Kommentare 11:02 - 20.10.2015

Wann platzt die nächste Blase?

Thomas Straubhaar
«Wenn Kapital nichts mehr kostet, verliert der Kapitalismus seinen Anker. »
Wegen des Nullzinses steigen Börsenkurse und Immobilienpreise rascher als das reale Wachstum von Produktivität, Effizienz und Leistungsfähigkeit von Unternehmen – ein Warnsignal. Ein Kommentar von Thomas Straubhaar.
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zum Stichwort
Aktie
Wertpapier , das einen Anteil am Kapital einer Aktiengesellschaft verkörpert. Es sichert dem Eigentümer Mitgliedschaftsrechte (Stimm- und Wahlrecht an der Generalversammlung) und Vermögensrechte (Recht auf Anteil am Gewinn, Beteiligungsquote bei Kapitalerhöhungen oder am Liquidationsergebnis) zu.
Anleihe
Fremdmittelaufnahme am Kapitalmarkt . Anleihen können fix oder variabel verzinst werden. Die als Wertpapier ausgestalteten und somit handelbaren Bruchteile einer Anleihe werden Obligationen oder Bonds genannt.
Aufwertung
Bewirkt einen grösseren Aussenwert der Währung, was Exporte verteuert und Importe vergünstigt.
BIP
Wertschöpfung einer Volkswirtschaft . Die Entwicklung des BIP ist eine wichtige Einflussgrösse für die Gewinne der Unternehmen sowie das Zinsniveau und dadurch indirekt für Aktien und Obligationen .
Beschäftigte
Die Statistik versteht unter Beschäftigten besetzte «Stellen», was nicht identisch ist mit Erwerbstätigen, da eine erwerbstätige Person mehrere Stellen besetzen kann.
Bruttoinlandprodukt
Wertschöpfung einer Volkswirtschaft . Die Entwicklung des BIP ist eine wichtige Einflussgrösse für die Gewinne der Unternehmen sowie das Zinsniveau und dadurch indirekt für Aktien und Obligationen .
Börse
Regelmässig stattfindender, nach feststehenden Usanzen organisierter Markt. Je nach den gehandelten Gütern spricht man z. B. von Wertpapier-, Effekten-, Devisen-, Warenbörsen oder Börsen für derivative Instrumente (Terminbörsen ).
Devisen
Auf ausländische Währung lautende und im Ausland zahlbare Geldforderungen, insbesondere Bankguthaben, Checks und Wechsel. Allgemein auch ein Sammelbegriff für ausländische Währungen.
EZB
Zentralbank der EWU-Länder . Sie entscheidet über die Geldpolitik. Die Geld- und Währungspolitik wird zusammen mit den nationalen Zentralbanken (Europäisches System der Zentralbanken ) umgesetzt. Der wichtigste Leitzins der EZB ist der Mindestbietungssatz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte .
Fed
US-Zentralbanksystem, dem die zwölf Federal Reserve Banks angeschlossen sind. An der Spitze steht das Direktorium (Board) in Washington, das auch die Mehrheit im Offenmarktausschuss stellt, in dem über die Geldpolitik entschieden wird.
Geldpolitik
Massnahmen, mit denen die Zentralbanken die Zinsen am Geldmarkt (Leitzinsen ) und damit die Geldversorgung eines Landes oder Währungsraums steuern. Die meisten Zentralbanken, so auch die Schweizerische Nationalbank , sind bestrebt, die Preise stabil zu halten (vgl. Inflation , Deflation ) und der Wirtschaft Wachstum zu ermöglichen (vgl. quantitative Lockerung ).
Inflation
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Inflationserwartung
Entscheidende Grösse für die geldpolitische Lagebeurteilung durch Zentralbanken sowie für die Marktrendite von (Staats-)Anleihen . Nicht die gegenwärtige Inflationsrate beeinflusst das Handeln von Verbrauchern und Investoren, sondern deren Meinung, wie sich die Teuerung in Zukunft entwickeln wird. Inflationserwartungen lassen sich jedoch nur annäherungsweise bestimmen, u. a. anhand von Prognosen und der Renditedifferenz zwischen nominellen und inflationsgeschützten Anleihen gleicher Laufzeit (sogenannte Break-even-Inflationsrate).
Insider
