Momentum
14:35 - 31.08.16

Hot Corner: Rasantes Tempo

Streaming-Dienste im Unterhaltungssektor gewinnen immer mehr an Relevanz. Davon profitiert auch Stingray Digital.

Schweizer Musik-Insidern ist Stingray Digital (Toronto: RAY/A, Kurs: 7.20 kan. $, Börsenwert von 367,0 Mio. kan $ oder 273 Mio. Fr.) ein Begriff. Der Anbieter von plattformübergreifenden Musikdiensten aus Kanada sieht sich einem ziemlich gesättigten Heimmarkt gegenüber und expandiert darum weltweit – auch in der Schweiz. Im letzten Dezember erwarb er hierzulande für rund 10 Mio. kan. $ iConcerts, einen Fernsehsender für Live-Musik. Die in Genf domizilierte Gesellschaft ist in 85 Ländern tätig, nicht nur in Europa, auch in Asien und Afrika. Was Stingray Digital dabei besonders interessierte, war der Vertrag von iConcerts mit dem chinesischen Staatsfernsehen CCTV. Asien ist der grösste TV-Markt der Welt.

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Stingray Digital konzentriert sich vor allem auf die B2B-Nische, also auf das Geschäft zwischen Unternehmen. Als  Streaming Service für Kabelbetreiber und Fernsehgesellschaften bietet die Gesellschaft alles an von bezahlten TV-Musikkanälen bis zu Hintergrundmusik in Läden. Dabei legen die Kanadier Akquisitionstempo vor: In derselben Woche, als sie die iConcerts-Übernahme ankündigten, erwarben sie auch die australische Musikdienstfirma Digital Music Distribution für 12 Millionen kan. $. Im vergangenen Juni kauften sie vier Musikprogramme vom kanadischen Bell-Media-Konzern für 4 Mio. kan. $. Derzeit hat CEO Erik Boyko zwei weitere Objekte in Europa im Auge, die bald übernommen werden sollen. Insgesamt will er im laufenden Jahr rund 50 Millionen kan. $ für Akquisitionen einsetzen.

Bild: Alexandra Wey/KeystoneDie Aktien der vor neun Jahren gegründeten Stingray Digital werden seit Juni 2015 an der Börse in Toronto gehandelt. Gleich nach dem IPO akquirierte sie drei Musikkanäle von der niederländischen Brava-Gruppe für 8 Mio. kan. $.   Heute macht das Unternehmen 43% des Umsatzes ausserhalb Kanadas, gut 10% im asiatisch-pazifischen Raum. Nach den Plänen der Unternehmensleitung soll der Auslandsanteil in vier Jahren 70% des Umsatzes ausmachen. Boyko rechnet dabei mit einem Umsatzwachstum pro anno von 0 bis 2% in Kanada und den USA im TV-Bereich und von 5% in anderen Feldern, «für die restliche Welt erwarten wir ein Wachstum von 10%».

Im ersten Quartal des Fiskaljahrs 2016/17, das im März schliesst, stieg der Umsatz 23%. Der Gewinn betrug 2 Mio. kan. $, nach einem Verlust infolge von IPO-Kosten von 1,8 Mio. kan. $ in der Vorjahresperiode. Die vierteljährliche Dividende wurde 14,3% auf 0.04 kan. $ erhöht, was annualisiert eine Rendite von 2,2% ergibt. Verglichen zum Hoch von 7.75 kan. $ Mitte Mai notieren die Aktien, die mit einem aktuellen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 moderat bewertet sind, über 7% tiefer. So bietet sich eine gute Einstiegsgelegenheit.

09:56 - 31.08.16

Der Chart des Tages

Die Konsumentenstimmung hängt vom Parteibuch ab.

Amerika geht es schlecht, es ist ein Entwicklungsland geworden, und schuld daran sind die Chinesen, die Mexikaner und die sozialistische Politik der Obama-Regierung. Das ist die Diagnose und die Hauptbotschaft von Donald Trump, dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten.

