Never Mind The Markets Blog
Blogs / Never Mind the Markets 06:00 - 13.07.2012

Ein Lob für Deutschland

Mark Dittli

Zusammenbruch oder Fiskalunion, für die Euro-Länder gibt es nur diese zwei Wege, und beide sind vor allem für deutsche Steuerzahler sehr teuer: Punk-Ökonom David McWilliams fasst den Zustand Europas in seinem neusten Film grafisch zusammen.

Die Politiker und Ökonomen unseres nördlichen Nachbars hatten auf Never Mind the Markets in den vergangenen Monaten bisweilen einen schweren Stand.

Hier beispielsweise warnten wir davor, dass auch der deutsche Immobilienmarkt eines (noch fernen) Tages überhitzen und ausser Kontrolle geraten könnte, wenn die Zinsen im Land zu lange zu niedrig bleiben. Hier verglichen wir Bundeskanzlerin Merkel mit einem Huhn, und Deutschland wurde hier als das «Dirty Little Secret» der Eurozone dargestellt.

Den Protestaufruf von rund 200 deutschsprachigen Ökonomen, die sich gegen eine Bankenunion aussprechen, haben wir in der «Finanz und Wirtschaft» mit deutlichen Worten kritisiert (hier übrigens noch ein spannendes Interview mit Mathias Hoffmann, Wirtschaftsprofessor an der Universität Zürich und einer der Initianten dieses Gegenaufrufs, der für eine europäische Bankenunion argumentiert).

Das brachte uns in den Kommentaren manchmal den Vorwurf ein, wir seien chronisch Deutschland-kritisch, als Schweizer generell europhob, oder ganz einfach neidisch.

Nichts liegt weiter von der Wahrheit als das. Darum gibt es jetzt mal ein Lob.

Deutschland hat in den vergangenen zwanzig Jahren in der Tat Grosses vollbracht. Die neuen Bundesländer wurden integriert und aufgebaut, wichtige Arbeitsmarktreformen wurden zwischen 2003 und 2005 umgesetzt. Deutschland hat sich seine industrielle Basis bewahrt und kann jetzt auf eine erstklassige (ausserhalb des Finanzsektors) Unternehmensstruktur blicken: Die Firmen, vom kleinen Nischenplayer bis zu den grossen Autokonzernen, sind innovativ, ihre Arbeiter enorm produktiv und auf dem Weltmarkt wahrlich wettbewerbsfähig.

Respekt dafür. Für Deutschlands Arbeiter waren die vergangenen zwei Jahrzehnte keine leichte Zeit. Ihr Verzicht auf stetige Gehaltserhöhungen hat einen nicht zu unterschätzenden Teil dazu beigetragen, dass die deutsche Wirtschaft wieder auf die Beine kam. Entsprechend haben auch die deutschen Steuerzahler unsere Sympathie, wenn sie sich in der laufenden Eurokrise mit immer höheren Rechnungen konfrontiert sehen und sich dagegen auflehnen.

Soviel zum Lob.

Jetzt sind wir am Punkt, an dem das Aber kommen muss.

Die Realität in der Eurozone ist harsch. Die Währungsunion wird zwischen zwei Kräften hin- und hergerissen. Die ökonomischen Kräfte wirken eindeutig zentrifugal: Sie reissen die Länder der Union auseinander. Die sich dagegen stemmende, zentripetale Kraft ist der politische Wille, das Projekt Euro nicht scheitern zu lassen. An Deutschlands Regierung – und letztlich im übertragenen Sinn am Volk – hängt der Entscheid, welche dieser beiden Kräfte gewinnen soll.

Wir haben die ökonomischen Zentrifugalkräfte schon oft beschrieben, daher hier nur ganz kurz und unvollständig zusammengefasst: Die südlichen Peripherieländer – dazu zählt zunehmend auch Frankreich – haben in den Jahren seit der Einführung der Gemeinschaftswährung ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit mehr und mehr verloren. Heute stecken sie in einer hartnäckigen Rezession respektive Depression (Griechenland) und sind zu einem internen Deflationsprozess gezwungen, weil sie ihre Währung nicht mehr abwerten können. Sie leiden unter Kapitalflucht, einem Bank Run im Zeitlupentempo, ihr Bankensystem wankt bedrohlich.

Selbstverständlich müssen diese Länder harte Reformen – etwa am Arbeitsmarkt – umsetzen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit wiederzuerlangen. Aber es werden fünf bis zehn Jahre vergehen, bis sich das in ihren Wachstumsraten zeigen wird. Diese Zeit haben sie nicht: Weder die Finanzmärkte noch die deutsche Regierung scheinen gewillt zu sein, ihnen diese einzuräumen.

Vor uns – respektive vor den Steuerzahlern der Euro-Länder – liegen daher nun zwei Pfade. Gewinnen die ökonomischen Kräfte, wird die Währungsunion in ihrer heutigen Form nicht überleben und in einem mehr oder weniger chaotischen Prozess zerfallen. Gewinnen die politischen Kräfte, wird die Währungsunion mit einer Bankenunion und einer Art Fiskal- und Transferunion zementiert werden.

Das sind die beiden Pfade. Beide werden – ganz besonders für die deutschen Steuerzahler – teuer sein. Das aber ist die Realität, auf die die Eurokrise seit nunmehr zweieinhalb Jahren hinsteuert. Denn eines ist so gut wie sicher: Es ist eine Illusion, an einen dritten Pfad zu glauben, nämlich dass sich die Krise plötzlich von selbst lösen und alle Euro-Länder auf wundersame Weise von selbst zum hohen Niveau Deutschlands konvergieren würden.

Also: Zusammenbruch oder Fiskalunion. Pick your poison.

Der irische Punk-Ökonom David McWilliams hat Europas Dilemma (und den Zustand der Weltwirtschaft gleich noch dazu) in seinem neusten Film schön grafisch zusammengefasst. Das Video dauert acht Minuten. Es lohnt sich: