Kommentare 11:09 - 25.06.2014

Einheit und Sezession

Charles B. Blankart
««In Asien konnten sich grosse Reiche bilden, während sie in Europa nicht von Dauer waren.»»
Wann halten Staaten zusammen, wann zerbrechen sie? Im Zusammenhang mit der Ukrainekrise ist diese Frage erneut entbrannt. Die Macht der Geografie spielt dabei eine grosse Rolle. Ein Kommentar von Charles B. Blankart
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Fachbegriffe
Risiko
In der Finanzmarkttheorie wird das Risiko einer Anlage an den Ertragsschwankungen gemessen. Risiko und Ertrag stehen theoretisch in einem direkten Zusammenhang: Je höher das eingegangene Risiko ist, desto grösser sollte längerfristig der Ertrag der entsprechenden Anlage ausfallen (vgl. Risikomanagement ).
Rohstoffe
Werden in der Regel standardisiert und auf Termin (vgl. Futures ) gehandelt. Die Palette reicht von Edelmetallen über Basismetalle , Getreide und Ölsaaten , Soft Commodities und Fleisch sowie Milch bis zu Energie.

Es gibt krisenresistente Staaten, die sich gegen innere und äussere Erschütterungen jahrhundertelang behaupten, und es gibt Staaten, die aufblühen, grosses Ansehen erzielen und dann schon an kleinen Krisen scheitern und sang- und klanglos von der Weltkarte verschwinden. Zum AutorCharles B. Blankart ist Ständiger Gastprofessor an der Universität Luzern und emeritierter Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin.Unter den krisenfesten Staaten ist China bezeichnend, das sich im Jahr 323 v. Chr. zu einem geschlossenen Staat vereinigte, in den folgenden Jahrhunderten durch Kriege und Krisen geschüttelt wurde, aber trotz allem ein Einheitsstaat blieb. China überlebte selbst die grösste aller Erschütterungen, den Bürgerkrieg von 1949, in dessen Ergebnis sich der Parteiführer Mao Tse Tung als unangefochtener Herrscher von ganz Festlandchina durchsetzte. Nur den Inselchinesen von Taiwan ist es gelungen, sich aus dem chinesischen Staatsverband zu lösen und dank Unterstützung durch die Vereinigten Staaten unabhängig zu werden und bis heute zu bleiben.

Auch die Vereinigten Staaten von Amerika sind schon zweimal fast auseinandergebrochen. Im Jahr 1832 sah sich Präsident Jackson vor der Herausforderung, die Regierung von South Carolina zu zwingen, die Bundesgesetze in ihrem Staat ohne Ausnahme durchzusetzen und damit dessen Sezession zu verhindern. Im amerikanischen Bürgerkrieg von 1864 ist es noch einmal fast zur Spaltung gekommen. Doch am Schluss mussten sich die Südstaaten dem Diktat des Nordens fügen. Seither sind die Vereinigten Staaten als Einheit unangefochten geblieben. Sie gelten als stabiler Staat.

Demgegenüber gibt es brüchige Staaten, z. B. die Kolonialstaaten – das British Empire, das spanische, das portugiesische und das französische Kolonialreich. Sie alle sind zusammengebrochen. Sie folgten dem Schicksal des Weströmischen Reichs, das schon vor 1600 Jahren zusammengebrochen ist.

Dialektik Herrscher-Untertan

Weshalb sind die einen Staaten brüchig und die anderen stabil? Manche sagen: Nationalstaaten überleben, Vielvölkerstaaten scheitern. Wenn das die ganze Wahrheit wäre, so wären Staaten wie Kanada, Indien und die Schweiz längst zerbrochen. Um Einheit oder Sezession zu erklären, kann man sich abstrakt die Situation eines Herrschers und seiner Untertanen(-gebiete) vergegenwärtigen. Dem Herrscher geht es (wie allen Menschen) im Wesentlichen um das Geld. Der Herrscher erzielt mehr Steuereinnahmen, je grösser seine Herrschaft ist. Umgekehrt stellen sich seine Untertanen(-gebiete) besser, wenn sie sich vom Herrscher lösen, wodurch sie der Steuerpflicht entkommen.

Aber wann setzt sich der Herrscher durch? Wenn sich eine Herrschaft als Kreis verstehen lässt, so ist es wahrscheinlich, dass der Herrscher obsiegt. Denn der Kreisformel zufolge wachsen die Kosten der Ausdehnung und der Aussenverteidigung linear mit 2πr, während die Zahl der Unterdrückten mit der Fläche im Quadrat πr² wächst. Doch eine Herrschaft als Kreis lässt sich nur in grossen zusammenhängenden Erdteilen, besonders in Asien als weltweit grösstem Kontinent, errichten. In Gebieten mit zergliederter, skelettartiger Geografie wie derjenigen Europas gilt die Kreisformel nicht. Die Ausdehnung der Herrschaft erzeugt in solchen Gebieten nicht lineare, sondern steigende Grenzkosten, und die Untertanen haben viele Möglichkeiten, sich in der zerklüfteten Landschaft abzusetzen, sich so der Besteuerung zu entziehen oder konkurrierende Herrschaften zu errichten.

