Kommentare 18:28 - 03.07.2012

Europa: Falsche Diagnose, falsche Behandlung

«Das Unvermögen der Politiker, die Funktionsweise der Bilanzrezession zu verstehen, drückt die Währungsunion immer näher an den Abgrund.»
Das Kernproblem der Eurokrise sind nicht die hohen Staatsschulden Spaniens, Irlands, Portugals oder Italiens. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Mark Dittli.
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zum Stichwort
Aussenhandel
Die Berichterstattung über die Schweizer Warenexporte und -importe bezieht sich in der Regel auf die Definition Total 1, die den Aussenhandel mit Edelmetallen, Edel- und Schmucksteinen sowie Kunstgegenständen und Antiquitäten nicht umfasst. Sie sind dagegen im Total 2 enthalten.
BIP
Wertschöpfung einer Volkswirtschaft . Die Entwicklung des BIP ist eine wichtige Einflussgrösse für die Gewinne der Unternehmen sowie das Zinsniveau und dadurch indirekt für Aktien und Obligationen .
Bilanz
Periodische Gegenüberstellung sämtlicher Aktiven und Passiven an einem Stichtag. Die Aktivseite gibt Aufschluss über die Verwendung der Mittel, während die Passivseite über die Beschaffung der Mittel (Finanzierung) orientiert. Teil des Geschäftsberichts .
Boom
Wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung, Hochkonjunktur. Gegenteil: Rezession .
Budget
Geplante künftige Einnahmen und Ausgaben während eines bestimmten Zeitraums (Finanzbudget). Bei einem Erfolgsbudget werden die geplanten künftigen Kosten und Erlöse bzw. der geplante Aufwand und Ertrag einander gegenübergestellt.
Crowding-out
Staatliche Tätigkeit verdrängt den Privatsektor. Beispiel: Der Staat entzieht dem Kapitalmarkt über die Ausgabe von Anleihen Finanzmittel und verwendet sie nicht so produktiv, wie es private Unternehmen machen würden.
EZB
Zentralbank der EWU-Länder . Sie entscheidet über die Geldpolitik. Die Geld- und Währungspolitik wird zusammen mit den nationalen Zentralbanken (Europäisches System der Zentralbanken ) umgesetzt. Der wichtigste Leitzins der EZB ist der Mindestbietungssatz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte .
Geldpolitik
Massnahmen, mit denen die Zentralbanken die Zinsen am Geldmarkt (Leitzinsen ) und damit die Geldversorgung eines Landes oder Währungsraums steuern. Die meisten Zentralbanken, so auch die Schweizerische Nationalbank , sind bestrebt, die Preise stabil zu halten (vgl. Inflation , Deflation ) und der Wirtschaft Wachstum zu ermöglichen (vgl. quantitative Lockerung ).
Handelsbilanz
Auflistung aller wirtschaftlichen Transaktionen eines Landes mit dem Ausland. Der wichtigste Bestandteil ist die Leistungsbilanz (Ertragsbilanz), die im Wesentlichen die Handelsbilanz umfasst. Da die Zahlungsbilanz immer ausgeglichen sein muss, weil ein Land sonst in Zahlungsschwierigkeiten geriete, müssen Leistungsbilanzdefizite beispielsweise durch Nettokapitalimporte (Kapitalbilanzüberschüsse) finanziert werden.
Research
Systematische Wertpapierbeurteilung als Grundlage für die Anlagepolitik. Sie gliedert sich in die Fundamentalanalyse und die technische Analyse .
Rezession
Phase im Konjunkturzyklus . Rückläufiges Wachstum des BIP während mindestens zwei Quartalen.
Volkswirtschaft
Von Ökonomen verwendetes Synonym für die Wirtschaft eines Landes beziehungsweise einen Wirtschaftsraum wie die EU .
Zentralbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .

Es war einmal ein Patient. Er fühlte sich schwach, klagte über Schmerzen in der Brust. Sein Arzt kam zum Schluss, der Patient habe zu viel getrunken und geraucht. Er müsse sich entgiften. Also (ALSN 86.85 0.93%) setzte er den Patienten auf eine strenge Diät. Doch sein Zustand verbesserte sich nicht; er wurde schwächer, die Schmerzen heftiger. Der Arzt massregelte den Patienten, er habe seine Diät nicht konsequent befolgt. Er schlug vor, ihm einen Aderlass zu setzen, möglicherweise müsse er ein Bein amputieren, da sich dort «das Gift» konzentriere. Dann starb der Patient. An einem Herzinfarkt.

