Blog Fintech
14:32 - 29.03.17

KMU erkennen Nutzen digitaler Bankangebote (noch) nicht

Andreas Dietrich und Christoph Duss
Nach vermehrten Digitalisierungsbemühungen im Retail Banking und in der Vermögensverwaltung haben erst vereinzelte Banken in der Schweiz damit begonnen, ihr Firmenkundengeschäft zu digitalisieren.

Der technologische Fortschritt, das dadurch veränderte Kundenverhalten und der Eintritt neuer Wettbewerber veranlassen viele Banken dazu, sich vermehrt mit dem Thema Digitalisierung und den damit verbundenen Chancen und Risiken auseinanderzusetzen.

Neben dem Retail Banking und der Vermögensverwaltung werden diese Entwicklungen künftig auch das Firmenkundengeschäft beeinflussen. Schweizer Banken können sich diesen Geschehnissen nicht entziehen und müssen sich rechtzeitig mit neuen digitalen Angeboten in diesem Bereich auseinandersetzen.

Um das Interesse nach solchen Angeboten auf der Kundenseite zu eruieren, wurde in Zusammenarbeit mit dem Swisscom-Thinktank E-Foresight und mit sechs Banken eine Umfrage unter Schweizer KMU-Firmenkunden durchgeführt.

Diese mussten den Nutzen von verschiedenen Dienstleistungen und Produkten im digitalen Firmenkundengeschäft einschätzen: Neue Funktionalitäten im E-Banking, innovative Kommunikationskanäle, neue digitale Lösungen in den Bereichen Zahlen und Finanzieren sowie sonstige banknahe Dienstleistungen.

Neue innovative Kanäle sind gefragt

zoomWie sich zeigte, erachten die befragten Firmenkunden vor allem transaktionsbezogene und Selbstadministrationsfunktionen im E-Banking als nützlich. Diese sollen insbesondere den Alltag von KMU erleichtern und deren Prozesse verbessern.

Dazu zählen beispielsweise eine personalisierbare Einstiegsseite, die Anbindung von Buchhaltungsprogrammen oder ein digitales Vertragsarchiv mit allen Bankverträgen. Solche Dienstleistungen werden derzeit praktisch noch von keiner Bank angeboten. Es ist aus Bankensicht aber ratsam, solche gegen aussen hin teilweise unspektakuläre Massnahmen zu verfolgen und in diese Projekte zu investieren.

Bei den Kommunikationskanälen wurde der Fokus insbesondere auf neue innovative Kanäle gelegt, wie z.B. Web-Chats oder Video-Beratung. Die grosse Mehrheit der KMU findet darin nur einen begrenzten Nutzen.

Das würde auch dafür sprechen, dass sich ein typischer Firmenkunde vor allem bei komplexeren Problemen direkt und persönlich an seine Bank wendet. Es scheint, dass diese Anliegen nach wie vor nicht per Chat oder Video gelöst werden möchten, sondern über den persönlichen Kontakt.

Digitales Zahlen wird an Relevanz gewinnen

Neben dem E-Banking sind digitale Zahlungsmöglichkeiten von den Befragten als sehr relevant bewertet worden. Es zeigte sich, dass Zahlungslösungen für Web-Shops, die Akzeptanz von mobilen Zahlungen sowie mobile Bezahl-/Kartenterminals in etwa gleich nützlich sind.

Letztlich hängt der beigemessene Nutzen für Zahlungslösungen auch vom Geschäftsmodell und der Branche ab, in welcher ein Unternehmen tätig ist. Trotzdem ist davon auszugehen, dass die Relevanz von digitalen Zahlungslösungen zukünftig noch steigen wird, da die Themen E-Commerce und Mobile Payment an Bedeutung gewinnen werden.

Im Themenblock Finanzieren ging es grösstenteils darum, die Digitalisierung des Finanzierungsprozesses zu bewerten. Am relevantesten erachten KMU hier das Online-Abschliessen von Festgeldern und die Online-Eröffnung von Geschäftskonten.

Zudem hat sich herausgestellt, dass die Online-Verlängerung/Ablösung von Krediten als nützlicher erachtet wird als der Online-Neuabschluss. Da eine Verlängerung im Vergleich zum Neuabschluss in der Regel weniger kompliziert ist, scheinen die Befragten eher daran interessiert zu sein, diesen Vorgang online abschliessen zu können.

