Kommentare 16:09 - 24.01.2013

Ungleichgewicht der Sparquoten

Michael Pettis
«Diese Zunahme des Konsums in Spanien und den USA im Zuge des empfundenen Vermögenszuwachses war zum Teil auf die Politik in Deutschland und China zurückzuführen.»
Staatsschulden lassen sich nicht allein dadurch glätten, dass Länder mit niedriger Sparneigung mehr auf die Seite legen – die Krise wurde zum Teil durch zu hohe Sparraten verursacht. Ein Kommentar von Michael Pettis.
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zum Stichwort
Aktie
Wertpapier , das einen Anteil am Kapital einer Aktiengesellschaft verkörpert. Es sichert dem Eigentümer Mitgliedschaftsrechte (Stimm- und Wahlrecht an der Generalversammlung) und Vermögensrechte (Recht auf Anteil am Gewinn, Beteiligungsquote bei Kapitalerhöhungen oder am Liquidationsergebnis) zu.
BIP
Wertschöpfung einer Volkswirtschaft . Die Entwicklung des BIP ist eine wichtige Einflussgrösse für die Gewinne der Unternehmen sowie das Zinsniveau und dadurch indirekt für Aktien und Obligationen .
Bruttoinlandprodukt
Wertschöpfung einer Volkswirtschaft . Die Entwicklung des BIP ist eine wichtige Einflussgrösse für die Gewinne der Unternehmen sowie das Zinsniveau und dadurch indirekt für Aktien und Obligationen .
Handelsbilanz
Auflistung aller wirtschaftlichen Transaktionen eines Landes mit dem Ausland. Der wichtigste Bestandteil ist die Leistungsbilanz (Ertragsbilanz), die im Wesentlichen die Handelsbilanz umfasst. Da die Zahlungsbilanz immer ausgeglichen sein muss, weil ein Land sonst in Zahlungsschwierigkeiten geriete, müssen Leistungsbilanzdefizite beispielsweise durch Nettokapitalimporte (Kapitalbilanzüberschüsse) finanziert werden.
Obligation
Als Wertpapier ausgestalteter und somit handelbarer Bruchteil (Stückelung ) einer Anleihe .
Option
Das Recht – nicht aber die Pflicht –, innerhalb einer bestimmten Zeit (Laufzeit ) eine feste Menge eines bestimmten Basiswerts zu einem im Voraus fixierten Ausübungspreis zu kaufen (Call ) oder zu verkaufen (Put ). Für dieses Recht zahlt der Optionär dem Verkäufer der Option eine Optionsprämie . Optionen können individuell zwischen den Parteien (OTC-Option ), in einem Warrant verbrieft oder an Terminbörsen gehandelt werden.
 

Zum AutorMichael Pettis ist Fianzprofessor an der Universität Peking und Senior Associate, Carnegie Endowment. Dieser Artikel basiert auf seinem soeben publizierten Buch «The Great Rebalancing» (Princeton University Press).Warum weisen Länder wie Deutschland und China eine so hohe Sparquote auf, während sie in anderen wie Spanien und den USA dermassen niedrig ist? Für den globalen Handel ist diese Frage von enormer Bedeutung: Ein Land, das mehr spart, als es investiert, muss die Differenz exportieren und fährt in­folgedessen automatisch einen Handelsüberschuss ein. Spart ein Land weniger, als es investiert, muss es ent­sprechend ausländische Ersparnisse importieren, was ein Handelsbilanzdefizit ergibt.

Für die meisten Menschen ist die Antwort auf diese Frage simpel: Die Sparquote hängt von der Mentalität ab. Die Deutschen schätzten Disziplin und Redlichkeit; mit Ersparnissen für die Zukunft vorzusorgen, liege ihnen im Blut. Auch im konfuzianisch geprägten China lege man Wert aufs Sparen. Die Spanier hingegen seien faul und ­genössen das Leben, die Amerikaner seien unverbesser­liche Optimisten – Geld für die Zukunft auf die Seite zu ­legen, kümmere die einen wie die anderen wenig.