Falsche Diagnose, falsche Behandlung, fataler Ausgang. Das gleiche Muster spielt sich derzeit in Europa ab. Gemeinhin ist von «Staatsschuldenkrise» die Rede, doch die hohen Staatsschulden sind nicht die Ursache dafür, dass die Europeripheriestaaten heute vor dem Kollaps stehen. Einzig für Griechenland mag das der Fall sein, aber definitiv nicht für Spanien und Irland, auch nicht für Portugal und Italien. Nein, die Krankheit heisst Bilanzrezession, und das Unvermögen der Politiker, die Funktionsweise dieser Krankheit zu verstehen, drückt die  Währungsunion immer näher an den Abgrund.

Begegnung mit dem Monster

Es existieren zwei Arten von Rezessionen. Die eine, die Lehrbuchvariante, ist harmlos. Ihre Ursache liegt meist im normalen Geschäfts- und Lagerzyklus der Unternehmen. Sie ist in der Regel von kurzer Dauer und kann mit den Mitteln der Geldpolitik effektiv bekämpft werden.  Fiskalische Stimuluspakete sind unnütz bis kontraproduktiv, weil sie die private Kreditschöpfung verdrängen (Crowding-out). Alle Rezessionen, die Europa und die USA seit Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt haben, waren von dieser harmlosen Art.

Die Bilanzrezession dagegen ist ein Monster. Sie ist zwar selten, doch wenn sie zuschlägt, zwingt sie einer Volkswirtschaft komplett neue Gesetze auf. Vorläufer einer Bilanzrezession sind ein Wirtschaftsboom und exzessiver privater Schuldenaufbau. Sobald die Stimmung kippt und sich die Wirtschaft des betreffenden Landes abkühlt, setzt der Mechanismus ein, für den Keynes in den Dreissigerjahren den Begriff «Sparparadox» geprägt hatte: Die privaten Sektoren der Wirtschaft – also die Haushalte und die Unternehmen – sind plötzlich mit zu hohen Schulden belastet und versuchen, sie abzubauen. Jeder agiert in dieser Situation für sich rational; er erhöht seine Sparquote und zahlt Schulden zurück. Wenn das aber alle gleichzeitig tun, sackt die aggregierte Nachfrage in der Volkswirtschaft zusammen.

Ein derartiger Schuldenabbauprozess nimmt Jahre in Anspruch. Wenn die privaten Sektoren kontrahieren, hat das betreffende Land nur zwei Möglichkeiten, sich über Wasser zu halten: Der Staat erhöht seine Nachfrage, und/oder der Exportsektor setzt massiv mehr Waren ins Ausland ab. Letzterer Weg ist freilich nur möglich, wenn das Land seine Währung abwerten kann. Geschieht das nicht, vermögen also weder Staat noch Aussenhandel die Kontraktion des inländischen Privatsektors zu kompensieren, schraubt sich die Volkswirtschaft in eine Depression. Jeder Versuch des Staates, seine Ausgaben zu kürzen, führt zu einer Verschlimmerung der Depression, wobei die Steuereinnahmen einbrechen und als Folge davon Staatsdefizit und -schulden noch weiter steigen.

Klassische Bilanzrezessionen (eine Wortschöpfung von Richard Koo, Leiter des Nomura Research Institute in Tokio) durchlebten die USA in den Dreissigerjahren sowie Japan in den zwei Jahrzehnten nach 1990. In dieser Art von Rezession – und nur in dieser – sind Fiskalausgaben die einzige wirksame Medizin.

Einige Europeripheriestaaten leiden heute eindeutig an einer Bilanzrezession. Bestes Beispiel ist Spanien: Die Grafik links Finanzierungssaldi Spanienzoomzeigt, wie die Finanzierungssaldi des Unternehmens- (blaue Kurve) und des Haushaltsektors (rot) nach 2008 in die Höhe schnellten. Sie schwenkten vom Kreditexzess zu Sparwut. Spaniens Handelsbilanzsaldo bleibt derweil negativ (in der Grafik abzulesen an der schwarzen Kurve der Kapitalbilanz), daher muss die Staatsbilanz (orange Kurve) im Defizit sein. Das ist eine saldentechnische Identität, denn die vier Finanzierungssaldi müssen sich auf null summieren.

Jeder Versuch, in dieser Situation die Staatsfinanzen zu konsolidieren, lässt die Wirtschaftsleistung noch weiter einbrechen. Kein Wunder, muss Spaniens Regierung schon fast Monat für Monat berichten, die gesetzten Defizitziele im laufenden Jahr nicht einhalten zu können.