Beschränkter Nutzen von digitalen Dienstleistungen

Bei den banknahen Dienstleistungen mussten die KMU den Nutzen von Produkten und Dienstleistungen eruieren, die nicht direkt zum Kerngeschäft von Banken gehören, jedoch teilweise von ihnen angeboten werden.

Dazu gehören zum Beispiel Online-Treuhandangebote oder Online-Versicherungen. Grundsätzlich sind diese nur von sehr wenigen Firmenkunden erwünscht. Die Idee von Allfinanz-Anbietern ist aus Kundensicht also nach wie vor kein Bedürfnis.

Insgesamt veranschaulicht die Umfrage, dass die befragten Firmenkunden in den meisten digitalen Produkten und Dienstleistungen nur einen beschränkten Nutzen sehen. Dieses allgemein geringe Interesse kann entweder darauf zurückgeführt werden, dass die Unternehmen mit den aktuellen Angeboten der Banken zufrieden sind, oder sie können den Zusatznutzen von neuen digitalen Funktionalitäten und Produkten, die sie noch nie testen konnten, nur schwer einordnen.

Trotzdem wird die Digitalisierung auch im Firmenkundengeschäft stärker Eingang finden. Schweizer Banken stehen mit ihren Digitalisierungsbemühungen in diesem Segment zurzeit aber noch am Anfang.

Hinweis: Die komplette Studie «Digitales Firmenkundengeschäft: Heutiger Stand und zukünftige Entwicklung» kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

Zum AutorProf. Dr. Andreas Dietrich ist Leiter des Kompetenzzentrums Financial Services Management am Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ der Hochschule Luzern – Wirtschaft.

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15:56 - 01.03.17

Zug soll Welthauptstadt der Blockchain werden

Pascal Meisser
In Fintech-Kreisen ist der Kanton Zug schon länger als «Crypto Valley» bekannt. Nun soll dies auch die Welt erfahren.

Bislang waren es die jungen Wilden, die sich mit ihren Blockchain-Startups in Zug niedergelassen haben. Nun haben auch die grossen Firmen aus der Finanz- und Beratungsbranche die kleine Stadt im Süden der Stadt Zürich entdeckt.

Seit heute Mittwoch will die «Crypto Valley Association» den Standort Zug als Welthauptstadt der Blockchain-Technologie vermarkten. Dahinter stehen Unternehmen wie UBS (UBSG 15.78 1.15%), PwC oder das Medienhaus Thomson Reuters und Institutionen wie der Kanton Zug selber sowie die Hochschule Luzern. Um ihrem Anliegen Nachdruck zu verleihen, wird in der Mitteilung zu einem beliebten Modewort gegriffen: Das «Ökosystem» soll gefördert werden.

Ex-UBS-Chef-Innovator als Galionsfigur

An der Spitze der Organisation steht ein Mann, der in Blockchain-Kreisen höchste Anerkennung geniesst: Oliver Bussmann, bis vor einem Jahr der Blockchain-Guru der UBS, bevor er die Grossbank verliess und sich als Fintech-Berater selbständig machte. Bussmann war unter anderem dafür verantwortlich, dass sich die UBS im weltweit bekanntesten Fintech-Inkubator Level 39 in London engagierte.

Diese Konzentration der Kräfte in Zug ist sinnvoll. Bereits heute operieren in und um Zug ein gutes Dutzend internationaler Blockchain-Startups. Zu ihnen gehören beispielsweise Ethereum, die eine Bitcoin-ähnliche Währung verwalten oder der amerikanische Wallet-Anbieter Xapo, der seinen Sitz wegen des Umfelds in die Schweiz verlegt hatte.

Die neue Vereinigung, die sich als Non-Profit bezeichnet, will Zug eine populärere Positionierung auf der Blockchain-Weltkarte ermöglichen. «Blockchain und kryptografische Technologien sind unsere Zukunft», lässt sich Leiter Bussmann in der Mitteilung zitieren. Die Aufgabe der global tätigen Vereinigung sei es, die Positionierung der Schweiz als führendes Innovationscenter in diesem Bereich zu stärken.

Zug als Bitcoin-Vorreiter

Wie wichtig diese Aufgabe ist, zeigte sich anfänglich auch im lokalen Umfeld. Während in den interessierten Kreisen das «Crypto Valley» längst zu einem Begriff wurde, konnten die Behörden damit wenig anfangen. Erst mit der Zeit verstand die Stadt, welcher Glücksfall die Ansiedelung von Blockchain- und Bitcoin-Startups war.

