Never Mind The Markets Blog
Blogs / Never Mind the Markets 05:00 - 06.11.2013

Das Einmaleins der schädlichen Exportüberschüsse

Markus Diem Meier

Die Nettoexporte entsprechen den volkswirtschaftlichen Ersparnissen abzüblich der Investitionen. Warum nur geht diese einfache Indentität in der Debatte über problematische Exportüberschüsse immer vergessen?

Die jüngste Kritik der USA in ihrem jüngsten Währungsbericht an den deutschen Exportüberschüssen hat wieder viel Staub aufgewirbelt, dabei geriet einiges durcheinander. Die Sache ist gar nicht so kompliziert.

Der letzte Woche publizierte halbjährlichen Bericht, den die US-Regierung zu potenziell schädlichen Währungsmanipulationen von Handelspartnern dem Parlament vorlegen muss, hat sich auch Deutschland vorgenommen. Die Kritik: Die Ausrichtung des Landes auf Exportüberschüsse schade einer nachhaltigen Erholung in der Eurozone und der Weltwirtschaft (hier eine Zusammenfassung). Die Empörung über die Amerikaner war erwartungsgemäss gross – vor allem in Deutschland.

Dabei enthält der Bericht nichts Neues. Der Internationale Währungsfonds kritisiert Deutschland aus dem gleichen Grund fast in jedem seiner Berichte. Dass die Ausrichtung einer Volkswirtschaft aus Handelsüberschüssen ganz generell problematisch ist, war auch schon Thema im Zusammenhang mit China, Japan oder mit historischer Perspektive selbst mit den USA, als diese vor der Weltwirtschaftskrise solche Überschüsse gegenüber den Europäern verzeichnet haben, was auf dem alten Kontinent immer wieder zu Währungskrisen geführt hat – dieses Buch von Liaquat Ahamed beschreibt diese Geschichte eindrücklich.

NMTM hat sich dem Thema der deutschen Exportüberschüsse schon oft gewidmet, zum Beispiel hier oder auch hier. Packen wirs daher heute mal ganz anders an, anhand sehr einfacher Identitäten. Das Argument, hinter dem Folgenden stecken anfechtbare Annahmen oder Theorien, funktioniert also nicht:

Hier die erste Identität:

Y = C + I + G + NX

Das ist die Darstellung der Gesamtwirtschaft: Y steht für das Gesamtprodukt einer Wirtschaft, das sich aufteilt auf den Konsum (C), die Investitionen (I), den Verbrauch des Staates (G) und die Nettoexporte (NX). Übertreffen die Exporte die Importe, ist NX positiv, sind die Importe grösser, ist NX negativ.

Der Erkenntnisgewinn für unser aktuelles Thema: Ein Nettoexportüberschuss  (bei gleich bleibenden Investitionen, Konsum- und Staatsausgaben) erhöht das Gesamtprodukt unserer Volkswirtschaft: Ein Teil der Mehrproduktion wird im Ausland verzehrt. Die Arbeitslosigkeit nimmt ab. Die gegenteilige Wirkung hat ein Nettoimportüberschuss. Auch wenn im Inland gleich viel verbraucht wird, wie ohne diesen, geht die inländische Produktion auf Kosten der ausländischen zurück und die Arbeitslosigkeit nimmt dadurch zu.

Schauen wir uns nun die Identität der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis einer Volkswirtschaft an:

 S = Y – C – G

Das ist ganz einfach die Gesamtproduktion (Y) abzüglich das, was im Inland nicht durch den Konsum (C) oder den Staat (G) verbraucht wurde. Die volkswirtschaftliche Ersparnis ist also nicht einfach das, was die Sparer auf die Seite legen.

Nun bauen wir die erste Identität Y = C + I + G + NX leicht um: Wenn wir auf beiden Seiten des Gleichzeichens den Kosum (C) und den staatlichen Verbrauch (G) abziehen, erhalten wir:

Y – C – G = I + NX

Von Y – C – G wissen wir bereits, dass es die gesamtwirtschaftlichen Ersparnisse (S) sind. Das führt zu folgender Identität:

S = I + NX

Investitionen (I) und Nettoexportüberschüsse (NX) sind also für ein Land nur genau in dem Umfang möglich, wie es auf staatlichen (G) oder privaten Konsum (C) verzichtet, das heisst, wie es volkswirtschaftliche Ersparnisse (S) bildet. Das gilt ganz unabhängig von der Produktivität oder Moral in einer Volkswirtschaft.

Nun ziehen wir in der vorherigen Identität auf beiden Seiten des Gleichzeichens die Investitionen (I) ab und erhalten so eine Identität nur für die Nettoexporte:

NX = S – I

Nettoexportüberschüsse (NX) erfordern also, dass die Ersparnisse (der Verzicht an privatem und staatlichem Konsum) grösser sind als die Investitionen. Anders ausgedrückt, je höher die inländischen Investitionen sind, desto geringer sind bei die Nettoexporte.

Was lässt sich aus den obigen Identitäten mit Bezug auf die Debatte über die Aussenhandelsüberschüsse zum Beispiel von Deutschland folgern?

  • Exportüberschüssen stehen immer Importüberschüsse (bzw. Leistungsbilanzdefizite) anderer Länder gegenüber.
  • Leistungsbilanzdefizite bedeuten für die betroffenen Länder eine geringere Nachfrage nach der inländischen Produktion zugunsten jener der Länder mit Exportüberschüssen und damit eine höhere Arbeitslosigkeit. Verhindert werden kann die höhere Arbeitslosigkeit nur, wenn eine gesteigerte Nachfrage durch eine steigende private und öffentliche Verschuldung zu einem übermässigen und nicht nachhaltigen Wachstum führt.
  • Exportüberschüsse widerspiegeln eine ungenügende Binnennachfrage.
  • Den Bewohnern eines Landes mit Exportüberschüssen kommen nicht alle Früchte ihrer Arbeit zugute.
  • Exportüberschüsse sind nicht Ausdruck einer besonderen Leistungsfähigkeit oder Produktivität der Unternehmen eines Landes.
  • Die Leistungsfähigkeit ist zentral für die Wettbewerbsfähigkeit, was die Exporte erhöhen kann. Überschüsse sind aber nicht die Konsequenz der Leistungsfähigkeit, sondern des Umstands, dass deren Früchte unzureichend den Konsumenten im Inland zugute kommen.
  • Exportüberschüsse sind kein Hinweis auf den Vorteil des internationalen Handels bzw. komparativer Kostenvorteile, wie das Beat Kappeler absurderweise in seiner Kolummne in der NZZ am Sonntag suggeriert hat. Der Vorteil des Internationalen Handels gemäss dieser auf David Ricardo zurückgehenden Theorie liegt in der Konzentration jedes Landes auf jene Bereiche, in denen es (relativ zu anderen Bereichen) am produktivsten ist. Aber der Zweck des Handels ist immer, etwas für das Verkaufte einzutauschen und nicht, Devisen durch Exportüberschüsse anzusammeln, und dadurch das Ausland mit Krediten zu versorgen.

Nochmals: Das ist alles aus einfachen Identitäten abgeleitet. Die Prozesse, die sie herbeiführen sind komplex – das geschieht über Währungs-, Preis-, Lohn- oder Zinsänderungen – und man kann sich darüber streiten, welcher Faktor nun genau welchen Einfluss hat. An den Identitäten selbst aber ändert das nichts.

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