel mit Edelmetallen, Edel- und Schmucksteinen sowie Kunstgegenständen und Antiquitäten nicht umfasst. Sie sind dagegen im Total 2 enthalten.
Bruttoinlandprodukt
Wertschöpfung einer Volkswirtschaft . Die Entwicklung des BIP ist eine wichtige Einflussgrösse für die Gewinne der Unternehmen sowie das Zinsniveau und dadurch indirekt für Aktien und Obligationen .
CDS
Kreditderivat , mit dem sich der Sicherungsgeber (Protection Seller) über die Laufzeit des Kontrakts dazu verpflichtet, im Fall eines Kreditereignisses im Referenzwert dem Sicherungsnehmer (Protection Buyer) gegen Lieferung des im Preis gefallenen Referenzwerts eine Ausgleichszahlung zu leisten. Der Sicherungsgeber, der das Kreditrisiko übernimmt, erhält für sein Zahlungsversprechen vom Protection Buyer während der Laufzeit periodisch eine Prämie.
Deflation
Breit angelegter Rückgang des Preisniveaus in einer Volkswirtschaft , nicht nur in einzelnen Branchen (z. B. Informatik). In der Regel geht sie mit einer Rezession einher, weil es sich lohnt, Geld zu horten, statt zu investieren und zu konsumieren, da Güter und Dienstleitungen laufend günstiger werden und der Realzins unattraktiv hoch ist.
ESM
Permanente Fazilität für Notkredite an Staaten der Eurozone. Ab Mitte 2013 Nachfolger der EFSF und des EFSM . Anders als die EFSF wird der ESM über einen sogenannten bevorzugten Gläubigerstatus verfügen, d. h. vorrangig gegenüber privaten Gläubigern sein und nur hinter dem IWF zurückstehen (vgl. EU-Rettungsschirm ).
EZB
Zentralbank der EWU-Länder . Sie entscheidet über die Geldpolitik. Die Geld- und Währungspolitik wird zusammen mit den nationalen Zentralbanken (Europäisches System der Zentralbanken ) umgesetzt. Der wichtigste Leitzins der EZB ist der Mindestbietungssatz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte .
Europäische Währungsunion
Von elf Staaten der Europäischen Union per 1. Januar 1999 realisierter Zusammenschluss (seit 2001 auch Griechenland, seit 2007 Slowenien, seit 2008 Malta und Zypern). Die Teilnehmer haben die geldpolitische Kompetenz der EZB übertragen. Die nationalen Währungen wurden gegeneinander (Wechselkursverhältnisse) und gegenüber der Einheitswährung Euro fixiert.
Eurozone
Von elf Staaten der Europäischen Union per 1. Januar 1999 realisierter Zusammenschluss (seit 2001 auch Griechenland, seit 2007 Slowenien, seit 2008 Malta und Zypern). Die Teilnehmer haben die geldpolitische Kompetenz der EZB übertragen. Die nationalen Währungen wurden gegeneinander (Wechselkursverhältnisse) und gegenüber der Einheitswährung Euro fixiert.
Fed
US-Zentralbanksystem, dem die zwölf Federal Reserve Banks angeschlossen sind. An der Spitze steht das Direktorium (Board) in Washington, das auch die Mehrheit im Offenmarktausschuss stellt, in dem über die Geldpolitik entschieden wird.
Geldmenge
Bestand an Bar- und Buchgeld in einer Volkswirtschaft . Die SNB orientierte sich bis 1999 zur Steuerung der Geldmenge an der bereinigten Notenbankgeldmenge.
Leistungsbilanz
Auflistung aller wirtschaftlichen Transaktionen eines Landes mit dem Ausland. Der wichtigste Bestandteil ist die Leistungsbilanz (Ertragsbilanz), die im Wesentlichen die Handelsbilanz umfasst. Da die Zahlungsbilanz immer ausgeglichen sein muss, weil ein Land sonst in Zahlungsschwierigkeiten geriete, müssen Leistungsbilanzdefizite beispielsweise durch Nettokapitalimporte (Kapitalbilanzüberschüsse) finanziert werden.
Notenbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .
Prämie
1. Optionspreis , der vom Käufer einer Option an den Schreiber bezahlt wird. 2. Gibt an, um wie viel Prozent der Kurs des Basiswerts steigen muss, damit die Gewinnschwelle erreicht wird. Die Prämie zeigt, um wie viel Prozent ein Basiswert bei Kauf und Ausübung einer Option teurer wäre als mit dem direkten Erwerb der Aktie. 3. Wandelprämie .
Prämien
Die dem Geschäftsjahr zuzurechnenden Versicherungsprämien, die sich aus den Nettoprämien abzüglich der Veränderungen der Prämienüberträge berechnen.
Rating
Einstufung der Bonität eines Schuldners durch spezialisierte Ratingagenturen anhand einheitlicher Kriterien und Verfahren. Am Rating kann ein Investor ablesen, wie hoch das Ausfallrisiko ist.
Ratingagentur
Auf die Prüfung der Kreditqualität spezialisiertes Unternehmen, das anhand standardisierter Methoden und transparenter Kriterien eine Bewertung der Schuldnerbonität und eine Einstufung in Form von Ratings vornimmt. Die grössten und bekanntesten Ratingagenturen sind Standard & Poor’s (S&P), Moody’s und Fitch.
Risiko
In der Finanzmarkttheorie wird das Risiko einer Anlage an den Ertragsschwankungen gemessen. Risiko und Ertrag stehen theoretisch in einem direkten Zusammenhang: Je höher das eingegangene Risiko ist, desto grösser sollte längerfristig der Ertrag der entsprechenden Anlage ausfallen (vgl. Risikomanagement ).
SNB
1907 gegründete Notenbank der Schweiz. Ihr Auftrag gemäss Nationalbankgesetz NBG ist, eine dem Gesamtinteresse des Landes dienliche Geldpolitik zu betreiben und insbesondere die Preisstabilität zu bewahren. Ausserdem hat sie zur Stabilität des Finanzsystems beizutragen. Die SNB versorgt den Geldmarkt und damit das Finanzsystem über Repogeschäfte mit Liquidität, gewährleistet die Bargeldversorgung, verwaltet die Währungsreserven , vertritt die Schweiz zusammen mit dem Bund im IWF sowie in der Weltbank und fungiert als Hausbank der Eidgenossenschaft. Die SNB ist als spezialgesetzliche AG organisiert und an der SIX kotiert. Die Kantone halten die Mehrheit der Aktien , die Rechte der wenigen Privataktionäre werden auch vom NBG stark beschnitten, das z. B. die Höhe der Dividende limitiert. Organe der SNB sind der elfköpfige Bankrat als eine Art VR , das für die Geldpolitik verantwortliche ausführende dreiköpfige Direktorium als Geschäftsleitung , die GV und die Revisionsstelle .
Schweizerische Nationalbank
1907 gegründete Notenbank der Schweiz. Ihr Auftrag gemäss Nationalbankgesetz NBG ist, eine dem Gesamtinteresse des Landes dienliche Geldpolitik zu betreiben und insbesondere die Preisstabilität zu bewahren. Ausserdem hat sie zur Stabilität des Finanzsystems beizutragen. Die SNB versorgt den Geldmarkt und damit das Finanzsystem über Repogeschäfte mit Liquidität, gewährleistet die Bargeldversorgung, verwaltet die Währungsreserven , vertritt die Schweiz zusammen mit dem Bund im IWF sowie in der Weltbank und fungiert als Hausbank der Eidgenossenschaft. Die SNB ist als spezialgesetzliche AG organisiert und an der SIX kotiert. Die Kantone halten die Mehrheit der Aktien , die Rechte der wenigen Privataktionäre werden auch vom NBG stark beschnitten, das z. B. die Höhe der Dividende limitiert. Organe der SNB sind der elfköpfige Bankrat als eine Art VR , das für die Geldpolitik verantwortliche ausführende dreiköpfige Direktorium als Geschäftsleitung , die GV und die Revisionsstelle .
Volkswirtschaft
Von Ökonomen verwendetes Synonym für die Wirtschaft eines Landes beziehungsweise einen Wirtschaftsraum wie die EU .
Wechselkurs
Gibt an, in welchem Verhältnis die Währung eines Landes gegen die Währung eines anderen Landes gewechselt werden kann (vgl. effektiver Wechselkurs ).

