Blog Fintech
16:54 - 12.01.17

Bitcoins Wilder Westen

Luzius Meisser
Um Bitcoin und andere Kryptowährungen lässt sich etwas sehr Seltenes beobachten: ein globaler, unregulierter Finanzmarkt.

Es wird 24 Stunden am Tag und sieben Tage pro Woche ohne Netz und doppelten Boden gehandelt – und zwar in Volumen, die es durchaus mit den grossen Schweizer Blue Chips aufnehmen können. Täglich werden etwa 100 Mio. $ der Kryptowährung Bitcoin umgesetzt.

Transaktionsvolumen steigtzoomDie Welt der Kryptowährungen kennt weder Nachtruhe noch Feiertage, weder eine Börsenaufsicht noch Sicherheitsmassnahmen wie einen Handelsstopp bei starken Kursbewegungen – wie zuletzt vergangene Woche. Dafür gibt es Hackerangriffe (in der Schweiz war zuletzt Ethereum betroffen), Kursmanipulationen, hohe Volatilität und Zinsen bis zu 30%. Es gilt der nackte Kapitalismus.

In China wird pragmatisch ignoriert

Zunächst sind Kryptowährungen dank dem Internet weltweit binnen Sekunden transferierbar. Landesgrenzen spielen kaum eine Rolle. So kann man zum Beispiel als kühner Schweizer bei der chinesischen Bitbank innerhalb von Minuten ein Konto eröffnen und seine Bitcoin als einjährige Festgeldanlage zu gegenwärtig immerhin 6,6% Zins anlegen.

Überhaupt ist China zu einem wichtigen Standort für Bitcoin geworden. Gehandelt wird nach der Maxime «das Land ist gross und der Kaiser weit weg», und rechtliche Unsicherheiten werden pragmatisch ignoriert.

Gehebeltes Trading mit Crowdfunding

Einen wesentlich höheren Zins kann man erzielen, indem man an Bitcoin-Börsen anderen Nutzern Geld ausleiht, mit dem sie gehebelt handeln können. Hier wird also sehr innovativ gehebeltes Trading mit Crowdfunding finanziert.

Wenn man schon ein Risiko eingeht, weshalb nicht auch noch ein zweites? Gegenwärtig erhält man hierfür 0,07% Zins pro Tag, was etwa 30% pro Jahr entspricht.

Wenn der Schuldner sich verspekuliert, erhält er automatisch einen Margin Call, sein Restportfolio wird liquidiert, und der Gläubiger erhält die geliehenen Bitcoin oder Dollar zurück. Auf diese Weise kann man Kryptowährungen übrigens auch leerverkaufen, wenn man nicht an ihre Zukunft glaubt.

Handel mit Bitcoin-Schuldscheinen

Einen noch höheren impliziten Zins erhält man derzeit in Aussicht gestellt, wenn man sogenannte BFX-Tokens kauft. Dies sind Schuldscheine der Börse Bitfinex, die sie an ihre Gläubiger ausgegeben hat, nachdem es einem Hacker gelungen war, an der Börse gelagerte Bitcoin im Wert von 70 Mio. $ zu stehlen.

Die BFX-Tokens kann man als eine Art Zero Bond mit unbekanntem Rückzahlungstermin betrachten. Sie werden zurzeit mit einem Abschlag über 40% gehandelt, man könnte hier also den Dollar für 60 Cent kaufen. Der CFO von Bitfinex hofft, alle noch ausstehenden Tokens bereits bis Mitte 2017 zurückzuzahlen – was ich selbst für beschränkt realistisch halte.

Zugutehalten muss man ihm allerdings, dass es bereits gelungen ist, Gläubiger im Umfang von über 30 Mio. $ davon zu überzeugen, ihre Forderungen in Aktien umzuwandeln (zu einer Bewertung von 200 Mio. $). Damit ist die ausstehende Schuld entsprechend kleiner geworden.

Schön ist, dass hier im Vergleich zur spektakulär untergegangenen Börse Mt. Gox, die ihre Probleme vertuscht hat, sehr viel transparenter vorgegangen wird. Dies steht im Einklang mit der Tendenz des Sektors, regulatorische Unsicherheit durch erhöhte Transparenz wettzumachen.

