Kommentare 15:49 - 10.08.12

Unterschätzte energiepolitische Herausforderung

« Klar ist, dass die Option Kernenergie mit Blick auf neue Technologien auf jeden Fall offen bleiben soll. »
Die Energiewende wird gemäss einer neue Studie wesentlich teurer, als dies der Bundesrat erhofft. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.
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EU
Supranationale Organisation (früher Europäische Gemeinschaft), in der 27 europäische Staaten zusammengeschlossen sind. Pfeiler ist die wirtschaftliche Integration. Die wichtigsten Errungenschaften sind der Binnenmarkt und der Euro .
Option
Das Recht – nicht aber die Pflicht –, innerhalb einer bestimmten Zeit (Laufzeit ) eine feste Menge eines bestimmten Basiswerts zu einem im Voraus fixierten Ausübungspreis zu kaufen (Call ) oder zu verkaufen (Put ). Für dieses Recht zahlt der Optionär dem Verkäufer der Option eine Optionsprämie . Optionen können individuell zwischen den Parteien (OTC-Option ), in einem Warrant verbrieft oder an Terminbörsen gehandelt werden.

Die von der Politik in die Wege geleitete Energiewende wird zu einer «gewaltigen wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Herausforderung». Zu diesem Schuss kommt die von den Akademien der Wissenschaften Schweiz AkademienDer Verbund der Akademien der Wissenschaften Schweiz wurde 2006 gegründet. Er umfasst die schweizerischen Akademien der technischen Wissenschaften, der Geistes- und Sozialwissenschaften, der Naturwissenschaften sowie der medizinischen Wissenschaften. Die Akademien setzen sich für den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ein und wollen die Politik entsprechend beraten. Der Verbund organisiert sich in rund 160 Fachgesellschaften und umfasst ungefähr 100 000 Personen. Die Akademien wollen sich den Themen Früherkennung, Ethik und Dialog widmen. erarbeitete Studie «Zukunft Stromversorgung Schweiz». Das Projekt wurde 2009, also lange vor der Katastrophe von Fukushima gestartet. Die Ausarbeitung des Berichts nahm dreieinhalb Jahre in Anspruch. Im Vergleich dazu hatte sich der Bundesrat nach Fukushima gerade zwei Monate (!) Zeit genommen, um den Ausstiegsentscheid in der neuen «Energiestrategie 2050» zu fällen.

Kein Wunder, ist der Bericht der Akademien wesentlich fundierter und nicht von vorgefassten Meinungen geprägt. Wie Projektleiter Eduard Kiener, früherer langjähriger Direktor des Bundesamts für Energie, an der Präsentation des Berichts feststellte, unterschätzt der Bundesrat die Schwierigkeiten der Energiewende.

Die Zahlen sind eindrücklich: In den vergangenen 40 Jahren hat sich der Stromverbrauch der Schweiz um das 2,4fache erhöht. Die Produktion kommt heute zu 56% aus der Wasserkraft, zu knapp 40% aus der Kernenergie und 3,2% entfallen auf fossil-thermische Energie. Nur gut 2% steuern so genannt neue erneuerbare Energien bei. Davon entfällt der grösste Teil auf Abfall und Biomasse, nur gerade 0,13% auf die Sonne und 0,06% auf Wind.

Strompreis wird steigen

Die Herausforderung, mit dem Ausstieg aus der Kernenergie 40% der Produktion zu ersetzen, ist enorm. Wohl darum haben sich die Akademien nicht auf einen Ausstieg aus der Kernenergie einigen können. Klar ist aber, dass die Option Kernenergie mit Blick auf neue Generationen von Reaktoren und neue Technologien auf jeden Fall offen bleiben soll. Ein weiser und wohltuender Unterschied zur Bundesrätlichen Strategie.

Bezüglich der Nachfrageentwicklung  kommt der Bericht auf ein ähnliches Resultat wie der Bundesrat. Der Stromverbrauch könne etwa auf dem heutigen Niveau stabilisiert werden. Dazu sollen nicht zuletzt höhere Preise führen. Die Studie rechnet bis 2050 mit 50% höheren Preisen – ohne Lenkungs- oder Förderabgaben. Der Verbrauch ist von weiteren Faktoren wie Einkommen der Bevölkerung oder neuen Technologien abhängig.