Die Schweizerische Nationalbank gerät international in die Kritik wegen ihrer Wechselkurspolitik. Seit einem Jahr garantiert sie, dass der Euro sich nicht unter 1.20 Fr. abwertet, und wendet dafür Milliardenbeträge auf.Zur PersonDaniel Gros zählt zu den profundesten Kennern der europäischen Integration. Unter seiner Leitung wurde der 1993 gegründete Thinktank Centre for European Policy Studies (Ceps) mit Sitz in Brüssel zu einer der drei einflussreichsten Denkfabriken in der EU. Sie zeichnet sich durch unabhängige Politikberatung aus. In den vergangenen zwei turbulenten Jahren der Euro-Staatsschuldenkrise trug der Ceps-Direktor immer wieder mit konkreten Lösungsvorschlägen zur Entscheidungsfindung bei. Zusammen mit dem früheren Chefökonomen der Deutschen Bank, Thomas Mayer, lancierte er die Idee eines Europäischen Währungsfonds, die nun mit dem permanenten Rettungsschirm ESM in zentralen Teilen verwirklicht wurde. Beide schlugen zuletzt vor, dem ESM eine Banklizenz auszustellen, um ihm unbegrenzte Mittel zur Verfügung zu stellen und die EZB zu entlasten, sodass sie nicht selbst riskante Anleihen in die Bilanz nehmen muss. Die EZB hat sich diesbezüglich anders entschieden. Gros studierte an der Universität Rom Wirtschaftswissenschaften und promovierte an der University of Chicago. In erster Linie kauft sie erstklassige Eurostaatsanleihen auf und parkt Guthaben bei der Deutschen Bundesbank. Damit verstärkt sie die Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone, warnt die Ratingagentur Standard & Poor’s. Die Lösung der Eurokrise werde dadurch erschwert. Brasiliens Finanzminister spricht gar von einem globalen Währungskrieg. Auch Daniel Gros, Leiter des Brüsseler Thinktank Ceps, hält das Verhalten der Schweiz für schädlich, ist aber der Überzeugung, dass die Eurozone inzwischen das Schlimmste überstanden hat.

