Kommentare 12:09 - 05.02.2016

Was die Komplexität lehrt

William WhiteEnglish Version »
«Alle komplexen Systeme versagen regelmässig, das heisst, sie münden in eine Krise. »
In der Makroökonomik herrscht der Irrglaube, die Wirtschaft lasse sich weitgehend verstehen und erzeuge vorhersehbare Ergebnisse. Das führt zu gefährlichen politischen Fehlern. Ein Kommentar von William White.
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zum Stichwort
Bank für Internationalen Zahlungsausgleich
1930 mit Sitz in Basel gegründete Organisation. Die BIZ fördert die Zusammenarbeit der Zentralbanken (darunter SNB ), die auch die Aktionäre der BIZ sind. In ihrem Rahmen wurde Basel II erarbeitet.
Besta
Seit 1925 quartalsweise per Stichprobe in 66 Schweizer Betrieben durchgeführte Beschäftigungsstatistik (vgl. Beschäftigte und Erwerbstätigenstatistik ).
Eurozone
Von elf Staaten der Europäischen Union per 1. Januar 1999 realisierter Zusammenschluss (seit 2001 auch Griechenland, seit 2007 Slowenien, seit 2008 Malta und Zypern). Die Teilnehmer haben die geldpolitische Kompetenz der EZB übertragen. Die nationalen Währungen wurden gegeneinander (Wechselkursverhältnisse) und gegenüber der Einheitswährung Euro fixiert.
Geldpolitik
Massnahmen, mit denen die Zentralbanken die Zinsen am Geldmarkt (Leitzinsen ) und damit die Geldversorgung eines Landes oder Währungsraums steuern. Die meisten Zentralbanken, so auch die Schweizerische Nationalbank , sind bestrebt, die Preise stabil zu halten (vgl. Inflation , Deflation ) und der Wirtschaft Wachstum zu ermöglichen (vgl. quantitative Lockerung ).
Kurs
Börsen- oder Marktpreis von Wertpapieren , Devisen , Münzen oder Waren. Der Kurs schwankt je nach Angebot und Nachfrage.
Normalverteilung
Auch als Gauss'sche Glockenkurve bekannt. Gleichmässige, symmetrische Häufigkeits- respektive Wahrscheinlichkeitsverteilung, die durch zwei Variablen definiert ist: Der Mittelwert (Erwartungswert) ist das Zentrum der Verteilung, die Standardabweichung (Sigma) ist ein Mass für die Streuung um den Mittelwert. Dient als Grundlage für finanzmarkttheoretische Modelle wie das CAPM , das Black-Scholes-Modell und den VaR . Problem: Fat Tail .
Notenbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .
Rezession
Phase im Konjunkturzyklus . Rückläufiges Wachstum des BIP während mindestens zwei Quartalen.
Risiko
In der Finanzmarkttheorie wird das Risiko einer Anlage an den Ertragsschwankungen gemessen. Risiko und Ertrag stehen theoretisch in einem direkten Zusammenhang: Je höher das eingegangene Risiko ist, desto grösser sollte längerfristig der Ertrag der entsprechenden Anlage ausfallen (vgl. Risikomanagement ).
Volkswirtschaft
Von Ökonomen verwendetes Synonym für die Wirtschaft eines Landes beziehungsweise einen Wirtschaftsraum wie die EU .
Wechselkurs
Gibt an, in welchem Verhältnis die Währung eines Landes gegen die Währung eines anderen Landes gewechselt werden kann (vgl. effektiver Wechselkurs ).
Zentralbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .

Die Notenbanken der wichtigsten entwickelten Volkswirtschaften verfolgen seit Jahren zunehmend experimentelle Geldpolitiken. Diese tragen das Risiko in sich, unglücklich zu enden.

Dieser Kurs spiegelt zu weiten Teilen die politische Wirklichkeit, dass die Geldpolitik zum einzigen «Game in Town» geworden ist. In nicht geringem Mass spiegelt dies jedoch auch altgewohnte Glaubensinhalte von Zentralbanken darüber, wie die Wirtschaft eigentlich funktioniert. Zudem – weil ein disziplinierendes internationales Geldsystem fehlt – hat bis vor kurzem nahezu jede Notenbank einen noch nie dagewesenen Prozess der geldpolitischen Lockerung verfolgt.

Im Ergebnis könnte die Weltwirtschaft nun verwundbarer sein als 2007.

Zum AutorWilliam White war bis 2008 Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.Das grundlegende Problem besteht darin, dass moderne Makroökonomik auf einer Reihe falscher Glaubenssätze beruht, am fundamentalsten auf demjenigen, dass die Wirtschaft im Wesentlichen eine verständliche, sich nicht ändernde Maschinerie ist. Darüber hinaus erzeuge diese Maschinerie Ergebnisse in vollkommen vorhersehbarer, linearer Art und Weise, unter enger Kontrolle der politischen Steuerung.

