Blog Fintech
09:24 - 09.02.17

Wenn Banken den Fintechs ganz genau zuhören

Pascal Meisser, London
An der Finovate kristallisieren sich die heissen Fintech-Themen des Jahres heraus. Auch Schweizer Banken waren vor Ort.

Es ist nicht die grösste Konferenz in der Welt der Finanztechnologie (Fintech), aber eine der am meisten beachteten: An der Finovate in London trafen am Dienstag und Mittwoch Jungunternehmen und traditionelle Finanzinstitute aufeinander – neue, unkonventionelle Ideen stiessen auf hungrige Digitalchefs von Banken. Denn nirgendwo zeigt sich besser, welche Themen in der Fintech-Welt gerade besonders heiss sind.

Für dieses Jahr lassen sich zwei Trends ausmachen: der zunehmende Einsatz künstlicher Intelligenz sowie die Entwicklung von Produkten, die von Banken via Programmierschnittstellen einfach eingesetzt werden können. In der Fachsprache werden diese API (Application Programming Interface) genannt.

Kein Wunder, dass sich auch Schweizer Banken und Finanzdienstleister einen solchen Ideen-Catwalk nicht entgehen lassen. So liessen sich im Publikum unter anderem Vertreter der Zürcher sowie der Glarner Kantonalbank (GLKBN 23.85 -0.42%), solche der PostFinance, der Aduno-Gruppe sowie des Detaillisten Valora (VALN 331 0.3%) ausmachen.

Kehrtwende in der Fintech-Welt

Vergangenes Jahr waren es noch die automatisierten Anlageberater, besser bekannt als Robo Advisors, gewesen, die die Veranstaltung dominiert hatten. Unter anderem feierte der Schweizer Robo Advisor Descartes dort seine Uraufführung.

Inzwischen hat die Fintech-Welt eine Kehrtwende gemacht. Gefragt sind nicht mehr Lösungen, die die traditionellen Banken ersetzen sollen. Die Idee der Zusammenarbeit hat sich nun auch in der Breite durchgesetzt.

So werden immer mehr Formen der künstlichen Intelligenz (KI) eingesetzt, die die Registrierung von Neukunden erleichtern sollen. Mitek hat eine Smartphone-App entwickelt, die die Kontoeröffnung bei einer Bank ausschliesslich über das Handy ermöglichen soll. Dank KI soll das fotografische Scannen des Ausweises auch bei schlechten Lichtverhältnissen möglich sein.

In eine ähnliche Richtung geht das Londoner Start-up Iproov, das eine biometrische Online-Authentifizierung ermöglichen will. Hooyu wiederum ist ein Serviceanbieter, der die Identität neuer Kunden überprüft – zum Beispiel unter Einbezug von öffentlich zugänglichen Facebook- und LinkedIn-Daten.

Schweizer Lösungen in London vorgestellt

Daneben wurden zahlreiche Module vorgestellt, die Banken relativ einfach bei sich implementieren können. Zum Beispiel hat die Schweizer Softwareschmiede Unblu in London ihre neue App präsentiert. Damit bringen Finanzhäuser ihre Kundenberater auf das Handy der Kunden, wo sie via Livechat ortsungebunden beraten können. Bereits heute setzen einige grosse Banken wie UBS (UBSG 15.45 -1.15%) und Barclays (BARC 226.45 -0.98%) auf Unblu.

Immer häufiger kommen auch Entwicklungen aus der Fintech-Szene, die einen Überblick über das eigene Vermögen bieten wollen – besser bekannt unter Personal Finance Management (PFM). Ihr Vorteil gegenüber den meisten Banken liegt darin, dass sie die Vermögenssituation unabhängig analysieren und sämtliche Positionen über verschiedene Banken hinweg erfassen.

Einen sehenswerten Auftritt in London hatte auch das Schweizer Start-up Sentifi, das vergangenes Jahr zusammen mit dem digitalen Versicherungsbroker Knip den «Swiss FinTech Award» gewonnen hatte. Sentifi filtert mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz aus Millionen von Beiträgen zu Investmentthemen die relevanten Meinungen heraus und stellt sie dem Anleger in Echtzeit zur Verfügung.

