Never Mind The Markets
Blogs / Never Mind the Markets 05:00 - 11.03.2015

Warum die USA ihren Bankensektor nie vernünftig reguliert haben

Tobias Straumann

Die US-Bankenkrise riss fast das globale Finanzsystem mit in den Abgrund: Ein Händler an der New Yorker Börse. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

Die USA sind ein Land, das in seiner Geschichte eine besonders hohe Anzahl von schweren Bankenkrisen erfahren hat. Zwischen 1815 und 1914 kam es zu fünf grösseren und drei kleineren Konkurswellen, in den 1930er-Jahren fand gar die grösste Bankenkrise aller Zeiten statt (von 25’000 Banken gingen 10’000 unter), und in der jüngsten Vergangenheit riss die Wallstreet mit ihren Praktiken fast das globale Finanzsystem mit in den Abgrund.

Natürlich hat jede Krise ihre eigene Vorgeschichte, und es ist nicht immer einfach, die wesentlichen von den unwesentlichen Faktoren zu unterscheiden. Eine entscheidende Ursache dieser Instabilität, die immer eine Rolle gespielt hat, lässt sich aber nicht wegdiskutieren: die schlechte Regulierung des Bankensystems.

Was ist der Grund für das Versagen der Politik? Und warum gab es keine grossen Fortschritte in den letzten 200 Jahren?

Die naheliegendste Erklärung ist, dass die Bankenlobby in den USA wegen der globalen Bedeutung des Finanzplatzes New York besonders stark ist. Das ist in der längerfristigen Perspektive aber nicht überzeugend. Im 19. Jahrhundert hatte New York noch keinen besonderen Stellenwert. Dennoch war das Bankensystem bereits damals instabil.

Der Grund ist vielmehr historisch-politisch, wie ein neues Paper von Michael Bordo, Angela Redish und Hugh Rockoff überzeugend aufzeigt (Quelle). Die USA waren im 19. Jahrhundert ein aussergewöhnlich föderalistisches Land. Entsprechend wurde dem Bundesstaat stets die Kompetenz abgesprochen, die Banken zu regulieren. Die Gründung einer Zentralbank 1791 war von Beginn weg umstritten, das Experiment wurde zwanzig Jahre später abgebrochen. Auch der zweite Versuch dauerte nur zwanzig Jahre, von 1816 bis 1836. Der nächste Anlauf wurde erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts unternommen – nach der verheerenden Finanzkrise von 1907. Die Gründung des Federal Reserve erfolgte 1913.

Gleichzeitig wuchs die US-Wirtschaft im 19. Jahrhundert in schnellem Tempo. Bereits in der zweiten Jahrhunderthälfte überholte sie alle europäischen Volkswirtschaften. Mit dem Wirtschaftswachstum stieg der Bedarf an Finanzdienstleistungen.

Die Kombination von dezentraler Aufsicht und starkem Wirtschaftsboom führte zu einer dualen Struktur des amerikanischen Finanzsystems. Auf der einen Seite gab es Tausende von kleinen Banken, denen es verboten war, über die Grenzen der Bundesstaaten hinaus Filialen zu gründen. Zum Teil war es nicht einmal innerhalb eines einzelnen Bundesstaates erlaubt, Niederlassungen zu besitzen. Die Folge war ein stark zersplittertes Bankensystem, das gegenüber grösseren wirtschaftlichen Einbrüchen schlecht geschützt war.

Auf der anderen Seite entwickelten sich grosse Finanzmärkte, weil das zersplitterte Bankensystem viele Funktionen der Geldversorgung nicht übernehmen konnte. Wichtige Teile dieser Märkte sind bis heute kaum reguliert, obwohl sie ähnlich wie Banken funktionieren. Dieses sogenannte Schattenbankensystem ist also nicht erst in den letzten Jahren entstanden, sondern war schon immer Teil des US-Finanzsystems, bedingt durch die Schwäche des zersplitterten Bankensystems.

In den 1930er-Jahren wurden Reformen umgesetzt, etwa die Trennung von Kredit- und Investmentbanken (Glass Steagall Act von 1933), aber die beiden Grundschwächen blieben intakt, wie die Autoren betonen:

Despite the obvious weakness of the US dual banking system, no attempt was made to eliminate the state and local banks that had been the source of so much of the problem. Instead, deposit insurance was introduced as a way of protecting small local banks against runs. The fundamental weaknesses in the system, the multiplicity of small banks, and the multiplicity of agencies chartering and regulating banks persisted.

Nach einer vorübergehenden Ruhe in den 1950er und 1960er Jahren machten sich die Schwächen des US-Systems wieder negativ bemerkbar. Als Folge der Inflation der 1970er Jahre kam es in den 1980er Jahren zur sogenannten Savings and Loan Crisis, bei der Hunderte von kleinen Banken konkurs gingen und die hohe Kosten für den Steuerzahler verursachte. Gleichzeitig erhöhte sich das Volumen der sogenannten Money Market Mutual Funds. 2008 fand ein Run auf diese Funds statt, was die Refinanzierung der Banken kurzfristig bedrohte. Ein Kollaps des Finanzsystems konnte gerade noch behoben werden. Der Rest ist Geschichte.

Die Autoren vergleichen die USA mit Kanada, wo es über die letzten 150 Jahre keine vergleichbare Bankenkrise gegeben hat. Ein entscheidender Grund: Die Aufsicht wurde bereits im 19. Jahrhundert zentralisiert, was die Entwicklung eines zersplitterten Bankensystems und eines Schattenbankensystems verhinderte. Die Finanzkrise von 2007–08 überstanden die kanadischen Banken ohne grosse Probleme.