Breite Palette an Anbietern

Interessant ist auch zu beobachten, wie ehemals innovative Unternehmen an Innovationskraft verlieren, sobald sie sich einem westlichen Regulator unterstellen. Ein Beispiel dafür ist Bitstamp, ein europäischer Konkurrent von Bitfinex, der 10 Mio. $ an Risikokapital von Pantera Capital aufgenommen hat. Bitstamp hat sich dem luxemburgischen Regulator unterstellt. Mutmasslich hat der Investor darauf gedrängt.

Anders als an anderen Börsen gibt es dort kein von der Crowd finanziertes Margin Trading, und bei der Einführung neuer Kryptowährungen hinkt Bitstamp nun öfters hinterher.

Schlussendlich führt dies aber zu einem für den Konsumenten idealen Zustand: Es steht eine breite Palette unterschiedlich regulierter und unterschiedlich innovativer Anbieter zur Auswahl, und jeder kann den wählen, bei dem es ihm am wohlsten ist.

Im globalen Kapitalismus der Kryptowährungen ist das regulatorische Plazet eines Landes ein optionales Gütesiegel, um das man ersuchen kann, wenn man dies für vorteilhaft erachtet, aber nicht muss. Dementsprechend sollte ein weitsichtiger Gesetzgeber die Finanzmarktaufsicht nicht als Überwacher, sondern als Zertifizierungsstelle ausrichten.

Zum AutorLuzius Meisser ist Gründer und Vorstandsmitglied der Bitcoin Association Switzerland, CEO von Meisser Economics und Doktorand am Institute für Banking und Finance der Universität Zürich.

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Centralway Numbrs ist nach Angaben von CEO Martin Saidler das bestfinanzierte Fintech-Start-up der Schweiz. Die noch junge Szene hat damit wohl ihr erstes Einhorn.

Der Staatsfonds von Dubai steigt beim Schweizer Fintech-Start-up Centralway Numbrs ein.

Wie gross die Kapitalspritze aus dem Nahen Osten ist, will CEO Martin Saidler im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft» zwar nicht mitteilen. Das Investitionskapital des Banking-App-Anbieters beläuft sich allerdings aktuell auf nun 125 Mio. $. Eine Anfang 2016 geschlossene Finanzierungsrunde erbrachte 70 Mio. $, was eine Differenz von 55 Mio. $ ergibt. Dem Vernehmen nach ist Dubai für den Löwenanteil daran verantwortlich. Martin Saidler, CEO von Centralway Numbrs.

Wert von über 1 Mrd. $

Das macht Centralway Numbrs nach Angaben Saidlers zum bestfinanzierten Fintech-Start-up der Schweiz. Die junge Szene des Landes hat damit wohl zugleich ihr erstes Unicorn (zu Deutsch Einhorn). So nennt man Start-ups, die es auf einen Unternehmenswert von mindestens 1 Mrd. $ bringen.

Centralway Numbrs ist eine Banking-App, mit der Nutzer ihre Bankkonten verwalten können. Der Service ist bisher nur in Deutschland verfügbar. Mit 1,5 Mio. Downloads sei man dort die beliebteste unabhängige Banking-App sagt Saidler.

Der Staatsfonds von Dubai ist der erste institutionelle Investor des Unternehmens. Bisher stützte es sich allein auf eine Gruppe aus 46 Familien- und Privatinvestoren. Zu ihnen zählen Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und die Familie Mirabaud, Besitzer der gleichnamigen Privatbank.

Grosse Expansionspläne

«Wir wollten erst Institutionelle an Bord holen, nachdem wir uns eine robuste finanzielle Basis aus vielen renommierten Privatinvestoren und eine solide technische Basis mit einem tollen Produkt geschaffen hatten und kurz vor der internationalen Expansion stehen», sagt Saidler.

Die Wahl sei nach vielen Anfragen auf Dubai gefallen, weil der Staatsfonds zugleich bei acht Banken im Nahen Osten investiert sei, die auch in Nordafrika und Indien aktiv sind. Darüber will man den Einstieg mit der App in diese Regionen schaffen. «In den kommenden Monaten wollen wir eine Kooperation entwickeln», sagt Saidler.