Person, die eine vertrauliche Tatsache kennt oder über nicht allgemein zugängliche Informationen verfügt, die nach ihrem Bekanntwerden voraussichtlich einen Einfluss auf den Kurs von Wertpapieren haben.
Konjunktur
Oft synonym verwendet für die Lage der Gesamtwirtschaft. Die Forschung betont den zyklischen Verlauf des Wirtschaftswachstums (Aufschwung , Hochkonjunktur, Abschwung, Rezession , Depression). Im Englischen wird deshalb auch von Business Cycle gesprochen.
Kurs
Börsen- oder Marktpreis von Wertpapieren , Devisen , Münzen oder Waren. Der Kurs schwankt je nach Angebot und Nachfrage.
Leitzinsen
Zinsen der Zentralbanken zur Geldmengensteuerung mit Signalwirkung für die Geldpolitik, in den USA Federal Funds Target Rate genannt. Die Schweizerische Nationalbank verwendet ein Zielband für den Dreimonatssatz Libor .
Libor
Im Interbankengeschäft angewandter Geldmarktsatz , zu dem eine Bank einer anderen erstklassigen Bank Depositen offeriert. Er dient bei Anleihen mit variablem Zins (Floater) als Richtsatz zur Festlegung des Coupons für eine bestimmte Periode. Auch für andere Finanzgeschäfte dient er als Richtsatz, weshalb er eine grosse wirtschaftliche Bedeutung hat. Die SNB verwendet den Libor für Dreimonatsgelder in Franken seit Anfang 2 als Zielgrösse für die Geldpolitik. In der Eurozone heisst der entsprechende Satz European Interbank Offered Rate (Euribor).
Liquidität
1. Fähigkeit eines Unternehmens zur fristgerechten Erfüllung der Zahlungsverpflichtungen. Als Liquiditätskennzahlen gebräuchlich sind die Cash Ratio, die in Prozenten ausdrückt, wie viel des kurzfristigen Fremdkapitals durch liquide Mittel gedeckt ist, die Quick Ratio, die zeigt, wie viel des kurzfristigen Fremdkapitals durch liquide Mittel und Forderungen gedeckt ist, und die Current Ratio. Letztere setzt alle Aktiven des Umlaufvermögens ins Verhältnis zum kurzfristigen Fremdkapital. 2. Hohe Marktgängigkeit eines Wertpapiers, die auf der Vielzahl der im Umlauf befindlichen Titel und einer engen Geld-Brief-Spanne gründet.
Notenbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .
Nullzinspolitik
Zur Bekämpfung einer Deflation senkt die Notenbank den Leitzins auf 0% und versucht auf diese Weise negative Realzinsen zu erzielen, sodass ein Anreiz geschaffen wird, zu investieren und Kredite aufzunehmen (vgl. quantitative Lockerung ).
Potenzialwachstum
Die langfristige Entwicklung des BIP bei optimaler Auslastung der vorhandenen Kapazitäten, ohne dass die Inflation angeheizt wird. In der Regel weicht die Entwicklung des BIP vom Potenzialwachstum aufgrund konjunktureller Schwankungen ab, die sich in den Variationen der Auslastung des Produktionspotenzials (Kapazitätsauslastung) niederschlagen. Das Wachstum des BIP wird sowohl vom Wachstum des Produktionspotenzials als auch von der Entwicklung der Produktionslücke (Output Gap) – als Mass für konjunkturelle Schwankungen – beeinflusst. Das Potenzial ist nicht beobachtbar und muss daher geschätzt werden.
Produktivität
In den meisten Ländervergleichen wird sie mit der Arbeitsproduktivität gleichgesetzt, also der Wirtschaftsleistung pro Arbeitskraft bzw. BIP pro geleistete Arbeitsstunde. Ein breiter gefasstes Konzept, das auch andere Input-Faktoren, wie den Kapitaleinsatz, berücksichtigt, ist die Multi Factor Productivity.
QE
Früher verpönte unkonventionelle geldpolitische Massnahme. Statt über Zinssenkungen die Finanzierungsbedingungen zu lockern, wird die Geldmenge direkt ausgeweitet, indem Wertschriften oder Devisen angekauft werden, ohne paralell dazu eine Sterilisierung durchzuführen. Im schlimmsten Fall erwerben Notenbanken direkt die Schuldbriefe der Regierung und fördern damit eine zügellose Schuldenpolitik des Staates (Schuldenmonetisierung).
Real
1. Gibt den inflationsbereinigten Wert an. Gegenteil: nominal. 2. Name der brasilianischen Währung.
Risiko
In der Finanzmarkttheorie wird das Risiko einer Anlage an den Ertragsschwankungen gemessen. Risiko und Ertrag stehen theoretisch in einem direkten Zusammenhang: Je höher das eingegangene Risiko ist, desto grösser sollte längerfristig der Ertrag der entsprechenden Anlage ausfallen (vgl. Risikomanagement ).
SNB
1907 gegründete Notenbank der Schweiz. Ihr Auftrag gemäss Nationalbankgesetz NBG ist, eine dem Gesamtinteresse des Landes dienliche Geldpolitik zu betreiben und insbesondere die Preisstabilität zu bewahren. Ausserdem hat sie zur Stabilität des Finanzsystems beizutragen. Die SNB versorgt den Geldmarkt und damit das Finanzsystem über Repogeschäfte mit Liquidität, gewährleistet die Bargeldversorgung, verwaltet die Währungsreserven , vertritt die Schweiz zusammen mit dem Bund im IWF sowie in der Weltbank und fungiert als Hausbank der Eidgenossenschaft. Die SNB ist als spezialgesetzliche AG organisiert und an der SIX kotiert. Die Kantone halten die Mehrheit der Aktien , die Rechte der wenigen Privataktionäre werden auch vom NBG stark beschnitten, das z. B. die Höhe der Dividende limitiert. Organe der SNB sind der elfköpfige Bankrat als eine Art VR , das für die Geldpolitik verantwortliche ausführende dreiköpfige Direktorium als Geschäftsleitung , die GV und die Revisionsstelle .
Schweizerische Nationalbank
1907 gegründete Notenbank der Schweiz. Ihr Auftrag gemäss Nationalbankgesetz NBG ist, eine dem Gesamtinteresse des Landes dienliche Geldpolitik zu betreiben und insbesondere die Preisstabilität zu bewahren. Ausserdem hat sie zur Stabilität des Finanzsystems beizutragen. Die SNB versorgt den Geldmarkt und damit das Finanzsystem über Repogeschäfte mit Liquidität, gewährleistet die Bargeldversorgung, verwaltet die Währungsreserven , vertritt die Schweiz zusammen mit dem Bund im IWF sowie in der Weltbank und fungiert als Hausbank der Eidgenossenschaft. Die SNB ist als spezialgesetzliche AG organisiert und an der SIX kotiert. Die Kantone halten die Mehrheit der Aktien , die Rechte der wenigen Privataktionäre werden auch vom NBG stark beschnitten, das z. B. die Höhe der Dividende limitiert. Organe der SNB sind der elfköpfige Bankrat als eine Art VR , das für die Geldpolitik verantwortliche ausführende dreiköpfige Direktorium als Geschäftsleitung , die GV und die Revisionsstelle .
Settlement
Ein Börsengeschäft wird in drei Schritten abgewickelt: Nach dem Abschluss des Handelsgeschäfts (Trade) folgen die Datenübereinstimmung zwischen Käufer und Verkäufer (Matching), die Eingabe in das Verrechnungssystem (Clearing) und die Erfüllung (Settlement). Die SIX verbindet Handel und Abwicklung elektronisch miteinander. Normale Börsengeschäfte werden in der Regel Valuta drei Tage abgerechnet, d. h., Lieferung und Zahlung aus einer Börsentransaktion finden gemäss Usanzen am dritten Börsentag nach dem Abschluss statt.
Staatsanleihe
Anleihe , die von einem Staat zur Deckung seines Finanzierungsbedarfs im In- oder Ausland emittiert wird. Die Renditen der Staatsanleihen dienen als Benchmark für andere Emittenten desselben Staates. Die Schweiz begibt im Unterschied zu anderen Ländern keine Anleihen der Eidgenossenschaft im Ausland.
Volatilität
Kursschwankungen eines Basiswerts (vgl. historische Volatilität , implizite Volatilität , Vega , Volatilitätsanalyse , Volatilitätsindex ).
Wertpapier
Urkunde, mit der ein Recht derart verknüpft ist, dass es ohne die Urkunde weder geltend gemacht noch auf andere übertragen werden kann. Zu den Wertpapieren zählen Aktien , Obligationen , Partizipations- und Genussscheine , Anteile von Anlagefonds , Warrants und strukturierte Produkte .
Zentralbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .

Die Weltwirtschaft verharrt im Ungleichgewicht. Unsicherheit und Volatilität sind grösser denn je. Dieses eher pessimistische als optimistische Urteil entspricht auch der Einschätzung der amerikanischen Notenbank (Fed). Deshalb hat sie entgegen aller Erwartung (und auch unter Missachtung eigener Grundsätze) im September die Leitzinsen (noch) nicht angehoben. Offenbar hält das Fed den Zustand der Weltwirtschaft für weiterhin so fragil, dass es die Zinswende ein weiteres Mal aufgeschoben hat. Vor allem wollte es die sowieso bereits ökonomisch angeschlagenen Schwellenländer nicht weiter schwächen.

Zum AutorThomas Straubhaar ist Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg.Ähnlich kritisch bleibt die Lage in Europa. Zwar verdrängt die Flüchtlingskrise alle anderen Themen in den medialen Hintergrund. Das ändert aber gar nichts daran, dass das Fehlen von Konvergenz innerhalb des Euroraums, die Gefahr einer Staatsinsolvenz Griechenlands und die zu hohe öffentliche Verschuldung der strukturschwächeren Euromitglieder nach wie vor ständige Brandherde darstellen, die jederzeit von neuem auflodern können. Genau deswegen hat Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), letzte Woche schon einmal angekündigt, bei Bedarf zusätzliches Löschwasser in den Kreislauf zu pumpen und kurzfristig noch mehr Wertschriften aufzukaufen, als es ohnehin bereits geplant war.

Beidseits des Atlantiks bleiben somit die Notenbanken Fed und EZB zumindest vorerst und dadurch weit länger als erwartet ihrer expansiven Geldpolitik treu, obwohl die Makrodaten zumindest für die USA eigentlich längstens nach einer Normalisierung verlangen. Der Internationale Währungsfonds rechnet in seinem Herbstausblick für die USA mit einer Wachstumsrate des realen Bruttoinlandprodukts (BIP) von 2,6% in diesem und 2,8% im nächsten Jahr, was nur noch geringfügig vom längerfristigen Potenzialwachstum abweichen dürfte. Die Arbeitslosenrate liegt 2015 auf 5,3% und 2016 auf weniger als 5%, somit deutlich unter den vom Fed angepeilten 6,5%. Trotz der guten Wirtschaftsaussichten sieht das Fed (noch) keinen Handlungsbedarf, als hätte es aus seinen Fehlern in der ersten Hälfte des letzten Jahrzehnts nichts gelernt. Da hatte es in ähnlicher Situation einer verbesserten Konjunkturentwicklung die Zinsen zu lange zu niedrig gehalten und mit viel zu viel und viel zu billigem Geld die Immobilienblase angefacht, die später alle in die grösste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit riss.

In der Zinsfalle

Dramatisch ist, dass das Fed die übrigen Notenbanken zwingt, ihrerseits an der Nullzinspolitik festzuhalten. Denn die EZB wird mit der Zinswende wohl kaum vorprellen. Erstens weil die Konjunktur im Euroraum ohnehin den USA hinterherhinkt. Für 2015 und 2016 wird mit einem realen Wirtschaftswachstum von rund 1,5% gerechnet, bei einer Arbeitslosenrate von deutlich über 10%. Zweitens hat die EZB der schwachen konjunkturellen Erholung wegen kein Interesse, durch steigende Leitzinsen den Euro zum Dollar aufzuwerten und damit die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie gegenüber dem Ausland zu verschlechtern.

