Unternehmen / Schweiz 18:45 - 20.11.2012

«Wir werden die CS nicht auftrennen»

Im Gegensatz zur UBS setze die Credit Suisse nicht alles auf die Karte Wealth Management, sagt Brady Dougan im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft».
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Abgeltungssteuer
Quellensteuer für ausländische Kunden von Schweizer Banken, nach deren Bezahlung die Steuerpflicht gegenüber dem Wohnsitzstaat erfüllt ist. Mit der Abgeltungssteuer ist die Einkommenssteuer, die auf Kapitalerträge (Zinsen, Dividenden etc.) anfällt, abgegolten. Die Anonymität des Bankkunden bleibt gewahrt (vgl. Bankgeheimnis ). Die Höhe der Steuer hängt vom jeweiligen Land ab, mit dem ein Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) abgeschlossen wurde. Unversteuerte Altgelder sollen mit einer einmaligen Steuer abgegolten (regularisiert) werden.
Abwicklung
Ein Börsengeschäft wird in drei Schritten abgewickelt: Nach dem Abschluss des Handelsgeschäfts (Trade) folgen die Datenübereinstimmung zwischen Käufer und Verkäufer (Matching), die Eingabe in das Verrechnungssystem (Clearing) und die Erfüllung (Settlement). Die SIX verbindet Handel und Abwicklung elektronisch miteinander. Normale Börsengeschäfte werden in der Regel Valuta drei Tage abgerechnet, d. h., Lieferung und Zahlung aus einer Börsentransaktion finden gemäss Usanzen am dritten Börsentag nach dem Abschluss statt.
Aktie
Wertpapier , das einen Anteil am Kapital einer Aktiengesellschaft verkörpert. Es sichert dem Eigentümer Mitgliedschaftsrechte (Stimm- und Wahlrecht an der Generalversammlung) und Vermögensrechte (Recht auf Anteil am Gewinn, Beteiligungsquote bei Kapitalerhöhungen oder am Liquidationsergebnis) zu.
Aktiven
In der Bilanz aufgeführte Vermögenswerte eines Unternehmens (verfügbare Mittel, Guthaben, Vorräte, Anlagen, Beteiligungen usw.). Gegenteil: Passiven .
Asset Management
Geschäftsbereich, in dem die Banken die gesamten Vermögenswerte von privaten und institutionellen Kunden aktiv selbst betreuen. Dazu gehört auch das Angebot von Anlagefonds . Gegenteil: Anlageberatung .
Bilanz
Periodische Gegenüberstellung sämtlicher Aktiven und Passiven an einem Stichtag. Die Aktivseite gibt Aufschluss über die Verwendung der Mittel, während die Passivseite über die Beschaffung der Mittel (Finanzierung) orientiert. Teil des Geschäftsberichts .
CEO
Angelsächsische Kürzel für Unternehmenschef (Chief Executive Officer), Leiter der Finanzabteilung (Chief Financial Officer), Leiter Anlagestrategie (Chief Investment Officer) sowie Leiter operatives Geschäft (Chief Operating Officer), die gemeinsam die Geschäftsleitung bilden.
Eigenkapital
Der Teil des Gesamtkapitals, der den Aktionären gehört und ihnen im Fall einer Geschäftsaufgabe ausgezahlt wird. Aus Sicht der Aktionäre besteht die wichtigste Aufgabe eines Unternehmens darin, auf dem Eigenkapital eine risikogerechte Rendite zu erwirtschaften (vgl. Eigenkapital der Banken ).
Eigenkapitalrendite
Gewinn, ausgedrückt in Prozenten des Eigenkapitals . Der RoE ist eine häufig verwendete, aber wenig aussagekräftige Kennziffer, da er stark von buchhalterischen Einflüssen wie der Methode für die Abschreibung von Goodwill abhängt.
Emerging Markets
Wird von Investoren als Synonym für die Finanzmärkte in aufstrebenden Schwellenländern (v. a. Osteuropa, Asien, Lateinamerika) mit einem überdurchschnittlichen Wachstumspotenzial, aber auch hohen Risiken verwendet.