So ermöglichte Zug im Mai vor einem Jahr als erste Stadt weltweit den Bürgern, Gebühren bis 200 Fr. in Bitcoin zahlen zu können. Die Werbewirksamkeit war gross, global wurde darüber berichtet. Zürich hingegen lehnte im vergangenen August einen ähnlich lautenden Vorstoss ab, obschon das mit dem volatilen Bitcoin zusammenhängende Währungsrisiko klein ist.

Zumindest im Fall von Zug gilt: Seit der Ermöglichung der Bitcoin-Zahlung haben gemäss Stadtpräsident rund ein Dutzend Einwohner ihre Gebühren mit der Digitalwährung beglichen.

09:24 - 09.02.17

Wenn Banken den Fintechs ganz genau zuhören

Pascal Meisser, London
An der Finovate kristallisieren sich die heissen Fintech-Themen des Jahres heraus. Auch Schweizer Banken waren vor Ort.

Es ist nicht die grösste Konferenz in der Welt der Finanztechnologie (Fintech), aber eine der am meisten beachteten: An der Finovate in London trafen am Dienstag und Mittwoch Jungunternehmen und traditionelle Finanzinstitute aufeinander – neue, unkonventionelle Ideen stiessen auf hungrige Digitalchefs von Banken. Denn nirgendwo zeigt sich besser, welche Themen in der Fintech-Welt gerade besonders heiss sind.

Für dieses Jahr lassen sich zwei Trends ausmachen: der zunehmende Einsatz künstlicher Intelligenz sowie die Entwicklung von Produkten, die von Banken via Programmierschnittstellen einfach eingesetzt werden können. In der Fachsprache werden diese API (Application Programming Interface) genannt.

Kein Wunder, dass sich auch Schweizer Banken und Finanzdienstleister einen solchen Ideen-Catwalk nicht entgehen lassen. So liessen sich im Publikum unter anderem Vertreter der Zürcher sowie der Glarner Kantonalbank (GLKBN 23.5 0.21%), solche der PostFinance, der Aduno-Gruppe sowie des Detaillisten Valora (VALN 341.5 1.04%) ausmachen.

Kehrtwende in der Fintech-Welt

Vergangenes Jahr waren es noch die automatisierten Anlageberater, besser bekannt als Robo Advisors, gewesen, die die Veranstaltung dominiert hatten. Unter anderem feierte der Schweizer Robo Advisor Descartes dort seine Uraufführung.

Inzwischen hat die Fintech-Welt eine Kehrtwende gemacht. Gefragt sind nicht mehr Lösungen, die die traditionellen Banken ersetzen sollen. Die Idee der Zusammenarbeit hat sich nun auch in der Breite durchgesetzt.

So werden immer mehr Formen der künstlichen Intelligenz (KI) eingesetzt, die die Registrierung von Neukunden erleichtern sollen. Mitek hat eine Smartphone-App entwickelt, die die Kontoeröffnung bei einer Bank ausschliesslich über das Handy ermöglichen soll. Dank KI soll das fotografische Scannen des Ausweises auch bei schlechten Lichtverhältnissen möglich sein.

In eine ähnliche Richtung geht das Londoner Start-up Iproov, das eine biometrische Online-Authentifizierung ermöglichen will. Hooyu wiederum ist ein Serviceanbieter, der die Identität neuer Kunden überprüft – zum Beispiel unter Einbezug von öffentlich zugänglichen Facebook- und LinkedIn-Daten.

Schweizer Lösungen in London vorgestellt

Daneben wurden zahlreiche Module vorgestellt, die Banken relativ einfach bei sich implementieren können. Zum Beispiel hat die Schweizer Softwareschmiede Unblu in London ihre neue App präsentiert. Damit bringen Finanzhäuser ihre Kundenberater auf das Handy der Kunden, wo sie via Livechat ortsungebunden beraten können. Bereits heute setzen einige grosse Banken wie UBS (UBSG 15.78 1.15%) und Barclays (BARC 227.55 -0.28%) auf Unblu.

Immer häufiger kommen auch Entwicklungen aus der Fintech-Szene, die einen Überblick über das eigene Vermögen bieten wollen – besser bekannt unter Personal Finance Management (PFM). Ihr Vorteil gegenüber den meisten Banken liegt darin, dass sie die Vermögenssituation unabhängig analysieren und sämtliche Positionen über verschiedene Banken hinweg erfassen.