Auch die USA und China seien langfristige Ziele. Zunächst stehe aber das Vereinigte Königreich an, wo sich die App in einer Testphase befindet.

Kooperationen und Übernahmen

«2018 wollen wir in unseren Kernmärkten Deutschland und Grossbritannien profitabel sein», sagt Saidler.

Der Hauptsitz seines Unternehmens befindet sich in Zürich, wo Centralway Numbrs 150 Mitarbeiter beschäftigt.

In der Schweiz wolle man laut Saidler den Dienst aber erst lancieren, wenn der Einstieg in die grossen europäischen Märkte gelungen sei. Die Kosten für die Implementierung im kleinen Markt Schweiz seien die gleichen.

Saidler schliesst weitere Kooperationen mit lokalen Playern nicht aus. «Wir sind keine Bank und wollen keine Bank werden. Wir sind Partner der Banken.» Auch die Übernahme anderer Start-ups, die mit ihrer Technologie das Centralway-Numbrs-Angebot voranbringen können, sei denkbar.

Verschiedene Beteiligungen

Vor kurzem teilte Centralway Numbrs mit, man wolle nun auch als mobile Plattform für Banken auftreten. Im sogenannten Numbrs Store können Nutzer Bankangebote vergleichen und Produkte wie Konten oder Kredite direkt über die App beantragen.

Die mehrheitlich in Saidlers Besitz stehende Centralway Numbrs ist seit 1999 im Internetbereich tätig. Saidler selbst hält mehrere Beteiligungen, unter anderem ist er Grossaktionär (29,9%) des in Deutschland kotierten Softwareentwicklers B+S Banksysteme.

14:51 - 03.01.17

Was hinter Fintech steckt und was als Nächstes kommt

Thomas Puschmann
Alle reden von Fintech, doch was genau gehört dazu? Eine Bestandesaufnahme des Status quo und ein Blick in die Zukunft.

Der Markt an Fintech-Lösungen ist fragmentiert, und es existiert keine einheitliche Meinung darüber, welche Bereiche sie abdecken. Ein Bezugssystem kann helfen, die verschiedenen Fintech-Lösungen zu klassifizieren.

Eine bekannte Unterscheidung differenziert einerseits zwischen dem Anbietertyp, ob Services von Banken, Versicherungen oder Nicht-Banken/-Versicherungen angeboten werden.

Andererseits zwischen dem Interaktionstyp: Unterstützt eine Lösung die Beziehung Unternehmen zu Kunde (Business to Customer, B2C), Kunde zu Kunde (Customer to Customer, C2C) oder Unternehmen zu Unternehmen (Business to Business, B2B)?

Drittens unterscheiden sich Fintech-Lösungen bezüglich der unterstützten Bank- und Versicherungsprozesse. Die Tabelle gibt eine Übersicht über bestehende Fintech-Lösungen und klassifiziert sie entlang der folgenden Dimensionen:

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1. Banken: Viele der derzeit verfügbaren Fintech-Lösungen wurden von Start-up-Firmen aus dem Nicht-Banken-Sektor entwickelt, die dann später von Banken adaptiert wurden. Die von Banken entwickelten Fintech-Lösungen konzentrieren sich entweder auf die Interaktion zwischen Kunden und Banken (B2C) oder zwischen Kunden (C2C).

Zu den Beispielen gehören etwa Videokonferenzen (Beratung), Robo Advisors (Anlegen) und Online-Kreditbeantragung (Finanzieren). Im Unterschied zu den B2C-Lösungen, bei denen Banken die Serviceanbieter sind, fokussieren solche aus dem C2C-Bereich auf Peer to Peer Services und Plattformen. Beispiele sind Peer to Peer Payment oder Online-Kunden-Communities.

2. Versicherungen: Fintech-Lösungen aus dem Versicherungsbereich umfassen Prozesse wie Beratung, Lebens- und Nichtlebensversicherung, Schaden- und Risikomanagement sowie übergreifende Prozesse. Bekannte Beispiele sind Pay-as-You-Drive-Lösungen (Nichtlebensversicherung) oder drohnenbasierte Schadenanalyse (Schadenmanagement).

