Never Mind The Markets
Blogs / Never Mind the Markets 15:55 - 12.01.2011

Die Schuldenfallenformel

Markus Diem Meier

Für das Verständnis der Krise ist keine komplexe Datenanalyse nötig.

Immer wieder behaupten Journalisten oder Ökonomen, ein Land – etwa der Eurozone – werde angesichts der Zinsätze, die es bezahlen muss, der Schuldenfalle nicht mehr entkommen. Hier ein Beispiel zu Portugal. Dahinter steht weder eine Verschwörung, noch eine besonders komplizierte Analyse, sondern nichts anderes als einfachste Logik, wie sie in einführenden Werken zur Makroökonomie erklärt wird. Hier eine Formel, die im Grunde alles klarmacht:

Sie ist dem viel verwendeten Lehrbuch von Olivier Blanchard entnommen, der aktuell als Chefökonom des Internationalen Währungsfonds amtiert (hier die englische Version, hier die deutsche). So kompliziert sie aussieht, so einfach zu verstehen ist sie. B steht für die gesamte Staatsschuld eines Landes, Y für das Bruttoinlandprodukt (BIP), G für die jährlichen Staatsausgaben, T für die jährlichen Einnahmen des Staates, r für den realen Zinssatz, g für das reale Wachstum des BIP. Real heisst, korrigiert um die Inflation. Das Unterzeichen t steht für ein bestimmtes Jahr, t-1 für das Jahr zuvor.

Die linke Seite der Formel ist deshalb nichts anderes als die Veränderung der Schuldenquote (das BIP) – dem Verhältnis der Schulden zum BIP – von einem Jahr bis zum nächsten. Die Schuldenquote ist die entscheidende Grösse, weil es bei steigenden Einkommen immer einfacher wird, eine Schuld zu begleichen und umgekehrt.

Die rechte Seite der Gleichung zeigt, wovon diese Veränderung der Schuldenquote abhängt: Einerseits vom Budgetdefizit oder -überschuss ohne Zinskosten, dem so genannten Primärsaldo. Dieser zeigt sich im letzten Ausdruck nach dem «+»-Zeichen, wo von den Staatsausgaben die Staatseinnahmen abgezogen werden. Um den Einfluss des Primärsaldos auf die veränderte Schuldenquote auszudrücken, muss auch er ins Verhältnis zum BIP gesetzt werden.

Bleiben die entscheidenden Zinskosten. Den Zinssatz kann man als Wachstum der Schulden unabhängig vom Primärsaldo auffassen. Wenn daher das Wirtschaftswachstum gemessen am BIP tiefer ist als der Zinssatz, steigt das Verhältnis der Schulden zum BIP – die Schuldenquote – und umgekehrt. Weil das BIP-Wachstum in der Regel real, das heisst inflationsbereinigt, ausgewiesen wird, muss das auch für den hier betrachteten Zinssatz gelten. Diesen Zusammenhang zeigt der erste Ausdruck auf der rechten Seite der Formel bis zum «+»-Zeichen.

Wie einfach die Zusammenhänge sind, wird erst am praktischen Beispiel deutlich. Etwa bei Portugal. Greifen wir auf die Einschätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zur weiteren Entwicklung des Landes zurück – die Einschätzungen des Fonds zur Eurozone finden sich hier. Danach wird Portugal im Durchschnitt bis 2015 weniger als 1 Prozent real wachsen.

Der Realzins für den Schuldendienst darf daher nicht höher sein als 1 Prozent, damit die Schuldenquote selbst bei einem ausgeglichenen Budget nicht weiter steigt. Momentan liegt der Nominalzins aber bei rund 7 Prozent (gemessen an der Rendite zehnjähriger Staatsanleihen). Bleibt er auf dieser Höhe, ergibt sich bei einer erwarteten durchschnittlichen Inflationsrate von 1,5 Prozent bis 2015 ein Realzinssatz von rund 5,5  Prozent. Die Verschuldungsquote wird daher jährlich um 5,5 Prozent alleine wegen den Zinskosten weitersteigen, wenn sich die Annahmen als richtig herausstellen. Um das zu verhindern, müsste Portugal jährlich im Schnitt einen Primärüberschuss im Staatsbudget in diesem Umfang erzielen. Laut den IWF-Zahlen ist dagegen mit einem durchschnittlichen Budgetdefizit von 5 Prozent bis 2015 zu rechnen. Die Verschuldungsquote würde so also im Schnitt jährlich um 10,5 Prozent weitersteigen, wenn weder die Zinsen sinken, noch das Wachstum steigt und der Staat keine weiteren drastischen Sparmassnamen beschliessen würde.

Letzteres hat Portugal allerdings vor,  weshalb das Primärdefizit tiefer als erwartet ausfallen kann. Doch radikale Sparmassnahmen drücken auf die Konjunktur und damit auf das BIP-Wachstum. Deshalb ist es praktisch unmöglich, dass die Defizitquoten in genügend grosse Überschussquoten verwandelt werden können, um angesichts der Zinskosten nur schon die Gesamtschuld über die Jahre stabil zu halten.

Wären die Probleme Portugals nur konjunkturell bedingt und damit vorübergehend, wäre das alles nicht so problematisch. Irgendwann könnte mit einem genügend hohen Wachstum gerechnet werden, was dann allein schon die Schulden im Verhältnis zum BIP (die Schuldenquote) sinken lässt, dazu kommen höhere Steuereinnahmen des Staates und geringere Sozialkosten. Auf den Märkten würde das entsprechend erwartet, weshalb kein Vertrauensverlust erfolgen würde und die Zinssätze gar nicht erst auf unhaltbare Niveaus ansteigen würden.

Doch die Probleme Portugals sind strukturell – insbesondere auch wegen seiner Zugehörigkeit zur Währungsunion: Eine angepasste Geldpolitik zur Ankurbelung des Wachstums und vor allem zur Schwächung einer eigenen Währung ist nicht möglich. Angesichts der tiefen Produktivität des Landes würde aber gerade darin das Rezept für mehr Wachstum liegen, da ansonsten die Preise portugiesischer Produkte auf den Weltmärkten und im eigenen Land zu hoch sind.

Ich kann in den hohen Zinsen für Portugal kein Rätsel erkennen.

Nachtrag:

Die oben angegebene Formel sei ein Beispiel dafür, wie Wirkungszusammenhänge aus einer komplizierten Welt in einfache Modelle/Formeln gepackt würden, was deren Komplexität nicht gerecht werde, weshalb die Formel nicht viel tauge: So die Argumentationslinie in einigen Kommentaren. Falsch. Die obige Formel ist kein komplexes Modell mit wilden Verhaltensannahmen, sondern drückt bloss eine simple Logik mathematisch aus. Wie aus dem Text klar geworden sein sollte, hängt natürlich alles davon ab, wie sich die in die Formel eingehenden Grössen künftig verhalten werden: Das Wachstum, das Staatsbudget, der Realzins (und damit auch die Inflation).