Betrüblicherweise müsste ein Philosoph daraus schliessen, dass diese Denkschule einem schweren erkenntnistheoretischen Irrtum erliegt. Was man von einem System verstehen kann, hängt von seiner Natur ab, und die Natur unserer Volkswirtschaften ist schlicht zu komplex, um gut verstanden – und erst recht kontrolliert – zu werden. Überdies verändert sich die Wirtschaft fortlaufend unter dem Einfluss des technologischen Wandels und der Anforderungen des Wettbewerbs. Was gestern ein Traum (oder ein Albtraum) war, ist gemeinhin heute Wirklichkeit.

Obwohl der plötzliche und unvorhergesehene Ansturm der laufenden Krise und erst recht ihre Tiefe und Dauer hätten erwarten lassen, diese falschen Glaubensinhalte wegzufegen, ist das nicht geschehen. Dennoch hat die Krise das Interesse an alternativen Standpunkten wesentlich erhöht. Die Wirtschaft sollte, statt als Maschinerie, eher als eine Art Wald betrachtet werden, als ein komplexes, anpassungsfähiges System mit grossen gegenseitigen Abhängigkeiten unter seinen Bestandteilen, zudem mit dem Potenzial, ausgesprochen nichtlineare Ergebnisse hervorzubringen.

Solche Systeme entwickeln sich pfadabhängig, und es gibt kein Gleichgewicht, zu dem sie zurückkehren könnten.

Ein System, keine Maschine

Es gibt es viele derartige Systeme sowohl in der Natur wie in der Gesellschaft – Verkehrsmuster, Schwarmbewegungen, Ausbreitung von Verbrechen oder Seuchen, soziale Netzwerke, Stadtentwicklung und viele mehr. In der Tat sind sie so allgegenwärtig, dass die Annahme, die Wirtschaft habe völlig andere Charakteristiken, schier wider jede Vernunft geht. Zudem wurden die Eigenschaften solcher komplexer Systeme gründlich studiert, und eine Reihe gemeinsamer Merkmale sticht hervor. Die Gestalter der Wirtschaftspolitik könnten aus diesen interdisziplinären Studien viel lernen.

Vier Punkte sind zentral. Erstens: Alle komplexen Systeme versagen regelmässig, das heisst, sie münden in eine Krise. Die Forschung geht davon aus, dass die Verteilung der Ergebnisse gewöhnlich bestimmt wird von einem Potenzgesetz. Grosse Krisen treten selten auf, kleinere häufiger.

Ein Blick auf die Wirtschaftsgeschichte – die nach Jahrzehnten der Vernachlässigung wieder in Mode gekommen ist – zeigt, dass sich dieses Muster auch dort anwenden lässt. Beispielsweise gab es grosse Krisen 1825, 1873 und 1930, zudem kleinere in jüngerer Zeit in den nordischen Staaten, Japan und Südostasien.

Daraus muss die Politik folgende Lektion lernen: Wenn Krisen tatsächlich unvermeidlich sind, dann brauchen wir vorbereitete Mechanismen, um sie zu bewältigen. Unglücklicherweise war das nicht der Fall, als 2007 die globale Krise bzw. 2010 die Krise der Eurozone ausbrach. Tatsächlich fehlen solche Mechanismen nach wie vor.

Keine «Ansteckung»

Zweitens: Der Auslöser für eine Krise ist unerheblich. Er könnte irgendwas sein, vielleicht sogar für sich allein betrachtet etwas Triviales. Es ist das System, das instabil ist.

Die gegenwärtige weltweite Krise begann 2006 im Subprime-Segment des amerikanischen Hypothekenmarktes. Der damalige Notenbankgouverneur Ben Bernanke schätzte zunächst, dass die Verluste 50 Mrd. $ nicht übertreffen und nicht über den Subprime-Markt hinausreichen würden. Heute, Jahre später und ohne Ende in Sicht, summieren sich die Kosten der Krise auf viele Billionen, und sie hat sich weltweit ausgedehnt. Es scheint völlig unglaubwürdig, dass «Ansteckung» die Ursache dafür war.

Ein ähnlicher Fall: Wie konnten Schwierigkeiten, die 2010 im kleinen Griechenland auftraten, derart weitreichende und dauerhafte Folgen für die ganze Eurozone haben? Die globale Krise war vielmehr ein Unfall, der einfach geschehen musste, ebenso wie die Krise der Eurozone.

Die Lektion daraus ist die, dass die Lenker der Wirtschaftspolitik sich stärker konzentrieren müssen auf gegenseitige Abhängigkeiten und systemische Risiken. Wenngleich sich Zeitpunkt und Auslöser von Krisen unmöglich vorhersagen lassen, so ist es doch machbar, Anzeichen des Aufbaus möglicher Instabilität zu erkennen und darauf zu reagieren.