Deutschland ist mitschuldig

Wenn jemand diese Lage verstehen sollte, dann die deutschen Politiker. Deutschland selbst steckte nämlich von 2000 – nach dem Platzen der IT-Blase am Neuen Markt – bis 2005 in einer Bilanzrezession. Deutschland war damals der kranke Mann Europas. In der Grafik rechts,Finanzierungssaldi Deutschlandzoom aufbereitet von Richard Koo, ist schön ersichtlich, wie Deutschlands Unternehmen und Haushalte in dieser Zeit ihre Sparquote markant erhöhten und das Budgetdefizit auf 4,2% des BIP anschwoll. Deutschlands hartnäckige Bilanzrezession war der Hauptgrund für die extrem lasche Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, die die Zinsen 2003 auf 2% senkte und dort beliess. Diese Politik der EZB war es, die den Boom in Spanien und Irland erst befeuerte, denn das Zinsniveau war für diese Länder damals deutlich zu niedrig.

Natürlich: Spanien, Italien und Portugal müssen ihre Arbeits- und Dienstleistungsmärkte reformieren (für Irland trifft das nicht zu, und Griechenland dürfte bereits ein hoffnungsloser Fall sein). Nur so können sie langfristig ihre Wettbewerbsfähigkeit wiedererlangen. Aber wer behauptet, die Ursache der Eurokrise liege in den aufgeblähten Schulden der Südländer und Deutschland treffe keine Schuld an der heutigen Misere, der verkennt komplett die historischen Fakten.

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7 Kommentare zu «Europa: Falsche Diagnose, falsche Behandlung»

  • Helmut Hirtz sagt: 09:47 - 16.07.12

    Mit seinem Beitrag “Europa: Falsche Diagnose, falsche Behandlung” vom 4. Juli 2012 trägt Mark Dittli dazu bei, dass das gefährliche Phänomen “Bilanz- oder Yin-Rezession (chines.: Mond oder Schatten)” in das öffentliche Bewußtsein kommt. Dieser Begriff, der auf Richard Koo zurückgeht, dürfte noch keinen hohen Bekanntheitsgrad erreicht haben. Zuerst denkt man hierbei an die Gegenüberstellung von Vermögen und Kapital. Bedeutet das lateinische balanx doch zweischalig.

    In einem Interview gegenüber der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” am 19. April 2012 äußerte Koo, dass den USA und Europa eine Bilanzrezession wie in Japan bevorsteht. Nach Koo befinden sich Spanien, Portugal und Irland in einer Bilanzrezession, nicht dagegen Deutschland, Italien und Griechenland. Die Geldpolitik kann nichts gegen die Bilanzrezession unternehmen, meint Koo. Das muss die Finanzpolitik tun. Außerdem vertritt Koo die Auffassung, dass die Europäische Union oder die EZB eine Blankogarantie für die Sicherheit der Einlagen in den europäischen Banken geben müsse. Von der Bilanzrezession zur Finanzrepression? Finden die Lebensversicherer noch die passenden Kapitalanlagen für ihr Geschäft?

    Otmar Issing, der ehemalige Chefvolkswirt der EZB, bemerkte in seinem Beitrag “Europa in Not – Deutschland in Gefahr” in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” vom 11. Juni 2012: “Die Erkenntnis, dass die Probleme fast ausnahmslos in jedem Land auf eigene Fehler zurückzuführen sind, lässt sich immer weniger unterdrücken.” Außerdem bemerkte er: “Ein Staat, der immer wieder neue Hilfen verlangt, aber permanent eingegangene Verpflichtungen nicht erfüllt, hat keinen Platz in der Währungsunion.”

    Schon 2009 blickte der EU-Kommissar Joaquin Almunia mit Sorge auf die Entwicklung der Staatsfinanzen. Nachfolgend einige Zahlen zur “Bruttoverschuldung des Staates” in % des BIP für 2011: 87,2 % für den Euroraum (ER17), 82,5 % für EU27 und 81,2 % für Deutschland (2008 noch 66,7 %). Nach dem Maastrichter Vertrag darf aber die Staatsverschuldung 60 % des BIP nicht überschreiten. Auf 10,4 Billionen € belief sich 2011 der “Schuldenstand des Staates” für EU27. Dabei handelt es sich um die expliziten (offenen) Staatsschulden. Die impliziten (verdeckten) Staatsschulden übertreffen die expliziten meist um ein Vielfaches. Deutschland war zum 31. März 2012 mit 2042 Mrd. € verschuldet (Statistisches Bundesamt). Die expliziten und impliziten Staatsschulden belaufen sich für Deutschland auf rund 10 Billionen €. Der deutsche Anteil bei Zahlungsausfall der GIPS-Länder und Italiens beträgt 704 Mrd. € (Haftungspegel des ifo Instituts).

