Never Mind The Markets
Blogs / Never Mind the Markets 05:00 - 04.09.2013

Die grosse Entscheidung

Markus Diem Meier

Wer wird Ben Bernankes Nachfolge antreten? Im Bild: Janet Yellen und Larry Summers. (Fotos: Reuters)

Diesen Monat soll US-Präsident Obama bekanntgeben, wer nächstes Jahr Ben Bernanke an der Spitze der Notenbank ablösen soll. Es geht um nichts weniger als um den mächtigsten Posten der Weltwirtschaft.

Wie mächtig die Geldpolitik der US-Notenbank (Federal Reserve bzw. Fed) ist, hat die Welt in diesem Sommer wieder erfahren: Ihre blosse Ankündigung, demnächst den Fuss etwas vom Gas zu nehmen und die Käufe von Staatsanleihen und verbrieften Hypothekarpapieren von aktuell 85 Milliarden Dollar monatlich einzuschränken, hat sich weltweit ausgewirkt. Nîcht nur in den USA sind die langfristigen Zinsen deutlich angestiegen. Auch die Währungen einer Reihe von Schwellenländern sind wegen plötzlichen Kapitalabflüssen deutlich eingebrochen. Wie die Ökonomin Hélène Rey in einer eindrücklichen Studie klargemacht hat, ist die Politik der US-Notenbank weit wichtiger für solche Länder als jene ihrer eigenen Notenbanken. Niemand hat einen ähnlich grossen Einfluss auf die globalen Finanzströme.

Wer wird diese mächtige Funktion einnehmen, wenn Ben Bernanke – wie allgemein erwartet wird – seinen Posten nächstes Jahr räumen wird? Noch vor wenigen Wochen war Janet Yellen die Favoritin. Die 67-jährige Ökonomin kennt das Fed und seine Aufgaben wie kaum jemand anderes: Aktuell ist sie Stellvertreterin von Ben Bernanke, 2004 bis 2010 war sie Präsidentin des Fed von San Francisco. Schon in den 1970er-Jahren hat sie für die Notenbank gearbeitet. Da sie in geldpolitischen Fragen die gleichen Ansichten vertritt wie Ben Bernanke, würde sie ausserdem Gewähr für eine Kontinuität der aktuellen Geldpolitik bieten.

Doch Yellen hat ihre Favoritenrolle mittlerweile eingebüsst. Neu werden dem Ökonomen und Ex-Finanzminister Larry Summers die grössten Chancen eingeräumt. So berichten es Kenner des Weissen Hauses. Zwar zählt Summers zu den besten US-Ökonomen, doch der Grund für den Prioritätenwechsel liegt weniger in seinen wissenschaftlichen Meriten.  Wichtiger ist vielmehr, dass er ein enger und langjähriger Vertrauter des innersten Kreises jener ist, die die Wirtschaftspolitik der demokratischen Präsidentschaften bestimmt haben. Summers war unter Bill Clinton Finanzminister und unter Barack Obama leitender Wirtschaftsberater.

Doch was bedeutet es, wenn tatsächlich Summers statt Yellen den Posten erhält? Wer ist die bessere Wahl für den mächtigen Posten? Meiner Ansicht nach ist es Janet Yellen. Hier sechs Gründe:

1. Gerade die Nähe zur US-Regierung, bzw. zu den dortigen ökonomischen Entscheidungsträgern spricht gegen Summers. Je unabhängiger die Notenbank zu ihren Einschätzungen kommt, je weniger sie dabei von mächtigen politischen Interessen unter Druck gerät und je ungebundener sie handelt, desto besser. Hier mehr dazu. Summers würde und könnte natürlich nichts an der formalen Unabhängigkeit der Notenbank ändern, die Gefahr liegt vor allem im Gruppendenken und persönlichen Verpflichtungen.

2. Summers setzt weniger auf Geldpolitik. Im Ökonomenstreit um die Notwendigkeit und Angemessenheit von Massnahmen zur Stimulierung der Konjunktur sitzt er im gleichen Lager wie Janet Yellen: beide halten solche Massnahmen für notwendig zur Verbesserung der US-Wirtschaftslage. Selbst beim Thema Geldpolitik gehen die Ansichten der beiden nicht weit auseinander, wie Kenneth Rogoff hier analysiert. Aber Summers bevorzugtes Feld ist die Fiskalpolitik. In diesem Blogbeitrag habe ich eine Studie von Summers und Bradford DeLong vorgestellt, in der die beiden Ökonomen argumentieren, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen der Liquiditätsfalle staatliche Mehrausgaben zur Stimulierung der Wirtschaft wenig kosten und – durch die Verbesserung der Wirtschaftslage – sich möglicherweise sogar selbst bezahlen. Summers hält dagegen die Möglichkeiten der Notenbanker in der aktuellen Lage für begrenzt. Damit hat er zwar nicht unrecht (mehr dazu hier). Der Job des Notenbankchefs besteht aber darin, aus den gegebenen Möglichkeiten das Beste herauszuholen. Dafür ist Janet Yellen besser geeignet.