Die Kernfrage allerdings, wie der Verbrauch von der Wirtschaftsentwicklung abzukoppeln ist – eine wachsende Wirtschaft führt stets zu wachsendem Verbrauch – wird damit nicht beantwortet. Der Preiseffekt kann sehr wohl zu einer geringeren Nachfrage führen, allerdings aber auch zu schwächerem Wachstum. In diesem Fall müsste der sinkende Verbrauch mit weniger Wohlstand bezahlt werden. Zudem ist auch nicht klar, wie höhere Preise die Strukturen der Wirtschaft beeinflussen werden. Das gilt besonders, aber nicht nur, für die energieintensiven Branchen. Für sie wird der Standort Schweiz unattraktiver, zumal mit Ausnahme von Deutschland kein anderes Land den Ausstieg verkündet hat.

Produktionsseitig geht die Akademie davon aus, dass vorerst keine neuen Kernkraftwerke gebaut werden und möglichst auf Gaskraftwerke verzichtet werden soll. Da die Wasserkraft in der Schweiz fast ausgeschöpft ist, stehen im Wesentlichen die Wind- und die Sonnenenergie zur Debatte. Zur Geothermie können kaum Aussagen gemacht werden, denn sie steckt noch in den Kinderschuhen.

Berechnungen der Akademie haben ergeben, dass die Stromkosten im Vergleich der verschiedenen Produktionsarten ausgerechnet in den favorisierten Trägern Wind und vor allem Sonne am höchsten sind. Es soll also just auf die teuersten Träger gesetzt werden – das ist gesamtwirtschaftlich alles andere als effizient und ausgesprochen kostspielig.

Zudem ist das Potenzial für  Windstrom in der Schweiz gering. In der Photovoltaik ist es gemäss der Studie wesentlich grösser. Nur haben beide Quellen einen grossen Nachteil: Die Stromproduktion fällt unregelmässig, kaum prognostizierbar und oft nicht zu Zeiten der Verbrauchsspitzen an – es müssen Ersatzkapazitäten für sofortiges Zuschalten bereit stehen.

Es braucht also die eben nicht erwünschten Gaskraftwerke oder erhebliche Speichermöglichkeiten. Diese sind heute keineswegs vorhanden. Gewisse Ausbauvorhaben sind mit dem Bau neuer Pumpspeicherwerke eingeleitet. Nur: Sie werden kaum ausreichen. Andere Technologien sind zu wenig erforscht, sehr teuer und umweltbelastend. Wenn nicht genügend Speicherkapazitäten zur Verfügung stehen, wird die Wende jedoch scheitern.

Dasselbe gilt für den Ausbau der Netze – ein vernachlässigtes Thema. Die Übertragungs- und Verteilnetze sind gemäss der Studie überaltert und so oder so zu erneuern. Hinzu kommt als Erschwernis die dezentrale Produktion durch Sonne und Wind. Den sich ergebenden Anforderungen sind die heutigen Netze nicht gewachsen. Dieser Aus- und Umbau ist eine notwendige Bedingung für das Funktionieren der Wende. Die Kosten allein dafür werden auf 12 bis 42 Mrd. Fr. veranschlagt.

Markt öffnen

Die Studie kommt auch zum Schluss, dass die Wende nur gelingen wird, wenn der Strommarkt vollständig geöffnet wird. Nur so sei die notwendige Integration in den Marktverbund mit der EU möglich. Damit tut sich die Schweiz bekanntlich schwer, die bisherige Teilöffnung war ein Rohrkrepierer – weil sie falsch aufgesetzt war.

In einem liberalisierten Strommarkt sollen die Preise zudem die wahren Kosten reflektieren. Subventionen sowie Verbote und Gebote zur Verbrauchssteuerung haben keinen Platz. Allerdings haben Subventionen heute über die kostendeckende Einspeisevergütung einen hohen Stellenwert. Sie wirken jedoch stets verzerrend und sind ineffizient. Projektleiter Kiener sagte es an der Präsentation der Studie deutlich: «Die Energiewende lässt sich nicht herbeisubventionieren».

Die Studie führt zu zwei wichtigen Schlüssen: Die Energiewende ist machbar. Allerdings wird sie unglaublich teuer, die Kosten werden sich auf ein Mehrfaches der vom Bundesrat veranschlagten 30 Mrd. Fr. belaufen. Zudem kann sie nicht erzwungen werden, sie bedarf eines breiten gesellschaftlichen Konsenses. Sie lässt sich nicht, wie der Bundesrat dies will, über eine Flut von planwirtschaftlichen Abgaben, Verboten und Geboten erzwingen. Der Konsens kann nur über eine offene, faktenbasierte Kommunikation erreicht werden. Auch darin liegt die «gewaltige Herausforderung» der Wende, die vom Bundesrat so sträflich unterschätzt wird.

