Momentum
Der britische FTSE 100 notiert trotz Brexit seit Anfang Jahr im Plus. Wie ist das möglich?

Man stelle sich das vor: Ein Tsunami fegt über Weltmeere, aber im Epizentrum des Bebens passiert nicht viel. Genau das lässt sich derzeit an der Börse London beobachten.

Wenige Tage nach dem Brexit-Schock hat der britische Leitindex FTSE 100 den Verlust vom Freitag bereits wettgemacht, als wäre nichts gewesen.

Positives Vorzeichen seit Jahresanfang

Auch wer auf die Performancetabelle der grossen Aktienindizes in diesem Jahr schaut, staunt nicht schlecht. Der Footsie übertrifft alle. Seit Anfang Jahr hat er in Lokalwährung als einer der wenigen Boden gut gemacht und 0,7% gewonnen. Und darin sind Dividenden nicht einmal mit einberechnet.

Wie passt das zusammen?

Zuerst einmal muss fairerweise angefügt werden, dass die Bilanz in Dollar oder in Franken weniger gut ausfällt. Denn das britische Pfund hat gegenüber dem Dollar 10%, zum Franken gar fast 12% seit Ende Dezember verloren.

Eine schwache Währung hilft den britischen Unternehmen. Zum einen sind ihre Gewinne im Ausland auf einmal mehr wert, zum anderen sind die Produkte und Dienstleistungen konkurrenzfähiger. Dass eine schwächere Währung die Unternehmensgewinne und die Aktienkurse beflügeln kann, war in Japan während der Abwertungsphase 2013 und 2014 gut zu beobachten.

Index bildet britische Wirtschaft nicht ab

Doch die schwache Währung ist nur ein Grund für die relative Outperformance des Footsie. Ein weiterer Grund ist die Index-Komposition. Der FTSE 100 ist dominiert von global agierenden Unternehmen wie HSBC (HSBA 451.65 1.99%), British American Tabacco oder GlaxoSmithKline. Der FTSE 100 bildet also weniger die britische Ökonomie ab, sondern ist eher ein Gradmesser der Weltwirtschaft.

Noch viel wichtiger als die globale Ausrichtung ist das hohe Gewicht des Energie- und Rohstoffsektors. Royal Dutch Shell (RDSB 2004 4%), BP, und Rio Tinto (RIO 2208 3.76%) und Co. machen zusammen mehr als ein Fünftel aus. Das ist im internationalen Vergleich ein grosses Gewicht. Und diese Sektoren haben sich nach dem Absturz im vergangenen Jahr im ersten Halbjahr kräftig erholt.

10:12 - 29.06.16

Der Chart des Tages

Die Pfundkrise und das Ende der «Great Moderation».

Mit dem Kurssturz rund um die Brexit-Abstimmung bahnt sich in Grossbritannien eine Währungskrise an. Gegenüber einem handelsgewichteten Währungskorb hat sich das Pfund seit Anfang Jahr 15% abgewertet. Zum Dollar ist die britische Valuta seit letztem Donnerstag von 1.49 auf 1.33 $/£ abgestürzt.

Gemäss der vorherrschenden Definition ist ein Land in einer Währungskrise, wenn sich die Währung zum Vorquartal 20% oder mehr abwertet, ohne sich im Folgequartal mehr als 5% zu erholen. So betrachtet steht noch nicht fest, ob der Absturz des Pfunds eine Währungskrise ist.

Weltweit hat die Häufigkeit von Währungskrisen in den vergangenen Jahren wieder zugenommen. Das zeigt die obige Grafik aus einem Arbeitspapier von Barry Eichengreen, das der Berkeley-Professor gestern am EZB-Forum im portugiesischen Sintra vorgestellt hat.

Die grössten Ausschläge gab es während der Krisenjahre 1982 (Lateinamerikakrise), 1992 (Zerfall des Europäischen Währungssystems), 1994 (Tequila-Krise), 1997 (Asienkrise) und 2008 (globale Finanzkrise). Letztes Jahr traf es die erdölexportierenden Staaten.