3. Summers ist mit der Finanzbranche zu eng verbandelt. Die Notenbank hat für die US-Finanzbranche wichtige Aufsichtsfunktionen. Nicht zuletzt spielt sie eine wichtige Rolle bei der Rettung wichtiger Banken, sollten sie in Schieflage geraten. Larry Summers ist aber bis heute für die US-Grossbanken tätig – unter anderem als Berater für die Citigroup und andere Finanzinstitute. Seine Karriere als Wirtschaftspolitiker verdankt er teilweise Robert Rubin. Rubin arbeitete in führender Stellung bei Goldman Sachs bevor er Finanzminister unter Bill Clinton wurde. Summers wurde in diesem Amt sein Nachfolger. Nach seiner Zeit als Politiker wechselte Rubin erneut zurück in die Finanzbranche. Summers hat sich gemeinsam mit Rubin besonders aktiv an der Deregulierung der Finanzbranche beteiligt und jene, die vor negativen Folgen gewarnt haben – und damit letztlich recht behielten – recht rüde in die Schranken verwiesen. Hier ein Beispiel, ein weiteres folgt unten.

4. Summers hat zuweilen rüde Umgangsformen. Eine der grossen Leistungen von Ben Bernanke als Notenbankchef hat darin bestanden, die Mehrheit der stimmberechtigten Mitglieder im Offenmarktausschusses (FOMC) – dem geldpolitischen Führungsgremium der Fed – hinter sich zu scharen. Angesichts stark auseinanderdriftender Ansichten zur angemessenen Geldpolitik – die auch öffentlich kontrovers und zuweilen gehässig debattiert werden – war das keine einfache Aufgabe. Streit in diesem Gremium hätte auch die Unsicherheit über die weitere Politik der Notenbank erhöht und die Entscheidungsfindung erschwert. Beides hätte die Wirksamkeit der Geldpolitik unterminiert und zu heftigen Ausschlägen auf den Kapital- und Devisenmärkten geführt.

Larry Summer hat nicht eben den Ruf, sich um die Befindlichkeit seiner Umgebenden zu sorgen, um sie für eine gemeinsame Linie zu gewinnen. Recht rüde war etwa, wie er – damals noch als Präsident der Eliteunversität Harvard – vor einem gemischtgeschlechtlichen Publikum die These vertreten hat, Frauen seien aus genetischen Gründen weniger für die Wissenschaften geeignet. In seinem Einsatz für die Deregulierung der Finanzmärkte hat er Brooksley Born, Leiterin der «Commodity Futures Trading Commission (CFTC)» regelrecht heruntergeputzt, weil sie (zu Recht, wie sich erwiesen hat) vor den Gefahren einiger derivativer Strukturen gewarnt hat und eine Regulierung gefordert hat. Ein Beobachter hat die Szene beschrieben, als Born von Summers einen Anruf erhielt:

«’I walk into Brooksley’s office one day; the blood has drained from her face,’ says Michael Greenberger, a former top official at the CFTC who worked closely with Born. ‘She’s hanging up the telephone; she says to me: ”That was [former Assistant Treasury Secretary] Larry Summers. He says, ‘You’re going to cause the worst financial crisis since the end of World War II…. [He says he has] 13 bankers in his office who informed him of this. Stop, right away. No more.”»

5. Summers gilt als Spezialist für das Falsche. Zusammen mit Alan Greenspan und Robert Rubin erschien Summers im Februar 1999 auf der Titelseite des Time-Magazins unter dem Titel «The Committee To Safe The World» – zu deutsch: Das Kommitee, das die Welt rettet. Die Macher des Magazins waren überzeugt, dass die Wirtschaftspolitik dieser drei Männer zur Bewältigung der damaligen Asienkrise und der drohenden Finanzkrise nach den Zusammenbruch des Hedge Funds Long Term Capital Management (LTCM) entscheidend beigetragen habe. Auch wenn die Politik dieser Männer alles andere als zu einer nachhaltigen Stabilisierung geführt hat, steht Summers bis heute im Ruf des perfekten Mannes für Krisenfälle. Auch deshalb ist er im Team Obama besonders beliebt. Das Problem ist bloss, dass ein solcher Krisenmanager jetzt beim Fed nicht gebraucht wird. Statt grosse neue Würfe ist dort momentan vor allem eine Politik der ruhigen Hand gefragt, die dereinst auch den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik an die Hand nehmen kann – und vor allem Kontinuität. Das führt zum letzten Punkt.

6. Summers steht nicht für Kontinuität. Kontinuität ist im Fall der Geldpolitik der US-Notenbank aber ein besonders hoher Wert. Denn ihr wichtigstes Steuerungsinstrument ist momentan das Erwartungsmanagement. Wie wichtig dieses ist, hat sich an der anfänglich erwähnten Reaktion der Zins- und Währungsmärkte auf die blosse Ankündigung des Fed gezeigt, mit einem Auslaufen der Anleihenkäufe etwas Druck vom Gaspedal  zu nehmen. Um einem weiteren Zinsanstieg entgegenzuwirken, hat sich Ben Bernanke alle Mühe gegeben, zu versichern, dass man noch lange nicht aufs Bremspedal zu treten gedenke. Der Leitzins soll mindestens so lange bei Null bleiben, wie die Arbeitslosenquote höher als 6,5 Prozent liegt – eher noch länger. Janet Yellen trägt dieses Erwartungsmanagement mit. Ihre Wahl würde dieser Politik daher die notwendige Glaubwürdigkeit verschaffen. Das gilt nicht für den Fall, dass Larry Summers gewählt wird. Dass er mittlerweile als Favorit für den Fed-Chefposten gilt, ist laut New York Times ebenfalls für den Anstieg der Langfristzinsen verantwortlich.