Genauso steckt die Schweizerische Nationalbank (SNB) in der Zinsfalle. Sie wird sich hüten, als Erste in die Offensive zu gehen und die Leitzinsen anzuheben. Sie würde damit einen erneuten verstärkten Aufwertungsdruck auf den Franken erzeugen. Das wiederum kann nicht im Interesse der hiesigen Wirtschaft sein, die gerade dabei ist, sich vom Tiefschlag des Januars 2015 zu erholen, als die SNB die Verteidigung des Mindestkurses aufgegeben hat.

Die Zeit der Nullzinswelt wird also vorerst weitergehen. Damit fehlt den Finanzmärkten auch in Zukunft der Kompass. Wenn Kapital nichts mehr kostet, verliert der Kapitalismus seinen Anker. Die Politik des billigen Geldes, der Kauf von Devisen oder langfristige Liquiditätskredite der Notenbanken haben Kreditmarkt und Kreditversorgung, also Kern und Wesen des Kapitalismus, ausser Kraft gesetzt.

Orientierungslose Notenbanken

Ein Nullzins erdet Finanztransaktionen nicht mit der realen Wirtschaft. Er spiegelt nicht mehr relative Knappheit, und er ist kein Massstab mehr, um damit Investitionsprojekte entsprechend ihrer realen Rentabilität zu vergleichen. Damit aber folgen Finanzwirtschaft und Realwirtschaft völlig unterschiedlichen Richtungen und Gesetzmässigkeiten.

Schlimmer noch: Immer stärker wächst die Sorge, dass nicht nur die Märkte, sondern auch die Notenbanken selbst die Orientierung verloren haben, denn das geldpolitische Gaspedal hat weder eine Beschleunigung der Verbraucherpreise noch steigende Kurse von Anleihen und Aktien bewirkt. Im Gegenteil: Die Inflationserwartungen bleiben für die USA bei 0,1% in diesem und 1,1% im kommenden Jahr sowie im Euroraum bei 0,2% für 2015 und 1% für 2016. Das liegt deutlich unter den angestrebten 2%.

Offenbar führt die Nullzinspolitik weder zur Gesundung der Wirtschaft noch zur Stimmungsaufmunterung. Eher bewirkt die geldpolitische Medizin eine Verunsicherung, die sie eigentlich gerade beseitigen sollte. «Derart niedrige Zinsen sind das offensichtlichste Symptom einer grösseren Malaise in der Weltwirtschaft: Das Wirtschaftswachstum ist unausgewogen, die Schuldenstände und die finanziellen Risiken sind noch immer zu hoch, das Produktivitätswachstum ist zu niedrig und der wirtschaftspolitische Handlungsspielraum zu klein.» Zu diesem vernichtenden Urteil kommt die Bank for International Settlements (BIS) – die Bank der Zentralbanken.

Realwirtschaftliche Entscheide werden verzerrt

Niedrige Zinsen machen die private Verschuldung billig. So können sich Verbraucher einen Konsum auf Pump leisten, und Investoren sind in der Lage, auch renditeschwächere Investitionen günstig zu finanzieren. In Kauf genommen wird, dass durch eine Politik des billigen Geldes realwirtschaftliche Entscheidungen, besonders Angebot von und Nachfrage nach Arbeit und damit Lohnverhältnisse, verzerrt und dadurch verfälscht werden. Beispielsweise wird dann zu viel gebaut, damit steigen die Löhne auf dem Bau, was es für viele – gerade auch jüngere – Beschäftigte attraktiv macht, aus anderen Branchen in die Bauwirtschaft zu wechseln. Die Entwicklung in Spanien in den vergangenen zwei Jahrzehnten veranschaulicht mehr als bedrückend, mit welchem Katzenjammer das enden kann. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit von heute ist das Erbe des spanischen Baubooms der Nullerjahre und des Platzens danach, der Zigtausende (junger) Bauarbeiter in die Arbeitslosigkeit gestürzt hat.

