Never Mind The Markets Blog
Blogs / Never Mind the Markets 05:00 - 13.02.2017

Ein Lob auf den Kolonialismus

Tobias Straumann

Hoch hinaus: Ein Kletterer vor der Skyline von Taipeh. Foto: Tyrone Siu (Reuters)

Warum sind einige Länder reich geworden und andere arm geblieben? Diese vielleicht wichtigste Frage der Wirtschaftsgeschichte ist bis heute nicht beantwortet, und wahrscheinlich wird es auch nie eine Antwort geben.

Ganz hilflos sind wir nicht. Die historische Betrachtung hilft, gewisse Faktoren zu relativieren. So dürfte das Klima kaum eine entscheidende Rolle gespielt haben. Viele erfolgreiche Länder liegen in der gemässigten Zone, aber nicht alle Länder in der gemässigten Zone sind erfolgreich.

Dasselbe gilt für den Kolonialismus. Viele arme Länder sind kolonisiert worden, aber nicht alle kolonisierten Länder sind erfolglos geblieben.

Ein gutes Beispiel gegen die Erklärungskraft von Klima und Kolonialismus ist die Geschichte Taiwans. Das Klima der Insel ist subtropisch bis tropisch, nicht gemässigt. Das Land wurde während 50 Jahren von Japan (1895–1945) kolonisiert. Heute gehört Taiwan zu den reichsten Ländern der Welt. Das kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-Einkommen ist so hoch wie in Österreich oder Schweden.

Positiver Kolonialismus

Der japanische Kolonialismus wird heute vom offiziellen Taiwan sogar positiv bewertet. So steht zum Beispiel im Katalog des Technologiemuseums von Kaohsiung folgender Satz:

Even though Japan developed Taiwan for her own needs, Japan laid the foundation for Taiwan’s industrial development and brought about Taiwan’s rapid industrialization.

Diese überraschende Einschätzung ist gut begründbar. Die japanischen Besetzer haben tatsächlich wichtige Grundlagen für den späteren Erfolg Taiwans gelegt, indem sie zum Beispiel ein modernes Bildungssystem begründeten und die Infrastruktur stark ausbauten. Das Pro-Kopf-Einkommen verdoppelte sich während der japanischen Besatzungszeit bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

In einem gewissen Sinn kann man sogar von einer zweiten Kolonisierung nach dem Zweiten Weltkrieg sprechen. Denn kaum waren die japanischen Besetzer von den US-Truppen vertrieben worden, übernahm die Kuomintang (Nationale Volkspartei Chinas) unter Generalissimo Chiang Kai-shek die Verwaltung. Sie erwies sich als völlig unfähig und geriet bald in Konflikt mit den Einheimischen. Wie die Grafik oben zeigt, brach das Einkommen nach 1945 dramatisch ein.

Nach der Niederlage gegen die Kommunisten kam 1949 sogar die gesamte Kuomintang-Regierung vom chinesischen Festland auf die Insel. Mit ihr flohen mehr als eine Million Flüchtlinge. (Die taiwanische Bevölkerung betrug damals etwa sechs Millionen.)

Enger Blick

Die geflohenen Kuomintang-Herrscher machten es diesmal besser. Bald begann das taiwanische Wirtschaftswunder. In einer späteren Phase, den späten 1980er-Jahren, verwandelte sich die Diktatur in eine Demokratie.

Lässt sich davon ableiten, dass der Kolonialismus immer und überall positiv gewesen ist? Natürlich nicht. Je nach Land hat er eine unterschiedliche Wirkung gehabt. Aber wer ihn ausschliesslich als negativ bewertet, hat einen zu engen Blick auf die Geschichte und die Weltkarte.

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