Auf der anderen Seite zeichnet die Demokratin Hillary Clinton ein weniger düsteres Bild. Sie hebt auch mal die Fortschritte hervor, die die Wirtschaft seit der grossen Rezession gemacht hat. Ihre Diagnose deckt sich eher mit den Fakten.

Die Arbeitslosenrate liegt unter dem Niveau von Ende 2007, und die Inflation ist so niedrig, dass die Kaufkraft der Einkommen nur wenig sinkt.

Wie unterschiedlich die Wahrnehmung der Konjunktur in den beiden politischen Lagern ist, zeigt auch die obige Grafik. Dort ist die Differenz in der Konsumentenstimmung von demokratischen und republikanischen Wählern abgetragen.

Unter den Konsumenten, die demokratisch wählen, ist die Stimmung viel besser als unter den Republikanern. Das zeigen die positiven Werte in Blau.

Es könnte damit zusammenhängen, dass in neun der zehn ärmsten Bundesstaaten die Mehrheit republikanisch wählt.

Der relative Pessimismus der Republikaner ist jedoch ein neues Phänomen. Bis 2010 waren die Republikaner optimistischer als die Demokraten.

11:47 - 30.08.16

Der Chart des Tages

Altlasten verstopfen Italiens Bankbilanzen.

Die Schieflage der italienischen Banken hat in den vergangenen Wochen und Monaten für Nervosität im gesamten europäischen Finanzsystem gesorgt.

Die Ursache für die prekäre Situation von Italiens Finanzhäusern ist in den Bilanzen zu finden: Faule Kredite im Volumen von rund 360 Mrd. € türmen sich in den Büchern.

Das Problem liesse sich mit frischem Kapital beheben. Gemäss Schätzungen entsteht den italienischen Banken eine Kapitallücke von 40 Mrd. €, sollten sie die maroden Darlehen abschreiben. 

Der Betrag ist im europäischen Vergleich überschaubar. Die Grafik verdeutlicht, wie viel Geld Europas Regierungen nach Ausbruch der Finanzkrise ausgegeben haben, um den Finanzsektor zu stabilisieren (blaue Balken).

Den grössten Betrag haben demnach die Banken in Deutschland erhalten. Mehr als 60 Mrd. € an Staatshilfe sind ihnen seit 2008 zugeflossen. Auf den weiteren Rängen folgen Irland und Spanien.

Italien hat es damals versäumt, den Bankensektor mit frischem Kapital auszustatten. Die knapp 10 Mrd. € an Finanzhilfe liegen weit unter dem europäischen Durchschnitt (schwarze Horizontale). Selbst wenn die Regierung nun einspringt, bleibt die staatliche Finanzspritze hinter den Top drei in Europa zurück (schraffierte Fläche).

Dennoch ist die Frage nach einer staatlichen Liquiditätsspritze für Italiens Banken zum Politikum in Europa geworden. Denn seit Januar 2016 dürfen die Regierungen ihre Finanzinstitute nur dann finanziell unterstützen, wenn sich auch Gläubiger an den Kosten beteiligen (Bail-in).

Das will Italiens Premier Matteo Renzi aber unbedingt vermeiden. Denn ein Grossteil der Bankanleihen ist im Besitz italienischer Kleinsparer. Sie zu vergraulen, kann sich Renzi nicht leisten: Spätestens im Dezember steht in Italien ein Referendum zur Parlamentsreform an. An ihr Gelingen hat der Premier sein politisches Überleben geknüpft.

12:10 - 29.08.16

Der Chart des Tages

Europas Erben.

Die Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär ist heute vor allem in der östlichen Hemisphäre des Globus Realität. Von den Milliardären, die inzwischen in China leben, sind 98% durch eigene Kraft, geschickte Investitionen etc. zu ihrem Reichtum gekommen. Nur 2% haben ihn geerbt.