So gesehen ist es verständlich, dass sich in Asien grosse Reiche wie China und Indien bilden konnten, während solche in Europa nicht von Dauer waren. Die Wettbewerbskräfte überwogen, und es entstand ein Wettbewerbssystem von Staaten. Noch brüchiger sind Kolonialstaaten, die über keine Landverbindung verfügen und, wie vorauszusehen, keine grosse Überlebenschance haben.

Schon Charles de Montesquieu und David Hume haben im 18. Jh. den Zusammenhang zwischen Fläche, Bevölkerung und Macht von Staaten erkannt. Hume schreibt 1742 in «The Rise and Progress of Arts and Sciences»: «Europa ist heute im Grossen, was einst Griechenland im Kleinen war… Wenn wir die Oberfläche des Globus betrachten, dann ist Europa von allen [einst] vier Teilen der Welt, und Griechenland von allen Teilen Europas, der am meisten durch Seen, Flüsse und Berge zerklüftete. Darum waren diese Gebiete natürlicherweise in verschiedene Herrschaften aufgeteilt. Und darum entstanden die Wissenschaften in Griechenland, und Europa war seither ihre nachhaltigste Heimat.»

Wenig später schreibt Charles de Montesquieu in seinem grossen Werk «De l’esprit des lois» (1748): «In Asien gab es schon immer grosse Reiche. In Europa konnten sie sich nie halten. Von Asien kennen wir grosse Ebenen, … und weniger breite Flüsse bilden dort mindere Schranken. Folglich muss die Macht in Asien immer despotisch sein. … In Europa führt die natürliche Aufteilung zu mehreren Staaten, in denen die Herrschaft des Rechts nicht unvereinbar ist mit der Aufrechterhaltung der Staatsmacht. … Das hat den Geist der Freiheit geschaffen.»

Ein Blick auf Afrika erstaunt. Die schematisch gezogenen Grenzen der einstigen Kolonialherren haben sich bis heute gehalten. Vielfach bestehen diese Staaten aus einer Hauptstadt mit einem grossen Hafen am Meer und einem Hinterland, das die Rohstoffe und die landwirtschaftlichen Fertigprodukte liefert. Zwischen dem Hinterland und dem Hafen entsteht eine Symbiose. Weder ist das Hinterland ohne den Hafen als Basis für den Export überlebensfähig noch der Hafen ohne das Hinterland als Zulieferer.

Machthaber nützen dies aus, indem sie am Hafen hohe Zölle und Steuern erheben, aus denen sie ihren Luxus finanzieren. So setzen sich auch in Afrika festgefügte kreisförmige Herrschaften durch, nur dass ihre Machtzentren nicht in der Mitte, sondern an der Peripherie der zugehörigen Kreise liegen.

Ökonomen wie Carl Christian von Weizsäcker wenden ein, dass Einheit und Sezession nicht nur aus den Motiven der Herrscher, sondern auch denen ihrer Untertanen betrachtet werden müssen. Was haben denn Untertanen zu erwarten, wenn sie sich von ihrer bisherigen Zugehörigkeit lösen? Die Staaten des British Empire mussten sich nicht völlig von ihrem Mutterland trennen. Ihnen stand das britische Commonwealth als Auffangorganisation offen: ein Raum mit bewährter Rechtstradition, in dem sich nach vertrauten Regeln Handel treiben lässt.

Sezession – doch wohin?

Ähnlich verhält es sich mit Frankreich und den anderen Kolonialstaaten. Hier wie dort begünstigen Auffanginstitutionen die Sezession. Ganz anders verhält es sich bei Chinas Aussenprovinzen. Sie sind mit  den zentralen Provinzen Hebei und Henan landmässig verknüpft, sodass die Kreisformel gilt und eine Sezession nicht ohne weiteres möglich ist. Überdies ist eine Sezession für Chinas Provinzen mit ihrer abgeschlossenen Kultur schwierig. Sie finden nicht einfach so eine Art von Commonwealth, das sie aufnimmt. Wohin also sollten sie sich denn begeben?

Auch die Krise der Ukraine lässt sich aus dem Zusammenwirken von Herrschern und Untertanen verstehen. Die Annexion der Krim durch Russland schafft eine für Russland unsichere Exklave, die eines Tages wieder von Russland abfallen könnte. Das Risiko der räumlichen Trennung lässt sich beseitigen, wenn die Bevölkerung der Ostukraine zu Russland zurückkehrt, weil sie dort ihr vertrautes «Commonwealth» wiederfindet. Dann wäre auch die fiskalisch wichtige Landverbindung zur Krim wiederhergestellt, bzw. sie könnte wie angekündigt durch den Bau einer Brücke leicht hergestellt werden.

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