Kommentare 14:52 - 03.08.2012

Notenbanken treten auf der Stelle

Barry Eichengreen
«Angesichts der Risiken ist die Untätigkeit der Notenbank-Verantwortlichen unentschuldbar.»
Das Federal Reserve System und die Europäische Zentralbank sind übervorsichtig. Gefragt sind mutige Massnahmen unabhängig agierender Geldpolitiker. Ein Kommentar von Barry Eichengreen.
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Anleihe
Fremdmittelaufnahme am Kapitalmarkt . Anleihen können fix oder variabel verzinst werden. Die als Wertpapier ausgestalteten und somit handelbaren Bruchteile einer Anleihe werden Obligationen oder Bonds genannt.
EFSF
Finanzierungsvehikel, das über Garantien der Mitgliedstaaten der Eurozone ermächtigt ist, am Kapitalmarkt bis zu 440 Mrd. € aufzunehmen. Daraus werden Kredite an Mitgliedländer gewährt, die darum ersuchen, weil ihr Staatshaushalt in Schwierigkeiten ist. Das maximale Kreditvolumen ist de facto tiefer, weil die von der EFSF ausgegebenen Anleihen mit einem Deckungsstock von 120% ausgestattet werden müssen, um das angestrebte höchste Rating Triple-A zu erhalten. Die Haftung der einzelnen Länder ist begrenzt und gemäss ihrem Anteil am Kapital der Europäischen Zentralbank vorgegeben. Befristet ist die EFSF bis Mitte 2013 respektive bis zum Ende der Laufzeit der ausgegebenen Anleihen. Sie ist ein Element des EU-Rettungsschirms .
ESM
Permanente Fazilität für Notkredite an Staaten der Eurozone. Ab Mitte 2013 Nachfolger der EFSF und des EFSM . Anders als die EFSF wird der ESM über einen sogenannten bevorzugten Gläubigerstatus verfügen, d. h. vorrangig gegenüber privaten Gläubigern sein und nur hinter dem IWF zurückstehen (vgl. EU-Rettungsschirm ).
EU
Supranationale Organisation (früher Europäische Gemeinschaft), in der 27 europäische Staaten zusammengeschlossen sind. Pfeiler ist die wirtschaftliche Integration. Die wichtigsten Errungenschaften sind der Binnenmarkt und der Euro .
EZB
Zentralbank der EWU-Länder . Sie entscheidet über die Geldpolitik. Die Geld- und Währungspolitik wird zusammen mit den nationalen Zentralbanken (Europäisches System der Zentralbanken ) umgesetzt. Der wichtigste Leitzins der EZB ist der Mindestbietungssatz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte .
Europäische Zentralbank
Zentralbank der EWU-Länder . Sie entscheidet über die Geldpolitik. Die Geld- und Währungspolitik wird zusammen mit den nationalen Zentralbanken (Europäisches System der Zentralbanken ) umgesetzt. Der wichtigste Leitzins der EZB ist der Mindestbietungssatz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte .
Eurozone
Von elf Staaten der Europäischen Union per 1. Januar 1999 realisierter Zusammenschluss (seit 2001 auch Griechenland, seit 2007 Slowenien, seit 2008 Malta und Zypern). Die Teilnehmer haben die geldpolitische Kompetenz der EZB übertragen. Die nationalen Währungen wurden gegeneinander (Wechselkursverhältnisse) und gegenüber der Einheitswährung Euro fixiert.
Fed
US-Zentralbanksystem, dem die zwölf Federal Reserve Banks angeschlossen sind. An der Spitze steht das Direktorium (Board) in Washington, das auch die Mehrheit im Offenmarktausschuss stellt, in dem über die Geldpolitik entschieden wird.
Federal Reserve System
US-Zentralbanksystem, dem die zwölf Federal Reserve Banks angeschlossen sind. An der Spitze steht das Direktorium (Board) in Washington, das auch die Mehrheit im Offenmarktausschuss stellt, in dem über die Geldpolitik entschieden wird.
Geldpolitik
Massnahmen, mit denen die Zentralbanken die Zinsen am Geldmarkt (Leitzinsen ) und damit die Geldversorgung eines Landes oder Währungsraums steuern. Die meisten Zentralbanken, so auch die Schweizerische Nationalbank , sind bestrebt, die Preise stabil zu halten (vgl. Inflation , Deflation ) und der Wirtschaft Wachstum zu ermöglichen (vgl. quantitative Lockerung ).
IWF
Wurde wie die Weltbank 1944 in Bretton Woods (USA) gegründet. Mitglieder sind die Regierungen. Der IWF fördert die internationale währungspolitische Zusammenarbeit und stellt den derzeit 185 Mitgliedern vorübergehend finanzielle Mittel zur Verfügung. Die Schweiz gehört ihm seit 1992 an.
Inflation
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Inflationsrate
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Kurs
Börsen- oder Marktpreis von Wertpapieren , Devisen , Münzen oder Waren. Der Kurs schwankt je nach Angebot und Nachfrage.
Notenbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .
Offenmarktausschuss
Für die Geldpolitik zuständiges Gremium des US Federal Reserve , der amerikanischen Zentralbank . Es legt den Leitzins fest und setzt sich aus den sieben Mitgliedern des Fed-Direktoriums (Fed Board), dem Präsidenten der New Yorker Fed und vier der restlichen elf Distriktnotenbankpräsidenten zusammen, die im Einjahresturnus ein Stimmrecht erhalten.
Preisstabilität
Strategisches Ziel jeder Notenbank , wobei stabile Preise nicht mit 0% Inflation gleichgesetzt werden. Die SNB definiert Preisstabilität als eine Jahresteuerung der Konsumentenpreise von 0 bis 2%.
Quantitative Easing
Früher verpönte unkonventionelle geldpolitische Massnahme. Statt über Zinssenkungen die Finanzierungsbedingungen zu lockern, wird die Geldmenge direkt ausgeweitet, indem Wertschriften oder Devisen angekauft werden, ohne paralell dazu eine Sterilisierung durchzuführen. Im schlimmsten Fall erwerben Notenbanken direkt die Schuldbriefe der Regierung und fördern damit eine zügellose Schuldenpolitik des Staates (Schuldenmonetisierung).
Rezession
Phase im Konjunkturzyklus . Rückläufiges Wachstum des BIP während mindestens zwei Quartalen.
Sekundärmarkt
Handelsort von Frankenobligationen nach Zeichnungsschluss. Vorher werden sie im Primärmarkt umgesetzt.
Staatsanleihe
Anleihe , die von einem Staat zur Deckung seines Finanzierungsbedarfs im In- oder Ausland emittiert wird. Die Renditen der Staatsanleihen dienen als Benchmark für andere Emittenten desselben Staates. Die Schweiz begibt im Unterschied zu anderen Ländern keine Anleihen der Eidgenossenschaft im Ausland.
Wertpapier
Urkunde, mit der ein Recht derart verknüpft ist, dass es ohne die Urkunde weder geltend gemacht noch auf andere übertragen werden kann. Zu den Wertpapieren zählen Aktien , Obligationen , Partizipations- und Genussscheine , Anteile von Anlagefonds , Warrants und strukturierte Produkte .
Zentralbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .

Nachdem die amerikanische Notenbank (Federal Reserve System) und die Europäische Zentralbank (EZB) es in der abgelaufenen Woche unterlassen haben, entschiedene Massnahmen zu ergreifen, hat sich überall Enttäuschung breitgemacht.Zur PersonBarry Eichengreen ist Professor für Wirtschafts- und Politikwissenschaften an der University of California, Berkeley. Überall – ausser in Deutschland, wo jegliches Eingreifen der Europäischen Zentralbank sofort mit dem Schreckgespenst der Hyperinflation assoziiert wird. Und ausser im Lager des republikanischen Kandidaten für die US-Präsidentschaft, Mitt Romney. Er weiss sehr wohl, dass Barack Obamas Chancen auf die Wiederwahl sinken, wenn sich Ben Bernanke und seine Kollegen im Fed dagegen aussprechen, die amerikanische Wirtschaft zu stützen.

Alle anderen aber haben guten Grund, enttäuscht zu sein. Die Erholung der amerikanischen Wirtschaft stockt, das hat das Federal Reserve System am vergangenen Mittwoch in seinem Communiqué nach der Sitzung des Offenmarktausschusses eingestanden. Weite Teile der Europäischen Union drohen in die Rezession abzurutschen, wie der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem Bericht zur Eurozone im vergangenen Monat gewarnt hat. Und die Eurokrise steuert klar auf eine Verschärfung zu: Griechenland steht kurz davor, sich aus dem Troika-Hilfsprogramm zu verabschieden. Spanien dürfte demnächst eines beantragen müssen.

