Kommentare 10:43 - 10.12.2015

Abschied vom Ausnahmezustand

«Der heutige Zinsentscheid spiegelt vor allem die Einschätzung der SNB-Spitze, dass sich der geldpolitische Ausnahmezustand im Ausland entschärft hat.»
Die Schweizerische Nationalbank senkt die Zinsen nicht tiefer ins Minus. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Andreas Neinhaus.
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Bruttoinlandprodukt
Wertschöpfung einer Volkswirtschaft . Die Entwicklung des BIP ist eine wichtige Einflussgrösse für die Gewinne der Unternehmen sowie das Zinsniveau und dadurch indirekt für Aktien und Obligationen .
Inflation
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Konjunktur
Oft synonym verwendet für die Lage der Gesamtwirtschaft. Die Forschung betont den zyklischen Verlauf des Wirtschaftswachstums (Aufschwung , Hochkonjunktur, Abschwung, Rezession , Depression). Im Englischen wird deshalb auch von Business Cycle gesprochen.
Notenbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .
SNB
1907 gegründete Notenbank der Schweiz. Ihr Auftrag gemäss Nationalbankgesetz NBG ist, eine dem Gesamtinteresse des Landes dienliche Geldpolitik zu betreiben und insbesondere die Preisstabilität zu bewahren. Ausserdem hat sie zur Stabilität des Finanzsystems beizutragen. Die SNB versorgt den Geldmarkt und damit das Finanzsystem über Repogeschäfte mit Liquidität, gewährleistet die Bargeldversorgung, verwaltet die Währungsreserven , vertritt die Schweiz zusammen mit dem Bund im IWF sowie in der Weltbank und fungiert als Hausbank der Eidgenossenschaft. Die SNB ist als spezialgesetzliche AG organisiert und an der SIX kotiert. Die Kantone halten die Mehrheit der Aktien , die Rechte der wenigen Privataktionäre werden auch vom NBG stark beschnitten, das z. B. die Höhe der Dividende limitiert. Organe der SNB sind der elfköpfige Bankrat als eine Art VR , das für die Geldpolitik verantwortliche ausführende dreiköpfige Direktorium als Geschäftsleitung , die GV und die Revisionsstelle .
Zentralbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .

Die Nationalbank hat sich an ihrer letzten Direktoriumssitzung des Jahres dafür entschieden, gar nichts zu unternehmen. Das Leitzinsband bleibt, wie es ist. Der Zins auf Sichteinlagen beträgt auch künftig –0,75%.

Dass die Währungshüter die Zinsen nicht noch tiefer ins Minus setzen würden, hatten die meisten «SNB-Watcher» vorausgesagt. In ihrem Communiqué schlägt die Notenbank allerdings einen ausgesprochen undramatischen Ton an, der in dieser Form dann doch etwas überrascht. Die einzige Schärfe taucht bei der Beurteilung des Frankens auf. Der sei «trotz einer gewissen Abschwächung in den letzten Monaten nach wie vor deutlich überbewertet».

Ansonsten erinnern die Ausführungen an ein Business as usual. Die Inflationsprognose habe sich «kaum geändert». Die weltwirtschaftlichen Aussichten beurteile man «vorsichtig optimistisch». Die Schweizer Wirtschaftsleistung sei zwar «unter den Erwartungen» geblieben, aber die SNB (SNBN 1645 -0.3%) verweist auf «eine breite Reihe von Indikatoren», die «auf eine etwas positivere Konjunkturentwicklung» hindeuteten.

Die SNB will ihr Pulver trocken halten. Mit einer Notenbankbilanz, die in Relation zum Bruttoinlandprodukt inzwischen auf ein weltweit von keinem anderen Land erreichtes Niveau aufgebläht ist, scheint Zurückhaltung tatsächlich angebracht zu sein.

Aber der heutige Zinsentscheid spiegelt vor allem die Einschätzung der SNB-Spitze, dass sich der geldpolitische Ausnahmezustand im Ausland entschärft hat. Nach dem zurückhaltenden Lockerungsbeschluss der Europäischen Zentralbank signalisiert auch die amerikanische Notenbank unmissverständlich, dass sie die Zinsen ab nächster Woche nur sehr langsam und sehr begrenzt höhersetzen wird.

Es kommt also voraussichtlich nicht zu dem geldpolitischen Frontalkurs zwischen den beiden grössten Währungsräumen. Davor hat sich die Nationalbank sehr gefürchtet, da er den Frankenkurs auf eine Achterbahnfahrt geschickt hätte. Die neue Konstellation liefert den Schweizer Währungshütern Gelegenheit, sich mit neuen Sondereinsätzen zurückzuhalten.

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