Exit
Private Equity Funds zielen darauf, erworbene Unternehmen durch wertsteigernde Massnahmen über einen Zeitraum von drei bis sieben Jahren zu entwickeln und anschliessend zu einem Mehrfachen des Investitionsbetrags zu veräussern. Die häufigsten Ausstiegsformen sind der Verkauf an einen industriellen Abnehmer (Trade Sale), die Weiterreichung an einen anderen Finanzinvestor (Secondary Sale) und ein IPO . Der Nettoerlös wird als Kapitalrückzahlung an die beteiligten Fondsanleger ausgezahlt (Distribution ).
Fatca
Gemäss dieser Bestimmung werden ausländische Finanzinstitute eine Vereinbarung mit der US-Steuerbehörde IRS (Internal Revenue Service) unterzeichnen müssen, worin sie sich verpflichten, dem IRS alle Konten von amerikanischen Steuerpflichtigen (US Persons) offenzulegen, über die sie, auf direkte oder indirekte Weise, verfügen. Institute, die sich nicht an diese Vereinbarung halten, werden mit einer Strafsteuer von 30% auf allen Vermögen amerikanischer Herkunft belastet.
Fixed Income
Anlageformen, die einen im Voraus fixierten, festen Einkommensbestandteil aufweisen. Fixed Income ist ein Oberbegriff für die Obligationenmärkte und umfasst damit auch Anlageformen, die nicht (Nullprozentanleihe ) oder variabel (Floater) verzinst werden.
Investmentbank
Wickelt das Emissionsgeschäft, das Handelsgeschäft mit Effekten , Devisen , Edelmetallen und derivativen Instrumenten , das Repogeschäft sowie die Unternehmensfinanzierung einschliesslich Fusionen und Übernahmen ab.
Leverage
Mit vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz lässt sich mit derivativen Instrumenten eine grössere Rendite erzielen, als es mit einer Investition in den eigentlichen Basiswert möglich ist. Dieser Effekt wird als Hebelwirkung bezeichnet. Der Leverage von Derivaten berechnet sich aus dem Hebelfaktor multipliziert mit dem Delta . Leverage kann auch mit Einsatz von Fremdkapital erreicht werden (vgl. Hebelwirkung ).
Option
Das Recht – nicht aber die Pflicht –, innerhalb einer bestimmten Zeit (Laufzeit ) eine feste Menge eines bestimmten Basiswerts zu einem im Voraus fixierten Ausübungspreis zu kaufen (Call ) oder zu verkaufen (Put ). Für dieses Recht zahlt der Optionär dem Verkäufer der Option eine Optionsprämie . Optionen können individuell zwischen den Parteien (OTC-Option ), in einem Warrant verbrieft oder an Terminbörsen gehandelt werden.
Performance
1. Verlauf des Kurses eines Wertpapiers. 2. Meist in Prozenten ausgedrückte Wertentwicklung eines Portefeuilles inklusive Ausschüttungen (reinvestiert). 3. Anlagepolitische Leistung der Leitung eines Anlagefonds, einer Beteiligungsgesellschaft, eines Hedge Fund oder einer Pensionskasse mit Blick auf das Anlageziel.
Private Banking
Umfasst die Anlageberatung und die Vermögensverwaltung für eine internationale Privatkundschaft. Das Private Banking wird ergänzt durch das Geschäft mit institutionellen Anlagekunden.
Risiko
In der Finanzmarkttheorie wird das Risiko einer Anlage an den Ertragsschwankungen gemessen. Risiko und Ertrag stehen theoretisch in einem direkten Zusammenhang: Je höher das eingegangene Risiko ist, desto grösser sollte längerfristig der Ertrag der entsprechenden Anlage ausfallen (vgl. Risikomanagement ).
Vermögensverwaltung
Geschäftsbereich, in dem die Banken die gesamten Vermögenswerte von privaten und institutionellen Kunden aktiv selbst betreuen. Dazu gehört auch das Angebot von Anlagefonds . Gegenteil: Anlageberatung .