Andere wichtige Bereiche sind die Nutzung von von Big-Data-Analyse zur Verbesserung des Risikomanagements und für das Angebot personalisierte Prämienmodelle sowie automatisierte Policierungsprozesse (übergreifend). Im Unterschied zum Bankbereich konzentrieren sich die meisten Lösungen derzeit auf den B2C-Bereich, während solche aus dem C2C-Bereich eher selten sind.

3. Nicht-Banken: Der Markt der Nicht-Banken umfasst sowohl Start-up-Firmen wie auch grosse IT-Unternehmen wie beispielsweise Apple (AAPL 120 0.18%) oder Alibaba (BABA 96.06 -0.11%). Anders als die von Banken fokussieren ihre Fintech-Lösungen auf Disintermediation und konzentrieren sich oftmals auf einzelne Aktivitäten, wobei ein Einzelanbieter zumeist nicht alle Prozesse abdeckt.

Zusätzlich zum B2C- und zum C2C-Bereich bieten Nicht-Banken auch Kooperationsmodelle für Banken an. Prominente Beispiele sind digitale Kundenberatung (Beratung), Personal Finance Management (Payments), Digital Identity (übergreifend) oder Aktienanalyse und -vorhersage (Anlegen).

4. Nicht-Versicherungen: Viele der aktuellen Fintech-Innovationen stammen von Nicht-Versicherungen. Sie decken alle relevanten Versicherungsprozesse im B2C-Bereich ab und bieten zusätzlich neue Geschäftsmodelle im C2C- und im B2C-Bereich. Beispiele für B2C-Geschäftsmodelle sind Lösungen für das Versicherungsbrokermanagement (Beratung), On-Demand-Versicherungsprodukte (Lebensversicherung) oder Big-Data-Katastrophenmodelle (Risikomanagement).

Während der B2C-Bereich auf Disintermediation fokussiert, könnte der C2C-Bereich zukünftig radikalere Veränderungen für die Versicherungsindustrie nach sich ziehen. Ein erstes Beispiel ist eine crowdbasierte Versicherungslösung, bei der ein Policeneigentümer eine Prämie erst nach Eintritt eines Schadenfalls einer anderen versicherten Person bezahlt.

Obwohl fast alle Bereiche von bestehenden Fintech-Lösungen abgedeckt werden, variiert der Reifegrad der unterschiedlichen Lösungen bezüglich der unterstützten Prozessbereiche. Für die Bankindustrie hat eine Studie beispielsweise kürzlich identifiziert, dass der aus Marktsicht relevanteste Fintech-Bereich der Finanzierungsbereich ist, gefolgt vom Zahlungsbereich, vom übergreifenden und vom Anlagebereich (Haddad and Hornuf 2016, p. 21).

Ein Ausblick

Obwohl wir bereits die Entstehung einer Vielzahl an Fintech-Lösungen im letzten Jahrzehnt beobachten konnten, könnten drei mögliche Bereiche auf zukünftige Fintech-Innovationsfelder hindeuten, innerhalb deren wir heute möglicherweise erst die Spitze des Eisbergs des zukünftigen Potenzials erkennen können:

Erstens konzentrierten sich bisherige Lösungen meist auf inkrementelle Verbesserungen wie beispielsweise Mobile Payment basierend auf «reifen» Technologien (z.B. Mobiltelefonkamera zum Einscannen von Einzahlungsscheinen).

Ein nächster Schritt sind sogenannte disruptive Innovationen, die oftmals von Pacemaker-Technologien oder durch die Konvergenz zweier oder mehrerer solcher Technologien induziert sind. Eine dieser Pacemaker-Technologien könnte beispielsweise die Blockchain sein.

Relevante Fragestellungen im Kontext disruptiver Technologien mit Bezug zu Fintech sind: Welches sind die strategischen Implikationen disruptiver Technologien für die Finanzindustrie, bezogen auf die relevanten Innovationsobjekte Geschäftsmodelle, Produkte und Services, Organisationsformen, Prozesse und Systeme?

Welche technologieinduzierten Innovationen haben einen disruptiven Effekt, und wie ist ihr technologischer, politischer, ökonomischer, rechtlicher und regulatorischer Einfluss auf die Wertschöpfungskette der Branche zu bewerten? Wie können Analogien aus anderen Industrien genutzt werden, um diesen Einfluss abzuschätzen?