Eine steigende Zahl von Währungskrisen gab es in den Achtziger- und Neunzigerjahren, als nach dem Zerfall des Bretton-Woods-Systems die Kapitalverkehrskontrollen weltweit abgebaut wurden.

Nach 1990 ging der Trend zurück, ab dieser Zeit sprechen Ökonomen auch von der Phase der «Great Moderation». Also (ALSN 71.65 0.42%) einer Weltwirtschaft mit relativ geringen Konjunkturschwankungen und allgemein weniger Inflation. Der Höhepunkt der «Great Moderation» war zu Beginn der Nullerjahre. Doch die trügerische Ruhe endete in der grössten Finanz- und Wirtschaftskrise der Nachkriegsgeschichte.

Und seither tauchen Crashs und Krisen wieder regelmässiger auf. Der Brexit ist nur eine solche Episode von vielen.

10:25 - 28.06.16

Der Chart des Tages

Worüber habe ich hier überhaupt abgestimmt?

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: Seit Wochenbeginn häufen sich die Kommentare, wonach viele Briten das Brexit-Referendum wohl eher als Anti-Establishment-Votum gesehen haben – sich über die ökonomischen Konsequenzen des EU-Austritts jedoch gar nicht im Klaren waren.

Tatsächlich deutet eine Statistik von Google Trends darauf hin, dass – trotz monatelanger Pro- und Contra-Kampagnen – der Informationsstand in gewissen Bevölkerungsteilen zu wünschen übrig gelassen hat. Auf der Liste der letzte Woche von Briten besonders häufig gegoogelten EU-Begriffe rangiert bereits auf dem zweiten Platz: «What is the EU?»

Das Besondere daran: Wie der obige Chart zeigt, fanden die meisten Anfragen, worum es sich bei der EU denn überhaupt handle, nicht etwa vor der Abstimmung statt – sondern am Tag danach.

Wie viele Anfragen konkret gestellt wurden, macht Google allerdings nicht publik. Unabhängige Analysen beziffern die Zahl auf höchstens tausend.

Der kanadische Düngerspezialist Potash Ridge will mit der Herstellung von Kaliumsulfat eine Marktlücke schliessen.

Die weltweite Nachfrage nach Agrarprodukten wächst stetig. Das globale Bevölkerungswachstum scheint nicht aufhaltbar. Die Frage, wie die Effizienz in der Nahrungsmittelproduktion gesteigert werden kann, bleibt deshalb aktuell.

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Eine Antwort darauf soll Potash Ridge (Toronto: PRK, Kurs: 0.31 kan. $, Marktkapitalisierung: 38,7 Mio. kan. $) gefunden haben. Das kanadische Unternehmen will in naher Zukunft mit der Herstellung von Kaliumsulfat (SOP) einen ungesättigten Markt bedienen. Während das häufiger verwendete Kalisalz (MOP) einen erhöhten Salzgehalt im Ackerboden verursachen kann, worauf bestimmte Pflanzen empfindlich reagieren, ist SOP äusserst schonend für die Erde.

Pflanzenarten wie Kartoffeln reagieren empfindlich auf einen erhöhten Salzgehalt im Boden. Durch das schonendere Kaliumsulfat können Ernteerträge und Produktqualität verbessert werden. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

Der Entstehungsprozess von Kaliumsulfat ist komplex, weshalb es weltweit nur von wenigen Anbietern hergestellt wird. Der Preis für SOP (709 $/Tonne) ist deutlich höher als für Kalisalz (178 $/Tonne). Im Moment ist die Herstellung des Kaliumsulfats für Potash Ridge noch Zukunftsmusik. Das Unternehmen plant jedoch, bald durchzustarten. Die Kanadier verfolgen langfristige Ziele: In Blawn Mountain, Utah, ist gemäss Studien im Auftrag von Potash Ridge in einer ersten Phase das Potenzial zur Herstellung von 240 000 Tonnen SOP pro Jahr vorhanden, was einen jährlichen Cashflow von 100 Mio. kan. $ generieren soll. Die Kosten des Projekts sind jedoch hoch; sie belaufen sich auf stolze 350 Mio. kan. $.