Angesichts dieser Risiken ist die Untätigkeit der Notenbankverantwortlichen unentschuldbar. Ausser der Preisstabilität scheint sie kein anderes Ziel zu kümmern. Der Gedanke, vorübergehend eine Inflationsrate über der magischen Zielgrenze von 2% zuzulassen – um, in den Vereinigten Staaten, die Arbeitslosenrate zu senken oder, in der Europäischen Union, die Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Ländern des Nordens und denjenigen des Südens wieder ins Gleichgewicht zu bringen –, scheint diesen erlauchten Gremien ziemlich fremd.

Draghi stiftet nur Verwirrung

Die Notenbanker mögen ja ihre Zweifel haben an der Wirksamkeit weiterer geldpolitischer Stimuli, wenn sich die Zinsen ohnehin schon nahe null bewegen. Aber mit Verlaub: Zweifel sind kein Grund, es nicht zu versuchen. Statt entschlossener Massnahmen gibt’s jedoch nur ein Übermass an Vorsicht.

Das Federal Reserve System unter dem Vorsitz von Bernanke hat immerhin den Weg geebnet für eine weitere Runde der quantitativen Lockerung (Quantitative Easing, d. h. die Geldpolitik einer Zentralbank, die dann zum Einsatz kommt, wenn ihr kurzfristiger Leitzins bereits fast oder ganz auf null ist und sie dennoch weiterhin eine expansive Geldpolitik führen will; in diesem Fall kann die Notenbank versuchen, durch den Aufkauf von Wertpapieren, namentlich von Staatspapieren, weiterhin die Wirtschaft und die öffentliche Hand mit Geld zu versorgen, sollten die Indikatoren für eine sich abschwächende Wirtschaft sprechen; Anm. der Red.). Das ist, so viel ist dem Federal Reserve System zugutezuhalten, eine kon­sistente Strategie, wenn auch eine äusserst konservative angesichts der Umstände.

Die Aussagen von Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank, hingegen haben nichts als Verwirrung gestiftet. Vergangene Woche hat er versichert, die EZB werde «alles Nötige» tun, um den Euro zu schützen. «Alles Nötige» umfasst allerdings, wie sich nun zeigt, keine Banklizenz für den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM). Ob die EZB dem ESM direkt Kredite gewähren sollte, liegt nicht in Draghis Einflussbereich. Darüber müssen die Regierungen entscheiden.

Ebenso wenig unter den Begriff «alles Nötige» fällt der Kauf italienischer und spanischer Anleihen am Sekundärmarkt. Höchstens wird die Europäische Zentralbank kurzfristige Staatsobligationen erwerben, um geordnete Verhältnisse am Markt sicherzustellen. Dies jedoch nur, sofern die Frankfurter Währungshüter zum Schluss gelangen, die kurzfristigen Renditen seien wegen Ängsten vor einem Auseinanderbrechen der Eurozone künstlich überhöht. Und selbst dann wird das betroffene Land ­zuerst Hilfen der Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) respektive ihrer Nachfolgeeinrichtung ESM beantragen und in die entsprechenden Bedingungen einwilligen müssen.

Anders ausgedrückt: Verliert die spanische Regierung den Zugang zum Anleihenmarkt, dann ist das Spaniens Problem, das seiner EU-Partner und dasjenige des Internationalen Währungsfonds. Es ist aber nicht das Problem der Europäischen Zentralbank.

Was wir hier erlebt haben, war ein Kommunikationsfiasko. EZB-Präsident Mario Draghi hat grosse Hoffnungen auf konkrete Massnahmen geschürt – und sie kurz darauf zerschlagen. Wenn der Präsident der Europäischen Zentralbank nächstes Mal beteuern wird, «alles ­Nötige» zu tun, um den Euro zu schützen – wird man ihm dann glauben?

