Märkte / Makro 16:07 - 19.11.13

«Man lässt die Märkte nicht funktionieren»

Luigi Zingales, italienischer Ökonom an der Universität Chicago, erklärt im Interview mit FuW, wie das US-Wirtschaftssystem in eine Vetternwirtschaft ähnlich wie Italien abgleitet.
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Wall Street
Im übertragenen Sinne Bezeichnung für die an der Strasse Wall Street gelegene Nyse , aber auch allgemein für New York als Finanzplatz .

Einen «Kapitalismus für die Menschen» fordert Luigi Zingales. Die Verquickung von grossen Unternehmen und Politik nehme in den USA gefährliche Ausmasse an. Der Markt soll von der dadurch entstehenden Günstlingswirtschaft befreit werden – sonst verlören die Menschen das Vertrauen in den Kapitalismus, und die USA rutschten in Richtung Italien ab. «Finanz und Wirtschaft» traf Zingales an einer Konferenz des UBS (UBSN 17.87 2.11%) International Center for Economics in Society in Zürich.

Zur Person:Der fünfzigjährige Luigi Zingales aus Padua wurde 1992 nach seinem Doktorat am MIT Professor an der Uni Chicago. Auf sein Buch «Saving Capitalism from the Capitalists», das er mit dem jetzigen indischen Notenbankpräsidenten Raghuram Rajan verfasst hat, folgte 2012 das Werk «A Capitalism for the People». Dort spricht er sich für den Kampf gegen die Interessengruppen aus – wie es die USA schon Anfang des 20. Jahrhunderts geschafft hätten. In Italien hat er die Partei Fare per Fermare il Declino mitgegründet – die er schnell verlassen hat. «Ich bin nicht für die Politik gemacht», sagte er in Zürich.Herr Zingales, ist es möglich, den Kapitalismus so zu beschränken, dass er alle Vorteile bringt, aber keinen Schaden anrichtet?
Für mich ist klar: Wenn ein Markt funktioniert, bringt er sehr gute Resultate – von denen alle profitieren. Das Problem ist nicht, dass die Märkte grundsätzlich nicht funktionieren, sondern dass man sie nicht richtig funktionieren lässt. Der Grund dafür ist, dass bestimmte Gruppen daran interessiert sind, die Märkte zu ihrem Vorteil zu stören. Das wird meiner Meinung nach nicht ausreichend öffentlich blossgestellt. Wir Ökonomen sind zu vornehm, als dass wir genug auf die Störung des freien Marktes durch die Politik hinweisen. Meine Position zur Beschränkung des Kapitalismus ist sehr ­ähnlich dem Ordoliberalismus, auf dem die deutsche Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut war – das hat ja ganz gut funktioniert.

Sie sehen Lobbyismus als eine der grössten Gefahren für den freien Markt, richtig?
Ja, je grösser eine Interessengruppe im Vergleich zur Gesamtwirtschaft, desto grösser ihr Einfluss. Das Problem ist die Grösse im Vergleich zum Land – dass also etwa General Motors (GM 33.98 0.03%) zu bedeutend in den USA war. Daher ist auch die Idee der nationalen Champions in der europäischen Industriepolitik so gefährlich. Sie werden von der Politik gestützt und üben gleichzeitig Einfluss auf die Politik aus.

Wie kann der Ordoliberalismus in Zeiten der ­Globalisierung funktionieren, wenn der einzelne Staat immer weniger Macht ausüben kann?
Das ist ein riesiges Problem. Es gibt eine Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher und politischer Globalisierung. Das gibt grossen Unternehmen übermässig viel Macht, zum Nachteil kleiner Firmen.

Moderne Schamanen für eine faire WirtschaftEinkommen und Vermögen sind immer ungleicher verteilt – die Fairness scheint in der Wirtschaft verloren zu gehen. In Zürich stritten Experten, wie ein fairer Kapitalismus aussehen sollte. Lesen Sie hier mehr.Können Sie eine Linie aufzeigen, bis wann die Regulierung der Wirtschaft sinnvoll ist?
Der Staat hat die Rolle, die Regeln des Marktes festzulegen, damit ausufernde wirtschaftliche Macht verhindert wird. Ich bevorzuge zur Regulierung einen ­möglichst geringen Eingriff – und dafür ist ­Besteuerung der beste Weg. Die ist einfach umzusetzen, einfach zu überprüfen und kann weniger durch Interessengruppen beeinflusst werden. Auch schafft sie Steuereinnahmen. Wir sollten Dinge besteuern, die wir vermeiden wollen – z. B. den CO2-Ausstoss oder Lobbying von Unternehmen. Dagegen besteuern wir grösstenteils Arbeit, was kontraproduktiv ist.

Was ist die politische Antwort auf Ihre ­Thesen in den USA?
Ich passe nicht in das politische Muster in den USA oder sonst irgendwo. Meine Ideen werden aber mehr Zulauf finden, je grösser die politischen Spannungen werden. Wir sehen überall einen wachsenden Populismus – etwa die 5-Sterne-Bewegung in Italien oder Le Pen in Frankreich. Dieser Protest gegen das System ist extrem gefährlich. Ich biete eine Alternative zu diesem Populismus an. Die Leute sehen das System als unfair und korrupt an. Wenn man diese Ängste der Menschen leugnet, wird es gefährlich, und man hilft dem Populismus. Meine mittelfristige Lösung wird zur einzig gangbaren – will man Aufstände vermeiden. Es gibt Druck von rechts wie von links. In den USA ist die Übereinstimmung zwischen der Tea Party und Occupy Wall Street grösser als oft ­angenommen. Jeder kluge Politiker sollte meinen Vorschlag ernst nehmen. Und dieser Vorschlag ist weder links noch rechts.

Sie entwerfen kein grosses Utopia. Können Sie Leute trotzdem dafür begeistern?
Ja, die meisten sind nicht gegen den Kapitalismus, sondern gegen Korruption und Monopolbildung – beide hängen eng zusammen. Kaum jemand ärgert sich, dass Steve Jobs Milliardär wurde – denn es war klar, was er geschaffen hat. Leute lehnen dagegen ab, wenn jemand durch Beziehungen Geld vom Staat abgreifen kann. Wenn der Markt wirklich frei ist, können sich selbst Italiener dafür begeistern.

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