Zweitens haben Fintech-Innovationen unterschiedlichen Einfluss auf die Innovationsobjekte. Beispiele sind neue Services wie etwa Chatbot, auf künstlicher Intelligenz basierende Beratungsservices oder Bankkonten für Mobiltelefone.

Da aber viele dieser Fintech-Lösungen sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium befinden, ist derzeit noch unklar, wie Konsumenten diese neuen Services adaptieren werden.

Relevante Fragestellungen in diesem Zusammenhang sind: Welche Innovationsmuster bezogen auf einzelne Innovationsobjekte lassen sich erkennen (Geschäftsmodelle, Produkte und Services etc.), und welche Beziehungen bestehen zwischen ihnen (z.B. Zusammenhang zwischen neuen Systemen und neuen Geschäftsmodellen)? Darüber hinaus ist eine wichtige Fragestellung, wie Kunden Finanzdienstleistungen von Nicht-Banken/-Versicherungen im Vergleich zu Banken und Versicherungen annehmen werden.

Drittens umfasst der Innovationsumfang sowohl mikro- wie auch makroökonomische Auswirkungen. Die mikroökoomische Perspektive könnte zu einer Transformation von Banken und Versicherungen in Richtung starker dezentralisierter, vernetzter Entitäten führen, wobei jede einzelne sich auf Einzelaktivitäten fokussieren würde.

Bei dieser unter der Bezeichnung Crowdsourcing definierten Entwicklung käme elektronischen Servicemarktplätzen für C2C-, B2C- und B2B-Interaktionsprozesse eine wichtige Rolle zu, um Nachfrage und Angebot sehr spezialisierter Wertschöpfungsketten zusammenzubringen.

Andererseits könnte aus makroökonomischer Sicht die Grenze zwischen einzelnen Industrien verwischen und zu einer Neudefinition des gebräuchlichen Standards Industrial Classification System (SIC) führen, das Industrien wie z.B. «Retail Trade» oder «Finance, Insurance and Real Estate» abgrenzt.

Relevante Fragestellungen in diesem Zusammenhang sind: Wie sehen zukünftige Organsiationsformen von Banken und Versicherungen aus? Welche Standards sind erforderlich, um diesen höheren Grad an Spezialisierung zu ermöglichen? Welche Elemente umfasst eine verteilte Finanzmarktinfrastruktur, die die entstehenden Fintech-Innovationen über alle Innovationsobjekte und über alle involvierten Marktteilnehmer hinweg unterstützt (z.B. Regulation, Logistik, Preisvergleich etc.)?

Zusammengefasst hatten die beschriebenen Entwicklungen bereits einen starken Einfluss auf die Finanzindustrie, und es ist anzunehmen, dass er zukünftig noch zunehmen wird und letztlich zu einer Reorganisation der ganzen Branche führen könnte.

Aber wie die drei abschliessend genannten Bereiche zeigen, sind noch viele Fragen ungeklärt, und das macht Fintech zu einem interessanten Feld für die nächsten Jahrzehnte.

Nach dem Internet of Information (mit Hypertext als Standard), dem Internet of Services (mit Webservice-Standards wie z.B. SOAP) komplettiert nun das Internet of Value durch die Entwicklungen im Bereich Fintech das letzte fehlende Glied auf dem Weg zu vollständig digitalen Ökosystemen.

Weil die Schweiz eine lange Tradition im Bereich der Dienstleistungsökonomie aufweist und oftmals als Erfinder oder Early Adopter innovativer Technologien auf sich aufmerksam gemacht hat, bietet auch das Thema Fintech eine grosse Chance, sich in diesem derzeit entstehenden Wettbewerb mit anderen Fintech-Hubs wie London, New York oder Singapur zu positionieren.

Literatur

Alt, R, Puschmann, T. (2016) Digitalisierung der Finanzindustrie – Grundlagen der Fintech-Evolution. SpringerGabler: Berlin/Heidelberg.

Haddad C, Hornuf L (2016) The Emergence of the Global Fintech Market: Economic and Technological Determinants. University of Trier: Lille & Trier.

