Märkte / Makro 07:31 - 21.02.2014

Gegenschlag des Wachstumspessimisten

Der US-Ökonom Robert J. Gordon wurde kritisiert, da er keinen grossen Wachstumsschub durch neue Technologien sieht. Nun antwortet er seinen Opponenten.
Deflator
Quotient, mit dem eine nominale Grösse um die Inflation bereinigt wird und damit zu einer realen Grösse wird. Er entspricht der Inflationsrate , wobei es sich bei dieser je nach Bedarf um die Konsumteuerung, die Exportteuerung, einen Durchschnitt sämtlicher gängiger Inflationskennzahlen etc. handeln kann.
Industrieländer
An und für sich überholte Bezeichnung für hochentwickelte Staaten, überwiegt dort heute doch der Dienstleistungssektor. Die Industriestaaten sind in der OECD zusammengefasst.
Pari
Börsenkurs oder Emissionspreis , der dem Nennwert eines Wertpapiers entspricht. Ist ein Kurs über pari (d. h. über 100%), weist er ein Aufgeld auf.
Produktivität
In den meisten Ländervergleichen wird sie mit der Arbeitsproduktivität gleichgesetzt, also der Wirtschaftsleistung pro Arbeitskraft bzw. BIP pro geleistete Arbeitsstunde. Ein breiter gefasstes Konzept, das auch andere Input-Faktoren, wie den Kapitaleinsatz, berücksichtigt, ist die Multi Factor Productivity.
Volkswirtschaft
Von Ökonomen verwendetes Synonym für die Wirtschaft eines Landes beziehungsweise einen Wirtschaftsraum wie die EU .

In einem neuen Aufsatz verteidigt der Wachstumspessimist Robert J. Gordon seine These, dass die Wirtschaftsentwicklung – zumindest in den USA – auf lange Zeit unter dem historischen Durchschnitt bleiben wird.

Zur Erinnerung: Gordon postulierte 2012 in einem aufsehenerregenden Studie, dass die USA – und wohl auch die meisten anderen Industrieländer – sich in Zukunft mit schwächerem Wachstum abfinden müssen. Statt dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum von 2% zwischen 1891 und 2007 seien nun nur noch 1,3% zu erwarten. Die Innovationen würden sich nämlich in Zukunft kaum noch auf die Produktivität auswirken. Denn: Die grossen Wachstumstreiber für die Wirtschaft seien nicht wiederholbar. Auch die bedeutendsten Erfindungen könnten in Zukunft im Verhältnis zum hinter uns liegenden Fortschritt kaum noch etwas beisteuern.

Die grossen Produktivitätsgewinne sind vorbei

Beispiele findet Gordon genug. So sei die Entlastung der Frauen von der Hausarbeit und damit ihre Integration in das Berufsleben nur einmal möglich. Damit wurde die Erwerbsbevölkerung stark erhöht – dieser Effekt ist aber nicht wiederholbar. Ähnlich der medizinische Fortschritt: Der Gesundheitsgewinn durch einfache Hygieneregeln und das erste Antibiotikum sind einmalig. Auch das innovativste Krebsmedikament kann keine solch positive Wirkung mehr entfalten.

Es gab viele Kritiker von Gordons Pessimismus. So stellte Paul Krugman in seinem Blog fest, dass die Automatisierung dem Menschen jede Arbeit abnehmen könnte – und damit durch neue Technologien unendliche Produktivitätsfortschritte möglich seien. In seinem Aufsatz zitiert Gordon einen anderen seiner Kritiker, Joel Mokyr. Der US-Historiker Mokyr postuliert, dass «Geschichte ein schlechter Leitfaden für die Zukunft ist». Die Erfindungen und ihre Wirkung seien nicht vorhersehbar. Die neuen Instrumente, die zu wissenschaftlichem und technologischem Fortschritt führten, seien zuvor unvorstellbar gewesen. Nach Mokyrs Meinung könnten nun etwa die DNA-Analyse sowie unglaublich schnelle Suchmaschinen, die das ganze menschliche Wissen verfügbar machten, den Fortschritt antreiben.

Robert Gordon stellt sich dem Vorwurf Mokyrs, Pessimisten hätten einfach zu wenig Vorstellungskraft, um sich den zukünftigen Fortschritt ausmalen zu können. Gordon glaubt nicht, dass man keine Vorhersagen machen kann. «Es gibt viele historische Beispiele, in denen richtige Vorhersagen fünfzig bis hundert Jahre im Voraus gemacht wurden», schreibt der Ökonom. Sein Beispiel: Jules Verne habe 1863 das moderne Paris hundert Jahre später relativ genau vorhergesagt, inklusive strombetriebener Strassenlaternen und des Autoverkehrs.

