Never Mind The Markets
Blogs / Never Mind the Markets 06:00 - 15.06.2012

1931

Mark Dittli

Ökonom Charles Kindleberger.

Es war einmal ein Land.

Ein Land mit einer stolzen Bevölkerung, mit einer grossen Vergangenheit, mit einer bewegten Geschichte.

In seiner aktuellen Inkarnation war das Land eine junge Demokratie, deren unmittelbare Vergangenheit stark vom Militär geprägt war.

Ein Land, das einen Platz an der Sonne hatte – oder zumindest glaubte, diesen verdient zu haben.

Dieses Land steckte in einer schweren Wirtschaftskrise. Es litt unter hoher Arbeitslosigkeit, mehr als die Hälfte der jungen, arbeitswilligen Menschen war ohne Job. Eine verlorene Generation wuchs heran.

Das Problem dieses Landes waren horrend hohe Schulden, die in den Händen ausländischer Gläubiger lagen.

Das Land musste ein hartes, in internationalen Verträgen von anderen Staaten aufgezwungenes Austeritätsprogramm über sich ergehen lassen.

Das Land besass einen hoffnungslos ineffizienten Staatsapparat und ein ausuferndes Wohlfahrtssystem.

Das politische Establishment des Landes fragmentierte sich in den Jahren der Krise immer mehr.

Im Abstand von wenigen Monaten wurde die Bevölkerung mehrmals zur Wahl ihrer Regierung aufgerufen. Es kamen nie klare Mehrheitsverhältnisse zusammen, aber ein Muster war klar: Splitterparteien, links und rechts, gewannen immer mehr Stimmen.

Der Präsident des Landes musste mit wachsendem Horror mit ansehen, wie die Nation mit jedem Plebiszit unregierbarer wurde.

Das Land erlitt einen Bankensturm. Ausländische Kapitalgeber zogen ihr Geld ab, mehrere Banken kollabierten.

Eines Tages bediente das Land seine ausländischen Schulden nicht mehr.

Und dann liess das Land seine Demokratie sterben.

Das klingt, zumindest bis zum letzten Punkt, alles nach Griechenland. Natürlich, Sie wissen oder ahnen es längst, ist es eine Beschreibung der Weimarer Republik Anfang der Dreissigerjahre, zu Zeiten der Grossen Depression. Deutschland war in Europa das Land, das am stärksten unter der Grossen Depression gelitten hat. Und doch hört man heute aus Deutschland immer noch meistens den Hinweis auf die Hyperinflation von 1923, wenn davon die Rede ist, die Europäische Zentralbank oder die deutsche Regierung solle zur Krisenbewältigung expansiver und unkonventioneller agieren.

Niall Ferguson und Nouriel Roubini haben es in ihrem Kommentar im «Spiegel» und in der «Financial Times» treffend gesagt: Die Deutschen scheinen heute dem Jahr 1923 (Hyperinflation) mehr Bedeutung beizumessen als dem Jahr 1933 (Tod der Demokratie).

Aber wieso ist das so? Eine Erklärung könne sein, dass die Grosse Depression von den Ökonomen meist aus angelsächsischer Sicht, respektive am spezifischen Beispiel der USA, betrachtet wurde. Eine wichtige Ausnahme ist Charles Kindleberger. Sein vor genau 40 Jahren erschienenes Buch «The World in Depression, 1929-1939» müsste heute für jeden Politiker in Europa eigentlich Pflichtlektüre sein.

Kindleberger (1910-2003) ist ein weiterer, in der breiteren Öffentlichkeit leider viel zu vergessener Ökonom (wie unter anderen Irving Fisher und Hyman Minsky). Der Amerikaner arbeitete in den Dreissigerjahren für die Distriktsnotenbank in New York und war von 1939 bis 1940 in Basel für die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich tätig. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er einer der wichtigsten Architekten des Marshall-Plans zum Wiederaufbau Europas. Später war er Ford International Professor of Economics am Massachusetts Insitute of Technology (hier ein Blog-Beitrag über die Bedeutung des MIT).

In «The World in Depression» betrachtet Kindleberger die Grosse Depression intensiv am Beispiel Europas. Eines der zentralen Themen in seiner Lehre ist der Effekt von Panik und Ansteckung in einem vernetzten Finanzsystem. Im Mai 1931 war es der Kollaps der Creditanstalt in Wien, der einen Bankensturm in Deutschland auslöste. Der überstürzte Kapitalabzug angelsächsischer Geldgeber wiederum liess am 13. Juli 1931 die zweitgrösste Bank Deutschlands, die Danatbank (Darmstädter und Nationalbank), einbrechen. Die Panik breitete sich über das deutsche Bankensystem auf andere europäische Länder aus, dann nach London und schliesslich nach New York. Es war dieser Bank Run, der aus einer harten Rezession erst eine Depression machte.

Ein zweiter zentraler Teil von Kindlebergers Lehre ist die Notwendigkeit eines «finanziellen Hegemons»: Ein Staat respektive eine Institution, die sowohl als Lender wie auch als Consumer of Last Resort auftritt. In den frühen Dreissigerjahren konnte der einstige Hegemon Grossbritannien diese Rolle nicht mehr spielen, die Amerikaner realisierten vor 1933 nicht, dass sie diesen Part übernehmen sollten.

Die Parallelen zum heutigen Europa sind bezeichnend. Wieder findet ein Bank Run statt; Kapital verlässt das Finanzsystem in Griechenland und Spanien. Er mag im Zeitlupentempo erfolgen, man mag ihn als Bank Jog bezeichnen. Aber er findet statt. Wieder ist die Regierung des einzigen Staates, der die Rolle des finanziellen Hegemonen spielen könnte – Deutschland -, nicht fähig oder nicht interessiert daran, ihren Part zu spielen.

Kindlebergers «The World in Depression» wird gegenwärtig neu aufgelegt. Die US-Ökonomen Barry Eichengreen und Brad DeLong – beides Schüler von Kindleberger – haben das Vorwort dazu geschrieben. Dieser äusserst lesenswerte Text ist hier zu finden.

Europa steht heute gefährlich nahe an einem zweiten 1931.