Märkte / Anleihen 17:11 - 02.09.2014

Nicht alle Staaten nutzen die tiefen Zinsen

Nie hat es sich so sehr gelohnt, Anleihen mit einer möglichst langen Laufzeit auszugeben. Deutschland und Italien strecken die Restlaufzeit ihrer Schulden trotzdem nicht.
lesen sie mehr
zum Stichwort
Anleihe
Fremdmittelaufnahme am Kapitalmarkt . Anleihen können fix oder variabel verzinst werden. Die als Wertpapier ausgestalteten und somit handelbaren Bruchteile einer Anleihe werden Obligationen oder Bonds genannt.
Auktion
Preisermittlung aus einer Sammlung von Aufträgen. Als Preis wird der Kurs festgestellt, zu dem der gewünschte Umsatz abgewickelt werden kann. Anleihen der Eidgenossenschaft werden in diesem Verfahren (Tenderverfahren ) emittiert.
Bond
Englische Bezeichnung sowohl für eine Anleihe wie auch für ihre handelbaren Bruchteile, also die Obligationen .
Bonität
Mass der Kreditfähigkeit und Kreditwürdigkeit eines Schuldners. Dabei bezieht sich die Kreditfähigkeit auf die Vermögens- und Ertragslage des Schuldners und die Kreditwürdigkeit auf seinen Willen, seinen Verbindlichkeiten nachzukommen (vgl. Rating ).
Bundestresorerie
Ist für die Liquiditätsbeschaffung der Eidgenossenschaft verantwortlich. Ihren Finanzierungsbedarf deckt sie über den Geld- und den Kapitalmarkt (vgl. GMBF und Anleihen der Eidgenossenschaft ). Die Tresorerie, die auch für die Devisenbeschaffung und -bewirtschaftung des Bundes verantwortlich ist, ist in der Eidgenössischen Finanzverwaltung angesiedelt.
Emission
Ausgabe von Wertpapieren zwecks Beschaffung von Fremd- oder Eigenmitteln am Kapitalmarkt .
Emittent
Unternehmen oder öffentlich-rechtliche Körperschaft, die sich durch die Ausgabe von Wertpapieren am Kapitalmarkt (oder am Geldmarkt ) Eigenkapital (Aktien ) oder Fremdkapital (Obligationen ) beschafft. Im Gegensatz dazu beschaffen Emittenten von Derivaten (strukturierten Produkten und Warrants ) kein Kapital, sondern sichern sich ab, um eine marktneutrale Position einzunehmen, und erheben eine im Produkt verpackte Gebühr.
Fremdwährungsanleihen
Aus Schweizer Sicht alle Anleihen , die nicht auf Franken lauten.
Industrieländer
An und für sich überholte Bezeichnung für hochentwickelte Staaten, überwiegt dort heute doch der Dienstleistungssektor. Die Industriestaaten sind in der OECD zusammengefasst.
Kapitalmarkt
Markt für mittel- und langfristige Anlagen. Auf dem Primärmarkt finanzieren Unternehmen ihre Investitionen durch die Ausgabe von Wertpapieren (Aktien , Obligationen ), auf dem Sekundärmarkt werden die Titel gehandelt. So findet laufend eine Bewertung der Gesellschaften statt. Im Unterschied dazu dient der Geldmarkt dem Handel kurzfristiger Finanzierungsinstrumente.
Laufzeit
1. Lebensdauer eines Derivats oder einer Obligation . 2. Frist im Optionsgeschäft, während deren eine amerikanische Option ausgeübt werden kann.
Liquidität
1. Fähigkeit eines Unternehmens zur fristgerechten Erfüllung der Zahlungsverpflichtungen. Als Liquiditätskennzahlen gebräuchlich sind die Cash Ratio, die in Prozenten ausdrückt, wie viel des kurzfristigen Fremdkapitals durch liquide Mittel gedeckt ist, die Quick Ratio, die zeigt, wie viel des kurzfristigen Fremdkapitals durch liquide Mittel und Forderungen gedeckt ist, und die Current Ratio. Letztere setzt alle Aktiven des Umlaufvermögens ins Verhältnis zum kurzfristigen Fremdkapital. 2. Hohe Marktgängigkeit eines Wertpapiers, die auf der Vielzahl der im Umlauf befindlichen Titel und einer engen Geld-Brief-Spanne gründet.
Refinanzierung
Als Refinanzierung bezeichnet man die Geldbeschaffung von Kreditinstituten. Hat eine Bank Gelder an Kreditnehmer ausgezahlt, kann sie sich u. a. über die Emission festverzinslicher Wertpapiere refinanzieren und erhält somit den Spielraum, weitere Kredite zu gewähren.
Restlaufzeit
Verbleibende Laufzeit einer Option (oder eines anderen befristeten Wertpapiers , besonders von Obligationen ) bis Verfall. Je länger die Restlaufzeit einer Option, desto grösser sind die Chancen, dass sich der Kurs des Basiswerts und damit der Optionspreis zugunsten des Käufers entwickelt (Zeitwert ).
Spekulation
Tätigkeit, die darauf ausgerichtet ist, aus einer erwarteten Marktveränderung Nutzen zu ziehen. Im engeren Sinne umfasst die Spekulation Geschäfte, bei denen hohe Gewinn- und Verlustrisiken eingegangen werden.
Staatsanleihe
Anleihe , die von einem Staat zur Deckung seines Finanzierungsbedarfs im In- oder Ausland emittiert wird. Die Renditen der Staatsanleihen dienen als Benchmark für andere Emittenten desselben Staates. Die Schweiz begibt im Unterschied zu anderen Ländern keine Anleihen der Eidgenossenschaft im Ausland.
Zinskurve
Bildet den aktuellen Ertrag (Rendite auf Verfall ) von verzinslichen Anlagen mit verschiedener Laufzeit und gleicher Qualität ab. Weil die Erwartungen des Marktes in den aktuellen Renditen enthalten sind, entspricht die Zinskurve einer Konsensprognose der Anleger. Beispiele sind die Zinskurve der Eidgenossenschaft und die Kurve der Swapsätze .
Zinsrisiko
Besteht vor allem für schwergewichtig im Bilanzgeschäft tätige Banken. Zur Risikobegrenzung werden im Risikomanagement ausser dem Bilanzstrukturmanagement auch Swaps und Optionen eingesetzt. Die goldene Bankregel minimiert das Zinsänderungsrisiko. Der Anleger trägt das Zinsrisiko auch bei festverzinslichen Obligationen .

