Never Mind The Markets
Blogs / Never Mind the Markets 05:00 - 05.02.2014

Die wundersame Heilkraft der Inflation in Grossbritannien

Markus Diem Meier

Grossbritanniens Wirtschaft hat in der Finanzkrise mehr gelitten als jene der USA und die Inflation war höher, doch die Arbeitslosigkeit war deutlich geringer. Ein Lehrstück in überraschenden wirtschaftlichen Zusammenhängen.

Gute Aussichten auf das Treiben in der britischen Wirtschaft: Im Shard in London, dem höchsten Wolkenkratzer der EU. (Foto: Suzanne Plunkett/Reuters)

In Grossbritannien ist die Wirtschaft im Zuge der Finanzkrise gemessen am Bruttoinlandprodukt deutlich stärker eingebrochen als in den USA, zudem verläuft auch die Erholung bei den Briten viel schleppender als bei den Amerikanern. Doch trotz der besseren wirtschaftlichen Entwicklung in den USA ist die Arbeitslosigkeit dort deutlich stärker angestiegen. Die unten stehende Grafik verdeutlicht das anhand einer indexierten Entwicklung aller Grössem mit dem Wert 100 Ende 2007. Quelle ist der britische «Economist». Einem Artikel in der immer lesenswerten Rubrik «Free Exchange» der Zeitschrift verdankt sich auch dieser Blogbeitrag.

Wie kann es sein, dass ausgerechnet jenes Land bei der Arbeitslosigkeit besser wegkommt, dessen Wirtschaft sehr viel stärker gelitten hat? Eine gängige Erklärung dafür liefert das so genannte Produktivitäts-Rätsel («Productivity Puzzle») Grossbritanniens. Der Einbruch der Gesamtnachfrage wurde in Grossbritannien durch eine ungewöhnlich geringe Produktivität begleitet. Die (Arbeits-)Produktivität misst den Output pro geleistete Arbeitseinheit – also pro Stunde oder pro Beschäftigten.

Die folgende Grafik zeigt deren Entwicklung in Grossbritannien verglichen mit früheren Rezessionen. Auf der waagrechten Achse sind die Quartale nach dem jeweiligen Konjunkturhöchststand vor der folgenden Rezession eingezeichnet, auf der senkrechten die indexierte Produktivität (als Output pro geleistete Arbeitsstunde), Quelle ist der nationale britische Statistikdienst ONS:

Ein Rätsel ist diese Entwicklung der Produktivität nicht nur im Vergleich zu früheren Rezessionen, sondern auch zu anderen Ländern in einer Rezession. So ist auch in den USA, aber auch in den Krisenländern der Europeripherie die Produktivität im Zuge der Krise deutlich gestiegen.

Die geringere Produktivität in Grossbritannien (im Vergleich zu jener in den USA) bedeutet, dass jede zu produzierende Einheit einen grösseren Arbeitseinsatz erfordert und hat zur Folge, dass vergleichsweise mehr Arbeit nachgefragt wird. Sie kompensiert daher auf dem Arbeitsmarkt teilweise die sinkende Nachfrage und das einbrechende BIP-Wachstum und erklärt die geringere Arbeitslosigkeit in Grossbritannien. Umgekehrt bedeutet die höhere Produktivität in den USA und anderen Ländern, dass weniger Beschäftigte für denselben Output benötigt werden, weshalb der Einbruch der Gesamtnachfrage besonders stark auf den Arbeitsmarkt durchschlägt.

Bleibt das Rätsel, weshalb die Produktivität in Grossbritannien sinkt, während sie zum Beispiel in den USA steigt.

Zuerst zum gewöhnlichen Fall, dem Anstieg der Produktivität nach einem konjunkturellen Einbruch: Nach Entlassungen zu Beginn und dann im Zuge der sich abzeichnenden Erholung bleiben die Unternehmen oft noch vorsichtig, bevor sie wieder Leute einstellen. Die sich aufhellende Auftragslage bedeutet daher, dass anfänglich vor allem der Druck auf die bestehende Belegschaft zu Mehrleistungen steigt. Das schlägt sich dann in der höheren Produktivität nieder.