In den USA ist fast jeder dritte Superreiche mit familiärem Vorteil gestartet. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump zählt zu ihnen. Ohne das finanzielle Polster und den Namen seines Vaters, eines der reichsten Immobilieninvestoren New Yorks, hätte er seine ersten Investitionen in Manhattan nicht durchziehen können.

Am weitesten verbreitet ist der Weg über die eigene Familie, um zu einem Milliardenvermögen zu kommen, allerdings in Europa. Deutschland steht an der Spitze: 65% der dort ansässigen Milliardäre haben ihren Superreichtum geerbt. In Italien liegt der Wert bei 37%.

Das hat mit den geringen Wachstumsraten der vergangenen Jahrzehnte zu tun. Sie erlauben eben seltener den raschen finanziellen Aufstieg. Aber die Statistik spiegelt auch die Tatsache, dass Europa nicht umsonst die alte Welt genannt wird. Hier sind die Vermögen älter. Mehr als 20% der Erbschaftsmilliardäre sind das bereits in der vierten Generation oder noch länger. In den USA gilt dies für weniger als 10%.

12:06 - 26.08.16

Der Chart des Tages

To Infinity and Beyond.

Aktien sind teuer. Der amerikanische S&P-500-Index handelt gegenwärtig auf einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von gegen 20. Verglichen mit dem langjährigen KGV-Mittel von rund 17 ist der US-Aktienmarkt daher klar überbewertet.

Aber ist er auch wirklich teuer?

It depends. Aus einer Bewertungskennzahl per se lässt sich keine sinnvolle qualitative Aussage ziehen. Man muss sie relativ betrachten: relativ zur eigenen Historie, relativ zu vergleichbaren Aktien, relativ zu Alternativen.

Es ist die letztgenannte Betrachtungsweise, relativ zu den Alternativen, die Investoren nun bereits seit mehreren Jahren Kopfzerbrechen bereitet. Simpel gesagt: Sind Aktien im Vergleich mit Anleihen teuer oder günstig?

Der oben abgebildete Chart des US-Fondshauses Pimco verdeutlicht das Dilemma:

Die blaue Kurve zeigt das KGV (trailing, d.h. basierend auf den ausgewiesenen Unternehmensgewinnen der vergangenen zwölf Monate) des S&P 500 im Zeitraum von 1990 bis heute.

Die anderen beiden Kurven zeigen das KGV der Alternativen zu Aktien: zehnjährige US-Staatsanleihen (orange) und Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating (grün). (Anmerkung: Das KGV von Anleihen lässt sich errechnen, indem man 100 durch die aktuelle Verfallsrendite der Anleihe dividiert.)

Und nun das Dilemma: Zehnjährige Treasuries weisen derzeit eine Rendite von gut 1,5% auf. Das heisst, das KGV der Staatsanleihen beläuft sich auf fast 70 (100/1,5=66,7).

Das KGV der im Barclays U.S. Credit Index zusammengefassten Unternehmensanleihen liegt auf rund 35.

Der Investor hat also die Auswahl zwischen drei KGV: 70, 35 und 20. Sind nun Aktien immer noch teuer, oder sind sie vielmehr spottbillig? Oder sehen Aktien in diesem Vergleich nur günstig aus, weil die Anleihen kolossal überteuert sind?

Das Kopfzerbrechen nimmt damit kein Ende: Die USA sind noch ein einigermassen normaler Markt, da zehnjährige Staatsanleihen dort immerhin 1,5% Rendite abwerfen. Vollends absurd wird der Vergleich in Europa: Zehnjährige Anleihen Grossbritanniens rentieren 0,5%, was einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 200 entspricht.

Das KGV französischer Staatsanleihen (Rendite: 0,16%) beträgt 625.

Gar nicht mehr berechenbar ist das KGV von zehnjährigen Schweizer, deutschen oder japanischen Staatsanleihen, weil sie eine negative Verfallsrendite aufweisen. Relativ zu Schweizer Staatsanleihen ist der Schweizer Aktienmarkt (aktuelles KGV: über 20) also immer günstig. Egal, wie hoch die Kurse noch steigen.