Dank dem Ausstieg der UBS (UBSN 16.49 1.23%) aus dem Fixed Income werde Credit Suisse (CSGN 25.29 1.28%) zum weltweit führenden ­integrierten Vermögensverwalter, was ihr helfen werde, sagt Brady Dougan. Der CEO der CS bezeichnet die Investmentbank als gut gerüstet für die Zukunft, will aber ihre Kapitalallokation in ein, zwei Jahren von heute 60 auf gegen 50% des Totals senken.

Herr Dougan, ist das die Antwort der Credit Suisse auf den radikalen Umbau der UBS?
Ich sehe das eher umgekehrt. Wir sind in den letzten eineinhalb Jahren in Bezug auf Risikoabbau und Restrukturierung der ­Investmentbank vorausgegangen. Wir haben eine Investmentbank, die für die Zukunft gerüstet ist.

Was macht sie zukunftsfähig?
Wir haben uns auf strengere Kapitalregeln eingestellt, risikogewichtete Aktiven abgebaut und unsere Bilanz verkürzt. Und wir haben deutlich Kosten reduziert: innerhalb eines Jahres 2 Mrd. Fr.

Die Entwicklung des Aktienpreises der letzten Wochen musste der CS-Leitung trotzdem zu denken geben.
Jede Bank muss ihren eigenen Weg finden. Die Industrie wird grosse Veränderungen durchlaufen. Wir haben die meisten Anpassungsmassnahmen, die wegen des strengeren regulatorischen Umfelds nötig sind, bereits umgesetzt, anders als die Konkurrenz, die zuwartet oder zugewartet hat. Der Markt braucht manchmal Zeit, um sich überzeugen zu lassen.

Wovon genau wollen Sie den Markt ­überzeugen?
Unser Geschäftsmodell wird nachhaltig eine gute Profitabilität erbringen.

Mit der Konstanz hapert es.
Dieses Jahr haben wir mit 10% Eigenkapitalrendite in den ersten neun Monaten eine der besten Renditen der Branche ­erzielt. Das Ergebnis der ersten neun ­Monate 2012 zeigt, dass unsere Strategie funktioniert. Aber wir müssen weiterhin liefern, keine Frage.

Wird es trotzdem letztlich zu einem ­radikaleren Umbau der Investmentbank kommen, ähnlich wie bei UBS?
Nein, die Strategien der UBS und unsere gehen in verschiedene Richtungen. Wir haben uns für eine kundenfokussierte, aber dennoch vergleichsweise breit aufgestellte Investmentbank entschieden.

Zu unberechenbar, sagen Kritiker.
Unsere Investmentbank kommt mit weniger risikogewichteten Aktiven aus als diejenige der UBS – mit 190 Mrd. Fr. wir, mit 210 Mrd. Fr. die UBS.

Die UBS hat auch ein grösseres ­Vermögensverwaltungsgeschäft.
Niemand weiss, wo in Zukunft die Risiken liegen werden. Ich jedenfalls ziehe es vor, dass Credit Suisse breit abgestützt ist und nicht alles auf die Karte Wealth Management setzt.

Macht es Sinn, eine mittelgrosse ­Investmentbank zu führen?
Wir sind nicht einfach eine mittelgrosse Investmentbank. In Aktien gehören wir zu den grössten Händlern. In etlichen ­Bereichen des Fixed Income – Leveraged Finance, Structured Products, Emerging Markets – gehören wir zu den führenden Anbietern.

Mit der Separierung der FICC-Einheit unter der Leitung von Gael de Boissard wird die Option geschaffen, das FICC-­Geschäft dereinst herunterzufahren bzw. zu verkaufen.
Wir sind mit der Grösse und mit der Aufstellung des Fixed-Income-Geschäfts zufrieden. Das sind wichtige Produkte für unsere Kunden. Eine Bank muss fähig sein, beispielsweise Leveraged Finance anzubieten. Sonst verliert sie an Bedeutung als Ansprechpartner für Unternehmenskunden und wird früher oder später auch ihre Aktien- und Beratungsspezialisten verlieren.

Wird das Verhältnis 60:40 bei der ­Kapitalallokation zugunsten der ­Investmentbank beibehalten?
Wir werden weiterhin Wege finden, unsere Kapitalallokation zu optimieren. Wir werden uns in den nächsten ein, zwei Jahren Richtung 50:50 bewegen.

Wird CS vom Exit der UBS aus gewissen Geschäften profitieren?
In dem Mass, wie Banken Geschäftsbereiche aufgeben – und weitere werden das tun müssen –, werden Marktanteile neu verteilt werden. Durch den Ausstieg der UBS aus dem Fixed Income werden wir zum führenden integrierten Vermögensverwalter. Diese Position dürfte uns bei ­Institutionellen, Unternehmen und Ultra-High-Net-Worth-Kunden helfen.