Herr Gros, ist es berechtigt, von einem weltweiten Währungskrieg zu sprechen?
Nein, es gibt einige Scharmützel. Die Überfälle, die stattfinden, werden nicht so sehr als feindlicher Akt wahrgenommen.

Wer beteiligt sich an der Währungs­manipulation?
In erster Linie die Schweiz.

Die USA pflegen den Dollar auch.
Nein, die USA manipulieren den Dollar nicht. Sie intervenieren nicht. Sie machen einfach ihre Politik und konzentrieren sich auf ihre eigenen Prioritäten.

Aber sie lassen zu, dass als Folge dieser Politik der Dollar schwach ist.
Das Einzige, was zählt, sind die Taten. Unter den Grossen intervenieren nur die Eurozone und das Federal Reserve nicht. Die Japaner hingegen ganz massiv, die Chinesen auch, und die Leistungsbilanzsalden erklärtDie Leistungsbilanz (Ertragsbilanz) setzt sich aus der Handelsbilanz (Exporte minus Importe), dem Erwerbs- und dem Vermögenseinkommen sowie laufenden Übertragungen, die u. a. die Beiträge an internationale Organisationen erfassen, zusammen. Sie zeigt, ob eine Volkswirtschaft mehr einnimmt, als sie ausgibt, bzw. mehr konsumiert und investiert, als sie selbst spart.