Wie immer sind aber gute Ideen noch längst kein Garant für den wirtschaftlichen Erfolg des Produkts. Man darf deshalb gespannt sein, ob und welche Lösungen die Schweizer Bankenvertreter überzeugt haben und dereinst zum Einsatz kommen könnten.

13:59 - 26.01.17

Xapo versöhnt sich mit Finma

Valentin Ade
Vor einem halben Jahr wollte Wences Casares noch die Schweiz verlassen. Jetzt wurde sein Bitcoin-Verwahrer Xapo von der Finma anerkannt. Im Interview erklärt er, wie es dazu kam.

Der Bitcoin-Verwahrer Xapo ist von der Finanzmarktaufsicht (Finma) als erstes Unternehmen seiner Art anerkannt worden. Das Start-up von Seriengründer Wences Casares darf sich als Finanzdienstleister einer Selbstregulierungsorganisation (SRO) anschliessen.

SRO werden von der Finma beaufsichtigt und kontrollieren ihre Mitglieder, sogenannte Finanzintermediäre, auf die Einhaltung der Gesetzgebung gegen Geldwäscherei.

In einem Blog-Beitrag bedankt sich Casares überschwänglich beim Regulator für die gute Zusammenarbeit, die insgesamt zwei Jahre gedauert hat.

Im Sommer 2016 war Casares allerdings noch stinksauer. «Heute hat uns die Finma gesagt, dass es keinen gangbaren Weg für Xapo gibt, um in der Schweiz zu operieren», schrieb er in einer E-Mail, die «Finanz und Wirtschaft» vorliegt. Betreff: Leaving Switzerland (die Schweiz verlassen).

Die Finma habe keine Ahnung von Bitcoin, schrieb Casares. Sie solle mal Regulatoren in den USA, Grossbritannien oder Luxemburg fragen. «Auf die Schweiz zu setzen, war ein teurer Fehler, wir werden jetzt in ein anderes Land gehen.» Wenn Xapo es in der Schweiz nicht schaffe, dann schaffe es keiner, so Casares.

Es kam dann doch anders. Xapo bleibt der Schweiz erhalten. Im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft» sagt Casares, was sich seither geändert hat.

Herr Casares, im Sommer 2016 waren Sie kurz davor, die Schweiz zu verlassen. Ist es richtig, dass die Finma Ihnen sagte, Sie könnten Ihr Geschäft hier nicht betreiben?
Das war ein Missverständnis. Die Finma meinte zuerst, wir könnten einen Teil unseres Geschäfts nicht in die Schweiz bringen. Wir dachten, der Regulator sagt uns damit, wir dürften grundsätzlich nicht in der Schweiz arbeiten. Das war aber nicht die Absicht der Finma. Wir haben uns zusammengesetzt, die Angelegenheit besprochen und ein Übereinkommen gefunden.

Warum hat dieser Prozess insgesamt zwei Jahre gedauert, was waren die Probleme?
Es gab einige. Zum einen mussten wir einen Weg finden, wie wir der Finma beweisen können, dass wir wirklich die Bitcoin verwahren, wie wir behaupten.

Wie haben Sie das Problem gelöst?
Software. Wir haben ein Tool entwickelt, mit dem Dritte nachprüfen können, ob wir wirklich die Bitcoin unserer Kunden halten.

War das alles?
Nein, vor allem ist Bitcoin etwas Neues und ist nicht unbedingt leicht zu erklären. Die Finma musste also zuerst Bitcoin verstehen und herausfinden, wie die Kryptowährung in das gegebene Schweizer Recht hineinpasst.

Aber das Schweizer Recht kennt doch gar keine digitalen Vermögenswerte.
Das stimmt. Und weder wir noch die Finma wussten genau, wie wir damit umgehen sollten. Darum haben beide Seiten Rechtsgutachten eingeholt. Diese Gutachten kamen auf folgenden Punkt: Obwohl das Schweizer Recht nicht spezifisch auf das Eigentum digitaler Vermögenswerte verweist, gibt es trotzdem viele Fälle, in denen geistiges Eigentum und andere nichtmaterielle Werte als Eigentum anerkannt werden.

