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Blogs / Never Mind the Markets 05:00 - 10.02.2017

Die grosse Sorglosigkeit

Mark Dittli

High Five! Der Dow-Jones-Index hat am 25. Januar 2017 erstmals die 20’000er-Marke überschritten. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

Benjamin Graham, einer der grössten Investoren aller Zeiten, sagte einst, der Finanzmarkt sei manisch-depressiv. «Mr. Market», wie er ihn nannte, schwanke ständig zwischen Euphorie und Depression, zwischen Gier und Angst.

Graham stellte diese Metapher 1949 in seinem Buch «The Intelligent Investor» auf. In meinen Augen ist das immer noch die treffendste Beschreibung für die kollektive Psyche der Teilnehmer an den Finanzmärkten.

Nun kommt jedoch noch ein weiteres Charakteristikum hinzu: «Mr. Market» ist vollkommen sorglos.

Seit der Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA hat der amerikanische Leitindex, der S&P 500, etwas mehr als 7 Prozent zugelegt und liegt gegenwärtig auf einem Allzeithoch.

Protektionistische Töne aus dem Weissen Haus? Egal. Neue Sorgen um Griechenland? Who cares. Die reale Möglichkeit, dass in Frankreich Marine Le Pen die Präsidentschaftswahlen gewinnt? Ein bereits bedrohliches Säbelrasseln zwischen den USA und China? Interessiert uns alles nicht, scheinen die Märkte zu sagen.

Abzulesen ist die Sorglosigkeit am Volatilitätsindex auf dem S&P 500, dem so genannten Vix. Die folgende Grafik zeigt den Vix im Zeitraum von 1998 bis heute (Quelle: Bloomberg):

 

Vereinfacht gesagt, zeigt der Vix die aus den Optionspreisen abgeleitete erwartete Schwankungsbreite des S&P 500 über den Zeitraum der nächsten dreissig Tage.

Oder noch vereinfachter gesagt: Der Vix ist das Angstbarometer der Börse. Je niedriger er notiert, desto weniger Angst herrscht an den Märkten.

Mit einem Wert von rund 10 notiert der Vix aktuell auf einem rekordniedrigen Stand. Letztmals so tief war er im Jahr 2007, kurz vor dem Ausbruch der globalen Finanzkrise.

Achtung: Ein niedriger Vix bedeutet nicht zwangsläufig, dass bald Turbulenzen an den Märkten einkehren werden. Er bedeutet lediglich, dass die Märkte keine Gefahren am Horizont sehen – oder weniger wohlwollend gesagt: dass sie sorglos sind.

Diese Sorglosigkeit erstaunt, wenn man betrachtet, wie gross die makroökonomische Ungewissheit auf globaler Ebene gegenwärtig ist. Drei Ökonomen in den USA, Scott Baker, Nicholas Bloom und Steven Davis, erstellen monatlich den Global Economic Uncertainty Index. Und dieser sieht momentan so aus:

 

Wer sich für die Methodologie des Indexes interessiert: Hier sind die Details.

Die Grafik zeigt eindrücklich: Der Index ist so hoch wie noch nie. Nie in den letzten knapp zwanzig Jahren, seit Baker, Bloom und Davis den Index erheben, war die makroökonomische Ungewissheit auf globaler Ebene grösser als heute.

Und kaum je zuvor war die Sorglosigkeit an den Finanzmärkten grösser als heute.

Diese beiden Befunde passen nur schwerlich zusammen.

Das muss nicht unbedingt Schlimmes heissen. Aber es kann bedeuten, dass sich die Teilnehmer an den Finanzmärkten in zu grosser Sicherheit wiegen und ein böses Erwachen erleben könnten.

Oder, wie es der Zuger Hedge-Fund-Manager Felix Zulauf in diesem äusserst lesenswerten Kommentar sagt: «Wer genau hinschaut, erkennt das dünne Eis, auf dem sich die Welt bewegt.»

Hier noch ein Link in eigener Sache:

Hans Rosling, ein genialer Mediziner und Statistiker aus Schweden, ist am vergangenen Dienstag gestorben. Unzählige Wissenschaftler und Journalisten – auch wir – haben von ihm gelernt, dass Daten nicht bloss langweilig sind, sondern ein Rohstoff für spannende Entdeckungen. Hier eine kurze Hommage an Hans Rosling.

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