Namentlich neigen wirtschaftliche und finanzielle Systeme zu Instabilität, wenn Kredit- und Schuldenvolumen steigen – entweder auf ein hohes Niveau oder sehr schnell. Das sind beides gefährliche Entwicklungen und gehen gewöhnlich einem steilen Wirtschaftsabschwung voraus.

Kampf gegen kleine Rezessionen schafft eine grosse

Drittens können komplexe Systeme – in Übereinstimmung mit dem Potenzgesetz – häufiger zu sehr grossen wirtschaftlichen Verlusten führen, als es eine Normalverteilung annehmen liesse. Ferner lösen grosse Wirtschaftskrisen oft gesellschaftliche und politische Instabilität aus.

Hieraus ergibt sich die Lektion, dass sich die politisch Verantwortlichen mehr darauf einstellen müssen, wirklich schlechte Ergebnisse zu vermeiden, als gute Ergebnisse noch zu optimieren. Wir verfügen schlicht nicht über das Wissen, um wirtschaftspolitisches Optimieren zu betreiben, just wie es Friedrich August von Hayek 1974 in seiner Ansprache zum Empfang des Nobelpreises ausdrückte, in der er sich mit der Anmassung von Wissen (The pretence of knowledge) befasste.

Die Wirtschaftspolitiker haben jedoch, im Gegensatz hierzu, in den vergangenen Jahrzehnten alle Hebel in Bewegung gesetzt, um jedem kleinen Abschwung entgegenzuwirken. Auf diese Weise haben sie dazu beigetragen, das Problem des Schuldenüberhangs zu schaffen, mit dem wir heute noch konfrontiert sind. Gemäss der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat sich das weltweite Verhältnis (nichtfinanzieller) Schulden zur Wirtschaftsleistung von 210% im Jahr 2007 auf 240% im vergangenen Jahr erhöht.

Der Entschuldungsprozess, der erforderlich ist, um künftig kräftiges und nachhaltiges Wachstum zu stützen, hat noch nicht einmal begonnen.

Viertens zeigt der Blick auf die Geschichte von Wirtschafts- und Finanzkrisen, dass sie zwar viele Ähnlichkeiten aufweisen, aber ebenso viele Unterschiede. Wie Mark Twain es sagte: Die Geschichte wiederholt sich nie, doch sie reimt sich. Das ist zum Teil begründet mit der Anpassung des menschlichen Verhaltens – sowohl auf den Märkten wie auch seitens der Regulatoren – in der Reaktion auf vergangene Krisen. Obschon übermässiges Kreditwachstum die gemeinsame Ursache der meisten Krisen sein dürfte, könnten die Kreditgeber (Banken, Nichtbanken) wie auch die Eigenschaften der Kreditnehmer (Regierungen, Unternehmen, Haushalte) sehr wohl unterschiedlich sein.

Behörden müssen wachsam und flexibel sein

Anzumerken ist auch, dass solche Krisen unter verschiedensten regulatorischen und Wechselkursregimes aufgetreten sind. Zudem ist nicht ausgeschlossen, dass ein Bereich, der heute stabil ist (etwa Zahlungssysteme), morgen schon der Auslöser für Instabilität ist. Die Lektion daraus ist die, dass die Politikgestalter unablässig wachsam sein und flexible institutionelle Strukturen zur Hand haben müssen, die sich veränderten Umständen anpassen lassen (statt abermals bereits geschlagene Schlachten zu führen).

Es entbehrt nicht der Ironie, dass intellektuelles Berücksichtigen von Komplexität durch die Wirtschaftspolitiker zu so simplen Lehren führt. Wären diese vor der gegenwärtigen Krise umgesetzt worden, hätte viel wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Schaden vermieden werden können. John Maynard Keynes schrieb in den Schlusssätzen seiner «Allgemeinen Theorie» zu Recht: «Die Ideen der Ökonomen und politischen Philosophen, seien sie richtig oder falsch, sind mächtiger, als man im Allgemeinen glaubt.»

Es ist auch nicht zu spät, um jetzt diese Ideen zu übernehmen. Die Erkenntnis, dass das Verfolgen ultralockerer Geldpolitik in unserer komplexen und anpassungsfähigen Wirtschaft sehr wohl unerwünschte und unerwartete Folgen haben kann, würde zu einer konzentrierteren Ausrichtung auf alternative Politiken führen, um die Krise durchzustehen und zu lösen. Ohne solche Politiken könnten sich die gegenwärtigen Schwierigkeiten, denen die Weltwirtschaft ausgesetzt ist, noch ausweiten, statt sich allmählich sanft aufzulösen.

Eine solche Entwicklung ist unbedingt zu vermeiden, doch dafür wird es einen Paradigmenwechsel brauchen.