Und so werden jetzt auch Bitcoin behandelt?
Ja, und von einem rechtlichen Standpunkt aus gesehen ist es sinnvoll, genau dies anzunehmen. Ansonsten schafft man ein Schlupfloch.

Im Sommer befasst sich das Schweizer Parlament mit speziellen Fintech-Gesetzen, unter anderem mit einer «Banklizenz light». Käme sie für Sie in Frage?
Durchaus. Für uns – wie für viele Fintech-Unternehmen, die Gelder nur verwahren – ist eine Banklizenz völlig übertrieben. Das ist, als würden Sie sich einen Ferrari kaufen, nur um damit zum Supermarkt zu fahren. Wenn die Fintech-Lizenz wie vorgeschlagen wirklich durchs Parlament kommt, wäre das ein Riesenfortschritt.

Wie würde die Schweiz dann im internationalen Vergleich dastehen?
Das Zentrum der Fintech-Revolution heute ist nicht das Silicon Valley, wo ich mein Büro habe, sondern London. Dort sind die innovativsten Unternehmen. Viele von uns in der Fintech-Industrie denken allerdings, dass die Schweiz besser in der Lage ist, Fintech zu fördern. Dass die Finma uns nun offiziell zulässt, ist ein gutes Zeichen. Jetzt braucht es einfach noch einen Gesetzesrahmen, der das Land wirklich wettbewerbsfähig mit London macht.

Und was sind die Pläne für Xapo?
Wir wollen unser Geschäft ausbauen. Im Moment haben wir 4 Mio. Kunden und rund 1 Mio. Transaktionen pro Tag. Wir sind der grösste Bitcoin-Verwahrer der Welt, und unser Geschäft läuft profitabel. Momentan sind wir in Gesprächen mit dem Verein zur Qualitätssicherung von Finanzdienstleistungen, der SRO, in die wir aufgenommen werden wollen.

FuW-Forum «FinTech 2017»Am Finanz und Wirtschaft Forum «FinTech 2017 – Drivers of Change» vom 9. März 2017 in Zürich setzen sich führende Experten und Visionäre mit den treibenden Kräften des digitalen Wandels und strategisch relevanten Fragen für den Finanzplatz auseinander. Wie offen und dynamisch müssen Finanzinstitutionen werden, um in Zukunft noch eine Chance zu haben? Wie können Banken und Versicherungen dank kluger API und starken Partnerschaften erfolgreicher sein? Welche Opportunitäten bieten sich dank fortschrittlichen Technologien im Umgang mit den Kundenbedürfnissen und regulatorischen Anforderungen? Diskutieren Sie neue und bewährte Lösungsansätze an unserer internationalen Konferenz und vernetzen Sie sich mit Entscheidungsträgern, Meinungsmachern und Disruptoren. Sichern Sie sich hier Ihr Ticket.

16:54 - 12.01.17

Bitcoins Wilder Westen

Luzius Meisser
Um Bitcoin und andere Kryptowährungen lässt sich etwas sehr Seltenes beobachten: ein globaler, unregulierter Finanzmarkt.

Es wird 24 Stunden am Tag und sieben Tage pro Woche ohne Netz und doppelten Boden gehandelt – und zwar in Volumen, die es durchaus mit den grossen Schweizer Blue Chips aufnehmen können. Täglich werden etwa 100 Mio. $ der Kryptowährung Bitcoin umgesetzt.

Transaktionsvolumen steigtzoomDie Welt der Kryptowährungen kennt weder Nachtruhe noch Feiertage, weder eine Börsenaufsicht noch Sicherheitsmassnahmen wie einen Handelsstopp bei starken Kursbewegungen – wie zuletzt vergangene Woche. Dafür gibt es Hackerangriffe (in der Schweiz war zuletzt Ethereum betroffen), Kursmanipulationen, hohe Volatilität und Zinsen bis zu 30%. Es gilt der nackte Kapitalismus.

