Märkte 00:01 - 19.03.2015

Fed dämpft Zinsängste

Christoph Gisiger, New York
Die amerikanische Notenbank eröffnet sich die Option für eine Zinserhöhung ab Mitte Jahr. Zugleich senkt sie aber den Konjunkturausblick, was an den Finanzmärkten für Entspannung sorgt.
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zum Stichwort
Bond
Englische Bezeichnung sowohl für eine Anleihe wie auch für ihre handelbaren Bruchteile, also die Obligationen .
Börse
Regelmässig stattfindender, nach feststehenden Usanzen organisierter Markt. Je nach den gehandelten Gütern spricht man z. B. von Wertpapier-, Effekten-, Devisen-, Warenbörsen oder Börsen für derivative Instrumente (Terminbörsen ).
Cap
Kurs eines Basiswerts oder ein Zins, den zu erreichen oft darüber entscheidet, ob der Basiswert geliefert oder ein Barbetrag gezahlt wird.
Devisen
Auf ausländische Währung lautende und im Ausland zahlbare Geldforderungen, insbesondere Bankguthaben, Checks und Wechsel. Allgemein auch ein Sammelbegriff für ausländische Währungen.
Fed
US-Zentralbanksystem, dem die zwölf Federal Reserve Banks angeschlossen sind. An der Spitze steht das Direktorium (Board) in Washington, das auch die Mehrheit im Offenmarktausschuss stellt, in dem über die Geldpolitik entschieden wird.
Geldpolitik
Massnahmen, mit denen die Zentralbanken die Zinsen am Geldmarkt (Leitzinsen ) und damit die Geldversorgung eines Landes oder Währungsraums steuern. Die meisten Zentralbanken, so auch die Schweizerische Nationalbank , sind bestrebt, die Preise stabil zu halten (vgl. Inflation , Deflation ) und der Wirtschaft Wachstum zu ermöglichen (vgl. quantitative Lockerung ).
Inflation
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Kerninflation
Um vorübergehende Verzerrungen bereinigte Rate, die eine akkuratere Aussage über den Inflationstrend zulässt als die Gesamtinflation. Die Schweizerische Nationalbank publiziert eine Trimmed-Mean-Rate, bei der die Güter mit den stärksten Preisschwankungen nach oben und unten aus dem Landesindex der Konsumentenpreise ausgeschlossen werden. Das Bundesamt für Statistik veröffentlicht die Kernrate 1 (Konsumentenpreise ohne Nahrung, Getränke, Tabak, Saisonprodukte, Energie und Treibstoff) und 2 (Kernrate 1 ohne Produkte mit administrierten Preisen).
Konjunktur
Oft synonym verwendet für die Lage der Gesamtwirtschaft. Die Forschung betont den zyklischen Verlauf des Wirtschaftswachstums (Aufschwung , Hochkonjunktur, Abschwung, Rezession , Depression). Im Englischen wird deshalb auch von Business Cycle gesprochen.
Laufzeit
1. Lebensdauer eines Derivats oder einer Obligation . 2. Frist im Optionsgeschäft, während deren eine amerikanische Option ausgeübt werden kann.
Nasdaq
US-Börse für die Aktien von Technologieunternehmen, die nicht an der Nyse kotiert sind. Im Februar 2008 hat der Nasdaq mit der skandinavischen Gemeinschaftsbörse OMX fusioniert.
Notenbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .
Research
Systematische Wertpapierbeurteilung als Grundlage für die Anlagepolitik. Sie gliedert sich in die Fundamentalanalyse und die technische Analyse .
Rezession
Phase im Konjunkturzyklus . Rückläufiges Wachstum des BIP während mindestens zwei Quartalen.
Small Caps
Aktien von Unternehmen mit einer Börsenkapitalisierung von in der Regel weniger als 500 Mio. Fr. (vgl. Hauptwerte , Mid Caps ).
Spekulation
Tätigkeit, die darauf ausgerichtet ist, aus einer erwarteten Marktveränderung Nutzen zu ziehen. Im engeren Sinne umfasst die Spekulation Geschäfte, bei denen hohe Gewinn- und Verlustrisiken eingegangen werden.
Staatsanleihe
Anleihe , die von einem Staat zur Deckung seines Finanzierungsbedarfs im In- oder Ausland emittiert wird. Die Renditen der Staatsanleihen dienen als Benchmark für andere Emittenten desselben Staates. Die Schweiz begibt im Unterschied zu anderen Ländern keine Anleihen der Eidgenossenschaft im Ausland.
Wallstreet
Im übertragenen Sinne Bezeichnung für die an der Strasse Wall Street gelegene Nyse , aber auch allgemein für New York als Finanzplatz .

Die erste Passage eines gefährlichen Balanceaktes ist überraschend gut geglückt: Obschon das Federal Reserve am Mittwoch einen grossen Schritt zur ersten Zinserhöhung seit der Finanzkrise gemacht hat, ist ein Panikschub an den Märkten ausgeblieben. Auf Geld zum Nulltarif können sich Investoren allerdings bald nicht mehr verlassen.