Mit dieser Antwort liegen die Schlussfolgerungen für die globale Krise auf der Hand: Würden die Spanier und die Amerikaner nur etwas mehr Verantwortungssinn und Disziplin an den Tag legen, die globale Krise liesse sich gleich besser überwinden. So werden in diesen Ländern Politiker, Kirchen und wohlhabende Banker nicht müde, ihre Landsleute zu ermahnen, härter zu arbeiten und mehr zu sparen, um der wirtschaftlichen Probleme Herr zu werden. Mit dieser Erklärung gibt es ein Problem: Sie ist komplett falsch. Die nationalen Sparquoten können innerhalb sehr kurzer Zeit stark schwanken. Sofern man also nicht unterstellt, dass sich die Mentalität von einer Dekade auf die andere radikal ändert, ist nicht einzu­sehen, wie sie die Sparquote bestimmen sollte.

In den Neunzigerjahren war Deutschlands Sparquote im Verhältnis zum Investitionsbedarf so niedrig, dass es riesige Handelsdefizite einfuhr. In den vergangenen zehn Jahren hingegen stieg sie rasant und bescherte dem Land einen beachtlichen Überschuss. Konfuzianer wiederum galten über die vergangenen tausend Jahre bis Mitte des letzten Jahrhunderts – vor allem innerhalb der Kommunistischen Partei – als faul und verschwenderisch. Bis in die Sechzigerjahre wurde dies als die gängigste Erklärung für die Armut in Ostasien herangezogen.

Mit Mentalitäten hat das nichts zu tun

Tatsächlich hat die Sparquote eines Landes wenig mit der jeweiligen Mentalität zu tun. Sie wird fast ausschliesslich von der Politik im In- und Ausland beeinflusst. Nicht zu vergessen: Die gesamtwirtschaftlichen Ersparnisse eines Landes sind definiert als die Gesamtmenge an Gütern und Dienstleistungen, die es produziert (auch als Bruttoinlandprodukt bezeichnet), abzüglich der Menge, die es konsumiert. In anderen Worten: Alles, was man verdient, wird entweder konsumiert oder gespart. Spart ein Land viel, bedeutet das nichts anderes, als dass es wenig konsumiert. Warum also konsumieren manche Länder mehr von dem, was sie produzieren, und andere weniger? Wie viel konsumiert wird, hängt von drei Faktoren ab. Der erste und wichtigste ist, welcher Anteil des Nationaleinkommens den Haushalten als verfügbares Einkommen zufällt. In den USA oder Spanien behalten sie einen grossen Anteil dessen, was sie produzieren; wenig überraschend ist ihre Konsumquote relativ zum BIP eher hoch. In China und Deutschland hingegen behalten die Unternehmen und der Staat einen grossen Anteil ein, entsprechend gering ist der Konsum der privaten Haushalte.

In China z. B. stehen den Haushalten gerade mal 50% des im Land produzierten Totals zur Verfügung – der wohl niedrigste je in Friedenszeiten verzeichnete Wert. Deshalb weist China eine der weltweit höchsten Sparquoten auf: Den chinesischen Haushalten steht ein zu kleiner Anteil am BIP zur Verfügung, als dass sie viel konsumieren könnten. In Deutschland haben Vereinbarungen zwischen der Regierung, grossen Unternehmen und den Gewerkschaften vor zehn Jahren dafür gesorgt, dass das Vermögen der deutschen Bürger langsamer wächst als die Menge der von ihnen produzierten Güter und Dienstleistungen. Infolgedessen ist die Sparquote Ende der Neunziger- und Anfang der Nullerjahre automatisch gestiegen.