Aktienkurse sollten Erwartungen an die zukünftige Geschäftsentwicklung der Unternehmen abbilden. Wenn aber Vermögen, das bis anhin in Staatsanleihen, festverzinslichen Wertpapieren oder als Spareinlagen gehalten wurde, mangels Profitabilität in Aktien oder Sachwerte umgeschichtet wird, steigen die Börsenkurse oder die Immobilienpreise als Folge der zusätzlichen Nachfrage – nicht neuer betriebswirtschaftlicher Erfolgszahlen wegen.

Die vom Fed und von der EZB betriebene geldpolitische Lockerung (QE) ist für Investoren eine Einladung, Vermögen in Aktien anzulegen. Die Nullzinspolitik der Notenbanken macht erstens die (Kredit-)Finanzierung von Aktienkäufen billig. Sie führt zweitens dazu, dass die reale Verzinsung von Spareinlagen und «sicheren» Staatsanleihen negativ wird. Das macht Aktien und Sachwerte vergleichsweise attraktiver. Niedrige Zinsen bedeuten drittens, dass sich Unternehmen günstig verschulden können. Dadurch rechnen sich nahezu sämtliche Investitionen, die Unternehmen helfen, ihre Produktivität und damit Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Schliesslich sind Anlagen in Sachwerte – und nichts anderes sind auch Aktien – eine wirkungsvolle Versicherung gegen Inflation, die von vielen deshalb erwartet wird, weil die Notenbanken so viel neues Geld in den Kreislauf gepumpt haben.

Risikobereitschaft steigt

Alle genannten Gründe sorgen dafür, dass die Risikobereitschaft von Investoren zunimmt, Vermögen in Aktien und andere Sachwerte umzuschichten. Der Anstieg der Immobilienpreise in der Schweiz veranschaulicht exemplarisch, wie sehr die Flucht in Sachwerte die reale Preisentwicklung verzerrt. Seit die SNB Ende 2008 die untere Grenze des Zielbands für den Dreimonats-Libor auf 0% gesenkt hat, haben sich gesamtschweizerisch bis Mitte 2015 Einfamilienhäuser real ein Viertel und Eigentumswohnungen sogar 28% verteuert, woraus sich eine reale Jahresrendite von durchschnittlich 3,8 bzw. 4,3% errechnet. In der gleich langen Periode 2003 bis 2008 lag die reale Wertsteigerung bei Einfamilienhäusern lediglich auf jährlich 1,2% und auf 1,7% bei Eigentumswohnungen. Ob sich daraus eine Preisblase erkennen lässt, ist vergleichsweise nebensächlich. Wichtiger ist auf jeden Fall, dass hier Vermögensillusionen gebildet werden. Immobilienbesitzer halten sich in der Summe für wohlhabender, als sie es wohl tatsächlich sind.

Wenn Börsenkurse oder Immobilienpreise deutlich rascher steigen als die reale Wachstumsrate von Produktivität, Effizienz oder Leistungsfähigkeit von Unternehmen, müssen zwangsläufig die Warnlichter angehen. Für zu viele Insider an den Finanzmärkten steigen dann die Anreize, die Ungleichgewichte zwischen realer und monetärer Entwicklung auszunutzen, Volatilität zu erzeugen und auf Kosten von Kleinanlegern oder uninformierten Outsidern zu eigenen Gunsten Kasse zu machen. In dieser Situation aber wird gerade die Absicht, sich durch den Kauf von Aktien und anderen Sachwerten gegen Unsicherheit abzusichern, zum Bumerang. Er trifft diejenigen, die durch ihre Nachfrage erst eine Blase aufgepumpt haben, von deren Platzen sie danach selbst getroffen werden.

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Ein Kommentar zu «Wann platzt die nächste Blase?»

  • Markus Saurer sagt: 18:14 - 20.10.15

    Sehr interessanter Beitrag. Aber trifft es wirklich zu, dass Kredite für private (Real-) Investitionen billig zu haben sind? Ich bin auch schon auf Kommentare gestossen, die sich über das Gegenteil beklagt haben. Trotz niedriger oder gar negativer Leitzinsen seien kommerzielle Kredite enorm teuer (es werde eine extrem hohe Risikoprämie einkalkuliert). Von der Blase scheinen bis dato vor allem die bestehenden Realwerte betroffen zu sein.