Puschmann, vT. (2017) Fintech. Business & Information Systems Engineering 59(1): forthcoming.

Zum AutorThomas Puschmann ist Leiter des Swiss FinTech Innovation Lab an der Universität Zürich. Dort werden in enger Zusammenarbeit mit Start-ups und etablierten Unternehmen der Finanzindustrie neue Konzepte und Lösungen im Bereich der Finanztechnologie erarbeitet.

07:03 - 23.12.16

Zentralbanken arbeiten am digitalen Geld

Alexander Trentin
Banknoten sind in Schweden ein Auslaufmodell. Die Notenbank prüft, den Bürgern digitales Geld zur Verfügung zu stellen. Sie ist nicht die Einzige.

Für manche sind Banknoten und Münzen «geprägte Freiheit», für andere ein Auslaufmodell, das nur noch von Terroristen und Steuersündern gebraucht wird. Die Schweden scheinen sich auf die Seite der Bargeldverächter zu schlagen.

Bargeldloses SchwedenBanknoten und Münzen in % des Bruttoinlandprodukts, 2005 und 2015.zoomQuelle: Goldman Sachs, Bank für Internationalen Zahlungsausgleich In keinem anderen Industrieland sind so wenige Banknoten und Münzen im Vergleich zur Wirtschaftsleistung noch im Umlauf (vgl. Grafik rechts). Die Schweden nutzen lieber Kredit- und Bankkarten, um im Supermarkt einzukaufen. In Stockholm findet man Läden mit dem Schild «Vi hanterar ej kontanter» – «Wir nehmen kein Bargeld».

Kontengeld kein gesetzliches Zahlungsmittel

Doch Geld auf dem Konto und Banknoten in der Hand sind rechtlich zwei ganz verschiedene Dinge. Bargeld ist gesetzliches Zahlungsmittel, das von der Notenbank herausgegeben wird.

Dagegen ist Geld auf dem Bankkonto eine Forderung gegenüber einer Bank. Das Geldhaus schuldet den Betrag dem Kunden. Geht die Bank pleite und wird das Vermögen nicht durch einen Fonds zur Einlagensicherung gedeckt, ist das Geld weg.

GeldmengeVon der Zentralbank ausgegebenes (rot) und von den Geschäftsbanken (blau) ausgegebenes Geld in Schweden.zoomQuelle: Riksbank In Schweden macht von der Zentralbank ausgegebenes Geld – Banknoten und Buchgeld in der Notenbankbilanz – nur einen Bruchteil der Geldmenge aus (vgl. Grafik rechts). Der allergrösste Teil liegt auf Konten bei Geschäftsbanken. Und ist damit privat ausgegebenes Geld.

In der Schweiz bemüht sich die Vollgeld-Initiative darum, dass die Schweizerische Nationalbank nicht nur Banknoten, sondern auch Buchgeld – also elektronisches Geld – schafft. So soll das Geld der Bürger auf dem Konto nicht nur eine Forderung gegenüber der Bank, sondern ein staatlich ausgegebenes Zahlungsmittel sein.

Digitales Geld in Prüfung

Die Vollgeld-Initiative ist umstritten, da sie Banken die Geldschöpfung durch die Vergabe von Krediten verbieten will. Doch Notenbanken denken sehr wohl darüber nach, ob sie nicht digitales Geld ausgeben sollten.

Cecilia Skingsley, Vize-Chefin der Sveriges Riksbank, Quelle: RiksbankDie schwedische Zentralbank, die Riksbank, arbeitet schon konkret daran, eine «e-Krona» zu entwickeln. So klingt es zumindest in einer Rede der stellvertretenden Riksbank-Chefin Cecilia Skingsley.

«Für mich ist klar, dass die Riksbank prüfen muss, ob sie Bürgern eine Alternative zur Verfügung stellt», sagt Skingsley in einer Videobotschaft auf der Webseite der schwedischen Notenbank.

Falls die «e-Krona» komme, sei noch unklar, wie sie aussehe: «Wir wissen nicht, ob es eine Smartphone-App oder eine Karte sein wird – oder eine andere, bisher unbekannte Form annehmen wird», sagt Skingsley.