In China wird pragmatisch ignoriert

Zunächst sind Kryptowährungen dank dem Internet weltweit binnen Sekunden transferierbar. Landesgrenzen spielen kaum eine Rolle. So kann man zum Beispiel als kühner Schweizer bei der chinesischen Bitbank innerhalb von Minuten ein Konto eröffnen und seine Bitcoin als einjährige Festgeldanlage zu gegenwärtig immerhin 6,6% Zins anlegen.

Überhaupt ist China zu einem wichtigen Standort für Bitcoin geworden. Gehandelt wird nach der Maxime «das Land ist gross und der Kaiser weit weg», und rechtliche Unsicherheiten werden pragmatisch ignoriert.

Gehebeltes Trading mit Crowdfunding

Einen wesentlich höheren Zins kann man erzielen, indem man an Bitcoin-Börsen anderen Nutzern Geld ausleiht, mit dem sie gehebelt handeln können. Hier wird also sehr innovativ gehebeltes Trading mit Crowdfunding finanziert.

Wenn man schon ein Risiko eingeht, weshalb nicht auch noch ein zweites? Gegenwärtig erhält man hierfür 0,07% Zins pro Tag, was etwa 30% pro Jahr entspricht.

Wenn der Schuldner sich verspekuliert, erhält er automatisch einen Margin Call, sein Restportfolio wird liquidiert, und der Gläubiger erhält die geliehenen Bitcoin oder Dollar zurück. Auf diese Weise kann man Kryptowährungen übrigens auch leerverkaufen, wenn man nicht an ihre Zukunft glaubt.

Handel mit Bitcoin-Schuldscheinen

Einen noch höheren impliziten Zins erhält man derzeit in Aussicht gestellt, wenn man sogenannte BFX-Tokens kauft. Dies sind Schuldscheine der Börse Bitfinex, die sie an ihre Gläubiger ausgegeben hat, nachdem es einem Hacker gelungen war, an der Börse gelagerte Bitcoin im Wert von 70 Mio. $ zu stehlen.

Die BFX-Tokens kann man als eine Art Zero Bond mit unbekanntem Rückzahlungstermin betrachten. Sie werden zurzeit mit einem Abschlag über 40% gehandelt, man könnte hier also den Dollar für 60 Cent kaufen. Der CFO von Bitfinex hofft, alle noch ausstehenden Tokens bereits bis Mitte 2017 zurückzuzahlen – was ich selbst für beschränkt realistisch halte.

Zugutehalten muss man ihm allerdings, dass es bereits gelungen ist, Gläubiger im Umfang von über 30 Mio. $ davon zu überzeugen, ihre Forderungen in Aktien umzuwandeln (zu einer Bewertung von 200 Mio. $). Damit ist die ausstehende Schuld entsprechend kleiner geworden.

Schön ist, dass hier im Vergleich zur spektakulär untergegangenen Börse Mt. Gox, die ihre Probleme vertuscht hat, sehr viel transparenter vorgegangen wird. Dies steht im Einklang mit der Tendenz des Sektors, regulatorische Unsicherheit durch erhöhte Transparenz wettzumachen.

Breite Palette an Anbietern

Interessant ist auch zu beobachten, wie ehemals innovative Unternehmen an Innovationskraft verlieren, sobald sie sich einem westlichen Regulator unterstellen. Ein Beispiel dafür ist Bitstamp, ein europäischer Konkurrent von Bitfinex, der 10 Mio. $ an Risikokapital von Pantera Capital aufgenommen hat. Bitstamp hat sich dem luxemburgischen Regulator unterstellt. Mutmasslich hat der Investor darauf gedrängt.

Anders als an anderen Börsen gibt es dort kein von der Crowd finanziertes Margin Trading, und bei der Einführung neuer Kryptowährungen hinkt Bitstamp nun öfters hinterher.

Schlussendlich führt dies aber zu einem für den Konsumenten idealen Zustand: Es steht eine breite Palette unterschiedlich regulierter und unterschiedlich innovativer Anbieter zur Auswahl, und jeder kann den wählen, bei dem es ihm am wohlsten ist.