Einen sehenswerten Auftritt in London hatte auch das Schweizer Start-up Sentifi, das vergangenes Jahr zusammen mit dem digitalen Versicherungsbroker Knip den «Swiss FinTech Award» gewonnen hatte. Sentifi filtert mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz aus Millionen von Beiträgen zu Investmentthemen die relevanten Meinungen heraus und stellt sie dem Anleger in Echtzeit zur Verfügung.

Wie immer sind aber gute Ideen noch längst kein Garant für den wirtschaftlichen Erfolg des Produkts. Man darf deshalb gespannt sein, ob und welche Lösungen die Schweizer Bankenvertreter überzeugt haben und dereinst zum Einsatz kommen könnten.

13:59 - 26.01.17

Xapo versöhnt sich mit Finma

Valentin Ade
Vor einem halben Jahr wollte Wences Casares noch die Schweiz verlassen. Jetzt wurde sein Bitcoin-Verwahrer Xapo von der Finma anerkannt. Im Interview erklärt er, wie es dazu kam.

Der Bitcoin-Verwahrer Xapo ist von der Finanzmarktaufsicht (Finma) als erstes Unternehmen seiner Art anerkannt worden. Das Start-up von Seriengründer Wences Casares darf sich als Finanzdienstleister einer Selbstregulierungsorganisation (SRO) anschliessen.

SRO werden von der Finma beaufsichtigt und kontrollieren ihre Mitglieder, sogenannte Finanzintermediäre, auf die Einhaltung der Gesetzgebung gegen Geldwäscherei.

In einem Blog-Beitrag bedankt sich Casares überschwänglich beim Regulator für die gute Zusammenarbeit, die insgesamt zwei Jahre gedauert hat.

Im Sommer 2016 war Casares allerdings noch stinksauer. «Heute hat uns die Finma gesagt, dass es keinen gangbaren Weg für Xapo gibt, um in der Schweiz zu operieren», schrieb er in einer E-Mail, die «Finanz und Wirtschaft» vorliegt. Betreff: Leaving Switzerland (die Schweiz verlassen).

Die Finma habe keine Ahnung von Bitcoin, schrieb Casares. Sie solle mal Regulatoren in den USA, Grossbritannien oder Luxemburg fragen. «Auf die Schweiz zu setzen, war ein teurer Fehler, wir werden jetzt in ein anderes Land gehen.» Wenn Xapo es in der Schweiz nicht schaffe, dann schaffe es keiner, so Casares.

Es kam dann doch anders. Xapo bleibt der Schweiz erhalten. Im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft» sagt Casares, was sich seither geändert hat.

Herr Casares, im Sommer 2016 waren Sie kurz davor, die Schweiz zu verlassen. Ist es richtig, dass die Finma Ihnen sagte, Sie könnten Ihr Geschäft hier nicht betreiben?
Das war ein Missverständnis. Die Finma meinte zuerst, wir könnten einen Teil unseres Geschäfts nicht in die Schweiz bringen. Wir dachten, der Regulator sagt uns damit, wir dürften grundsätzlich nicht in der Schweiz arbeiten. Das war aber nicht die Absicht der Finma. Wir haben uns zusammengesetzt, die Angelegenheit besprochen und ein Übereinkommen gefunden.

Warum hat dieser Prozess insgesamt zwei Jahre gedauert, was waren die Probleme?
Es gab einige. Zum einen mussten wir einen Weg finden, wie wir der Finma beweisen können, dass wir wirklich die Bitcoin verwahren, wie wir behaupten.

Wie haben Sie das Problem gelöst?
Software. Wir haben ein Tool entwickelt, mit dem Dritte nachprüfen können, ob wir wirklich die Bitcoin unserer Kunden halten.

War das alles?
Nein, vor allem ist Bitcoin etwas Neues und ist nicht unbedingt leicht zu erklären. Die Finma musste also zuerst Bitcoin verstehen und herausfinden, wie die Kryptowährung in das gegebene Schweizer Recht hineinpasst.

Aber das Schweizer Recht kennt doch gar keine digitalen Vermögenswerte.
Das stimmt. Und weder wir noch die Finma wussten genau, wie wir damit umgehen sollten. Darum haben beide Seiten Rechtsgutachten eingeholt. Diese Gutachten kamen auf folgenden Punkt: Obwohl das Schweizer Recht nicht spezifisch auf das Eigentum digitaler Vermögenswerte verweist, gibt es trotzdem viele Fälle, in denen geistiges Eigentum und andere nichtmaterielle Werte als Eigentum anerkannt werden.