Als finanzielle Basis für das Grossprojekt in Utah soll eine kleinere Produktionsstätte in Valleyfield, Quebec, dienen, die planmässig bereits ab Ende 2016 gebaut wird. Potash Ridge geht davon aus, dass der Betrieb in Valleyfield initial jährlich 40 000 Tonnen SOP und einen Cashflow von 14,1 Mio. kan. $ abwirft. Um die Kosten zu verteilen, sind beide Projekte in drei Phasen gegliedert.

Die erste Phase des Valleyfield-Projekts hat einen Preis von 49 Mio. kan. $. 9 Mio. kan. $ stellt ein Unternehmen zur Verfügung, das mit Nebenprodukten der SOP-Herstellung handeln wird. Die verbleibenden Kosten sollen zu 60% mit Krediten, zu 40% mit der Ausgabe von Vorzugsaktien gedeckt werden. Potash Ridge ist mit drei Parteien im Gespräch, die die Projekte mitfinanzieren möchten. In der Schweiz ist NHP Asset Management bereits mit 1 Mio. $ investiert.

Die Konkurrenzsituation des kanadischen Düngerspezialisten ist günstig: Lediglich ein Unternehmen stellt zurzeit in Nordamerika SOP her. Auch die Marktlücke spricht für eine Investition: Von einem weltweiten Bedarf von 10 Mio. Tonnen SOP werden zurzeit nur 5 Mio. Tonnen produziert. Potash Ridge verfügt denn auch bereits über provisorische Verträge mit Abnehmern. Obwohl die Finanzierung des Unternehmens noch nicht gesichert ist, scheinen die Pläne von Potash Ridge für mutige Anleger das Risiko wert.

12:23 - 27.06.16

Der Chart des Tages

Britische Bonds trotzen dem Brexit-Sturm.

Der Entscheid des britischen Wahlvolkes, die EU zu verlassen, hat an den Finanzmärkten auf der Insel und weltweit ein Beben ausgelöst.

Das britische Pfund hat seit Donnerstag zum Dollar 10% verloren. Der Aktienindex FTSE 100 ist 4% eingeknickt, sein kleiner Bruder mit den 250 kleineren, nicht im FTSE 100 berücksichtigten Aktien gar 10%.

Nur britische Staatsanleihen, sogenannte Gilts, haben die Verkaufswelle heil überstanden. Die Kurse sind seit Donnerstag sogar leicht gestiegen und die Renditen gefallen. Die Marktrendite der zehnjährigen Gilts ist von rund 1,4 auf weniger als 1% gefallen.

Wie ist das möglich?

Die obige Grafik liefert die Antwort: Der Gilt-Markt wird von heimischen Anlegern dominiert. Nur ein Viertel der britischen Staatsschulden ist im Besitz von ausländischen Investoren. Damit hebt sich Grossbritannien deutlich von anderen EU-Ländern ab. Am französischen und am deutschen Markt für Staatsanleihen ist das Verhältnis fünfzig zu fünfzig.

Für britische Anleger haben die Gilts durch den Brexit an Attraktivität gewonnen, weil das Zinsniveau dadurch noch länger sehr tief bleiben wird. Eine Zinserhöhung der Bank of England ist vorläufig vom Tisch, bereits wird über eine Zinssenkung und eine Ausweitung der quantitativen Lockerung (QE) spekuliert.

Derzeit ersetzt die Bank of England auslaufende Anleihen, um den Umfang der im Rahmen des bestehenden QE-Programms erworbenen Wertpapiere auf 375 Mrd. £ zu halten.