Never Mind The Markets Blog
Blogs / Never Mind the Markets 05:00 - 13.03.2015

Warum ein zu grosser Finanzsektor schadet

Mark Dittli

Durch die hohen Saläre dominieren die Banken den Kampf um Talente auf dem Arbeitsmarkt: Banker vor der UBS-Filiale am Paradeplatz. (Keystone/WalterBieri)

«Was gut ist für General Motors, ist gut für Amerika.»

Dieses Zitat wurde während Jahrzehnten Charles Erwin Wilson zugeordnet, der von 1941 bis 1953 Präsident des mächtigen Autoherstellers war und in den Fünfzigern unter Dwight Eisenhower als US-Verteidigungsminister diente. Wilson hat die Worte zwar nie so geäussert, aber das spielte keine Rolle, denn ein halbes Jahrhundert lang galt tatsächlich das Mantra: Wenn Amerikas Autosektor möglichst gross ist, profitiert die Volkswirtschaft des ganzen Landes.

In Anlehnung dazu könnte es in der Schweiz heissen: «Was gut ist für UBS und Credit Suisse, ist auch gut für die Schweiz.» Auch hierzulande wird gemeinhin angenommen, dass die Volkswirtschaft des ganzen Landes profitiert, wenn der Finanzsektor möglichst gross ist.

Doch ist dem so?

Die Empirie spricht dagegen. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass ein aufgeblähter Finanzsektor schädlich für die Volkswirtschaft wird, wenn er eine gewisse Grösse überschreitet.

Aber Achtung: Bevor die zahlreichen Bankenbasher frohlocken, hier zunächst eine wichtige Feststellung. Ein effizienter Finanzsektor ist extrem wichtig für die Volkswirtschaft. Banken und Versicherungen übernehmen eine Intermediärfunktion; sie kanalisieren Kapital von Sparern hin zu produktiven Investitionen, und sie allozieren Risiken dorthin, wo sie am besten getragen werden können. Ein effizienter, professioneller Finanzsektor steigert den Wohlstand eines Landes.

Es soll in diesem Beitrag also nicht um Sinn und Unsinn des Finanzsektors per se gehen, sondern um seine Grösse und um seine Wachstumsrate.

Stephen Cecchetti, der ehemalige Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, hat mit Enisse Kharroubi in einem Working Paper den Zusammenhang genauer untersucht. Als Datenquelle dienten 21 Länder der OECD (auch die Schweiz), der Beobachtungszeitraum betrug 30 Jahre.

Wer sich für die Details interessiert, findet die Studie hier. In seinem stets lesenswerten Blog (hier) beschreibt Cecchetti die Arbeit in etwas einfacheren Worten.

Seine Konklusion: Ein wachsender Finanzsektor ist bis zu einer gewissen Grösse nützlich für die Volkswirtschaft. Wird diese Grösse überschritten, leidet dagegen die Produktivität der Wirtschaft. Und noch wichtiger: Wächst der Finanzsektor zu schnell, hemmt das die Produktivität der Volkswirtschaft.

Die folgenden zwei Grafiken verdeutlichen den Sachverhalt.

Die erste Grafik zeigt den Zusammenhang zwischen der Grösse des Finanzsektors und den Produktivitätsfortschritten in der Volkswirtschaft:

Die Grafik ist etwas komplex, daher einige Erklärungen: Die horizontale Achse zeigt für die beobachteten Länder den rollenden Fünfjahresdurchschnitt der Arbeitsstellen im Finanzsektor im Verhältnis zur Gesamtzahl der Arbeitsplätze im Land. Die vertikale Achse zeigt den rollenden Fünfjahresdurchschnitt des Wachstums des Bruttoinlandproduktes pro Arbeitsstelle (eine Masszahl für den Produktivitätsfortschritt).

Wie die Grafik zeigt, besteht zwischen den beiden Grössen zunächst ein positiver Zusammenhang. Das heisst, mehr Arbeitsplätze im Finanzsektor führen zu höherem Produktivitätswachstum. Ab einer bestimmten Grösse wird der Zusammenhang allerdings negativ. Mehr Arbeitsplätze im Finanzsektor gehen dann mit einer Abschwächung des Produktivitätswachstums einher.

Am Beispiel der USA rechnen Cecchetti und Kharroubi vor, dass die optimale Anzahl Arbeitsstellen im Finanzsektor um 4 Prozent aller Arbeitsplätze im Land liegt.

Vor allzu eindeutigen Schlüssen aus dieser Beobachtung sei allerdings gewarnt. Wie die grosse Streuung der Punkte in der Grafik zeigt, ist die statistische Datenlage überaus lärmig, mit zahlreichen Extremwerten.

Eindeutiger wird der Befund im zweiten Untersuchungsfeld, nämlich der Wachstumsrate des Finanzsektors, wie die folgende Grafik zeigt:

Auch hier einige Erklärungen. Die horizontale Achse zeigt den rollenden Fünfjahresdurchschnitt des Wachstums der Anzahl Arbeitsplätze im Finanzsektor. Die vertikale Achse bildet wiederum das Produktivitätswachstum ab.