Optimismus viel zu verbreitet

Für Gordon ist nicht der Pessimismus unverantwortlich, sondern der Fortschrittsoptimismus viel zu verbreitet – etwa bei der Informationstechnologie. Hier sei kein grosses Entwicklungspotenzial mehr vorhanden. Die grossen Fortschritte habe es ab den Siebzigerjahren gegeben: «2005 haben Flachbildschirme den Übergang zum modernen Büro abgeschlossen. Aber dann hielt der Fortschritt an.» Und im Haushaltbereich sei die letzte grosse Neuerung die Mikrowelle gewesen. Und was noch komme, lasse sich vorhersagen – aber der Einfluss werde geringer sein als die Entwicklungen, die Anfang des 20. Jahrhunderts vorhergesehen wurden.

Der Ökonom Erik Brynjolfsson und der Journalist Andrew McAfee erwarten dagegen in ihrem neuen Buch «The Second Machine Age» eine zweite industrielle Revolution. Die jetzige Vorarbeit in der digitalen Technologie steuert laut Brynjolfsson und McAfee auf einen Wendepunkt (Inflection Point) zu, ab dem erst die grossen Fortschritte erkennbar seien.  Gordon widerspricht: Die kommenden Revolutionen würden mit ihrem Effekt enttäuschen. Er seziert die grossen Hoffnungen der Optimisten:

Medizinischer Fortschritt: Die pharmazeutische Entwicklung auf Basis der Genomanalyse sei enttäuschend angelaufen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seien die Technologien eingeführt worden, die die Lebenserwartung stark erhöht hätten. Nun würden enorme Kosten aufgewendet, um esoterische Krankheiten zu bekämpfen.

Kleine Roboter, künstliche Intelligenz und 3-D-Drucker: Gordon weist darauf hin, dass in der Industrie seit den Sechzigerjahren Roboter verwendet würden. Sie seien in ihren geistigen oder physischen Fertigkeiten aber immer noch auf enge Einsatzgebiete beschränkt. Die physischen Aufgaben, die heute Menschen übernehmen, würden kaum in den nächsten Jahrzehnten auf Roboter übertragen werden können. Und auch die Bezahlung am Automaten im Supermarkt sei keine Erfolgsgeschichte: Es dauere meist länger als an der menschlich besetzten Kasse. Ebenso ist seiner Meinung nach das revolutionäre Potenzial der 3-D-Drucker begrenzt. Zwar könnten Entwicklungslabore davon profitieren, doch auf die Volkswirtschaft bezogen sei kaum eine Produktivitätssteigerung durch die Massanfertigung im 3-D-Druck möglich.

Big Data: Für Gordon ist die immer günstiger werdende Auswertung von Daten grossteils ein Nullsummenspiel. Zwar könnte es Big Data im Marketing für Unternehmen einfacher machen, Kunden zu finden. Doch diese Kunden würden von anderen Firmen abgeworben. Nur die Marktverteilung würde sich ändern.

Selbstfahrende Autos: Der Gewinn durch diese Technologie sei gering, schreibt Gordon. Was wäre der grosse Effekt, wenn man ohne Fahren pendeln könnte?

Preisdeflator für Informations- und KommunikationstechnikzoomQuelle: Robert J. Gordon (2014) Den technologischen Wendepunkt ins digitale Zeitalter, den Brynjolfsson und McAfee auf uns zukommen sehen, kann Gordon also nicht nachvollziehen. Die Industriekapazität werde nun abnehmen, der Grund liege auch in der abnehmenden Produktivität in der Technologieherstellung. Die IT würde deswegen auch nicht mehr massiv billiger, wie das noch in den Neunzigerjahren der Fall gewesen sei. Das zeige der «Deflator» für Informations- und Kommunikationstechnik – er misst die Preisveränderung für Waren in dem Sektor. Statt einem Preisabfall von 15% wie im Jahr 1998 sei es 2012 nur noch ein knappes Minus von 1% gewesen (vgl. Grafik rechts).

Für Gordon bleiben all die Optimisten des Fortschritts nur naiv. Für ihn ist klar: Die digitale Revolution ist enttäuschend – dabei spielt keine Rolle, was noch an Erfindungen auf uns zukommen sollte.

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