Es gebe kein Vorbild, das man kopieren könne. Trotzdem zeigt sich Skingsley über die nötige Experimentierphase unbekümmert, denn «Münzen und Banknoten werden noch für einige Zeit im Umlauf bleiben».

Bargeld werde immer einen Vorteil gegenüber elektronischem Geld haben: Es könne immer ohne Technologie und Elektrizität verwendet werden. Und sei damit besonders für Krisensituationen die bessere Wahl.

Kein Vorbild, aber historische Parallele

Auch wenn es kein Vorbild für eine digitale nationale Währung gibt, glaubt Skingsley, gibt es doch eine historische Parallele.

So hatte man früher Wertpapiere wie Aktien oder Anleihen in Papierform zu Hause oder im Schliessfach. Das hat sich völlig verändert: Heute macht es niemandem mehr Sorgen, dass die Wertpapiere nur noch digital existieren und man die Aktien im Portfolio bloss noch im Depotauszug nachverfolgen kann.

Die Riksbank muss laut Skingsley nun drei verschiedene Themengebiete gleichzeitig bearbeiten:
• Welche Technologien sollen eingesetzt werden? Wird das digitale Geld dezentral gespeichert – beispielsweise in einem Netzwerk – oder zentral in einem Computer der Nationalbank verwaltet?
• Was für Auswirkungen wird es auf die Geldpolitik, den Zahlungsverkehr und die Finanzstabilität haben?
• Was sind die rechtlichen Grundlagen, eine digitale Währung auszugeben?

Britische Notenbank arbeitet mit Fintech-Unternehmen

Die schwedischen Zentralbanker sind nicht die einzigen Währungshüter, die sich Alternativen zum physischen Bargeld überlegen. Schon seit Februar 2015 ist digitales Geld auf der Forschungsagenda der Bank of England.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB (SNBN 1820 -3.7%)) zeigt sich dagegen bedeckt. Auf Anfrage heisst es: «Die SNB verfolgt die Entwicklungen auf diesem Gebiet aufmerksam, da diese Innovationen für die Erfüllung ihre operativen Aufgaben relevant werden könnten.»

Im September hatte SNB-Präsident Thomas Jordan diese Position in einer Rede ausgeführt. Für die Zentralbanken sei die Technologie des Distributed Ledger relevant – also einer dezentral in einem Netzwerk verteilten Datenbank, wie es sie mit der Blockchain schon für die Digitalwährung Bitcoin gibt.

Bank of England unterstützt Fintech-Entwicklung

Die britische Notenbank hat einen eigenen Fintech Accelerator eingerichtet: Das ist ein Laboratorium für Unternehmen in der Finanztechnologie, um neue Anwendungen zu schaffen.

Ein erster Wurf des Accelerator ist anscheinend schon fertig: Dort wurde als Pilotprojekt ein Distributed Ledger für eine digitale Währung schon vorgestellt.

Der grosse Unterschied zu Bitcoin: Die Währung entsteht nicht aus einem Netzwerk von Individuen, sondern durch eine staatliche Stelle. Dabei wollen die Vertreter von Kryptowährungen – Digitalwährungen, die auf neuen Verschlüsselungstechniken aufbauen – auf ein Währungssystem umstellen, das keiner staatlichen Kontrolle unterliegt.

Auch aus einem anderen Grund wird von der Notenbank ausgegebenes digitales Geld eingefleischte Bitcoin-Anhänger nicht begeistern. Denn die staatlich ausgegebene Währung wird kaum anonym sein, und für staatliche Stellen wird nachverfolgbar sein, wer an wen etwas bezahlt hat. Zu gross ist die Sorge um Geldwäsche und Steuerhinterziehung.

09:21 - 22.12.16

Digitales Anlegen braucht Anschubhilfe

Pascal Meisser
Die Schweiz ist ein schwieriges Pflaster für unabhängige Online-Vermögensverwalter. Truewealth von Felix Niederer und Oliver Herren zeigt einen neuen Lösungsansatz.

