Unternehmen / Schweiz 09:31 - 26.08.2014

Pictet-Teilhaber de Saussure: «Coutts wäre zu viel für uns»

Jacques de Saussure, geschäftsführender Senior-Teilhaber der Privatbank Pictet, will in der Bankenrestrukturierung ein Wort mitreden: «Wir können uns vorstellen, Teams zu übernehmen.»
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zum Stichwort
Aktie
Wertpapier , das einen Anteil am Kapital einer Aktiengesellschaft verkörpert. Es sichert dem Eigentümer Mitgliedschaftsrechte (Stimm- und Wahlrecht an der Generalversammlung) und Vermögensrechte (Recht auf Anteil am Gewinn, Beteiligungsquote bei Kapitalerhöhungen oder am Liquidationsergebnis) zu.
Aktiengesellschaft
Juristische Person, deren zahlenmässig fixiertes Grundkapital (Aktienkapital ) in Teilsummen (Aktien ) zerlegt ist.
Asset Management
Geschäftsbereich, in dem die Banken die gesamten Vermögenswerte von privaten und institutionellen Kunden aktiv selbst betreuen. Dazu gehört auch das Angebot von Anlagefonds . Gegenteil: Anlageberatung .
Besta
Seit 1925 quartalsweise per Stichprobe in 66 Schweizer Betrieben durchgeführte Beschäftigungsstatistik (vgl. Beschäftigte und Erwerbstätigenstatistik ).
Family Office
Institution, in der die Vermögenswerte (Cash, Wertschriften , Immobilien, Kunst usw.) wohlhabender Familien oder reicher Privatklienten in umfassender Weise betreut werden. Abgedeckt werden auch Bedürfnisse rechtlicher und steuerlicher Natur. Entsprechende Dienstleistungen werden von vielen Vermögensverwaltungsbanken angeboten.
Fonds
Ein mit öffentlicher Werbung von Investoren zum Zweck gemeinschaftlicher Kapitalanlage aufgebrachtes Vermögen, das von der Fondsleitung in der Regel nach dem Grundsatz der Diversifikation auf Rechnung der Investoren verwaltet wird. Anlagefonds werden direkt bei der Bank und vermehrt auch über Internet-Plattformen gekauft und im Gegensatz zu ETF in der Regel nicht börslich gehandelt.
Obligation
Als Wertpapier ausgestalteter und somit handelbarer Bruchteil (Stückelung ) einer Anleihe .
Obligationenfonds
Anlagefonds , der gemäss Fondsreglement in Obligationen investiert.
Private Banking
Umfasst die Anlageberatung und die Vermögensverwaltung für eine internationale Privatkundschaft. Das Private Banking wird ergänzt durch das Geschäft mit institutionellen Anlagekunden.
Publikumsöffnung
Öffnung einer privaten Aktiengesellschaft, deren Aktienkapital bisher ausschliesslich im Eigentum eines beschränkten Personenkreises lag, zur Publikumsgesellschaft durch die Ausgabe und die Kotierung von Aktien. Auch Initial Public Offering (IPO) genannt. Gegenteil: Going Private .
Renminbi
Bezeichnung für die chinesische Währung. Sie ist in die Zahlungseinheiten Yuan, Jiao und Fen gegliedert.

Zur PersonJacques de Saussure ist seit Mitte des Jahres 2010 geschäftsführender Senior-Teilhaber der traditionsreichen Genfer Privatbank Pictet. Er ist zuständig für die Finanzen, die Kommunikation und die interne Überwachung.
Jacques de Saussure ist ebenfalls Verwaltungsratspräsident der Banque Pictet & Cie. Nach der Eidgenössischen Technischen Hochschule, wo er einen Abschluss in angewandter Mathematik und Informationstechnologie erzielte, studierte er an der Sloan School of Management am Massachusetts Institute of Technology und schloss mit einem Master ab.
Anschliessend begann Jacques de Saussure seine berufliche Karriere mit der amerikanischen Investmentfirma InterSec Research in New York, bevor er 1980 in die Dienste der Privatbank Pictet trat.
Herr de Saussure, Pictet präsentiert erstmals in der 209-jährigen Geschichte Zahlen. Sie zeigen, dass die Bank im Geld schwimmt. Wann setzt sie das Geld für Akquisitionen ein?
Sie könnte problemlos eine grössere Akquisition stemmen.
Ja, aber Akquisitionen waren noch nie und sind auch heute nicht Bestandteil unserer DNA. Wir haben noch nie eine Gesellschaft übernommen, sondern sind immer organisch gewachsen. So wollen wir das auch lassen. Wir können uns in der derzeitigen Restrukturierung der Private-Banking-Industrie in der Schweiz zwar vorstellen, Teams zu übernehmen und zu integrieren, aber mehr nicht.

