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Blogs / Momentum 07:12 - 18.06.2015

Griechenland muss mehr exportieren – aber was?

Griechenland ist eine kleine, geschlossene Volkswirtschaft. Mit Olivenöl und Massentourismus ist die Exportkrise nicht zu meistern.

Befürworter eines Grexit wie der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn sehen das Heil für Hellas in einer eigenen, schwächeren Währung. Mit dieser Art von Abwertung würden griechische Produkte und Dienstleistungen schon bald wieder konkurrenzfähig, die Wirtschaft komme durch den Exportimpuls wieder in Schwung, so die Überlegung.

Kritiker dieser Lösung halten entgegen: «Ich sehe keine Exporte, die dadurch plötzlich boomen könnten», sagt etwa Moritz Krämer, Chefanalyst bei der Ratingagentur Standard & Poor’s.

Niedrige Exportquote

Griechenland hat tatsächlich neben vielen anderen Problemen ein Exportproblem. Das Land ist sozusagen eine kleine, geschlossene Wirtschaft. Das zeigt der Vergleich der Exportquote mit anderen EU- und OECD-Staaten. Im Durchschnitt über die Jahre 1995 bis 2012 machten die Exporte in Griechenland nur 22% des Bruttoinlandprodukts (BIP)  aus. Ähnlich grosse Volkswirtschaften wie Irland oder die Tschechische Republik weisen einen Exportanteil von über 50% aus. In der Schweiz beträgt die Exportquote 73%. In der Grafik rechts von Griechenland befinden sich nur grosse Ökonomien wie Australien, Japan oder die USA, wo der Aussenhandel wegen der Grösse des eigenen Marktes eine geringere Rolle spielt.

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Quelle: Böwer et. al., Europäische Kommission

Griechenlands wichtigste Handelspartner sind in der EU: 2013 exportierte Hellas Waren und Dienstleistungen im Wert von 13 Mrd. € in die EU, die EU-Importe beliefen sich auf 22 Mrd. €. Dies bei einem BIP von 160 Mrd. €.

Exporterholung wirkt sich kaum aufs BIP aus

Das niedrige Niveau der Exporte bedeutet, dass sich ihr Anstieg weniger stark auf die Gesamtwirtschaft auswirkt als in einer offenen Volkswirtschaft. Würden die Ausfuhren 10% zunehmen, hätte das – unter Annahme unveränderter Importe – ein BIP-Wachstum von 2 bis 3% zur Folge. In der Schweiz wäre der Wachstumsschub mehr als doppelt so gross.

Auch deshalb ist seit 2009 in Griechenland kaum eine Belebung der Gesamtnachfrage zu verzeichnen, obschon sich zumindest die Güterexporte erholt haben, wie die Grafik zur Linken zeigt:

Exporte
Quelle: Bruegel

Die blaue, gepunktete Linie markiert den Wertverlauf der griechischen Güterexporte zu laufenden Preisen, indexiert auf 100 im ersten Quartal 2008. Die griechischen Exporte haben sich demnach ähnlich gut erholt wie die der Deutschen oder der Spanier. Die schlechte Nachricht ist allerdings, dass die Ausfuhren von Dienstleistungen, worunter auch der Tourismus fällt, bei weitem nicht mit denen der anderen Euroländer mithalten konnten. Das zeigt die rechte Grafik eindrücklich.

Zwei weitere Aspekte trüben das Bild der anziehenden Güterexporte: Zum einen sieht dort zu konstanten Preisen – also real – die Erholung bescheidener aus, und zum anderen ist der Anstieg vor allem der Ausfuhr von raffinierten Erdölprodukten wie Mineralöl zu verdanken. Diese Kategorie macht bei weitem den grössten Teil der Exporte aus, eine Industrie, die gemäss dem Think Tank Bruegel wenig Mehrwert generiert. Rohöl gelangt in die Häfen, wird dort raffiniert und weiterverkauft. Gemäss den Daten des Observatory of Economic Complexity (OEC) importiert Griechenland jährlich für 14 Mrd. $ Rohöl, um dann für 12 Mrd. $ veredeltes Erdöl zu exportieren.

Wie die nächste Grafik zeigt, war die Erholung nach der Rezession 2009 in Deutschland viel breiter und erstreckte sich über alle Güterkategorien. In Griechenland (links) schiesst nur die rosa Linie für Kraft- und Schmierstoffe (Mineral Fuels, Lubricants etc.) nach oben.

Kategorien
Quelle: Bruegel

Interessant ist auch der Blick auf die Zusammensetzung der Exporte. Was hat Griechenland überhaupt zu bieten, wo gibt es Steigerungspotenzial?