Im globalen Kapitalismus der Kryptowährungen ist das regulatorische Plazet eines Landes ein optionales Gütesiegel, um das man ersuchen kann, wenn man dies für vorteilhaft erachtet, aber nicht muss. Dementsprechend sollte ein weitsichtiger Gesetzgeber die Finanzmarktaufsicht nicht als Überwacher, sondern als Zertifizierungsstelle ausrichten.

Zum AutorLuzius Meisser ist Gründer und Vorstandsmitglied der Bitcoin Association Switzerland, CEO von Meisser Economics und Doktorand am Institute für Banking und Finance der Universität Zürich.

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Centralway Numbrs ist nach Angaben von CEO Martin Saidler das bestfinanzierte Fintech-Start-up der Schweiz. Die noch junge Szene hat damit wohl ihr erstes Einhorn.

Der Staatsfonds von Dubai steigt beim Schweizer Fintech-Start-up Centralway Numbrs ein.

Wie gross die Kapitalspritze aus dem Nahen Osten ist, will CEO Martin Saidler im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft» zwar nicht mitteilen. Das Investitionskapital des Banking-App-Anbieters beläuft sich allerdings aktuell auf nun 125 Mio. $. Eine Anfang 2016 geschlossene Finanzierungsrunde erbrachte 70 Mio. $, was eine Differenz von 55 Mio. $ ergibt. Dem Vernehmen nach ist Dubai für den Löwenanteil daran verantwortlich. Martin Saidler, CEO von Centralway Numbrs.

Wert von über 1 Mrd. $

Das macht Centralway Numbrs nach Angaben Saidlers zum bestfinanzierten Fintech-Start-up der Schweiz. Die junge Szene des Landes hat damit wohl zugleich ihr erstes Unicorn (zu Deutsch Einhorn). So nennt man Start-ups, die es auf einen Unternehmenswert von mindestens 1 Mrd. $ bringen.

Centralway Numbrs ist eine Banking-App, mit der Nutzer ihre Bankkonten verwalten können. Der Service ist bisher nur in Deutschland verfügbar. Mit 1,5 Mio. Downloads sei man dort die beliebteste unabhängige Banking-App sagt Saidler.

Der Staatsfonds von Dubai ist der erste institutionelle Investor des Unternehmens. Bisher stützte es sich allein auf eine Gruppe aus 46 Familien- und Privatinvestoren. Zu ihnen zählen Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und die Familie Mirabaud, Besitzer der gleichnamigen Privatbank.

Grosse Expansionspläne

«Wir wollten erst Institutionelle an Bord holen, nachdem wir uns eine robuste finanzielle Basis aus vielen renommierten Privatinvestoren und eine solide technische Basis mit einem tollen Produkt geschaffen hatten und kurz vor der internationalen Expansion stehen», sagt Saidler.

Die Wahl sei nach vielen Anfragen auf Dubai gefallen, weil der Staatsfonds zugleich bei acht Banken im Nahen Osten investiert sei, die auch in Nordafrika und Indien aktiv sind. Darüber will man den Einstieg mit der App in diese Regionen schaffen. «In den kommenden Monaten wollen wir eine Kooperation entwickeln», sagt Saidler.

Auch die USA und China seien langfristige Ziele. Zunächst stehe aber das Vereinigte Königreich an, wo sich die App in einer Testphase befindet.

Kooperationen und Übernahmen

«2018 wollen wir in unseren Kernmärkten Deutschland und Grossbritannien profitabel sein», sagt Saidler.

Der Hauptsitz seines Unternehmens befindet sich in Zürich, wo Centralway Numbrs 150 Mitarbeiter beschäftigt.

In der Schweiz wolle man laut Saidler den Dienst aber erst lancieren, wenn der Einstieg in die grossen europäischen Märkte gelungen sei. Die Kosten für die Implementierung im kleinen Markt Schweiz seien die gleichen.