Im Falle eines Defizits wie in den USA entstehen daher Nettoforderungen aus dem Ausland. Das Land muss Kapital importieren, um diese Lücke zu finanzieren. Im umgekehrten Fall eines Überschusses, wie ihn die Schweiz seit Jahrzehnten erzielt, werden die Mittel im Ausland investiert. Sollten sich Leistungs- und Kapitalbilanz nicht ausgleichen, muss die Regierung resp. die Notenbank via Währungsreserven die Differenz bereinigen.

Fliesst also nicht genug Kapital ins Land, um das Defizit in der Leistungsbilanz zu finanzieren, fehlen der Volkswirtschaft Devisen, worauf die Zentralbank ihre Währungsreserven (sofern sie ausreichen) einsetzt, um die offenen Rechnungen zu begleichen und einen Zahlungsausfall zu verhindern. Fliesst von einem Land mit hohem Überschuss in der Leistungsbilanz – z. B. der Schweiz – kein Kapital ins Ausland, wertet sich die Währung auf, denn die Landeswährung wird im Ausland knapp. Steigt der Wert der Währung, wird sich nach und nach der Überschuss in der Leistungsbilanz verringern, weil Exporte teurer und Importe günstiger werden.

Um das zu vermeiden, investiert die Zentralbank im Ausland. Sie verkauft also Franken auf den internationalen Märkten und nimmt Devisen ein. Diese werden als Fremdwährungsreserven gehortet.
Schweizer sind Weltmeister relativ zu ihrer Grösse.

Die Nationalbank hat gute Gründe.
Die hat jeder. Die Schweiz will nur einen Leistungsbilanzüberschuss von 12 bis 13% des Bruttoinlandprodukts behalten. Das ist ihr «guter Grund».

Als kleine Volkswirtschaft ist die Schweiz wesentlich mehr vom Wechselkurs ­abhängig als beispielsweise China.
Warum soll eine kleine Volkswirtschaft einen höheren Aussenhandelsüberschuss haben als eine grosse? Das lässt sich nicht rechtfertigen.

Bisher hat die Schweiz sehr viel Kapital im Ausland reinvestiert. Das findet jetzt nicht mehr statt.
Das Merkmal eines Leistungsbilanzüberschusses ist, dass Kapital im Ausland angelegt wird. Die einzige Frage ist, ob das die Privaten tun oder der öffentliche Sektor. In der Vergangenheit investierten die Privaten im Ausland. Als sie kalte Füsse bekamen, überliessen sie das Risiko der Nationalbank. Deshalb ist die SNB (SNBN 1351 2.35%) da ganz gross eingestiegen.

Es ist aber auch viel Geld wegen der ­Eurokrise in die Schweiz geflossen und hat für Aufwertungsdruck gesorgt.
Ich glaube nicht, dass man ohne weiteres von einem massiven Zufluss von heissem Kapital sprechen kann. Die Schweiz hat viel mehr in Aussenhandelsüberschüssen angehäuft.

Hat die Nationalbank also nicht richtig gehandelt, als sie vor einem Jahr den ­Mindestkurs eingeführt hat?
Das kommt darauf an, aus welchem Blickwinkel man den Entscheid betrachtet. Aus der Sicht der Schweiz hat sie das Richtige getan. Und sie hat das hervorragend dargestellt: nicht als Überfall auf die Eurozone, sondern als Selbstverteidigung ge­gen böse Spekulanten. Aber aus der Sicht der restlichen Welt lässt sich das Verhalten schlecht rechtfertigen, solange sie über einen rekordhohen Leistungsbilanzüberschuss verfügt.