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Ein Kommentar zu «Unterschätzte energiepolitische Herausforderung»

  • Emanuel Höhener sagt: 20:56 - 13.08.12

    Kommentar zu „Unterschätzte energiepolitische Herausforderung“

    „Energiewende“ wird wohl dereinst zum Unwort des Jahrzehnts erklärt werden. Was im Mai 2011 durch die CH Politik eingeleitet wurde, endet wohl eher in einer Wohlstandswende.

    Machbar ist sehr vieles, eine andere und eigentlich viel wichtigere Frage ist die der Sinngebung. Das groteske an der Situation ist doch dies, dass die Zielsetzungen zur „Energiewende“ bundesbehördlich nur als Orientierungshilfen verstanden werden. Man leitet im unsorgfältig, durch Schreibtischtäter vorbereiteten Schnellschussverfahren einen fundamentalen Umbau eines über rund 100 Jahre entwickelten und gewachsenen Systems ein, das sich notabene technisch sehr bewährt hat, ohne dass man die Ziellösungen kennt.

    Es ist nicht allzulange her, da bestand die Politik auf Versorgungssicherheit als oberste Prämisse und Vorgabe im Zusammenhang mit der angestrebten Marktliberalisierung, respektive dies wurde als gewichtiges Kriterium der Liberalisierungsgegner verwendet. Genau dies ist einer der Parameter den man mit den angestrebten Lösungen auf der Strecke lässt, da ist die Fristigkeit der Politik, bestenfalls 4 Jahre. Mit dieser kurzfristigen Denkweise will man einen systemrelevanten Wirtschaftszweig umbauen, wo bezüglich Anlagen, Stetigkeit und ein Planungszeitraum von sicher 20+ Jahren notwendig ist.

    Störend ist auch dies: Im Frühjahr 2012 hat auch Bundesbern zugestanden, dass der Nuklearausstieg ohne den Einsatz von grösseren Gaskraftwerken – die dann wohl viel länger als angedacht in Betrieb sein müssten – nicht machbar ist. Wie rechtfertigt man da die immer höheren CO2 Abgaben für Treibstoffe, wenn man zur selben Zeit allen ernstes den Einsatz von Anlagen einplant, die die schweizerische CO2 Referenzbilanz um 15% bis 20% erhöhen werden? Auf der einen Seite predigt man Ablass auf der anderen baut man Paläste.

    Sehr teuer wird es auch darum, weil wie im Artikel geschildert, Solar wie auch Wind bereits für sich teure Energien sind, die zudem qualitativ “Junk“ liefern. Damit dieser Junk einigermassen auf Grundlastniveau (Versorgungssicherheit) veredelt werden kann, müssen Speicher und Pumpspeicher eingesetzt werden, qualitativ die wertvollste Form elektrischer Energie, weil hochflexibel. Dadurch wird der Preis für Grundlast (Base) steigen und der Spread zur Spitzenlast (Peak) sinken. Pumpspeicher und Speicherwerke sind auf einen Spread Grenzwert angewiesen. Bereits heute wird dieser Grenzwert unterschritten, d. h. am Ende müssen auch die bisher rentablen Pumpspeicher subventioniert werden.

    Zudem bauen die Orientierungshilfen zur „Energiewende“ auf Annahmen zum Energieverbrauchswachstum, die sehr gewagt sind und so noch nie bewiesen wurden. Die an und für sich vernünftige Vorgabe der Reduktion des Verbrauchs von Hydrocarbonaten bedeutet wohl: Raus aus Kohle/ Oel/ Gas und rein in den elektrischen Strom. So ist wohl realistischerweise anzunehmen, dass auch wenn es gelingen sollte, den Verbrauch an Hydrokarbonaten zu senken, der Bedarf an Strom per capita weiter steigen wird. Alles andere ist gewagt und würde auch Zwangsmassnahmen – Wohlstandswende – voraussetzen.

    Zudem, die Schweiz ist keine Insel, nachhaltige Lösungen zu den zukünftigen Energiefragen erfordern mindestens einen kontinentalen Ansatz, man denke da beispielsweise an die CO2 Thematik oder an die Netzthematik. Erwartet man auch von den aufstrebenden Nationen wie China, Indien, Brasilien usw. einen Beitrag zur Reduktion des CO2 Ausstosses, so sind deren Probleme ohne den grossen Einsatz von Nukleartechnologie nicht lösbar, es sei denn, man verwehrt diesen und weiteren Nationen den Wohlstand und die soziale Sicherheit für alle. Das ist, wovon wir letztlich reden.

    Emanuel Höhener
    Stetten, 13. Aug. 2012

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