    “Der Staat ist als Steuer- und Kreditnehmer an seine Grenzen gestoßen. Er muß sich neu orientieren; wir alle müssen es – denn der Staat das sind wir selbst.” Diese Zeilen finden sich in der Schrift “Steuern und Staatsverschuldung …”, die vor bald dreißig Jahren (1985) von der Deutschen Bank herausgegeben wurde. Damals betrug die Staatsschuld 41 % des Bruttosozialproduktes (BSP) gegen 17 % in 1960. Die Abgabenquote war von 36,5 % des BSP in 1970 auf über 42 % in 1984 angestiegen. Die aktuelle Abgabenquote liegt bei 52 % (Bund der Steuerzahler).

  • anon sagt: 23:19 - 06.07.12

    Den nachfolgenden Satz verstehe ich nicht.

    Dies ist genauso falsch ist der Umkehrschluss:

  • ted sagt: 22:39 - 05.07.12

    Die flucht nach unten durch ein vernichten der diversität in Europa ist nicht die lösung , temp, der heutigen probleme….im gegenteil. Und anzufangen ist mit dem wieder aufbau der nationalen währungen

    • temp sagt: 07:43 - 06.07.12

      ted,
      bin weitgehend gleicher Meinung mit dir. Was die langfristige Entwicklung angeht, ist mMn die Sozalisierung von Schulden, dauerhafte Subventionswirtschaft und Egalisierung der Kulturen nicht der richtige Weg. Um die Euro-Krise zu bewältigen oder zumindest zu beruhigen, wäre es aber schon ein gangbarer Weg.

  • temp sagt: 10:56 - 05.07.12

    “Aber wer behauptet, die Ursache der Eurokrise liege in den aufgeblähten Schulden der Südländer und Deutschland treffe keine Schuld an der heutigen Misere, der verkennt komplett die historischen Fakten.”

    Dies ist genauso falsch ist der Umkehrschluss: “Aber wer behauptet, an der Eurokrise sei einzig Deutschland Schuld und in in den aufgeblähten Schulden der Südländer liege überhaupt kein Grund für die heutigen Misere, der verkennt komplett die historischen Fakten”.

    Dennoch ein interessanter Artikel. Gerade der Hinweis, dass wegen Deutschland 2003 eine lasche Geldpolitik für den Euro-Raum gemacht wurde, was dann wiederum die Bubble in Spanien und Irland mitkreiierte, zeigt exemplarisch das Grundproblem der Euro-Zone auf:

    Die Wirtschaften und Gesellschaften der verschiedenen Regionen/Länder sind (zu/sehr) unterschiedlich und verlangen auch nach unterschiedlicher (Fiskal- und) Geldpolitik. Es sei denn, es bestünde ein breiter Konsens für einen Europäischen Bundesstaat (mit allen Transfers, Ausgleichen, Harmonisierungen, Abgabe Souveränität, …).

  • kungfutse sagt: 22:15 - 04.07.12

    Kanzlerin Merkel und die ganze SPD mögen diesen guten und verständlichen Artikel lesen und danach handeln. Oder etwa nicht?

  • Friedrich sagt: 17:45 - 04.07.12

    Lieber Herr Dittli
    natürlich ist es nicht einfach zu erklären wie eine Rezession oder eine Bilanzrezession usw. zustande kommt.
    Das Grundübel ist aber ganz einfach ausgedrückt nach wie vor, a) dass alle mehr Geld ausgegeben haben als sie erarbeitet haben und b) dass die Politiker meinen für sie (die Staaten) gilt das nicht und c) dass durch den Einfluss von Keynes Theorie mit Geldlenkung vom Staat aus jedes Problem lösen zu können. So entstanden in der Vergangenheit schon die vielen Bubbles und entstehen gerade wieder neue.
    Noch viel bessere Erklärungen können Sie lesen in den Büchern von Roland Baader, einem renomierten Ökonomen (leider vor kurzem verstorben) z.B. in seinem Buch : Fauler Zauber. oder Die Eurokatastrophe use.
    Liebe Grüsse
    Friedrich