Sie sind also nicht versucht, ein Angebot für das internationale Geschäft des britischen Traditionshauses Coutts einzureichen?
Es ist zuerst einmal schon erstaunlich, wie viele Privatbanken in den vergangenen Jahren in der Schweiz übernommen wurden. Meist handelte es sich um die Tochtergesellschaften ausländischer Banken, die oft von Schweizer Käufern übernommen wurden. Wenn die Beratungsgesellschaft KPMG schreibt, ein Drittel aller Banken mache Verlust, ist das doch eigentlich dramatisch. Was Coutts betrifft, so habe ich das Verkaufsdossier nicht gesehen. Man sagt aber, es komme viel auf den Markt – mehr als die nun kolportierten Vermögen unter Verwaltung von 20 bis 30 Mrd. Fr. Nur schon von der Grösse her wäre das für uns zu viel. Dazu kommt die von uns erwähnte Abneigung gegen Übernahmen.

Wo sehen Sie für Pictet grössere Wachstumschancen, im Asset Management oder im Wealth Management?
Es sind zwar ganz unterschiedliche Geschäfte, die auch unterschiedliche Wachstumsschwerpunkte haben, sie sind aber fast gleich gross. Im Asset Management bieten wir spezialisiertes Investment Management für institutionelle Anleger und verwalten Vermögen von rund 144 Mrd. Fr. Im Wealth Management stehen das Private Banking und Family Offices im Vordergrund, und hier beziffern wir die verwalteten Vermögen auf 150 Mrd. Fr. Im Asset Management geht es darum, gewissermassen wie eine Pharmafirma frühzeitig auf die richtigen Ideen zu setzen, die das Zeug zum Blockbuster haben. Nicht weniger langfristig ausgerichtet ist das Wealth Management, wo unter anderem die Wahl der richtigen Leute und Märkte das Wachstum garantiert.

Der dritte Geschäftsbereich von Pictet sind die Asset Services. Welche Bedeutung hat diese Tätigkeit für die Gruppe?
Die verwahrten Vermögen beziffern wir auf 371 Mrd. Fr., allein im Fondsgeschäft verwalten wir 172 Mrd. Fr. Mit 974 Mitarbeitern garantieren wir an neun Buchungszentren einen 24-Stunden-Service und kümmern uns um alle Aspekte des Asset Servicing. Wir bieten unseren Kunden Custody Services, Administration und Governance für Investmentfonds sowie mit unseren Négoce-Teams auch Dienstleistungen als Transfer Agent oder Handelsdienstleistungen an.

In welchen Märkten sehen Sie im Wealth Management Potenzial?
Zu unseren Kernmärkten gehören neben der Schweiz Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien, Märkte in Asien und im Nahen Osten sowie in Lateinamerika. Wir beschäftigen in diesem Geschäftsbereich 650 Mitarbeiter, beziffern die Anzahl der Anlagespezialisten auf 115 und die der Privatbanker auf 325. Viele unserer Kunden haben mindestens einen Teil ihres Geldes ausserhalb der eigenen Heimbasis angelegt. Dieses transnationale Geschäft interessiert uns, und hier können wir mit unserer jahrhundertealten Erfahrung auch einen echten Mehrwert bieten.

Sie erwähnen Frankreich als Wachstumsmarkt, obwohl das Verhältnis zwischen der Schweiz und Frankreich im Steuerbereich nicht spannungsfrei ist.
Auch in der französisch-schweizerischen Beziehung haben wir eine lange Erfahrung. Als unsere Bank 1805 unter dem Namen De Candolle, Mallet & Cie gegründet wurde, war Genf noch französisch – wir sind so gesehen ursprünglich eine französische Bank. Unseren französischen Kunden, die allenfalls entsprechenden Bedarf hatten, haben wir schon vor 2009 geraten, ihre Steuersituation mit den französischen Behörden zu klären. Der Besuch des französischen Finanzministers in der Schweiz vor kurzem hat gezeigt, dass in dieser Frage eine konstruktive Arbeit zwischen der Schweiz und Frankreich durchaus möglich ist.