Tourismuspotenzial weitgehend ausgeschöpft

Zuallererst denken Nordeuropäer wohl an die zahlreichen Urlaubsinseln im türkisfarbenen Meer. Der Tourismus ist tatsächlich eine wichtige Säule im Aussenhandel. Gemäss Weltbank stammte 2013 fast jeder vierte Export-Euro aus dem Tourismus. Der Anteil an den Exporten ist seit der Jahrtausendwende von rund 35% stetig auf weniger als 25% gefallen, hat sich aber jüngst zwischen 22 und 24% stabilisiert. Das ist allerdings noch immer die mit Abstand höchste Quote in den Industriestaaten: In Portugal und Malta machen die Tourismuseinnahmen rund 18% der Gesamtexporte aus.

Es ist höchst fraglich, ob mit der noch stärkeren Ausrichtung auf den Tourismus das Land aus der Exportkrise kommt. Der Massentourismus ist ein sehr zyklisches Geschäft. Er braucht wenig hochqualifizierte Jobs.

Sinnvoller wäre wohl die Ausrichtung auf den Gesundheitstourismus. Hellas könnte zum Beispiel auf Kliniken und Altersresidenzen mit Gesundheitsversorgung setzen, wie es Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Sitglitz (vgl. Interview hier) vorschlägt. Gut ausgebildetes Personal wäre vorhanden – die guten griechischen Medizinabsolventen, die das Land verlassen haben, kämen gerne zurück, wenn die Rahmenbedingungen stimmten –, und das Klima ist auch ideal für pensionierte Nordeuropäer.

Schlechte Diversifikation der Güterexporte

Bei den Güterexporten sind raffinierte Erdölprodukte mit einem Gewicht von 35% am wichtigsten. Zusammen belaufen sich die Ausfuhren von mineralischen Produkten auf 12,9 Mrd. $, was 38% der gesamten Güterexporte entspricht. Die OEC-Grafik illustriert die enorme Bedeutung der Ölexporte (dunkelbraune Fläche). Erdöl (unraffiniert) macht übrigens auch bei den Importen den Löwenanteil aus. Die hohe Konzentration des Aussenhandels auf den Erdölbereich ist für ein Land ohne nennenswerte Ölförderung im internationalen Vergleich auffällig: Die Exportwirtschaft Italiens oder Spaniens ist viel besser diversifiziert – der Anteil mineralischer Produkte beträgt dort weniger als 10%.

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Quelle: Observatory of Economic Complexity (OEC)

Abgeschlagen an zweiter Stelle folgt die Kategorie Metalle. Auch in diesem Bereich handelt es sich um eher einfache Produkte. Die metallischen Erzeugnisse haben einen Exportanteil von 12%. Die grössten Brocken in dieser Kategorie sind Aluminiumbeschichtungen und Kupferrohre.

Etwas mehr als 7% entfallen auf chemische Erzeugnisse. Medikamentenexporte im Wert von 1 Mrd. $ sind der grösste Posten. Mit 3% Anteil am Total (FP 40.62 -7.03%) fallen sie aber in der Gesamtbetrachtung kaum mehr ins Gewicht.

Auffällig klein im internationalen Vergleich ist auch der Anteil industriell gefertigter höherwertiger Produkte wie Maschinen oder Transportmittel. Während Spanien zum Beispiel pro Jahr Autos im Wert von 24 Mrd. $ (8,8% der Gesamtausfuhren) exportiert und Italien Maschinen für 125 Mrd. $ (ein Viertel des Totals), hat die blaue Fläche in Griechenland mit einem mickrigen Volumen von 2,2 Mrd. $ ein geringes Gewicht von 7% des Exportkuchens. Knapp 1 Mrd. $ verdient Hellas mit dem Verkauf von Transportmitteln. Das sind in erster Linie Passagierschiffe.

Ein Fünftel sind Lebensmittel

Fasst man alle Früchte und Gemüse, tierische Produkte, Olivenöl und andere verarbeitete Lebensmittel zusammen, kommen die Nahrungsmittel im weiteren Sinne auf 6 Mrd. $ pro Jahr, was knapp einem Fünftel der Gesamtexporte entspricht.

Mit der Ausfuhr von Olivenöl verdient Griechenland knapp 500 Mio. $, das ist etwas mehr als 1% der Exporteinnahmen. Mehr wäre wohl möglich (Italien verkauft Olivenöl für 1,6 Mrd. $), aber eine tragende Säule der griechischen Wirtschaft wird das Olivengeschäft auch mit den grössten Anstrengungen nicht werden.

Die Grafik zeigt, wo die Schwäche der griechischen Exportwirtschaft liegt. Es ist nicht nur die gesamte Exportquote, die für ein so kleines Land viel zu niedrig ist, es ist vor allem auch die Zusammensetzung. Rund zwei Drittel der Exporte sind einfache Produkte wie Mineralstoffe, Agrargüter und Metalle. Das ist sonst eher der Exportmix eines Entwicklungslandes. Nicht von ungefähr landet Hellas im Economic Complexity Index weit abgeschlagen auf Rang 49, hinter dem Libanon, Panama oder den Philippinen.

Um die griechische Exportwirtschaft aufblühen zu lassen, wird es nicht reichen, ein paar neue Ferienresorts hinzustellen und noch mehr Olivenöl und Früchte zu exportieren.