Es herrscht Anlagenotstand auf dem Markt für Staatsanleihen. Die Marktverzinsung (Rendite) ist in vielen Industrieländern auf ein Rekordniveau gesunken. Inzwischen ist sie so tief, dass Zweifel bestehen, ob sie Bonitätsrisiken noch ausreichend entlöhnt, beispielsweise der überschuldeten Länder an der Europeripherie wie Italien. Vielerorts  sind die Renditen nun auch absolut unattraktiv: Eine Schweizer Bundesanleihe mit zehnjähriger Laufzeit bringt dem Investor 0,4% pro Jahr ein; eine deutsche 0,9%.

Für die Gegenseite sind goldene Zeiten ausgebrochen. Tiefe Zinsen bedeuten: Staaten können ihre Schuldenberge so günstig finanzieren wie noch nie. Was liegt also näher, als die Gunst der Stunde zu nutzen und den Tiefzins möglichst lange festzuhalten. Es ist somit anzunehmen, dass Staatsschuldner nun Titel mit möglichst langen Laufzeiten emittieren. Auf diese Weise verringern sie das Refinanzierungsrisiko: Falls die Marktzinsen steigen, sind sie davon wenig betroffen, müssen sie die tiefverzinsten Anleihen doch noch viele Jahre nicht ersetzen. Aber nicht alle Schuldenmanager handeln so.

zoomIn Italien beispielsweise hat sich die durchschnittliche Restlaufzeit der ausstehenden Schuldpapiere zuletzt sogar verringert. Der Emittent fand während der Krise nur noch Investoren, die sich kurzfristig binden wollten. In Deutschland hat sie sich seit über einem Jahrzehnt fast überhaupt nicht verändert. Sie beträgt stabil 6 Jahre und 5 Monate, obwohl der Staat heute nur 1,6% Jahreszins für eine 20-jährige Bundesanleihe zahlen muss. Vor fünf Jahren entsprach dies dem Preis für ein dreijähriges Papier.

Haben die deutschen Schuldenverwalter versagt? «Die Finanzagentur hält den Emissionsstand bewusst konstant, denn sie will sich nicht auf eine Spekulation darüber einlassen, wie lange die Zinsen noch so tief bleiben und wann sie steigen werden», sagt Lothar Hessler von der Bank HSBC (HSBA 438.4 -2.48%). Kein Fehler also, sondern bewusst passives Management.