Hier ist die statistische Aussage klarer: Es besteht ein negativer Zusammenhang zwischen dem Wachstum des Finanzsektors und dem Produktivitätswachstum in der Volkswirtschaft. Je schneller der Finanzsektor wächst, desto schwächer ist das Produktivitätswachstum der gesamten Wirtschaft.

Warum ist das so?

Cecchetti und Kharroubi haben zwei Erklärungen: Die eine betrifft die Sicherheit für Kredite («Collateral»), die andere den Kampf um Talente.

Zum Collateral-Argument: Ein wachsender Finanzsektor geht mit steigender Kreditvergabe einher. Und um Kredite von Banken zu erhalten, müssen Unternehmen meist Pfandsicherheiten (Collateral) bieten. Hier werden Industrien bevorzugt, die greifbare Sicherheiten wie Gebäude, Lager und dergleichen zu bieten haben. Neue, überdurchschnittlich produktive Sektoren wie die Informationstechnologie besitzen allerdings nur wenig greifbare Sicherheiten, denn sie arbeiten hauptsächlich mit intellektuellem Kapital.

Das könnte bedeuten, dass in einem Kreditboom jene Sektoren übermässig mit Krediten bedient werden, die zwar greifbare Kollateralsicherheiten bieten können, die aber bloss unterdurchschnittlich zum Produktivitätswachstum der Wirtschaft beitragen. Beispiele, die Cecchetti und Kharroubi nennen, sind der Häuserbau in Ländern wie Spanien, Irland und den USA in den Jahren zwischen 2000 und 2007.

Die zweite Erklärung leuchtet noch etwas mehr ein: Ein grosser und überdies wachsender Finanzsektor entzieht der «realen» Wirtschaft auf dem Arbeitsmarkt Talente. Wenn Ingenieure, Mathematiker und Physiker für eine Investmentbank arbeiten und komplexe derivative Produkte erfinden, ist ihr Nutzen für die Volkswirtschaft möglicherweise kleiner, als wenn sie ihren Intellekt den Herausforderungen der «echten» Wirtschaft widmen würden.

Thomas Philippon, ein an der New York University lehrender französischer Ökonom, befasst sich seit Jahren mit der Frage, wann ein Finanzsektor für eine Volkswirtschaft zu gross sein kann. Auch für ihn ist der Kampf um knappe Talente am Arbeitsmarkt einer der wichtigsten Problemfaktoren. Wie er unter anderem in dieser Studie aus dem Jahr 2009 zeigt, bezahlt der Finanzsektor deutlich höhere Saläre als die restliche Wirtschaft.

Die folgende Grafik zeigt beispielsweise, wie viel ein ausgebildeter Studienabgänger (post grad) in den USA verdienen kann, wenn er oder sie im Finanzsektor arbeitet oder aber eine Stelle als Ingenieur in der realen Wirtschaft annimmt:

Die grüne Kurve zeigt das Lohnniveau im Finanzsektor (zu Preisen des Jahres 2000). Die rote Kurve zeigt das Lohnniveau eines Engineering-Studienabgängers in der realen Wirtschaft. Bis in die Achtzigerjahre verliefen die beiden Kurven in etwa gleich, doch seither klaffen sie immer weiter auseinander.

Soll eine ausgebildete Mathematikerin für eine Investmentbank arbeiten oder aber in einem Forschungsinstitut versuchen, neue Energieträger zu erfinden? Die monetären Anreize sind gross, sich für erstere Wahl zu entscheiden. Für die Produktivität der gesamten Wirtschaft kann das schädlich sein.

Philippons Daten beziehen sich auf die USA, doch es darf vermutet werden, dass dieses Dilemma auch in der Schweiz spielt.

Hier noch eine weitere Grafik aus Philippons Studie, die den Zusammenhang zwischen der Regulierung des Finanzsektors und dem Salärniveau aufzeigt:

Die rote Kurve zeigt das Salärniveau des Finanzsektors relativ zum Rest der Wirtschaft. Die grüne Kurve zeigt einen von Philippon konstruierten «Index der Deregulierung». Je niedriger der Wert, desto höher die Regulierung.

Augenfällig: Von Mitte der Dreissiger- bis Anfang der Achtzigerjahre war der US-Finanzsektor im Vergleich zu seiner eigenen Historie hoch reguliert. Das war die Zeit des Trennbankensystems unter dem sogenannten Glass-Steagall-Act (für Interessierte: hier ein sehr lesenswerter Beitrag meines Kollegen Tobias Straumann zur Geschichte der Bankenregulierung in den USA).

Während dieser Zeit der straffen Regulierung standen die Löhne im Finanzsektor ungefähr im Einklang mit dem Rest der Wirtschaft. Das relative Salärniveau (rote Kurve) lag zwischen 1 und 1,1.

Mit dem Beginn der Deregulierungswelle in den Achtzigerjahren schossen die Saläre der Banker in die Höhe. 2009 betrugen sie das 1,7-Fache des Salärniveaus des Rests der Wirtschaft.

Auch dies ist ein Anhaltspunkt für die von Cecchetti und Kharroubi formulierte These, dass ein zu grosser, zu schnell wachsender Finanzsektor den Kampf um knappe Talente am Arbeitsmarkt dominiert und damit der Gesamtwirtschaft schadet.

«Food for thought» – besonders in einem Land wie der Schweiz mit einem derart grossen Finanzsektor.