Saidler schliesst weitere Kooperationen mit lokalen Playern nicht aus. «Wir sind keine Bank und wollen keine Bank werden. Wir sind Partner der Banken.» Auch die Übernahme anderer Start-ups, die mit ihrer Technologie das Centralway-Numbrs-Angebot voranbringen können, sei denkbar.

Verschiedene Beteiligungen

Vor kurzem teilte Centralway Numbrs mit, man wolle nun auch als mobile Plattform für Banken auftreten. Im sogenannten Numbrs Store können Nutzer Bankangebote vergleichen und Produkte wie Konten oder Kredite direkt über die App beantragen.

Die mehrheitlich in Saidlers Besitz stehende Centralway Numbrs ist seit 1999 im Internetbereich tätig. Saidler selbst hält mehrere Beteiligungen, unter anderem ist er Grossaktionär (29,9%) des in Deutschland kotierten Softwareentwicklers B+S Banksysteme.

14:51 - 03.01.17

Was hinter Fintech steckt und was als Nächstes kommt

Thomas Puschmann
Alle reden von Fintech, doch was genau gehört dazu? Eine Bestandesaufnahme des Status quo und ein Blick in die Zukunft.

Der Markt an Fintech-Lösungen ist fragmentiert, und es existiert keine einheitliche Meinung darüber, welche Bereiche sie abdecken. Ein Bezugssystem kann helfen, die verschiedenen Fintech-Lösungen zu klassifizieren.

Eine bekannte Unterscheidung differenziert einerseits zwischen dem Anbietertyp, ob Services von Banken, Versicherungen oder Nicht-Banken/-Versicherungen angeboten werden.

Andererseits zwischen dem Interaktionstyp: Unterstützt eine Lösung die Beziehung Unternehmen zu Kunde (Business to Customer, B2C), Kunde zu Kunde (Customer to Customer, C2C) oder Unternehmen zu Unternehmen (Business to Business, B2B)?

Drittens unterscheiden sich Fintech-Lösungen bezüglich der unterstützten Bank- und Versicherungsprozesse. Die Tabelle gibt eine Übersicht über bestehende Fintech-Lösungen und klassifiziert sie entlang der folgenden Dimensionen:

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1. Banken: Viele der derzeit verfügbaren Fintech-Lösungen wurden von Start-up-Firmen aus dem Nicht-Banken-Sektor entwickelt, die dann später von Banken adaptiert wurden. Die von Banken entwickelten Fintech-Lösungen konzentrieren sich entweder auf die Interaktion zwischen Kunden und Banken (B2C) oder zwischen Kunden (C2C).

Zu den Beispielen gehören etwa Videokonferenzen (Beratung), Robo Advisors (Anlegen) und Online-Kreditbeantragung (Finanzieren). Im Unterschied zu den B2C-Lösungen, bei denen Banken die Serviceanbieter sind, fokussieren solche aus dem C2C-Bereich auf Peer to Peer Services und Plattformen. Beispiele sind Peer to Peer Payment oder Online-Kunden-Communities.

2. Versicherungen: Fintech-Lösungen aus dem Versicherungsbereich umfassen Prozesse wie Beratung, Lebens- und Nichtlebensversicherung, Schaden- und Risikomanagement sowie übergreifende Prozesse. Bekannte Beispiele sind Pay-as-You-Drive-Lösungen (Nichtlebensversicherung) oder drohnenbasierte Schadenanalyse (Schadenmanagement).

Andere wichtige Bereiche sind die Nutzung von von Big-Data-Analyse zur Verbesserung des Risikomanagements und für das Angebot personalisierte Prämienmodelle sowie automatisierte Policierungsprozesse (übergreifend). Im Unterschied zum Bankbereich konzentrieren sich die meisten Lösungen derzeit auf den B2C-Bereich, während solche aus dem C2C-Bereich eher selten sind.

3. Nicht-Banken: Der Markt der Nicht-Banken umfasst sowohl Start-up-Firmen wie auch grosse IT-Unternehmen wie beispielsweise Apple (AAPL 136.66 0.1%) oder Alibaba (BABA 102.95 0.48%). Anders als die von Banken fokussieren ihre Fintech-Lösungen auf Disintermediation und konzentrieren sich oftmals auf einzelne Aktivitäten, wobei ein Einzelanbieter zumeist nicht alle Prozesse abdeckt.