Die organisatorische Eingliederung des Asset Management in die Division Wealth Management zeigt, dass die Zusammenarbeit im integrierten Bankkonzern nicht die erwünschten Ergebnisse gebracht hat.
In der Zukunft wird es noch wichtiger sein, unseren Kunden Performance zu liefern. Wir glauben, dass das in der neuen Struktur besser möglich sein wird. Indem Produktentwicklung, Vertrieb und Beratung noch besser aufeinander abgestimmt werden können.

Es ist das Eingeständnis, dass Credit Suisse im Asset Management versagt und Werte vernichtet hat, und jetzt löst sie es auf.
Wir geben das Asset Management nicht auf, sondern führen es einfach anders. Es ist nach wie vor ein wichtiger Teil unserer Strategie. Die Integration wird unsere Wachstumschancen verbessern.

Was hat die Reorganisation für Folgen?
Die Kombination der beiden Plattformen wird Kostensenkungen ermöglichen. Dies im Rahmen der angekündigten Kostensenkungsziele. Die genauen Massnahmen müssen von den neuen Managementteams ausgearbeitet werden.

Die Schweizer Wertschriftenhandelsplattform wird neu der Division Private Banking & Wealth Management zugeordnet. Ist die Investmentbank ohne Schweizer Handelsplattform noch der Rede wert?
Wir sehen das nicht silomässig. Die Credit Suisse als Konzern wird über eine Handelsplattform verfügen. Wir erhöhen die Effizienz und können unsere Kunden ­besser bedienen.

Die CS hat zwei Divisionen mit je starker Führung. Wozu braucht es Sie noch?
Ich habe noch genug zu tun. Ich bin für die Umsetzung der Strategie verantwortlich, muss die Zusammenarbeit der Divisionen, der Regionen und der zentralen Dienste wie Finanzen oder IT und Operations sicherstellen.

Sie sind weg vom Tagesgeschäft?
Als CEO habe ich die Gesamtverantwortung. Aber das Topmanagement wird mit der neuen Struktur viel kompakter. Das Geschäft wird von vier Personen geführt. Damit reduzieren wir die Komplexität in der Organisation der Bank wesentlich.

Co-Führungsstrukturen, wie sie CS jetzt auf Divisionsstufe einführt, funktionieren in der Regel nicht.
Jeder Partner hat spezifische Verantwortlichkeiten. Es gibt keine Überlappungen.

Mit zwei Divisionen wird es einfacher werden, das Geschäft ganz aufzuteilen.
Wir werden die Credit Suisse nicht auftrennen. Die neue Struktur macht unsere Bank weniger komplex. Aufsichtsbehörden begrüssen das, weil die Stabilisierung oder allenfalls die Abwicklung einer Bank erleichtert wird. Regulatoren verlangen zudem, dass die juristischen Strukturen mit den effektiven Führungsstrukturen übereinstimmen. Gael de Boissard, unser Fixed-Income-Chef, wird CEO der Credit Suisse International und der Credit Suisse Securities (Europe) in Grossbritannien. Damit haben wir uns frühzeitig auf die neuen aufsichtsrechtlichen Bestimmungen ausgerichtet.

Die Änderung der Organisationsform kann auch als vorsorgliche Massnahme im US-Steuerstreit verstanden werden.
Die neue Organisationsstruktur hat nichts mit dem US-Steuerstreit zu tun. Es geht um rein organisatorische Änderungen.

Aber im Falle eines Falles…
Wir hoffen und arbeiten daran, dass es zu einer einvernehmlichen Lösung kommt.

Was sind die Folgen eines Neins aus Deutschland zur Abgeltungssteuer?
Auch wenn es ein Nein geben sollte, bleibt das Bedürfnis nach gesicherten Rahmenbedingungen in allen Märkten bestehen.

Macht es Sinn, mehr Abgeltungssteuer­abkommen zu treffen, oder sollte die Schweiz Richtung Informationsaustausch hinarbeiten?
Das ist eine fortlaufende Debatte. Grundsätzlich sind wir nicht für einen automa­tischen Informationsaustausch. Es gibt andere Wege, Steuerehrlichkeit sicherzustellen. Mit den USA bringt beispielsweise Fatca geregelte Rahmenbedingungen.