Never Mind The Markets Blog
Blogs / Never Mind the Markets 05:00 - 29.08.2014

Die zweite Grosse Depression

Mark Dittli

Depressive Zustände: Wartende vor einem Arbeitsamt in Madrid. Foto: Reuters

Der deutsche Staat muss für neu ausgegebene Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit gegenwärtig bloss 0,89 Prozent Zins pro Jahr bezahlen. Das ist das niedrigste je verzeichnete Zinsniveau in Deutschland.

Für Bonds mit Laufzeiten bis drei Jahren sind die Renditen gegenwärtig sogar negativ; Investoren entrichten im Effekt dem deutschen Staat einen Zins für das Privileg, sichere Bundesanleihen halten zu dürfen.

Tolle Nachrichten, nicht wahr?

Leider nein.

Bevor wir der Frage nachgehen, weshalb das keine guten Nachrichten sind, hier noch einige weitere Rekorde:

  • Die Renditen auf zehnjährigen Anleihen des italienischen Staates liegen gegenwärtig auf 2,43 Prozent.
  • Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen Frankreichs: 1,23 Prozent
  • Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen Spaniens: 2,22 Prozent

Das alles sind Tiefstwerte, die in der Historie noch nie erreicht wurden. Die Renditen auf Staatsanleihen in Europa, auch an der schwachen Peripherie, sind nicht bloss auf das Niveau von vor Ausbruch der Eurokrise im Jahr 2010 gesunken, sondern auf den niedrigsten Wert seit zum Teil mehreren hundert Jahren.

Der nachfolgende Chart zeigt die Entwicklung der Bondrenditen seit dem Jahr 2000 (Quelle: Bloomberg):

Auch im Fall von Belgien, Österreich, Irland, Finnland und den Niederlanden sind, nebenbei bemerkt, die Renditen auf Staatsanleihen auf historische Tiefs gesunken.

Hier noch, weil’s so eindrücklich ist, die Renditen auf spanischen Staatsanleihen im Zeitverlauf von gut 220 Jahren (Quelle: Bank of America Merrill Lynch):

Selbst das von der Eurokrise noch vor kurzem heftig gebeutelte Spanien konnte sich noch nie in der Historie günstiger finanzieren als heute.

Was ist los?

Für die Finanzminister der betreffenden Staaten (übrigens auch in der Schweiz, wo zehnjährige Eidgenossen 0,4 Prozent rentieren) sind derartige Finanzierungsbedingungen ein Traum. Für Investoren, insbesondere auch auf Sicherheit bedachte Pensionskassen, sind sie ein Horror. Und für den Beobachter der makroökonomischen Situation sind sie ein Warnsignal.

Niedrige und sinkende Bondrenditen sind ein Zeichen, dass die Finanzmärkte eine Abkühlung der Wirtschaft oder sogar einen Rückfall in die Rezession erwarten.

Genau das ist in der Eurozone in den vergangenen Monaten geschehen. Das Wachstum in Europas Wirtschaft verlangsamt sich bedrohlich; wäre der Kontinent ein Flugzeug, befände er sich gegenwärtig bedrohlich nahe an einem Strömungsabriss:

  • Italien ist im zweiten Quartal wieder in die Rezession gerutscht und hat das Kunststück des so genannten «Triple Dip» geschafft: Drei Rezessionen in kurzer Abfolge in den Jahren 2008, 2011 und 2014.
  • Frankreichs Wirtschaft gelingt das nicht minder beeindruckende Kunststück des «Flatlining»: Seit mehr als einem Jahr macht das Bruttoinlandprodukt keinen Mucks mehr.
  • Das BIP Deutschlands ist im zweiten Quartal im Vergleich zum ersten Quartal um 0,2 Prozent gefallen.
  • Unter den grossen Volkswirtschaften der Eurozone mag sich einzig die viertgrösste, Spanien, einigermassen im positiven Bereich zu halten – wenngleich die in den letzten Quartalen verzeichneten BIP-Wachstumsraten von jeweils rund 0,5 Prozent freilich nie und nimmer reichen, um die erdrückend hohe Arbeitslosenrate von fast 25 Prozent spürbar zu senken.
  • Nicht nur die ausgewiesenen BIP-Zahlen des zweiten Quartals waren in der Eurozone enttäuschend, auch die konjunkturellen Vorlaufindikatoren haben sich in den Sommermonaten kontinuierlich abgeschwächt (hier mehr dazu).