Zusätzlich zum B2C- und zum C2C-Bereich bieten Nicht-Banken auch Kooperationsmodelle für Banken an. Prominente Beispiele sind digitale Kundenberatung (Beratung), Personal Finance Management (Payments), Digital Identity (übergreifend) oder Aktienanalyse und -vorhersage (Anlegen).

4. Nicht-Versicherungen: Viele der aktuellen Fintech-Innovationen stammen von Nicht-Versicherungen. Sie decken alle relevanten Versicherungsprozesse im B2C-Bereich ab und bieten zusätzlich neue Geschäftsmodelle im C2C- und im B2C-Bereich. Beispiele für B2C-Geschäftsmodelle sind Lösungen für das Versicherungsbrokermanagement (Beratung), On-Demand-Versicherungsprodukte (Lebensversicherung) oder Big-Data-Katastrophenmodelle (Risikomanagement).

Während der B2C-Bereich auf Disintermediation fokussiert, könnte der C2C-Bereich zukünftig radikalere Veränderungen für die Versicherungsindustrie nach sich ziehen. Ein erstes Beispiel ist eine crowdbasierte Versicherungslösung, bei der ein Policeneigentümer eine Prämie erst nach Eintritt eines Schadenfalls einer anderen versicherten Person bezahlt.

Obwohl fast alle Bereiche von bestehenden Fintech-Lösungen abgedeckt werden, variiert der Reifegrad der unterschiedlichen Lösungen bezüglich der unterstützten Prozessbereiche. Für die Bankindustrie hat eine Studie beispielsweise kürzlich identifiziert, dass der aus Marktsicht relevanteste Fintech-Bereich der Finanzierungsbereich ist, gefolgt vom Zahlungsbereich, vom übergreifenden und vom Anlagebereich (Haddad and Hornuf 2016, p. 21).

Ein Ausblick

Obwohl wir bereits die Entstehung einer Vielzahl an Fintech-Lösungen im letzten Jahrzehnt beobachten konnten, könnten drei mögliche Bereiche auf zukünftige Fintech-Innovationsfelder hindeuten, innerhalb deren wir heute möglicherweise erst die Spitze des Eisbergs des zukünftigen Potenzials erkennen können:

Erstens konzentrierten sich bisherige Lösungen meist auf inkrementelle Verbesserungen wie beispielsweise Mobile Payment basierend auf «reifen» Technologien (z.B. Mobiltelefonkamera zum Einscannen von Einzahlungsscheinen).

Ein nächster Schritt sind sogenannte disruptive Innovationen, die oftmals von Pacemaker-Technologien oder durch die Konvergenz zweier oder mehrerer solcher Technologien induziert sind. Eine dieser Pacemaker-Technologien könnte beispielsweise die Blockchain sein.

Relevante Fragestellungen im Kontext disruptiver Technologien mit Bezug zu Fintech sind: Welches sind die strategischen Implikationen disruptiver Technologien für die Finanzindustrie, bezogen auf die relevanten Innovationsobjekte Geschäftsmodelle, Produkte und Services, Organisationsformen, Prozesse und Systeme?

Welche technologieinduzierten Innovationen haben einen disruptiven Effekt, und wie ist ihr technologischer, politischer, ökonomischer, rechtlicher und regulatorischer Einfluss auf die Wertschöpfungskette der Branche zu bewerten? Wie können Analogien aus anderen Industrien genutzt werden, um diesen Einfluss abzuschätzen?

Zweitens haben Fintech-Innovationen unterschiedlichen Einfluss auf die Innovationsobjekte. Beispiele sind neue Services wie etwa Chatbot, auf künstlicher Intelligenz basierende Beratungsservices oder Bankkonten für Mobiltelefone.

Da aber viele dieser Fintech-Lösungen sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium befinden, ist derzeit noch unklar, wie Konsumenten diese neuen Services adaptieren werden.