Sie sprechen von einem Überfall auf die Eurozone. Standard & Poor’s hat diese ­Woche den Vorwurf erhoben, die Schweiz forciere über die Käufe von Euroanleihen zur Schwächung des Frankens letztlich das Auseinanderdriften innerhalb der Währungsunion zwischen Kern und Peripherie. Stimmt dieses Urteil?
Ja, das sehe ich genauso. Denn die Schweiz investiert ja nur in Hartwährungsanlagen und vergrössert damit die Target-Ungleichgewichte der Deutschen Bundesbank. Indem die SNB über 300 Mrd. Fr. in die Eurozone gepumpt hat, hat sie das ­Ungleichgewicht im Euroraum verstärkt. Es war nicht der einzige Grund, aber vielleicht ist das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ausserdem: 300 Mrd. Fr. sind mehr als ein Tropfen!

Sollte die Schweiz den Mindestkurs erhöhen oder aufgeben? Was soll sie machen?
Noch einmal: Das kommt auf die Sicht an. Für die Schweiz besteht natürlich das Interesse, so fortzufahren wie bisher.

Ist es wahrscheinlich, dass die Regie­rungen in der Eurozone die Schweiz ­ermahnen, zurückhaltender zu sein?
Das glaube ich nicht. Die Schweiz hat sich eine überzeugende Verteidigungslinie aufgebaut, indem sie argumentiert, man müsse Spekulanten abwehren, und 1.20 Fr./€ sei bereits viel zu hart. Aber sie will ja nur ihren Leistungsbilanzüberschuss verteidigen.

Sie sagen, ausser der Eurozone und den USA pflegen fast alle wichtigen Staaten den Aussenwert ihrer Währung. Sehen Sie Parallelen zu den Dreissigerjahren?
Nein, das war etwas ganz anderes. In den Dreissigerjahren wäre so etwas gar nicht schlecht gewesen, denn wenn jeder so handelt, führt das dazu, dass die Geldmengeninflation global zunimmt. Aber damals beteiligten sich nicht alle.

Hat also der gegenwärtige Abwertungswettlauf auch seine gute Seite, da die Geldmenge erhöht wird in Zeiten, in denen Deflation droht?
Ja, so lässt sich schon argumentieren. Nur: Es droht keine grosse Deflation. Die Währungsmanipulation, die sich gegenwärtig beobachten lässt, ist letztlich eine Nebenwirkung der weltweiten Bemühungen, die eigene Volkswirtschaft anzukurbeln.

Wie lange kann das so weitergehen? Gibt es Grenzen?
Nein, es gibt theoretisch keine Grenzen. Die Notenbanken könnten sich gegen­seitig hochschaukeln. Die EZB könnte im Gegenzug Franken oder auch Dollar kaufen. Aber das führt nicht weit.

Ganz grundsätzlich: Ist die Lösung der Eurokrise inzwischen auf dem richtigen Weg oder immer noch nicht?
Sie ist auf dem richtigen Weg, aber sie steht noch am Anfang des Weges.

Trotz Freigabe des Rettungsschirms ESM und Anleihenkäufen durch die EZB?
Die Bankenunion ist ein wesentliches Element. Und hier muss, um bei der Metapher zu bleiben, erst noch ein Weg durch den Dschungel gehauen werden. Man weiss ungefähr, wo dieser Pfad entlanglaufen sollte, aber es wird noch einige Zeit dauern, bis man sich in diesem Dschungel der Partikularinteressen durchsetzt. Es geht nicht darum, einen Zeitplan einzuhalten, sondern dass man es richtig macht. Da kann noch viel verkehrt laufen.

Zum Beispiel?
Die grösste Schwachstelle ist die Nichtverzahnung von Aufsicht und Abwicklung. Es kann künftig nicht sein, dass die Aufsicht bei der EZB liegt und die Abwicklung den nationalen Behörden überlassen wird. Man versucht sich zu einigen, aber es ist noch nichts entschieden. Die nationalen Behörden wollen ihre Gärten verteidigen.