Das entspricht dem gesetzlichen Auftrag. Ziel sei es, «die Ausgaben für Zinsen im Bundeshaushalt langfristig bei begrenztem Zinsrisiko zu minimieren». Lukrativ war die Strategie trotzdem: Die Bundesbank hat berechnet, dass Deutschlands Zinsausgaben letztes Jahr mit 30 Mrd. € rund 18 Mrd. € tiefer ausgefallen sind als es ohne Euroschuldenkrise und den damit verbundenen Renditerückgang in Deutschland der Fall gewesen wäre.

zoom

Schweiz an der Spitze

Anders die Schweizer Tresorerie. Ihre Verantwortlichen reiten die Zinskurve, wie es im Fachjargon heisst. Sie haben die Struktur der Schulden deutlich verlängert. Die Restlaufzeit beträgt mittlerweile etwas mehr als acht Jahre. Im internationalen Vergleich zählt sie damit zur Spitze.

«Das Tiefzinsniveau macht das Schuldenmanagement weder einfacher noch schwieriger», sagt Daniel Wittwer, stellvertretender Leiter der Bundestresorerie. Es gehe in jedem Fall darum zu bestimmen, wo auf der Zinskurve man sich positioniere. Angesichts der historisch tiefen Renditen bevorzugt die Tresorerie bei den Emissionen möglichst lange Laufzeiten, wenngleich sie immer bestrebt ist, die ganze Eidgenossenkurve zu pflegen. In den vergangenen Jahren lag die durchschnittliche Restlaufzeit der Emissionen am Kapitalmarkt bei rund 17 Jahren. «Im Moment sind wir bei 20 Jahren», sagt Wittwer.  Das ist dem jüngsten Coup der Tresorerie zu verdanken: Im Mai dieses Jahres hatte sie eine 50-jährige Bundesobligation aufgelegt. Es ist erst die zweite überhaupt in der Geschichte der Eidgenossenschaft.

Weitere Ultralangläufer sind zwar nicht geplant. «Es kann aber durchaus sein, dass wir im nächsten Jahr den 2064er einmal bei einer Auktion aufstocken», kommentiert Wittwer. Die Schweiz befindet sich dank der Schuldenbremse in einer Lage, um die sie andere Staaten beneiden. Die Verbindlichkeiten nehmen ab. Jedes Jahr muss sie seltener an den Markt treten. Dieses Jahr emittiert sie nur rund 6 Mrd. Fr. «Das Volumen muss reichen, um die Liquidität in den ausstehenden Anleihen sicherzustellen und die bestehenden Laufzeiten zu pflegen», sagt Wittwer. Mittel für exotische Wünsche fehlen: Deshalb emittiert die Eidgenossenschaft keine  Fremdwährungsanleihen, inflationsindexierte Bonds oder weitere ultralange Papiere.

Spanien setzt auf 50 Jahre

zoomWenige Länder setzen so gezielt auf lange Laufzeiten wie die Schweiz. Österreich und Grossbritannien zählen dazu. Aber das Tiefzinsniveau nutzen inzwischen auch immer mehr hochverschuldete Länder, um das Refinanzierungsrisiko zu verringern. Belgien hat im Juni den zweiten zwanzigjährigen Bond ausgegeben und zahlte dafür nur eine Rendite von 3,08%. Damit hat das Land die Restlaufzeit  seiner Schulden auf knapp 8 Jahre hochgefahren – ein Landesrekord.

Der gleiche Wunsch steht auch hinter der gestrigen Emission einer spanischen Staatsanleihe, die erst im Jahre 2064 fällig wird. Die Tresorerie des Königreichs feierte damit eine Premiere. Sie nahm 1 Mrd. € auf und muss dafür nur 4% pro Jahr aufwenden. 2013 begab sie 13,9 Mrd. € in Laufzeiten über zehn Jahre. Das waren 11% der emittierten mittel- und langfristigen Staatsanleihen. Spanien feiert das als Beleg dafür, dass es wieder kapitalmarktfähig sei. Und es  schafft sich neue Finanzierungsengpässe in den nächsten Jahren vom Hals. Die tiefen Zinsen machen es möglich.

Mehr zum Thema

29.08.14Anleihen

Bondrenditen brechen Negativrekorde

lock-status
 
22.08.14Anleihen

Die Japanifizierung der Eurozone

 
08.05.14Anleihen

Fallende Renditen in Spanien und Irland

lock-status
 

Meistgelesene Artikel

27.06.16Aktien

Schwache Banken lasten auf Schweizer Börse

27.06.16Makro

Nach Brexit: Wo sich Anlegern Kaufchancen bieten

27.06.16Never Mind the Markets

Stell dir vor...

26.06.16Makro

BIZ verlangt neues Wachstumsmodell

24.06.16Makro

Alles zum Brexit