Relevante Fragestellungen in diesem Zusammenhang sind: Welche Innovationsmuster bezogen auf einzelne Innovationsobjekte lassen sich erkennen (Geschäftsmodelle, Produkte und Services etc.), und welche Beziehungen bestehen zwischen ihnen (z.B. Zusammenhang zwischen neuen Systemen und neuen Geschäftsmodellen)? Darüber hinaus ist eine wichtige Fragestellung, wie Kunden Finanzdienstleistungen von Nicht-Banken/-Versicherungen im Vergleich zu Banken und Versicherungen annehmen werden.

Drittens umfasst der Innovationsumfang sowohl mikro- wie auch makroökonomische Auswirkungen. Die mikroökoomische Perspektive könnte zu einer Transformation von Banken und Versicherungen in Richtung starker dezentralisierter, vernetzter Entitäten führen, wobei jede einzelne sich auf Einzelaktivitäten fokussieren würde.

Bei dieser unter der Bezeichnung Crowdsourcing definierten Entwicklung käme elektronischen Servicemarktplätzen für C2C-, B2C- und B2B-Interaktionsprozesse eine wichtige Rolle zu, um Nachfrage und Angebot sehr spezialisierter Wertschöpfungsketten zusammenzubringen.

Andererseits könnte aus makroökonomischer Sicht die Grenze zwischen einzelnen Industrien verwischen und zu einer Neudefinition des gebräuchlichen Standards Industrial Classification System (SIC) führen, das Industrien wie z.B. «Retail Trade» oder «Finance, Insurance and Real Estate» abgrenzt.

Relevante Fragestellungen in diesem Zusammenhang sind: Wie sehen zukünftige Organsiationsformen von Banken und Versicherungen aus? Welche Standards sind erforderlich, um diesen höheren Grad an Spezialisierung zu ermöglichen? Welche Elemente umfasst eine verteilte Finanzmarktinfrastruktur, die die entstehenden Fintech-Innovationen über alle Innovationsobjekte und über alle involvierten Marktteilnehmer hinweg unterstützt (z.B. Regulation, Logistik, Preisvergleich etc.)?

Zusammengefasst hatten die beschriebenen Entwicklungen bereits einen starken Einfluss auf die Finanzindustrie, und es ist anzunehmen, dass er zukünftig noch zunehmen wird und letztlich zu einer Reorganisation der ganzen Branche führen könnte.

Aber wie die drei abschliessend genannten Bereiche zeigen, sind noch viele Fragen ungeklärt, und das macht Fintech zu einem interessanten Feld für die nächsten Jahrzehnte.

Nach dem Internet of Information (mit Hypertext als Standard), dem Internet of Services (mit Webservice-Standards wie z.B. SOAP) komplettiert nun das Internet of Value durch die Entwicklungen im Bereich Fintech das letzte fehlende Glied auf dem Weg zu vollständig digitalen Ökosystemen.

Weil die Schweiz eine lange Tradition im Bereich der Dienstleistungsökonomie aufweist und oftmals als Erfinder oder Early Adopter innovativer Technologien auf sich aufmerksam gemacht hat, bietet auch das Thema Fintech eine grosse Chance, sich in diesem derzeit entstehenden Wettbewerb mit anderen Fintech-Hubs wie London, New York oder Singapur zu positionieren.

Literatur

Alt, R, Puschmann, T. (2016) Digitalisierung der Finanzindustrie – Grundlagen der Fintech-Evolution. SpringerGabler: Berlin/Heidelberg.

Haddad C, Hornuf L (2016) The Emergence of the Global Fintech Market: Economic and Technological Determinants. University of Trier: Lille & Trier.

Puschmann, vT. (2017) Fintech. Business & Information Systems Engineering 59(1): forthcoming.

Zum AutorThomas Puschmann ist Leiter des Swiss FinTech Innovation Lab an der Universität Zürich. Dort werden in enger Zusammenarbeit mit Start-ups und etablierten Unternehmen der Finanzindustrie neue Konzepte und Lösungen im Bereich der Finanztechnologie erarbeitet.