Never Mind The Markets Blog
Blogs / Never Mind the Markets 07:00 - 15.02.2017

Neuer Wachstums-Optimismus

Andreas Neinhaus

Die Weltwirtschaft nimmt Fahrt auf: Arbeit an einem Schiffspropeller in der Mecklenburger Metallguss-Werkstatt. (Keystone)

Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass das Produktivitätswachstum in den USA seit Jahren systematisch unterschätzt wird. Das Ergebnis hat weitreichende Folgen für die aktuelle ökonomische Debatte und den wirtschaftlichen Ausblick.

Die Untersuchung schliesst an eine Überprüfung aus den Neunzigerjahren an, die damals weltweit für Aufregung sorgte. Seinerzeit fand die Boskin Commission in den USA Ungereimtheiten in der Methodik, wie die Inflation gemessen wird. Sie kam zum Schluss, dass 1995/96 die Teuerung der Konsumentenpreise um 1,1 Prozentpunkte überschätzt wurde, weil Qualitätsverbesserungen von Produkten, die im Warenkorb ersetzt wurden, unbeachtet blieben. Rund um den Globus passten die Statistikämter in den folgenden Jahren ihre Inflationskalkulationen entsprechend an.

Nun rechnen fünf Ökonomen aus San Francisco, Paris, London und Stockholm nach, dass die Anpassungen der Statistiker immer noch nicht weit genug gehen (hier). Auch heute noch wird die Teuerung überschätzt. Das hat zur Folge, dass die US-Wirtschaft real (also das nominale Wachstum minus die Teuerung) kräftiger wächst, als die Statistik ausweist. Die Produktivität ist grösser als ausgewiesen: um bis zu 1 Prozentpunkt pro Jahr.

Die schöpferische Zerstörung

Jeden Monat fallen 3 Prozent der Güter und Dienstleistungen im Warenkorb, auf dem der US-Konsumentenpreisindex basiert, aus dem Markt heraus. Produkte sind veraltet und werden durch neue ersetzt. Unternehmen schliessen, weil die Konkurrenz wettbewerbsfähiger ist. Dieser ständige Wandel ist ein zentraler Wachstumsmotor jeder Markwirtschaft und ermöglicht den technischen Fortschritt. Der österreichische Nationalökonom Joseph Schumpeter (1883–1950) bezeichnete ihn als schöpferische Zerstörung.

Scheidet ein Anbieter aus, wird der Preis des nun von anderen Herstellern produzierten Produkts, der nicht an der statistischen Umfrage teilnimmt, geschätzt. Die US-Statistikbehörde ermittelt den Durchschnittspreis der restlichen Anbieter oder einer vergleichbaren Produktkategorie. Dabei wird übersehen, dass die durch einen neuen Anbieter produzierten Produkte in der Regel günstiger sind als vorher. In der Statistik geht somit der reale Wachstumsimpuls dieser schöpferischen Zerstörung verloren. Die Autoren der Studie bezeichnen ihn als das «verlorene Wachstum»: die Differenz zwischen dem tatsächlichen und dem gemessenen Produktivitätswachstum.

Je nach Berechnungsmethode entgehen der amerikanischen Statistik pro Jahr zwischen 0,5 und 1 Prozentpunkt Wachstum. Und das seit dreissig Jahren.

Die Ergebnisse widerlegen einen Grossteil der Debatte über das abnehmende Produktivitätswachstum in den Industrieländern. Sie wird von der OECD vorangetrieben, die seit Jahren nach Gründen der von ihr gemessenen Produktivitätsverlangsamung forscht.

Was wäre, wenn das Phänomen in Wahrheit viel weniger ausgeprägt wäre?

Die Untersuchung legt das nahe. Denn im vergangenen Jahrzehnt hat das «verlorene Wachstum» an Bedeutung gewonnen. Also genau in jener Zeit, in der internationale Statistiken einen immer langsameren Produktivitätsfortschritt feststellten, Ökonomen von einem Rätsel sprachen und nach Ursachen suchten. Immerhin handelt es sich um einen Zeitraum, in dem es nicht an bahnbrechenden Neuerungen des Produktionsprozesses mangelte und tiefe Zinsen Investitionen so günstig machten wie nie zuvor.

Ist die säkulare Stagnation schon vorüber?

Die Ergebnisse widersprechen auch der Annahme, dass sich die Weltwirtschaft in einer strukturell bedingten Phase geringen Wachstums befindet: einer säkularen Stagnation. Harvard-Professor Lawrence Summers hat sie vor einigen Jahren vorgebracht. Er erklärt seither anschaulich, dass angesichts weltweiter Angebotsüberkapazitäten und geschrumpfter Investitionsrenditen die seit 2010 sichtbare wirtschaftliche Stagnation noch lange andauern wird.

Dass Summers’ weltweit diskutierte These empirisch nicht voll zu überzeugen vermag, wurde dieser Tage noch von anderer Seite nachgewiesen. Ausgerechnet von US-Starökonom Olivier Blanchard, der dem «Summers Camp» der Wachstumspessimisten zuzurechnen ist. Er weist in einer empirischen Untersuchung nach, dass nicht so sehr strukturelle Schwächen, wie ein überschuldeter Finanzsektor, dem Wirtschaftswachstum schaden, sondern vor allem die verloren gegangene Zuversicht in die Zukunft.

Konkret schaut er auf die nach unten revidierten Prognosen über das Potenzialwachstum von Ländern. Sie führen dazu, dass die Wirtschaftsakteure ihre Nachfrage zurückfahren. Das ist ein intuitiv simpler Gedankengang, welcher wissenschaftlich bislang jedoch schwer zu beweisen war. Blanchard rechnet nun nach, dass die fortwährenden Abwärtskorrekturen der Vorhersagen für das US-Produktivitätswachstum die Nachfrage seit 2012 um 0,6 bis 1,2 Prozent pro Jahr drosselten (hier).

Nun steht also auch wissenschaftlich fest: Jeder Abschwung beginnt im Kopf – und ebenso jeder Aufschwung.

Mehr Zuversicht, mehr Wirtschaftswachstum

Es mag Zufall sein oder nicht, aber die neuen Erkenntnisse gegen die jahrelang diagnostizierte Wachstumsflaute tauchen ausgerechnet jetzt auf, während die Weltwirtschaft an Fahrt gewinnt. Die meisten Konjunkturindikatoren verbessern sich. Die Aktienmärkte haben das früh vorausgesehen und erzielen bereits neue Rekordhochs.

Nun ändern auch Skeptiker ihre Meinung. Blanchard: «If we are right, it may well be that, as this adjustment comes to an end, this adverse effect will disappear, demand will pick up and interest rates will increase substantially.»

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