Und so werden jetzt auch Bitcoin behandelt?
Ja, und von einem rechtlichen Standpunkt aus gesehen ist es sinnvoll, genau dies anzunehmen. Ansonsten schafft man ein Schlupfloch.

Im Sommer befasst sich das Schweizer Parlament mit speziellen Fintech-Gesetzen, unter anderem mit einer «Banklizenz light». Käme sie für Sie in Frage?
Durchaus. Für uns – wie für viele Fintech-Unternehmen, die Gelder nur verwahren – ist eine Banklizenz völlig übertrieben. Das ist, als würden Sie sich einen Ferrari kaufen, nur um damit zum Supermarkt zu fahren. Wenn die Fintech-Lizenz wie vorgeschlagen wirklich durchs Parlament kommt, wäre das ein Riesenfortschritt.

Wie würde die Schweiz dann im internationalen Vergleich dastehen?
Das Zentrum der Fintech-Revolution heute ist nicht das Silicon Valley, wo ich mein Büro habe, sondern London. Dort sind die innovativsten Unternehmen. Viele von uns in der Fintech-Industrie denken allerdings, dass die Schweiz besser in der Lage ist, Fintech zu fördern. Dass die Finma uns nun offiziell zulässt, ist ein gutes Zeichen. Jetzt braucht es einfach noch einen Gesetzesrahmen, der das Land wirklich wettbewerbsfähig mit London macht.

Und was sind die Pläne für Xapo?
Wir wollen unser Geschäft ausbauen. Im Moment haben wir 4 Mio. Kunden und rund 1 Mio. Transaktionen pro Tag. Wir sind der grösste Bitcoin-Verwahrer der Welt, und unser Geschäft läuft profitabel. Momentan sind wir in Gesprächen mit dem Verein zur Qualitätssicherung von Finanzdienstleistungen, der SRO, in die wir aufgenommen werden wollen.

FuW-Forum «FinTech 2017»Am Finanz und Wirtschaft Forum «FinTech 2017 – Drivers of Change» vom 9. März 2017 in Zürich setzen sich führende Experten und Visionäre mit den treibenden Kräften des digitalen Wandels und strategisch relevanten Fragen für den Finanzplatz auseinander. Wie offen und dynamisch müssen Finanzinstitutionen werden, um in Zukunft noch eine Chance zu haben? Wie können Banken und Versicherungen dank kluger API und starken Partnerschaften erfolgreicher sein? Welche Opportunitäten bieten sich dank fortschrittlichen Technologien im Umgang mit den Kundenbedürfnissen und regulatorischen Anforderungen? Diskutieren Sie neue und bewährte Lösungsansätze an unserer internationalen Konferenz und vernetzen Sie sich mit Entscheidungsträgern, Meinungsmachern und Disruptoren. Sichern Sie sich hier Ihr Ticket.

16:54 - 12.01.17

Bitcoins Wilder Westen

Luzius Meisser
Um Bitcoin und andere Kryptowährungen lässt sich etwas sehr Seltenes beobachten: ein globaler, unregulierter Finanzmarkt.

Es wird 24 Stunden am Tag und sieben Tage pro Woche ohne Netz und doppelten Boden gehandelt – und zwar in Volumen, die es durchaus mit den grossen Schweizer Blue Chips aufnehmen können. Täglich werden etwa 100 Mio. $ der Kryptowährung Bitcoin umgesetzt.

Transaktionsvolumen steigtzoomDie Welt der Kryptowährungen kennt weder Nachtruhe noch Feiertage, weder eine Börsenaufsicht noch Sicherheitsmassnahmen wie einen Handelsstopp bei starken Kursbewegungen – wie zuletzt vergangene Woche. Dafür gibt es Hackerangriffe (in der Schweiz war zuletzt Ethereum betroffen), Kursmanipulationen, hohe Volatilität und Zinsen bis zu 30%. Es gilt der nackte Kapitalismus.

In China wird pragmatisch ignoriert

Zunächst sind Kryptowährungen dank dem Internet weltweit binnen Sekunden transferierbar. Landesgrenzen spielen kaum eine Rolle. So kann man zum Beispiel als kühner Schweizer bei der chinesischen Bitbank innerhalb von Minuten ein Konto eröffnen und seine Bitcoin als einjährige Festgeldanlage zu gegenwärtig immerhin 6,6% Zins anlegen.