Die US-Notenbank hat bislang versichert, dass sie mit einer Zinserhöhung «geduldig» sein werde. Dieses Versprechen ist nun aufgelöst. Wie das Fed nach seiner zweitägigen Sitzung festhält, wird es die Geldpolitik straffen, wenn es «weitere Verbesserungen im Arbeitsmarkt» sieht und es «ziemlich sicher» ist, dass sich «die Inflation auf mittlere Sicht zurück zur Zielrate von 2% bewegen wird».

«Nur weil wir das Wort ‹geduldig› aus dem Statement gestrichen haben, heisst das aber nicht, dass wir ungeduldig sein werden», relativierte Notenbankpräsidentin Janet Yellen an der Pressekonferenz. Eine Zinserhöhung an der kommenden Fed-Sitzung Ende April sei «unwahrscheinlich». Ab den nachfolgenden Treffen sei ein solcher Schritt aber nicht mehr auszuschliessen, sagte sie. Der früheste Zeitpunkt ist damit die übernächste Fed-Sitzung vom 16. und 17. Juni.

Small Caps klettern auf Allzeithoch

Wallstreet nahm die Nachrichten mit Erleichterung auf. Der US-Leitindex S&P 500 zog nach der Publikation des Fed-Statements am Mittwochnachmittag sprunghaft an und schloss 1,2% im Plus auf 2099,42. Das Technologiebarometer Nasdaq Composite rückte 0,9% auf 4982,83 vor, und der Small-Cap-Index Russell 2000 markierte mit 1252,14 sogar ein neues Rekordhoch.

Noch grössere Bewegungen gab es an den Devisenmärkten. Gemessen an den wichtigsten Währungen knickte der Dollar 2,5% ein und kostet inzwischen wieder weniger als 1 Fr. Deutlich unter Druck kamen auch die Renditen im Bondsektor. US-Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit wurden zu 1,95% verzinst, nachdem es am Vortag 2,06% gewesen waren. Letztmals war die Rendite Anfang Februar so tief. Öl der US-Refenzsorte WTI tendierte 2,8% fester auf 44.66 $ pro Fass.

Gedämpfter Ausblick zur Konjunktur

Das Aufatmen an den Börsen hat vor allem mit dem Wirtschaftsausblick der US-Notenbank zu tun. An der letzten Sitzung von Ende Januar sprach sie noch davon, dass die amerikanische Wirtschaft mit «solidem Tempo» expandiere. Neu heisst es nun, dass sich «das Wachstum etwas verlangsamt» habe. Der Jobsektor mache zwar weitere Fortschritte. «Die Erholung am Häusermarkt bleibt zögerlich und die Exporte haben sich abgeschwächt», räumt das Fed aber gleichzeitig ein.

Die vorsichtigere Einschätzung spiegelt sich in den individuellen Prognosen der Währungshüter. Für dieses Jahr rechnen sie im Durchschnitt nur noch mit 2,3 bis 2,7% Wirtschaftswachstum. Das, nachdem sie beim letzten Ausblick vor drei Monaten von 2,6 bis 3% ausgegangen waren. Die Kerninflation soll sich zwischen 1,3 und 1,4% bewegen statt wie bisher zwischen 1,5 und 1,8%.

Zinspfad flacht sich ab

Das schlägt entsprechend auf die Erwartungen zur Zinspolitik durch. Neu rechnen die Mitglieder des Fed-Gremiums durchschnittlich damit, dass sich die Federal Funds Rate per Ende Jahr auf 0,625% bewegen und bis Ende 2016 auf 1,875% steigen wird. Im Dezember hatten sie für diese Zeitpunkte noch einen Leitzins von 1,125 respektive 2,5% prognostiziert.

Die US-Notenbank signalisiert Investoren damit eine deutlich mildere Haltung. «Der Fed-Vorsitz deutet zwar noch immer eine strengere Zinspolitik an, als das an den Finanzmärkten eingepreist wird», meint Jim O’Sullivan vom Researchdienst High Frequency Economics. «Der Unterschied hat sich jedoch verringert», fügt er hinzu.

Kein Handlungsdruck am Jobmarkt

Das Fed hat sich zudem mehr Spielraum mit Blick auf den Arbeitsmarkt verschafft. Seit dem Ende der Rezession ist die Arbeitslosenrate in den USA rasch von 10 auf 5,5% gefallen. Sie bewegt sich damit bereits am oberen Rand des Bereichs von bis 5,2 bis 5,5%, den die Notenbank bislang als Niveau bei Vollbeschäftigung erachtete. Nun hat sie diese Bandbreite auf 5 bis 5,2% reduziert.

Das «deutet darauf hin, dass das Fed-Komitee keine Eile mit Zinserhöhungen hat», meint Steven Ricchiuto, Chefökonom in Diensten von Mizuho Securities USA. Das Fed habe zwar das Wort «geduldig» aus seinem Vokabular gestrichen. Der Ton und die Grundsubstanz des geldpolitischen Statements würden jedoch die Markterwartungen für den ersten Zinsschritt nach hinten verlagern.

An Wallstreet werden sich die Spekulationen über das Timing nun vor jeder Fed-Sitzung neu anheizen. Im einstimmig gefällten Entscheid vom Mittwoch sagt das Fed dazu, dass es «noch keinen Beschluss über den Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung gefasst» habe und dass es sich ab jetzt auf eine breite Reihe von Indikatoren zur Wirtschaft konzentrieren werde. Zum ersten Mal seit dem Ende der Finanzkrise lässt es Investoren damit im Ungewissen.

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