Kommentare 13:05 - 25.10.2013

Ist die Schweiz noch wirtschaftsfreundlich?

Martin Naville
«Wie kann ein wirtschaftsfreundliches Land Initiativen wie ‹1:12› und ‹Mindesteinkommen 4000 Fr.› ernst nehmen?»
Die Schweiz schneidet ihre Standortvorteile in kleinen Scheibchen weg. Vorlagen wie «1:12» beunruhigen hier ansässige internationale Gesellschaften. Ein Kommentar von Martin Naville.
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CEO
Angelsächsische Kürzel für Unternehmenschef (Chief Executive Officer), Leiter der Finanzabteilung (Chief Financial Officer), Leiter Anlagestrategie (Chief Investment Officer) sowie Leiter operatives Geschäft (Chief Operating Officer), die gemeinsam die Geschäftsleitung bilden.
EU
Supranationale Organisation (früher Europäische Gemeinschaft), in der 27 europäische Staaten zusammengeschlossen sind. Pfeiler ist die wirtschaftliche Integration. Die wichtigsten Errungenschaften sind der Binnenmarkt und der Euro .
Finanzplatz
Knotenpunkt des Geld- und Kapitalverkehrs. Akteure auf dem Finanzplatz sind Banken, Versicherungen, Pensionskassen und andere institutionelle Investoren. Eine spezielle Rolle spielen die Offshore-Finanzplätze.
Holding
Gesellschaft mit dauernden Beteiligungen an rechtlich selbständigen Unternehmen zum Zweck der Kontrolle und der Finanzierung.
Volkswirtschaft
Von Ökonomen verwendetes Synonym für die Wirtschaft eines Landes beziehungsweise einen Wirtschaftsraum wie die EU .

Zum AutorMartin Naville ist CEO der Swiss-American Chamber of Commerce.Am Morgen nach der Abstimmung zur Abzockerinitiative klingelte das Telefon. Am Draht: der (ausländische) CEO eines grossen Schweizer Unternehmens. Die angenommene Initiative bringe für seine Firma zwar grosse und kostspielige Komplikationen, aber «wir werden schon damit fertig». Was ihm jedoch Kopfzerbrechen bereitete, war, wie eine Initiative, die von der Regierung, von allen Parlamentariern (ausser einem einzigen!) und allen Wirtschaftsverbänden mit einem Gegenvorschlag bekämpft worden war, mit dem dritthöchsten Resultat in der 123-jährigen Geschichte des Schweizer Initiativrechts angenommen werden konnte: «Hat sich die Schweiz ­verändert, oder war sie heimlich gar nie richtig wirtschaftsfreundlich?»

Seit diesem Anruf werde ich immer öfter auf das Thema der Wirtschaftsfreundlichkeit der Schweiz angesprochen. Die über 2000 Mitglieder der Schweiz-Amerikanischen Handelskammer (international tätige Gesellschaften, davon rund 70% Schweizer Firmen) sind tief besorgt über den Trend in den Rahmenbedingungen.

Ein Eldorado – bisher

Ob in globaler Wettbewerbsstärke oder ­Innovationskraft – die Schweiz belegt bis heute in allen relevanten Ranglisten einen Spitzenplatz. Die liberalen und privatrechtlich organisierten Wirtschaftsgesetze (vor allem Vertragsrecht und Arbeitsrecht), die pragmatische Einwanderungspolitik (vor allem für hoch qualifizierte Personen), die politische Stabilität, das grossartige Bildungssystem, funktionierende Infrastrukturen, exzellente Lebensqualität und vieles mehr machen die Schweiz zu einer bevorzugten Business Location. Die erfolgreiche Ansiedlung von Firmen machte die Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Eldorado für multinationale Gesellschaften. Heute gibt es in der Schweiz viermal mehr «Global Fortune 500 Companies» pro Kopf als in jedem anderen Land. Und wir beherbergen die grösste Gruppe von regionalen Hauptquartieren ausländischer Gesellschaften. Diese ausländischen Firmen machen heute rund 14% unserer Wirtschaft aus, was in etwa der Grösse des gesamten Schweizer Finanzplatzes entspricht.

Multinationale Firmen (Schweizer und ausländische – grosse und kleine) sind ein wichtiger Beitrag, damit die Schweiz eines der reichsten und produktivsten Länder der Welt ist, und sie tragen sehr viel bei zum Ausbau der Schweizer wissensbasierten Volkswirtschaft. Unternehmen wie IBM Laboratories, Google, Disney, Amgen, Dow, Medtronic, Procter & Gamble, Caterpillar sind heute integraler Teil unserer ­erfolgreichen Volkswirtschaft.

