Never Mind The Markets
Blogs / Never Mind the Markets 06:00 - 29.06.2012

Weshalb Frau Merkel ein Huhn sein sollte

Mark Dittli

Wer gibt zuerst nach? Angela Merkel und Mario Monti an einer Pressekonferenz in Rom, 22. Juni 2012. (Keystone)

Chicken.

Das ist im Amerikanischen die Bezeichnung für ein Spiel, in dem zwei Autofahrer auf Kollisionskurs aufeinander zu rasen. Der Verlierer – das Chicken – ist, wer zuerst ausweicht.

Spieltheoretisch betrachtet ist das Chicken Game eine knifflige Situation. Beide Spieler wissen, dass es fatal endet, wenn keiner ausweicht. Rational wäre also, wenn in letzter Sekunde beide Fahrer einen Schwenker machen. Weil das aber wiederum beide wissen, ist die Versuchung gross, doch nicht auszuweichen – in der Annahme, der Andere werde es tun. Und dann kommt es trotzdem zum Crash.

Auf höchster politischer Ebene in Europa findet dieser Tage ein Chicken Game statt. Die Protagonisten sind, auf der einen Seite, im Mercedes sozusagen, Angela Merkel. Und auf der anderen Seite, im Fiat, Mario Monti, Italiens Premier.

Die beiden liefern sich einen offenen Schlagabtausch. Hier ist er der Vollständigkeit halber nochmals kurz zusammengefasst:

Gemäss einem Bericht in Spiegel Online sagte Merkel am Dienstag vor FDP-Abgeordneten, sie glaube nicht, dass es in der Währungsunion eine gesamtschuldnerische Haftung geben werde, solange sie lebe.

Mario Monti sagte derweil vor dem italischen Parlament, die EU könne sich nicht noch einen Gipfel – es ist der neunzehnte in zwei Jahren – ohne brauchbare Resultate leisten. Wenn nötig, werde er den Abschluss des Treffens so lange verzögern, bis die Finanzmärkte am Montag wieder eröffnen. Monti fordert unter anderem, dass der ESM-Stabilitätsfonds eingesetzt wird, um die Anleihen angeschlagener Staaten wie Spanien und Italien zu kaufen. Hier eine kurze (italienische) Zusammenfassung von Montis Rede auf Il Sole 24 Ore.

Merkel hat diese Stützkäufe aus dem ESM-Fonds stets abgelehnt.

Man braucht kein Hellseher zu sein, um an den Finanzmärkten am Montag Panik zu erwarten, wenn der Gipfel im Patt endet.

Italien ist ohnehin das Land, das in den kommenden Wochen und Monaten immer mehr ins Zentrum der Eurokrise rücken wird.

Hier eine Darstellung der Entwicklung der Rendite auf zehnjährigen italienischen Staatsanleihen seit Februar (Quelle: Bloomberg):

Die Zinsen sind wieder deutlich über 6 Prozent gestiegen. Am Mittwoch musste Italien für Anleihen mit sechs Monaten Laufzeit einen höheren Zins bezahlen als die USA, Deutschland oder die Niederlande für dreissigjährige Bonds…

Wieso muss man Italien im Auge behalten?

Nun, wie wir an dieser Stelle schon mehrmals (etwa hier und hier) dargelegt haben, ist Spanien aus ökonomischer Sicht das perfekte Beispiel für die Grundübel in der Eurozone. In Italien ist das rein wirtschaftlich betrachtet weniger der Fall. Zwar besitzt der Staat Schulden in Höhe von rund 120 Prozent des BIP, aber immerhin ist der Primärhaushalt (die Staatsrechnung ohne Zinszahlungen) ausgeglichen, und (Nord)Italien besitzt eine recht gesunde, global durchaus wettbewerbsfähige Wirtschaftsstruktur.

Nein, in Italien ist es die politische Dimension, die Sorgen bereitet. Es ist, abgesehen von Griechenland, der politisch instabilste Vertreter unter den angeschlagenen Euro-Peripheriestaaten. Mario Monti wurde im November 2011, nach dem forcierten Abgang von Silvio Berlusconi, von Staatspräsident Giorgio Napolitano als ungewählter Premier eingesetzt, mit dem spezifischen Mandat, Strukturreformen durchzusetzen.

Mittlerweile ist die Popularität Montis jedoch rasch im Sinken begriffen, das halbe Land flucht über ihn. Am Dienstag hat sich – welch Überraschung – Silvio Berlusconi vor Abgeordneten seiner Partei als Wirtschaftsminister angeboten, sollten sie die nächsten Wahlen wieder gewinnen. Hier eine (italienische) Zusammenfassung seiner Rede im Corriere della Sera.

Spinnen wir den Gedankenfaden also mal etwas weiter:

Nehmen wir an, Merkel bleibt am Gipfel hart, und Italien erhält keine finanzielle Schützenhilfe.

Nehmen wir an, dass die Zinsen Italiens als Folge davon in den kommenden Wochen weiter steigen werden, und irgendwann wird eine weitere Bank – wie am Dienstag Monte dei Paschi di Siena (hier die Details dazu) – Staatshilfe beantragen.

Nehmen wir an, dass Italien weiter in die Rezession abrutscht.

Und nehmen wir an, dass die Regierung Monti irgendwann in den nächsten sechs bis acht Monaten kapituliert und weggefegt wird.

Was dann? Staatspräsident Napolitano, einer der wenigen weisen, pragmatischen Männer in der italienischen Politik, wird im Frühjahr 2013 ebenfalls seine Amtszeit beenden. Wer folgt auf ihn?

Es besteht also ein beträchtliches «Tail-Risiko», dass Italien innerhalb der nächsten zwölf Monate eine neue, weitaus radikalere und weniger verantwortungsvolle Regierung haben wird als heute.

Angela Merkel, so wird oft kolportiert, agiert so hart, weil sie den Druck auf die Regierungen der südeuropäischen Ländern hoch halten will. Andernfalls, so die Befürchtung, würden sie nie ihre nötigen Strukturreformen durchführen.

Mag sein. Mit Monti – und auch mit Mariano Rajoy in Madrid – hat sie aber Kollegen, die genau mit diesem Mandat angetreten sind. Von Berlin werden sie trotzdem seit Monaten sträflich im Stich gelassen. Wann begreift Frau Merkel, dass Strukturreformen nicht über Nacht wirken? Dass es Jahre dauern wird, bis konkrete Resultate daraus in den Wirtschaftswachstumszahlen sichtbar sind? Dass die nächste Regierung in Rom deutlich weniger kooperativ sein wird als Monti?

Die heutige Konstellation in Europa – die fragilen politischen Verhältnisse in einem Land wie Italien sowie die latente Instabilität an den Finanzmärkten – kann jederzeit ausser Kontrolle geraten. Das darf nie vergessen werden.

Frau Merkel ist auf Kollisionskurs. Sie sollte ausweichen. Auch wenn sie dann für kurze Zeit das Chicken ist.