Zum Thema: Appetit auf Aktien steigt, doch IPO bleiben rar 15:07 - 21.05.2013

Nicht alle IPO sind das Geld wert

Clifford Padevit und Ruedi Keller
Neue Unternehmen sind in der Beweispflicht. Was zählt, ist die Bewertung.
Aktie
Wertpapier , das einen Anteil am Kapital einer Aktiengesellschaft verkörpert. Es sichert dem Eigentümer Mitgliedschaftsrechte (Stimm- und Wahlrecht an der Generalversammlung) und Vermögensrechte (Recht auf Anteil am Gewinn, Beteiligungsquote bei Kapitalerhöhungen oder am Liquidationsergebnis) zu.
Aktionär
Teilhaber einer AG bzw. Inhaber einer Aktie oder einer Mehrzahl von Aktien.
Boom
Wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung, Hochkonjunktur. Gegenteil: Rezession .
Börse
Regelmässig stattfindender, nach feststehenden Usanzen organisierter Markt. Je nach den gehandelten Gütern spricht man z. B. von Wertpapier-, Effekten-, Devisen-, Warenbörsen oder Börsen für derivative Instrumente (Terminbörsen ).
Cashflow
Ordentlich erwirtschafteter Mittelzufluss aus der betrieblichen Tätigkeit eines Unternehmens. Ausserordentliche Aufwendungen und Erträge sollten aus der Berechnung des Cashflows ausgeklammert werden, ebenso extreme Veränderungen bei der Bildung oder der Auflösung stiller Reserven .
Dividende
Der von einer Aktiengesellschaft je Aktie ausgezahlte Gewinnanteil. Die Dividende wird durch die Generalversammlung auf Antrag des Verwaltungsrats festgesetzt. Als Dividende werden auch die Auszahlungen an die Inhaber von Genuss- und Partizipationsscheinen bezeichnet.
Emission
Ausgabe von Wertpapieren zwecks Beschaffung von Fremd- oder Eigenmitteln am Kapitalmarkt .
Emissionspreis
Bei Ausgabe neuer Wertpapiere der erste, vom Emittenten festgelegte ausserbörsliche Kaufpreis. Der Emissionspreis wird auch als Emissionskurs bezeichnet.
Emittent
Unternehmen oder öffentlich-rechtliche Körperschaft, die sich durch die Ausgabe von Wertpapieren am Kapitalmarkt (oder am Geldmarkt ) Eigenkapital (Aktien ) oder Fremdkapital (Obligationen ) beschafft. Im Gegensatz dazu beschaffen Emittenten von Derivaten (strukturierten Produkten und Warrants ) kein Kapital, sondern sichern sich ab, um eine marktneutrale Position einzunehmen, und erheben eine im Produkt verpackte Gebühr.
Fonds
Ein mit öffentlicher Werbung von Investoren zum Zweck gemeinschaftlicher Kapitalanlage aufgebrachtes Vermögen, das von der Fondsleitung in der Regel nach dem Grundsatz der Diversifikation auf Rechnung der Investoren verwaltet wird. Anlagefonds werden direkt bei der Bank und vermehrt auch über Internet-Plattformen gekauft und im Gegensatz zu ETF in der Regel nicht börslich gehandelt.
IPO
Öffnung einer privaten Aktiengesellschaft, deren Aktienkapital bisher ausschliesslich im Eigentum eines beschränkten Personenkreises lag, zur Publikumsgesellschaft durch die Ausgabe und die Kotierung von Aktien. Auch Initial Public Offering (IPO) genannt. Gegenteil: Going Private .
Tau
Misst die Veränderung des Optionswerts bei einer Veränderung der Volatilität. Gehört zu den Greek Letters . Der Wert einer Option steigt mit zunehmender Volatilität des Basiswerts , während eine sinkende Volatilität dazu führt, dass eine Option günstiger wird.

Die Erinnerung an die letzte Boomzeit von Börsengängen während der Dotcom-Blase wird allmählich schwach. Damals kamen alle IPO gut an. Erstinvestoren, die beim Rohstoffhändler Glencore (GLEN 278.8 -1.29%) eingestiegen sind oder dem Freundenetz Facebook (FB 115.4 0.26%), wissen, dass sich die Zeiten geändert haben. Sie sitzen auf Verlusten von über 30%.

zoomDas heisst nicht, dass IPO unattraktiv geworden sind. Jeremy Whitley, Chef europäische Aktien beim Fondshaus Aberdeen, schaut sich zum Beispiel neue Unternehmen an, ist aber eher skeptisch. «Es gibt Tausende von Unternehmen in Europa, und wir haben daraus etwa vierzig ausgewählt», sagt er. Natürlich werde ein neues Unternehmen sagen, es sei besser als die Konkurrenz. «Ich will, dass es diesen Beweis erst einmal erbringt», sagt Whitley. Das gilt besonders für das Führungsteam. Es müsse zeigen, dass es auch wirklich für die Inhaber, die Aktionäre, arbeite. Bei IPO ist es üblich, dass die Finanzdaten der letzten drei Jahre gezeigt werden, was bei stark wachsenden und konjunkturabhängigen Gesellschaften kurz ist.

Skepsis ist in jedem Fall angebracht, denn diejenigen, die Aktien verkaufen, haben einen Informationsvorsprung. «Wir müssen das Unternehmen kennenlernen und uns mit dem Management austauschen, um die Informationsasymmetrie zu minimieren», sagt Simon Brazier, der beim Fondsmanager Threadneedle Aktien Grossbritannien leitet. Er ist IPO gegenüber offen, denn sie können eine gute Möglichkeit darstellen, Rendite zu erzielen – und dafür sei er ja von den Anlegern angestellt. Vieles hängt dabei aber vom Emissionspreis und von der Bewertung ab. Vergleichbare kotierte Gesellschaften, deren Entwicklung bereits über eine längere Zeit zu beobachten war, verdienen für Brazier eine höhere Bewertung.

Die Bewertung spielt derzeit auch in einem anderen Zusammenhang eine Rolle, wie Daniel Würmli, Portfoliomanager bei Swisscanto, erläutert. Da die derzeitige Börsenhausse durch bloss dünne Handelsvolumen getragen ist, befürchtet er, dass eine grossvolumige Neuemission Preisdruck im entsprechenden Sektor ausüben könnte. Gibt es neue Börsengänge, würde Würmli selbst, der Aktien neuer Emittenten als Möglichkeit zur Portfoliodiversifikation auffasst, gegenwärtig defensiveren Werten den Vorzug geben, die dank eines soliden Geschäftsmodells und eines stabilen Cashflows regelmässig Dividende bezahlen könnten, wie zum Beispiel LEG Immobilien, die im Januar in Deutschland an die Börse gekommen ist.

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