Ihre Aussagen lassen vermuten, dass Pictet etwa im Gegensatz zur UBS (UBSG 17.53 0.63%) keine spezifischen Probleme in Frankreich hat. Doch wie sieht es aus in Deutschland, wo sich Julius Bär (BAER 46.59 0.24%), CS und UBS unlängst freikaufen mussten?
Weder in Frankreich noch in Deutschland haben wir in dieser Hinsicht Probleme. Wir sehen deshalb im Gegensatz zu anderen Banken auch überhaupt keinen Grund, mit der Bezahlung einer Pauschalsumme die Einstellung von Verfahren zu erwirken.

Probleme haben Sie jedoch in den USA. Pictet befindet sich im Zentrum des Steuerstreits.
Wir sind in Kategorie 1 und sind diesbezüglich überzeugt, dass die bilateralen Diskussionen es Pictet ermöglichen, alle Argumente hinsichtlich unserer Situation zu erläutern und somit eine Regelung für die Vergangenheit zu finden.

Weshalb haben Sie so lange gezögert, offiziell bekanntzugeben, dass Pictet im Fokus der amerikanischen Behörden steht?
Weil wir es schlicht und einfach nicht wussten. Wir haben in dieser Sache keine direkten offiziellen Kontakte mit den amerikanischen Behörden. Wir können deshalb auch überhaupt keine Prognose abgeben, wann diese Sache abgeschlossen oder ausgestanden ist.

Pictets Asset Management vergleichen Sie mit der Pharmaindustrie. Welches ist der nächste Blockbuster von Pictet?
Der Vergleich mit der Pharmaindustrie trifft zu. Es wird oft übersehen, wie lange es im Asset Management von der Entwicklung einer Idee bis zur konkreten Lancierung eines erfolgreichen Fonds dauert: nicht weniger als sechs Jahre. Dafür ist die Lebensdauer eines guten Fonds auch sehr lang. Als um die Jahrtausendwende alles von Hightech-Firmen sprach, lancierten wir sehr erfolgreich einen Lowtech-Fonds: unseren Luxemburger Wasserfonds Pictet-Water. Nun sind wir unter anderem daran, einen Obligationenfonds in Renminbi zu lancieren. Wir werden sehen, ob das der nächste Blockbuster wird.

Sind Sie zufrieden mit dem heutigen Set-up von Pictet? Oder drängt sich die Eröffnung weiterer Filialen auf?
Wie sich die Sache heute präsentiert, sind wir sehr zufrieden. Wir verfügen in siebzehn Ländern über insgesamt 26 Büros, beschäftigen 3611 Mitarbeiter und haben eine Personalfluktuationsrate von lediglich 4%. Das zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Unsere Niederlassung in Luxemburg verfügt über eine europäische Banklizenz, was garantiert, dass wir bezüglich Marktzugang in Europa keine Probleme haben und auch in Zukunft keine Probleme haben werden.

Die Umwandlung der Schweizer Bank von Pictet in eine Aktiengesellschaft und die Unterstellung aller Einheiten der Gruppe unter eine Kommanditaktiengesellschaft kann als erster Schritt zu einer Publikumsöffnung gesehen werden.
Davor würde ich warnen, das war und ist nicht das Ziel der neuen Rechtsform, die seit dem 1. Januar in Kraft ist. Hätten wir das gewollt, hätten wir nicht eine Kommanditaktiengesellschaft gewählt, die die Minderheitsaktionäre benachteiligt. Wir wollen unserem Modell der geschäftsführenden Teilhaber, die für alle Tätigkeiten der Pictet-Gruppe verantwortlich zeichnen, treu bleiben. In den vergangenen 209 Jahren gab es bei Pictet insgesamt lediglich vierzig Teilhaber, ihre Funktion übten sie im Schnitt über 21 Jahre aus.

Pictet lüftet den Schleier als ErsteDie Genfer Privatbank Pictet zeigt erstmals, wie der Gewinn zustande kommt – und braucht sich neben Julius Bär nicht zu verstecken. Lesen Sie hier den Bericht von FuW-Redaktor Thomas Wyss.