Märkte / Anleihen 16:58 - 22.08.2014

Die Japanifizierung der Eurozone

Die Zinsen in der Eurozone sinken weiter. Verantwortlich ist ein besorgniserregender Kollaps der Inflationserwartungen.
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ABS
Wertpapiere, die mit Forderungen, z. B. Hypotheken (MBS ), Kreditkarten oder Leasingverträgen, gesichert werden. Ermöglicht Banken, einen Teil ihrer Bilanz auszulagern. Dadurch werden weniger Eigenmittel gebunden (vgl. Eigenmittelanforderungen ).
Anleihe
Fremdmittelaufnahme am Kapitalmarkt . Anleihen können fix oder variabel verzinst werden. Die als Wertpapier ausgestalteten und somit handelbaren Bruchteile einer Anleihe werden Obligationen oder Bonds genannt.
Deflation
Breit angelegter Rückgang des Preisniveaus in einer Volkswirtschaft , nicht nur in einzelnen Branchen (z. B. Informatik). In der Regel geht sie mit einer Rezession einher, weil es sich lohnt, Geld zu horten, statt zu investieren und zu konsumieren, da Güter und Dienstleitungen laufend günstiger werden und der Realzins unattraktiv hoch ist.
EZB
Zentralbank der EWU-Länder . Sie entscheidet über die Geldpolitik. Die Geld- und Währungspolitik wird zusammen mit den nationalen Zentralbanken (Europäisches System der Zentralbanken ) umgesetzt. Der wichtigste Leitzins der EZB ist der Mindestbietungssatz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte .
Eurozone
Von elf Staaten der Europäischen Union per 1. Januar 1999 realisierter Zusammenschluss (seit 2001 auch Griechenland, seit 2007 Slowenien, seit 2008 Malta und Zypern). Die Teilnehmer haben die geldpolitische Kompetenz der EZB übertragen. Die nationalen Währungen wurden gegeneinander (Wechselkursverhältnisse) und gegenüber der Einheitswährung Euro fixiert.
Fed
US-Zentralbanksystem, dem die zwölf Federal Reserve Banks angeschlossen sind. An der Spitze steht das Direktorium (Board) in Washington, das auch die Mehrheit im Offenmarktausschuss stellt, in dem über die Geldpolitik entschieden wird.
Inflation
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Inflationserwartung
Entscheidende Grösse für die geldpolitische Lagebeurteilung durch Zentralbanken sowie für die Marktrendite von (Staats-)Anleihen . Nicht die gegenwärtige Inflationsrate beeinflusst das Handeln von Verbrauchern und Investoren, sondern deren Meinung, wie sich die Teuerung in Zukunft entwickeln wird. Inflationserwartungen lassen sich jedoch nur annäherungsweise bestimmen, u. a. anhand von Prognosen und der Renditedifferenz zwischen nominellen und inflationsgeschützten Anleihen gleicher Laufzeit (sogenannte Break-even-Inflationsrate).
Inflationsrate
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Konjunktur
Oft synonym verwendet für die Lage der Gesamtwirtschaft. Die Forschung betont den zyklischen Verlauf des Wirtschaftswachstums (Aufschwung , Hochkonjunktur, Abschwung, Rezession , Depression). Im Englischen wird deshalb auch von Business Cycle gesprochen.
Liquidität
1. Fähigkeit eines Unternehmens zur fristgerechten Erfüllung der Zahlungsverpflichtungen. Als Liquiditätskennzahlen gebräuchlich sind die Cash Ratio, die in Prozenten ausdrückt, wie viel des kurzfristigen Fremdkapitals durch liquide Mittel gedeckt ist, die Quick Ratio, die zeigt, wie viel des kurzfristigen Fremdkapitals durch liquide Mittel und Forderungen gedeckt ist, und die Current Ratio. Letztere setzt alle Aktiven des Umlaufvermögens ins Verhältnis zum kurzfristigen Fremdkapital. 2. Hohe Marktgängigkeit eines Wertpapiers, die auf der Vielzahl der im Umlauf befindlichen Titel und einer engen Geld-Brief-Spanne gründet.
Obligation
Als Wertpapier ausgestalteter und somit handelbarer Bruchteil (Stückelung ) einer Anleihe .
QE
Früher verpönte unkonventionelle geldpolitische Massnahme. Statt über Zinssenkungen die Finanzierungsbedingungen zu lockern, wird die Geldmenge direkt ausgeweitet, indem Wertschriften oder Devisen angekauft werden, ohne paralell dazu eine Sterilisierung durchzuführen. Im schlimmsten Fall erwerben Notenbanken direkt die Schuldbriefe der Regierung und fördern damit eine zügellose Schuldenpolitik des Staates (Schuldenmonetisierung).
Quantitative Easing
Früher verpönte unkonventionelle geldpolitische Massnahme. Statt über Zinssenkungen die Finanzierungsbedingungen zu lockern, wird die Geldmenge direkt ausgeweitet, indem Wertschriften oder Devisen angekauft werden, ohne paralell dazu eine Sterilisierung durchzuführen. Im schlimmsten Fall erwerben Notenbanken direkt die Schuldbriefe der Regierung und fördern damit eine zügellose Schuldenpolitik des Staates (Schuldenmonetisierung).
Staatsanleihe
Anleihe , die von einem Staat zur Deckung seines Finanzierungsbedarfs im In- oder Ausland emittiert wird. Die Renditen der Staatsanleihen dienen als Benchmark für andere Emittenten desselben Staates. Die Schweiz begibt im Unterschied zu anderen Ländern keine Anleihen der Eidgenossenschaft im Ausland.
Verbriefung
1. Umwandlung von Forderungen in handelbare Wertpapiere , beispielsweise Verbriefung in ABS . 2. Form der Verurkundung. Titeldruck kommt nur noch sehr selten vor, ein Beispiel sind Obligationen der zwei Schweizer Pfandbriefinstitute (vgl. Pfandbriefe ).
Zentralbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .

Die Zinsen in der Eurozone fallen immer weiter. Die langfristigen deutschen Staatsanleihen rentieren seit letzter Woche unter 1%. Auch die Marktzinsen für Obligationen der Peripheriestaaten sind auf ein Allzeittief gefallen: Zehnjährige spanische Staatsanleihen rentieren nur noch 2,3%.

Beobachter wie Nobelpreisträger Paul Krugman warnen vor einer «Japanifizierung» der Eurozone und meinen damit die Gefahr einer langanhaltenden Deflation und wirtschaftlicher Stagnation. Das Eintrüben der Konjunkturerwartungen sieht man im Vergleich deutscher und amerikanischer Renditen. Seit Anfang Jahr hat sich die Differenz der Renditen deutlich ausgeweitet.

zoomBesonders kritisch ist der Kollaps der Inflationserwartungen in der Eurozone. Lange galten sie in der Sprache der Europäischen Zentralbank (EZB) als «fest verankert», doch dieser Anker löst sich. So ist in inflationsgeschützten Anleihen eine Inflationsrate von nur noch 1,3% eingepreist – Anfang Jahr waren es noch 1,8%. Die Markterwartungen für die Inflation sind besonders seit Juli markant gefallen.

Die EZB steht nun unter Zugzwang, ein Programm zum Kauf von Wertschriften (Quantitative Easing, QE) zu starten. Forderungen danach kann sie kaum mehr mit Verweis auf stabile Inflationserwartungen abwehren. Um einem japanischen Szenario zu entgehen, reichte es nicht aus – wie bisher von der EZB angedacht –, den Markt für die Verbriefung von Unternehmenskrediten (ABS) zu stärken. Auch wenn klar scheint, dass die EZB die Wirkung der neuen, für September geplanten Spezialfinanzierung für Banken (TLTRO) abwartet: Die Dringlichkeit eines umfangreicheren Liquiditätsschubs à la Fed oder Bank of Japan hat zugenommen.