Weitere Lockerung mehr als angezeigt

Der Entscheid der EZB war – mehr noch als bloss eine Kommunikationsfehlleistung – ein substanzieller Irrtum. Die jüngsten Einkaufsmanagerindizes belegen, dass sich die europäische Wirtschaft dramatisch abschwächt. Selbst unter davon abgesehen normalen Umständen würde dies eine markante Lockerung der Geldpolitik rechtfertigen. Doch die gegenwärtige Situation ist nicht normal. Wenn noch die allgemeine Krise mit in ­Betracht gezogen wird, ist die Begründung für weiteres geldpolitisches Lockern überwältigend.

Die EZB verteidigt sich damit, dass sie den Druck auf die Regierungen nicht erleichtern will, die Austeritäts- und Reformpolitik fortzusetzen. Gemäss dieser Logik würde der Kauf von Staatsanleihen auf dem Sekundärmarkt den Anreiz schwächen, mit der fiskalischen Kon­solidierung, mit Strukturreformen und dem Festigen der Institutionen fortzufahren. Doch wenn Regierungen bereits bis zur Zerreissgrenze gedrängt wurden, wird diese Strategie untauglich. Nunmehr, da in Madrid und anderswo der Protest auf die Strassen getragen wird, ist sie sogar kontraproduktiv.

Unter dem Druck der Politiker?

Dieses Übermass an Vorsicht der geldpolitischen Entscheidungsträger auf beiden Seiten des Atlantiks wirft die Frage auf, ob sie etwa politischem Druck nachgeben. Das Federal Reserve System ist wegen seines Kurses unter harsche Kritik aus dem Kongress geraten. Am 25. Juli hat das Repräsentantenhaus einen Gesetzesantrag des Abgeordneten Ron Paul genehmigt, die Bücher des Fed überprüfen zu lassen (Paul war in den republikanischen Vorwahlen für die Präsidentschaftskandidatur angetreten und befürwortet eine Abschaffung des Federal Reserve System; Anm. der Red.)

Die Europäische Zentralbank ihrerseits wird namentlich in Deutschland regelmässig für jegliches Abweichen vom langfristigen Mandat der Preisstabilität kritisiert. Das war der Fall gegen Ende des vergangenen Jahres, als sie ihre Longer Term Refinancing Operations (LTRO) durchführte (wobei die EZB Geschäftsbanken zinsgünstig Kredit gewährte, die sie wiederum für den Kauf von höher verzinslichen Staatsanleihen verwendeten). Der Reflex der Notenbanker scheint in beiden Fällen der zu sein, in Deckung zu gehen und auf Ereignisse – wenn überhaupt – höchstens in Babyschrittchen zu reagieren.

Die Europäische Zentralbank und das Federal Reserve System sind unabhängige Einrichtungen. Sie sind unabhängig aus einem bestimmten Grund, nämlich damit sie von Politikern nicht eingeschüchtert werden können. Aber eine Institution unabhängig zu gestalten, ist noch keine Garantie dafür, dass die Persönlichkeiten, die sie führen, auch unabhängig denken und handeln.

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2 Kommentare zu «Notenbanken treten auf der Stelle»

  • Linus Huber sagt: 02:21 - 07.08.12

    Obige Analyse laesst einiges zu wünschen übrig.

    Das Problem schlechter Bonität wird durch Zuführung von Liquidität nicht gelöst, sondern einzig verschleppt und im Endeffekt verstärkt.

    Viele Ökonomen denken nur im Zusammenhang von Aggregaten und unterlassen es, ihre Vorschläge in Bezug auf Nachhaltigkeit, Schaffung schlechter Anreize, Verletzung marktwirtschaftlicher Regeln und des Geistes der Rechtsstaatlichkeit zu prüfen. Wenn Fehlentscheide im Bereiche der Kreditvergabe nicht durch entsprechende Verluste bestraft werden, ist dies vergleichbar mit dem Christentum ohne Hölle, womit wir wohl allesamt im Fegefeuer landen dürften.

    Es gibt viele Scheinlösungen, welche heute offeriert werden, jedoch jede Lösung ohne die unabdingbaren Abschreibungen von Fehlinvestitionen beinhaltet die willkürliche Verlagerung von Verlusten auf die Allgemeinheit. Langsam muessen wir wohl eine Abteilung für wahrnehmensgestoerte Ökonomen in unseren Kliniken eröffnen.

    • Raphael reuteler sagt: 10:28 - 12.08.12

      Guter Kommentar, danke! Zweite Zeile in der Einleitung “unabhängig agierende Geldpolitiker” ? Okey…

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