Die Eurozone – auch die vermeintliche Konjunkturlokomotive Deutschland – droht, wieder in die Rezession zu fallen.

Der folgende Chart zeigt die Zusammensetzung der BIP-Wachstumskomponenten pro Quartal seit 2012:

Sinkende Bondrenditen, blutleere Wirtschaft, die ständige Tendenz, zurück in die Rezession zu gleiten: Dieses Muster erinnert gefährlich stark an Japan seit Beginn der Neunzigerjahre. Dort sieht die Entwicklung der Renditen auf zehnjährigen Staatsanleihen so aus (Quelle: Bloomberg):

In Japan hält die Lethargie nunmehr seit mehr als zwanzig Jahren an, und Europa ist auf bestem Weg dazu, in die gleiche Falle zu tappen. Mein Kollege Alexander Trentin beschreibt in diesem Beitrag die Japanifizierung Europas.

Kein Wunder, liegt der Kurs des Euro angesichts dieser desolaten Aussichten wieder bedrohlich nahe an der von der Schweizerischen Nationalbank verhängten Mindestgrenze von 1.20 Fr. je Euro (hier mehr dazu).

Wenn man sich etwas vom «Lärm» der quartalsweisen Berichterstattung des BIP-Wachstums distanziert, wird rasch klar, dass es im Kern der Sache gar nicht um die Frage geht, ob die angeschlagenen Volkswirtschaften der Eurozone ein zweites oder gar drittes Mal in die Rezession rutschen: Seit nunmehr sechs Jahren befinden sie sich in einer Depression und kommen nicht raus.

Der folgende Chart des Bloggers Matt O’Brien der Washington Post zeigt das Muster eindrücklich:

O’Brien hat den nominellen Stand des Bruttoinlandproduktes im vierten Quartal 2007 auf 100 indexiert; die Kurven zeigen den bisherigen Verlauf. Die Eurozone als Ganzes (schwarze Kurve) hat ihr Vorkrisenniveau immer noch nicht wieder erreicht.

Das BIP Italiens (rosa) liegt fast 9 Prozent unter dem Stand des Jahres 2007. Spanien hat sich zwar etwas erholt, das dortige BIP liegt aber immer noch knapp 6 Prozent unter dem Niveau von 2006.

Zwei weitere Anhaltspunkte: Das italienische BIP in absoluten Zahlen ist heute kein Cent höher als im Jahr 2000. Die Industrieproduktion Italiens liegt aktuell auf dem Stand von Anfang der Neunzigerjahre. Und sie sinkt weiter.

Das ist keine Rezession. Das ist eine Depression. Genau das signalisiert der Bondmarkt mit den sinkenden Zinsen.

Mir ist schleierhaft, weshalb nach sechs Jahren Depression weite Teile der nordeuropäischen Classe Politique immer noch überzeugt ist, man könne sich aus dieser Falle befreien, wenn man nur eine genügend harte Austeritätspolitik betreibt. Wer sich genauer für die Argumente gegen eine allzu sture Sparpolitik interessiert, findet sie in diesem, diesem oder diesem Blogbeitrag.

Hier, falls Sie sich für die Finanzmärkte interessieren, noch ein Link in eigener Sache: In diesem ausführlichen Interview, das ich kürzlich mit meinem Kollegen Gregor Mast führen konnte, spricht der Nobelpreisträger Robert Shiller über die neue Euphorie an den Börsen. Amerikanische Aktien hält er für deutlich überbewertet.