Sie waren die Shootingstars der Fintech-Start-up-Szene gewesen. Oliver Herren, Mitbegründer der Onlineplattform Digitec, sowie Felix Niederer, Physiker und erfahrener Portfolio-Manager. Sie waren vor zwei Jahren angetreten, um die Vermögensverwaltung digital zu revolutionieren. Ihre Ziele waren hoch angesetzt: Mit ihrem Robo Advisor Truewealth wollten sie bis Mitte nächsten Jahres 1 Mrd. Fr. verwalten.

Ein Robo Advisor ist eine automatisierte Online-Vermögensverwaltung, die auf Basis eines Fragebogens die Risikofähigkeit von Anlegern auslotet und das anvertraute Geld entsprechend und kostengünstig in Aktien- und Obligationen-ETF investiert.

Das Milliardenziel war zu hoch gegriffen, das wurde auch Niederer und Herren bald klar. Bis heute haben tausend Kunden Gelder in der Höhe von 50 Mio. Fr. dem Start-up anvertraut, bis Sommer 2017 sollen es 100 Mio. sein – ein Zehntel des ursprünglichen Ziels.

Schwieriges Unterfangen

Diese Summen zeigen, wie schwierig es ist, einen Paradigmenwechsel herbeizuführen. «50 Mio. Fr. nach zwei Jahren ist keine schlechte Zahl für einen Anbieter, der bislang unabhängig ist», sagt Robo-Advisor-Spezialist Michael Mellinghoff des Beratungsunternehmens Techfluence. Auch Fondsgesellschaften hätten nach ihrer Gründung Jahre benötigt, um die erste Milliarde zu erreichen.

Das Hauptproblem: Ein Geschäft mit Vertrauensprodukten – und das ist bei Finanzanlagen der Fall – braucht Zeit. Mellinghoff geht davon aus, dass der Anbieter eines Robo Advisory mindestens drei Jahre benötigt, um in breiten Kreisen überhaupt anerkannt zu werden.

Dazu kommt, dass Schweizer Kunden träge sind, wenn es um den Wechsel der Kundenbeziehungen zu einem Dienstleister geht. Das gilt noch mehr, wenn es sich um ein unbekanntes Start-up handelt. Selbst etablierte Anbieter haben es nicht einfach, Kunden zu einem Wechsel zu bewegen. Das zeigt sich exemplarisch bei Krankenkassen. Die Migrationsrate liegt bei einer tiefen einstelligen Prozentzahl, obschon sich einfach Geld sparen liesse.

Enemy wird Friend – «Frenemy»

Entsprechend hat Truewealth ihr Geschäftsmodell jüngst angepasst und folgt dem neuen Zeitgeist in der Finanztechnologie – Kooperation statt Disruption. Die Basellandschaftliche Kantonalbank (BLKB) ist bereits als Investor und Partner an Bord. Weitere Institute sollen folgen. «Wir sind im Gespräch mit mittelgrossen Banken», sagt Mitbegründer Niederer.

«Solche hybriden Modelle zwischen Banken und Fintech-Start-ups werden in der Schweiz die grössten Erfolgschancen haben», sagt Andreas Dietrich vom Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ). Reine Online-Anbieter dürften langfristig eher Mühe bekunden.

Grösstes Wachstumspotenzial bei hybriden Lösungen Eine Studie des IFZ und der Swisscom zur Online-Vermögensverwaltung sieht deshalb das grösste Wachstumspotenzial bei solchen hybriden Lösungen. Umso mehr, weil inzwischen fast jede Bank und jeder grössere Vermögensverwalter sich dieses Themas angenommen hat.

Auch weltweit ist dieser Trend spürbar. So ist der Fondsverwalter Vanguard mit über 40 Mrd. $ verwalteten Vermögen der grösste Robo Advisor weltweit. BlackRock übernahm 2015 das Start-up Future Advisor, Fidelity sprang dieses Jahr auf den digitalen Zug auf – und die UBS will 2017 ihre digitale Lösung Smartwealth in Grossbritannien ausrollen, zu einem späteren Zeitpunkt auch in der Schweiz.

Hinter dem Spitzenfeld tummelt sich eine Vielzahl von unabhängigen Anbietern. Allein in Europa zählte das Beratungsunternehmen Techfluence vierundsechzig Anbieter im Bereich der digitalen Vermögensverwaltung – Tendenz noch immer steigend.

Grafik: Techfluence.eu

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