Überhaupt ist China zu einem wichtigen Standort für Bitcoin geworden. Gehandelt wird nach der Maxime «das Land ist gross und der Kaiser weit weg», und rechtliche Unsicherheiten werden pragmatisch ignoriert.

Gehebeltes Trading mit Crowdfunding

Einen wesentlich höheren Zins kann man erzielen, indem man an Bitcoin-Börsen anderen Nutzern Geld ausleiht, mit dem sie gehebelt handeln können. Hier wird also sehr innovativ gehebeltes Trading mit Crowdfunding finanziert.

Wenn man schon ein Risiko eingeht, weshalb nicht auch noch ein zweites? Gegenwärtig erhält man hierfür 0,07% Zins pro Tag, was etwa 30% pro Jahr entspricht.

Wenn der Schuldner sich verspekuliert, erhält er automatisch einen Margin Call, sein Restportfolio wird liquidiert, und der Gläubiger erhält die geliehenen Bitcoin oder Dollar zurück. Auf diese Weise kann man Kryptowährungen übrigens auch leerverkaufen, wenn man nicht an ihre Zukunft glaubt.

Handel mit Bitcoin-Schuldscheinen

Einen noch höheren impliziten Zins erhält man derzeit in Aussicht gestellt, wenn man sogenannte BFX-Tokens kauft. Dies sind Schuldscheine der Börse Bitfinex, die sie an ihre Gläubiger ausgegeben hat, nachdem es einem Hacker gelungen war, an der Börse gelagerte Bitcoin im Wert von 70 Mio. $ zu stehlen.

Die BFX-Tokens kann man als eine Art Zero Bond mit unbekanntem Rückzahlungstermin betrachten. Sie werden zurzeit mit einem Abschlag über 40% gehandelt, man könnte hier also den Dollar für 60 Cent kaufen. Der CFO von Bitfinex hofft, alle noch ausstehenden Tokens bereits bis Mitte 2017 zurückzuzahlen – was ich selbst für beschränkt realistisch halte.

Zugutehalten muss man ihm allerdings, dass es bereits gelungen ist, Gläubiger im Umfang von über 30 Mio. $ davon zu überzeugen, ihre Forderungen in Aktien umzuwandeln (zu einer Bewertung von 200 Mio. $). Damit ist die ausstehende Schuld entsprechend kleiner geworden.

Schön ist, dass hier im Vergleich zur spektakulär untergegangenen Börse Mt. Gox, die ihre Probleme vertuscht hat, sehr viel transparenter vorgegangen wird. Dies steht im Einklang mit der Tendenz des Sektors, regulatorische Unsicherheit durch erhöhte Transparenz wettzumachen.

Breite Palette an Anbietern

Interessant ist auch zu beobachten, wie ehemals innovative Unternehmen an Innovationskraft verlieren, sobald sie sich einem westlichen Regulator unterstellen. Ein Beispiel dafür ist Bitstamp, ein europäischer Konkurrent von Bitfinex, der 10 Mio. $ an Risikokapital von Pantera Capital aufgenommen hat. Bitstamp hat sich dem luxemburgischen Regulator unterstellt. Mutmasslich hat der Investor darauf gedrängt.

Anders als an anderen Börsen gibt es dort kein von der Crowd finanziertes Margin Trading, und bei der Einführung neuer Kryptowährungen hinkt Bitstamp nun öfters hinterher.

Schlussendlich führt dies aber zu einem für den Konsumenten idealen Zustand: Es steht eine breite Palette unterschiedlich regulierter und unterschiedlich innovativer Anbieter zur Auswahl, und jeder kann den wählen, bei dem es ihm am wohlsten ist.

Im globalen Kapitalismus der Kryptowährungen ist das regulatorische Plazet eines Landes ein optionales Gütesiegel, um das man ersuchen kann, wenn man dies für vorteilhaft erachtet, aber nicht muss. Dementsprechend sollte ein weitsichtiger Gesetzgeber die Finanzmarktaufsicht nicht als Überwacher, sondern als Zertifizierungsstelle ausrichten.

Zum AutorLuzius Meisser ist Gründer und Vorstandsmitglied der Bitcoin Association Switzerland, CEO von Meisser Economics und Doktorand am Institute für Banking und Finance der Universität Zürich.

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