Kommentare Dossier US-Wahlen 2016 10:33 - 25.02.2016

«South Park» und das Phänomen Trump

Alfred Mettler
«Normale menschliche Emotionen wie Unzufriedenheit, Frustration, Wut werden unterdrückt, kritische Argumente, negative Analysen oder gar offener Streit haben keinen Platz mehr im Alltag. »
Donald Trump verwendet die grobe Sprache der TV-Serie «South Park». Das kommt beim Publikum an, denn wegen Political Correctness ist Klartext in den USA rar geworden. Ein Kommentar von Alfred Mettler.
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«Der Wahlkampf ist zur ‹South Park›-Episode geworden…», bemerkte ziemlich betroffen kürzlich ein Freund beim gemeinsamen Dinner, als man auf die amerikanischen Primärwahlen und ihr Enfant terrible Donald Trump zu sprechen kam. Seit fast zwanzig Jahren ist «South Park» eine höchst populäre und erfolgreiche Cartoon-/Comedy-Fernsehserie für Erwachsene. Die Sprache der Charaktere ist regelmässig derb, unflätig, beleidigend, oftmals rassistisch, sexuell geladen und gewaltorientiert. Als die Serie Ende der Neunzigerjahre startete, war es normal, dass Eltern alles unternahmen, damit ihre Kinder diesen Sendungen nicht ausgesetzt waren.

Zum AutorAlfred Mettler ist Wirtschaftsprofessor an der Georgia State University in Atlanta und Adjunct Professor am Swiss Finance Institute.South Park wurde schnell zu einem grossen Erfolg auf Comedy Central, einem landesweiten Fernsehkanal. Bald darauf eroberte es auch das Internet und später die Gaming-Industrie. Heute, fast zwei Jahrzehnte später, sind die Sendungen weitherum akzeptiert und toleriert. Selbst für Eltern ist klar, dass sie ihre Kinder nicht mehr davon fernhalten können.

Gewissermassen als gesellschaftliches Gegenstück dazu hat sich in derselben Zeit sprachlich ein drastischer Wandel vollzogen, der mit dem weiten Begriff der Political Correctness umschrieben werden kann. Nicht nur ist es in der heutigen amerikanischen Gesellschaft komplett undenkbar, dass man im Alltag auch nur ansatzweise ein «South Park»-Vokabular verwenden würde, nein, die Entwicklung ist derart extrem in die entgegengesetzte Richtung gegangen, dass man im normalen Gespräch faktisch keine nur schon im Ansatz unhöflichen oder negativen Ausdrücke mehr benützen darf.

Vieles bleibt ungesagt

Das zeigt sich zum Beispiel im Ausbildungssystem, wo die Sprache je länger, je mehr zwangsentschärft wird. Zwar gab es schon lange bestimmte Tabubegriffe wie beispielsweise das «f-word». Ebenso werden seit einiger Zeit in Schulen religiöse Assoziationen vermieden, womit z.B. aus «Merry Christmas» einfach «Happy Holidays» wird. Inzwischen werden aber auch eigentlich harmlose Wörter wie «stupid» (dumm) oder «to swear» (schwören, fluchen) im Schulhaus nicht mehr toleriert.

Dieselben Tendenzen zeigen sich auch im alltäglichen Gespräch mit Arbeitskollegen und -kolleginnen, wo politische und religiöse Themen – genauso wie negative Kommentare irgendwelcher Art – weitestgehend verpönt sind. Und sie zeigen sich auf Nachbarschaftspartys und gesellschaftlichen Anlässen, wo nicht selten ausser Sport und Floskeln nichts mehr zum Diskutieren übrig bleibt.

Diese neuen ungeschriebenen Regeln sind in den vergangenen Jahren mehr und mehr und immer tiefer in die Gesellchaft eingedrungen. Normale menschliche Emotionen wie Unzufriedenheit, Frustration, Wut etc. werden unterdrückt, kritische Argumente, negative Analysen oder gar offener Streit haben keinen Platz mehr im Alltag.

Und lässt man sich doch einmal zu einer leisen Kritik hinreissen, dann muss sie mit Samthandschuhen präsentiert und mit einem entschuldigenden «Disclaimer» versehen werden: «I really like her, but…» oder «He is a really nice guy, but…» Keine Frage, dass damit einiges ungesagt bleibt, verdrängt, unter den Teppich gekehrt oder einfach unterdrückt wird.

Polarisierung wirkt befreiend

Mit der Kandidatur von Donald Trump ist das alles auf einen Schlag relativiert worden. Sein zur Schau gestelltes Macho-Verhalten, gepaart mit seinen derben, unflätigen, rassistischen und «gewalt»-igen Sprüchen so ziemlich gegen alle real und imaginär existierenden Feindbilder, hätte im Normalfall das tolerierbare Mass an Beleidigung schon in der ersten Woche des Wahlkampfs überschritten. Seine grosse Anhängerschaft scheint allerdings nichts davon zu stören.

Es macht vielmehr den Anschein, als würde man ihm alles nachsehen, ja, mehr noch, als würde er endlich wieder möglich machen, was die normalen Bürger schon lange nicht mehr können bzw. sich nicht erlauben dürfen: polarisieren, Gefühle an die Oberfläche bringen und den Emotionen freien Lauf lassen.

Hervorragend repräsentiert er die «South Park»-Kultur, er gibt den Wutbürger und damit das Vorbild für alle, denen solches Verhalten gesellschaftlich versagt ist. Dass dabei für viele die Wut gar nicht klar artikulierbar ist, sondern sich einfach gegen diverse und diffuse Ungerechtigkeiten richtet, ist ein anderes Thema.

Wie es aussieht, wird Trump auch am kommenden Super Tuesday noch als Gewinner hervorgehen. Und dies, ohne dass er bis jetzt irgendeinen Ansatz eines realistischen politischen Programms präsentiert hat, was wahrlich erst- und einmalig ist. Wohl erst wenn Ted Cruz aus dem Wahlkampf aussteigt und Marco Rubio seine Stimmen erhält, wird es für Trump eng. Das kann aber noch einige Zeit dauern, im Extremfall bis zur republikanischen Convention im Juli.