Der zweite für die Sparquote eines Landes entscheidende Faktor ist das Einkommensgefälle. Mit steigendem Wohlstand wächst der Konsum langsamer als das Vermögen, Wohlhabende sparen einen grösseren Teil ihres Einkommens als Arme. Verstärkt sich das Einkommens­gefälle in einem Land, nimmt seine Konsumquote ab und die Sparquote zu. Gemäss Karl Marx ist eben diese Entwicklung der Grund, warum der Kapitalismus unhaltbar ist – es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sie sich nun ausgerechnet in China so deutlich manifestiert.

Der dritte Faktor ist die Bereitschaft der Haushalte, Kredite aufzunehmen, um ihren Konsum zu steigern. Auf den ersten Blick mag das mit der jeweiligen Mentalität zusammenhängen. Was Haushalte aber tatsächlich zu kreditfinanziertem Konsum bewegt, ist die Wahrnehmung, dass ihr Vermögen wächst. Sowohl in Spanien wie in den USA haben die Menschen angesichts der anziehenden Aktien-, Obligationen und Immobilienpreise ihr steigendes Vermögen genutzt, um ihren Konsum auszuweiten.

Dass man bei steigendem Wohlstand mehr konsumiert, daran ist nichts auszusetzen. Nur: In Spanien wie in den USA entpuppten sich die Avancen am Immobilienmarkt als Luftschlösser, sie waren bloss durch die zu niedrigen Zinsen bedingt. So haben beide Länder jahrelang die Ausweitung ihres Konsums durch eine nicht trag­fähige Verschuldung finanziert.

Kredite kamen aus Überschussländern

Doch das ist noch nicht alles. Diese Zunahme des Konsums in Spanien und den USA im Zuge des empfundenen Vermögenszuwachses war zum Teil auf die Politik in Deutschland und China zurückzuführen: Diese Länder schraubten ihre Sparquote hoch und schrieben somit grosse Handelsüberschüsse, indem sie in Staaten wie Spanien und die USA exportierten, womit diese wiederum die entsprechenden grossen Defizite aufweisen mussten. Angesichts des rasanten Anstiegs ihrer Importe standen den Defizitländern nur drei Optionen offen. Erstens sich gegen die Defizite zu stemmen und zu Handelsbeschränkungen zu greifen. Zweitens einen Anstieg der Arbeitslosenrate zu gewärtigen, weil einheimische Produzenten bankrottgehen – verlieren Menschen ihre Arbeitsstelle, sinkt die Sparquote, sodass die überzähligen Ersparnisse der Überschussländer absorbiert werden können. Drittens die Ersparnisse der Überschussländer in Form von Krediten aufzunehmen und damit den einheimischen Konsum und die Investitionen anzukurbeln.

Wie wir wissen, waren die Defizitländer nicht gewillt (oder, im Fall Spaniens, nicht in der Lage), zur ersten Option zu greifen; wenig überraschend kam auch die zweite Option nicht in Frage. Es blieb also nur die dritte: Sie liehen aus und konsumierten. Die Ausweitung des Konsums setzte sich bis 2007/08 fort, bis die Schulden und die Handelsdefizite so enorm wurden, dass es so nicht mehr weiterging. Nun sind beide Länder gezwungen, mit der zweiten Option zu leben: mit hohen Arbeitslosenraten.

Die globale Krise ist das Resultat von Spannungen, die entstanden sind, weil die jeweilige Politik zu exzessiv hohen Sparquoten in manchen Ländern und zu extrem niedrigen in anderen geführt hat. Mit Mentalitäten oder nationalen Eigenheiten hat das nichts zu tun – sehr wohl aber mit verzerrender Politik im In- wie im Ausland.

Das bedeutet nichts anderes, als dass die Krise nicht überwunden werden kann, indem nur die Länder mit niedriger Sparquote diese anpassen, denn zumindest zum Teil dürfte sie durch hohe Sparquoten im Ausland verursacht worden sein. Anders ausgedrückt: Spanien und die USA werden ihre Probleme im Inland nicht zu ­lösen vermögen, ohne Europa und dem Rest der Welt Schaden zuzufügen, solange Deutschland und China die Verzerrung ihrer eigenen Sparquoten nicht bereinigen.

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