Nebenbei bedeutet eine höhere Produktivität im Zuge eines Wirtschaftsaufschungs deshalb nicht, dass die Wirtschaft strukturell entsprechend produktiver geworden ist, da dieser Effekt mit der Normalisierung der Konjuntur wieder abnimmt und die Unternehmen tatsächlich mehr Leute einstellen. Darauf hat zum Beispiel der Internationale Währungsfonds (IWF) im Zusammenhang mit der höheren Produktivität (und den spiegelbildlich geringeren Lohnstückkosten) im Zusammenhang mit den Euro-Peripherieländern (siehe Box 1.3) hingewiesen. Deren Fortschritte erscheinen auf diesem Hintergrund etwas weniger eindrücklich und sind nicht bloss die Folge verbesserter Wirtschaftsstrukturen.

Zurück zu Grossbritannien: Als Erklärung für das geringe Produktivitätswachstum dort haben einige Ökonomen ebenfalls auf strukturelle Faktoren verwiesen. Das Problem des Landes sei gar nicht eine fehlende Gesamtnachfrage, sondern eine generell gesunkene Leistungsfähigkeit im Zuge der Krise. Im Slang der Ökonomen würde man von einem geringeren Potenzialwachstum sprechen. Glaubwürdig wird diese Analyse auf den ersten Blick durch die Entwicklung der Inflation, wie sie die folgende Grafik im Vergleich zur USA zeigt (Quelle der Daten: IWF):

Die deutlich höhere Inflation in Grossbritannien könnte bedeuten, dass die britische Wirtschaft auch beim deutlich geringeren Wachstum bereits an ihre Kapazitätsgrenzen gestossen ist, was sich wie immer bei Überhitzungserscheinungen in einer höheren Inflation niederschlägt. Das Problem bei dieser Erklärung ist ihre Plausibilität: Ein derart rascher und starker Einbruch der produktiven Kapazitäten Grossbritanniens ist (auch mit Blick auf die Wirtschaftsgeschichte) weder wahrscheinlich, noch sind Gründe dafür auszumachen.

Die britischen Ökonomen Bill Martin und Robert Rowthorn haben eine Erklärung für das Produktivitäts-Rätsel geliefert, bei dem die höhere Inflation nicht die Folge der geringeren Produktivität ist, sondern deren Ursache, denn eine höhere Inflation ermöglicht eine höhere Lohnflexibilität.

Wie sich überall zeigt, senken Unternehmen vergleichsweise selten den Nominallohn, selbst wenn sie unter Kostendruck stehen. Eher noch entlassen sie dann Leute. Der Nominallohn ist die Lohnsumme, wie wir sie ausbezahlt bekommen. Eine Nominallohnsenkung erfordert neue Verträge, drückt auf die Moral der Belegschaft und es besteht die Gefahr, dass die Besten einen neuen Job suchen, während die Schlechteren bleiben. Kein Wunder beobachten Ökonomen praktisch überall, dass die Nominallöhne nach unten selbst in Krisen weitgehend inflexibel sind.

Reallöhne dagegen können auch gesenkt werden, ohne eine geringere Lohnssumme auszuzahlen. Dazu reicht es aus, beim Lohn die Inflation nicht oder nicht ganz zu entschädigen. Der in  Gütern bzw. Kaufkraft gemessene Lohn sinkt dann, selbst wenn die absolut ausbezahlte Summe gleich bleibt oder geringer steigt als die Inflation. Die Beschäftigte aktzeptieren das viel eher als eine Nomallohnsenkung.

Damit zurück zu Grossbritannien und zum Fazit: Die höhere Inflation dort hat ermöglicht, was mit der geringen in den USA nicht zu machen war: Reallohnsenkungen. Auf Seiten der Unternehmer war die Folge, dass die Kosten für die Beschäftigten gesunken sind. Sie waren daher bei Kostendruck weniger gezwungen, Leute zu entlassen und waren bei einer anziehenden Auftragslage rascher wieder bereit, neue Beschäftigte einzustellen. Das erklärt auch die geringere Produktivität, denn der übliche Druck zu Mehrleistungen in der Rezession war daher nicht nötig.

Wie die Ökonomen Guillermo Calvo, Fabrizio Coricelli und Pablo Ottonello in einer Studie schreiben, zeigt sich anhand von Finanzkrisen nach dem zweiten Weltkrieg, dass bei einer besonders tiefen Inflation die Erholungsphase kaum mit einem Beschäftigungszuwachs verbunden war, während bei einer höheren Inflation, mehr oder weniger einzig die Reallöhne gelitten haben. Die Ökonomen betonen aber auch, dass der arbeitsbeschaffende Effekt einer höheren Inflation nur vorübergehend und auf dem Hintergrund einer Krise funktioniert. Eine anhaltend höhere Inflation wird auch von den Beschäftigten «eingepreist», das heisst, sie richten ihre Lohnforderungen entsprechend aus.