Toll – doch in den vergangenen fünf Jahren sind einige Zweifel und Fragzeichen aufgetaucht. Die Betriebskosten, schon immer 20 bis 30% höher als an vergleichbaren Standorten, sind wegen der Frankenstärke nochmals massiv gestiegen. Heute sind die Kosten in der Schweiz rund 50 bis 70% höher als in München, Amsterdam oder Brüssel. Mit anderen Worten: Man bekommt zwei Ingenieure in Zürich zum Preis von drei Ingenieuren in München. Sind wir hier so viel besser?

Zu diesen hohen Kosten kommen ein paar wichtige Fragen zur Zukunft des Standorts. Das privatrechtliche Zusammenleben zwischen den Sozialpartnern hat der Schweiz eine der engsten Einkommensscheren der Welt beschert, und diese ist über Jahrzehnte stabil geblieben. Viele Mitglieder fragen mich: «Wie kann ein wirtschaftsfreundliches Land Initiativen wie ‹1:12› und ‹Mindesteinkommen 4000 Fr.› ernst nehmen? Initiativen, die nicht einmal in einem hoch sozialistischen Land wie Frankreich je versucht wurden?» Der Erfolg der Schweiz basiert auch auf ­offenen Grenzen. Viele Mitglieder fragen mich daher: «Wie kann ein wirtschaftsfreundliches Land mit Initiativen wie ‹Gegen die Masseneinwanderung› und ‹Ecopop› an diesem Erfolgsrezept rütteln?»

Für multinationale Schweizer und ausländische Firmen ist der Zugang zu hoch qualifizierten Ausländern nicht nur wichtig, sondern eine zwingende Bedingung bei der Standortwahl (und zum Verbleib am Standort!). Und viele staunen, dass die Schweiz mit allen wichtigen Wirtschaftspartnern – Deutschland, den USA, Italien, Frankreich, Grossbritannien – über viele Themen im Streit liegt.

Schliesslich die steuerliche Belastung. Seit vielen Jahren offeriert die Schweiz international aktiven Gesellschaften vergleichsweise attraktive Steuerbedingungen, v. a. für mobile Erträge. Damit konnte sie sich immer mit den besten Wirtschaftsstandorten messen und den Wettbewerb um Firmen oft gewinnen. Dies wurde dank fünf Regimes erreicht (Domizil-, Prinzipal-, Finanz-, Holding- und gemischte Gesellschaften). Im Juni hat der Bundesrat, nach jahrelangem Druck der EU, diese Regimes zur Verfügung gestellt und alternative Lösung versprochen. Für die Firmen bedeutet dies für den Moment eine grosse Unsicherheit, und niemand kann planen, wie die Steuerbelastung mittelfristig aussehen wird – keine schöne ­Situation für Unternehmen, die möglicherweise Investitionen planen.

Die Frage nach der Wirtschaftsfreundlichkeit der Schweiz und der Zukunft des Wirtschaftsstandorts hat die Chefetagen und die Verwaltungsräte erreicht. Viele Gesellschaften haben ihren Plan B hervorgenommen und evaluieren Alternativen zum Standort Schweiz, wenigstens für ­Firmenteile. Einige haben den Entscheid ­bereits getroffen: Merck Serono, Yahoo (Europe, Middle East, Africa), Noble Corp. Und einige werden folgen.

Wo bleibt die Wertschätzung?

Der CEO einer grossen ausländischen Firma, seit über sieben Jahren in der Schweiz, sagte mir diese Woche: «Seit ich hier bin, werden die Vorteile der Schweiz in kleinen Scheibchen weggeschnitten. Der Schaden ist schon gross, es ist Zeit, damit aufzuhören.» Wirtschaftsfreundlichkeit, kompetitive Steuerbelastung, offene Grenzen und viele andere Faktoren haben die Schweiz zum Erfolgsmodell gemacht. Es ist dringend nötig, internationalen Gesellschaften wieder Planungs­sicherheit und gebührende Wertschätzung zu geben. Es ist alarmierend, wenn die Chefin einer grossen Firma sagt: «Ich war schon in acht Ländern tätig und wurde noch nie so schlecht behandelt wie hier in der Schweiz.»

In diesen Monaten sind Vertreter der englischen, der niederländischen, der irischen und der singapurischen Regierung (um nur die wichtigsten zu nennen) in der Schweiz auf Firmenfang. Sie versuchen die Unsicherheit vieler Firmen auszunützen und bieten hochattraktive Bedingungen an. Wir müssen uns wieder auf unsere Stärken konzentrieren und unser Land auch für künftige Generationen attraktiv und lebenswert bewahren.

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