Wie stufen Sie die wirtschaftspolitischen Reformen beispielsweise am Arbeitsmarkt ein, die die Regierungen Italiens und Spaniens durchgeführt haben?
Das ist natürlich nur der Anfang eines langen Weges. Deutschland benötigte dafür zehn Jahre. In den beiden Ländern wird das nicht anders sein. Es muss noch sehr viel mehr nachkommen, und die Länder müssen noch viel länger durchhalten.

Wie können diese Regierungen, ausser zu sparen und zu sanieren, in dieser Situation die Wirtschaft auch stimulieren?
Das können sie nicht. Das ist das Problem: Wenn eine Volkswirtschaft kein Geld mehr aus dem Ausland erhält, dann muss sie sich anpassen, sich reformieren und darauf warten, dass weltweit die Exporte steigen und die Wirtschaft erneut zu wachsen beginnt.

Ist ein Austritt Griechenlands noch ­wahrscheinlich?
Das wird jeden Tag unwahrscheinlicher.

Wie viele Mitglieder wird die Europäische Währungsunion in fünf Jahren zählen?
Das könnten durchaus ein paar mehr sein als heute.

Die Zinsen und die CDS-Prämien spiegeln die Lage derzeit also zu negativ?
Die heutige Situation erinnert mich an die Jahre 1992 bis 1995. Damals sagten die Finanzmärkte auch: Italien schafft das nie. Und sie lagen damit falsch.

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2 Kommentare zu ««Die Schweiz ist Weltmeister in der Währungsmanipulation»»

  • Peter Lieberherr sagt: 19:21 - 28.09.12

    Was für ein Schwachsinn aus der Denkfabrik, in erster Linie mache die Schweiz Währungskrieg. Es ist wohl eher umgekehrt: Der Euro-Raum hat über 500 Millionen Einwohner und der US-Dollar-Raum über 300 Millionen. Dem stehen im Schweizer-Franken-Raum 8 Millionen Einwohner gegenüber. Das ergibt ein Wirtschaftsmacht- oder Kriegsmacht-Verhältnis Schweiz gegen die “restliche Welt” von 800 : 8. Wenn 800 Millionen Weichwährungs-Bürger nur jeder 10o0 Franken als Sicherheit unterm Kopfkissen haben möchte, dann braucht’s dafür halt 800 Milliarden Franken!
    Es ist schon möglich, dass die USA und die EU ihre Währungen nicht pflegen, wieso sollten sie auch. Dafür wird im internationalen Finanzcasino auf Teufel komm raus manipuliert. Und Standard & Poor’s ist eine Speerspitze der internationalen Währungs- und Zinsspekulation. Um ihre Geschäfte betreiben zu können, hätten die Finanzakrobaten nur zu gerne einen frei manipulierbaren Schweizerfranken. Dem sagt man dann “Finanzmärkte” und ausbaden müsste das der Werkplatz Schweiz.
    Immerhin gibt Herr Daniel Gros zu, dass die SNB aus der Sicht der Schweiz das Richtige getan hat. Ich möchte der SNB dafür danken.

  • Ivana Uhler sagt: 14:16 - 28.09.12

    Das Kernproblem ist der Euro. Südeuropa’s Wirtschaft kann wegen des Euros gegenüber Nordeuropa nie konkurrenzfähig werden und muss zwangsläufig verarmen. Ohne Fiskalunion schafft eine gemeinsame Währung krasse und kontinuierlich wachsende Ungleichgewichte. Die Aufrechterhaltung des Euros wird letzlich nicht wie erhofft zur EU-Integration führen, sondern zur Destabilisierung und ernsthaften Auseinandersetzungen in Europa führen.
    Weil die nordeuropäischen Euro-Länder (z.B. mit tiefen Zinssätzen für ihre Verschuldung) kurzfristig auf Kosten von Südeuropa profitieren, werden sie weiterhin an der Fehlkonstruktion Euro festhalten. Solange bleibt der Schweiz keine Wahl und sie muss sich mit einem fixen Wechselkurs verteidigen.