Never Mind The Markets
Blogs / Never Mind the Markets 06:00 - 12.02.2016

Die grosse Negativzins-Angst

Markus Diem Meier

Die japanische Notenbank senkte ihre Zinsen in den negativen Bereich, doch es half wenig: Ein Mann vor dem japanischen Börsenindex. Foto: Eugene Hoshiko (Keystone)

Noch vor kurzem galten Negativzinsen als unmöglich. Jetzt führt eine Notenbank nach der anderen sie ein. Das ist ein wichtiger Grund für die Angst um die Banken.

Noch im Dezember hat die US-Notenbank zum ersten Mal seit fast 10 Jahren ihren Leitzins um 0,25 Prozent erhöht. Die Normalisierung nach der Finanzkrise von 2008 schien eingeleitet. Knapp zwei Monate später sieht die Welt komplett anders aus. Die Aktien stürzen weltweit ab, Ängste um die Konjunktur dominieren, und von einer Normalisierung ist keine Rede mehr. Im Gegenteil: Die Angst ist gross, dass Notenbanken weltweit die Zinsen in den negativen Bereich senken.

Die Schweiz hat es bereits getan, ebenfalls Dänemark, Japan und die Europäische Zentralbank. Die Schwedische Reichsbank hat ihren Reposatz erst gestern von –0,35 Prozent auf –0,5 Prozent gesenkt. Die Europäische Zentralbank hat bereits Signale gegeben, dass auch sie noch tiefer gehen könnte. Gestern hat das auch SNB-Chef Thomas Jordan der Zeitschrift «Bilanz» erklärt.

Einen deutlichen Hinweis darauf, dass sie nicht die Einzigen bleiben werden, hat ungewollt die japanische Notenbank geliefert. Als sie ihre Zinsen am 29. Januar erstmals ebenfalls in den negativen Bereich senkte, ist die Landeswährung zwar anfänglich wie erwartet gesunken. Denn immerhin sind dadurch Anlagen in Yen weniger attraktiv geworden. Im Bestreben, die eigene Währung möglichst zu schwächen, liegt ein entscheidendes Motiv für diese Geldpolitik – erklärtermassen auch in der Schweiz. Doch in Japan ist der Effekt kurz darauf verpufft, und der Yen hat seither tüchtig zugelegt. Die Grafik unten (Quelle: Interactive Data) zeigt den Kursverlauf am Preis des Dollars (ein billigerer Dollarpreis in Yen bedeutet eine Aufwertung der japanischen Währung):

 

Die Erwartung, dass letztlich alle grossen Notenbanken mit den Zinsen ins Minus gehen, liefert eine Erklärung für die nur kurze Zeit anhaltende Abschwächung der Währung. Japans Negativzinsen werden dann durch das gleiche Vorgehen in der übrigen Welt neutralisiert.

Selbst in den USA sind Negativzinsen nicht ausgeschlossen. Als Fed-Chefin Janet Yellen an ihrem gestrigen Hearing vor dem Kongress darauf angesprochen wurde, meinte sie zwar, dass eine erneute Zinssenkung oder sogar Negativzinsen in nächster Zeit unwahrscheinlich seien. Doch sie sagte auch, sie sehe keinen Grund, der sie von Negativzinsen abhalten könnte, wenn es denn notwendig würde. In den US-Wirtschaftsmedien wird jedenfalls bereits intensiv darüber debattiert, welche technischen und rechtlichen Möglichkeiten das Fed dafür genau habe.

Die Erwartung weiter sinkender Zinsen zeigt sich schliesslich auch in den Langfristzinsen, die weltweit in den letzten Wochen erneut deutlich gesunken sind. Die erste der beiden folgenden Grafiken zeigt das anhand der Rendite von 10-jährigen Staatsanleihen der USA, die zweite anhand jener von Deutschland als Kernland der Eurozone:

(Quelle obige Grafik: Fred-Datentool des Fed von St. Louis, untere Grafik: Bloomberg)

Auch dass Notenbanken das Halten von Bargeld einschneiden wollen, wie jüngst in Deutschland, passt zum Gesamtbild. Denn das ist fast die einzige Möglichkeit, um Negativzinsen auszuweichen. Eine andere ist der Kauf von Gold; kein Wunder, legte dessen Preis jüngst tüchtig zu, wie die folgende Grafik zeigt: (Quelle: Interactive Data)

Die Aussicht auf eine Welt, in der alle wichtigen Zentralbanken negative Leitzinsen ausweisen, ist für Banken der wahre Horror. Auch ein Grund, der den Börsensturz ihrer Aktien erklärt. Schon jetzt ist es den Banken beinahe unmöglich, im für sie zentralen Zinsdifferenzgeschäft Geld zu verdienen: also mit dem Zinsunterschied von ausgeliehenem und entgegengenommenem Geld. Mit Negativzinsen wird alles noch viel schlimmer, denn die Kosten für das Halten von Geld geben die Banken ihren gewöhnlichen Kunden nicht weiter, sodass entweder ihre Marge noch weiter schrumpft – oder sie die Kredit- oder Hypothekarzinsen erhöhen, was die Wirtschaftslage weiter dämpft und damit das Gegenteil dessen bewirkt, was Notenbanken erreichen wollen. (Hier eine Schritt-für-Schritt Herleitung des Mechanismus.) Weil Negativzinsen bedeuten, dass niemand Geld auf einem Konto halten will, steigt auch die Gefahr hoch riskanter Anlagestrategien und damit das Risiko für die Finanzmarktstabilität.

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